Zeugen der Treue Gottes

Der Sekretär des Päpstlichen Rates für die Familie, Bischof Jean Laffitte, setzt sich mit aktuellen Fragen zu Ehe und Familie auseinander. Von Manfred Gerwing

Ein Perspektivwechsel auf christliche Eheleute ist angesagt: Sie sind mehr als nur Objekte der Seelsorge. Foto: Symbolbild: KNA
Ein Perspektivwechsel auf christliche Eheleute ist angesagt: Sie sind mehr als nur Objekte der Seelsorge. Foto: Symbolbild: KNA

Millionen Paare leben ohne Trauschein zusammen. Was früher als „wilde Ehe“ bezeichnet wurde und eher die Ausnahme war, ist inzwischen gesellschaftsfähig geworden. Bischof Jean Laffitte, Sekretär des Päpstlichen Rates für die Familie, kritisiert diese Entwicklung. Er sieht darin vor allem „eine Ungerechtigkeit gegenüber der Frau. Sie gibt viel mehr von sich hinein als der Mann, wenn das Zusammenleben beendet werden muss. Und das ist in der Mehrzahl der Fälle so“.

Das Ehepaar Pierre und Véronique Sanchez fragt nach: Liebe, Leib und Leidenschaft. Was denkt der Bischof darüber? Er selbst hat sich ja für den Zölibat entschieden, also für eine nichteheliche Lebensform. Weiß er überhaupt, wovon er spricht, wenn er über „diese Dinge“ spricht: verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden? Und dann das Ganze noch einmal? Kennt er das gegenwärtige Leben junger Leute überhaupt, weiß er um ihre Sehnsüchte und Ängste, um die Nöte auch in Ehe und Familie heute?

Wer das vor einem Jahr auf Französisch erschienene und jetzt mustergültig von Gertrud und Hans Zier ins Deutsche übertragene Interview-Buch liest, ahnt, warum das Buch in Frankreich inzwischen zu einem Renner geworden ist. Hier spricht jemand, der sich auskennt. Laffitte scheut keine Fragen, aber auch keine Antworten. Er lässt sich auf den Zahn fühlen. Mit viel Herz für die Eheleute, mit Engagement für die Familien und großer sachlicher Kompetenz beantwortet er die ihm gestellten Fragen.

Jean Laffitte, so ist zu erfahren, wuchs in einer südfranzösischen Großfamilie auf. Als Seelsorger, der das Gespräch sucht und Beichte hört, lässt er Lehre und Leben durch sein pastorales Herz gehen. Immer wieder ist in seinen Antworten geistig-geistliche Nähe zu Johannes Paul II. zu spüren, zu seiner „Theologie des Leibes“, die im deutschsprachigen Raum immer noch viel zu wenig bekannt ist. Norbert und Renate Martin, die als Gründungsmitglieder des Päpstlichen Rates für die Familie bis heute Mitglieder des genannten römischen Dikasteriums sind, weisen im Vorwort mit Recht auf dieses Defizit hin.

Fünf Themenkreise werden behandelt: Unter dem Stichwort „Die Verlobungszeit“, kommen sämtliche Themen zur Sprache, die zur Ehevorbereitung gehören. Dabei werden auch Fragen erörtert, die sich auf das heute vielfach zu beobachtenden voreheliche Zusammenleben beziehen. Wie ist dieses Thema theologisch einzuschätzen? Was kann man tun, wie kann, soll man raten?

Die Ehe selbst wird sodann unter der Überschrift „Göttliche Liebe und menschliche Liebe“ thematisiert. Wie alle Sakramente setzt auch das Ehesakrament einerseits den Menschen und damit ein adäquates Menschenverständnis, andererseits den christlichen Glauben voraus. Der christliche Glaube aber ist menschliche Antwort auf das Wort Gottes, eine Antwort, die selbst wiederum geisterfüllt, also göttlich formiert ist. Sakramental verheiratete Eheleute nehmen in ihrer Liebe nicht Maß aneinander, sondern Maß an der Liebe Christi. Ihr Ja-Wort ist Wort des Wortes Gottes. Sie geben es sich für immer und sind von daher nicht befugt, es zurückzunehmen noch einander zurückzugeben. Im Gegenteil: Sie sind dazu berufen, in der Welt Zeugnis abzulegen von der unverbrüchlichen Liebe Gottes.

Der Bischof betont die Aufgabe der Kirche, den Eheleuten dabei zu helfen, in ihrer Ehe glücklich zu werden: Familie als Berufung. Jean Laffitte plädiert in diesem Zusammenhang nicht nur für eine intensivere Ehevorbereitung, sondern auch für eine entsprechende Ehe- und Familienbegleitung durch die Kirche. Dabei dürften die Eheleute aber nicht länger als passive „Objekte“ der Seelsorge, sondern müssten endlich als aktive Subjekte gelungener Ehe wahr- und ernstgenommen werden.

Ein dritter Themenkreis eröffnet sich: Die eheliche Liebe wird vor allem unter dem Aspekt der Freiheit und Eigenständigkeit beleuchtet. Gerade wegen dieses Zusammenhangs von Liebe und Freiheit könne, so Laffitte, „die Liebe nicht auf Sexualität reduziert werden“. Überhaupt bedürfe der Eros der „Reinigung“ durch die Agape, wie mit Papst Benedikt XVI. betont wird. Was konkret damit gemeint ist, wird mit vielen Beispielen veranschaulicht. Dabei erweist sich der Bischof noch einmal als Seelsorger und aufmerksamer Beobachter von Lebensvorgängen, die er überdies theologisch sensibel zu reflektieren und praxisrelevant auf den Punkt zu bringen versteht.

Sodann kommt – viertens – das Interview noch einmal auf den christlichen Glauben und seine Relevanz für das Gelingen der Ehe zu sprechen. Eröffnet wird diese Thematik mit einer steilen These: „Autorität und Gehorsam“ seien „die beiden Namen der Treue“. Hingewiesen wird auf Jesus von Nazareth, auf seinen Gehorsam Gott, dem Vater, gegenüber, den er „Abba“ nannte. In seine einmalige Gottesbeziehung will Christus die Menschen hineinziehen. Christliche Eheleute stellen in ihrem sakramentalen Zueinander Christus dar und eröffnen so den „Raum fruchtbarer Liebe“, in dem Kinder sich entwickeln und zu Persönlichkeiten heranreifen können. Ehe wird zur Familie, „Autorität“ zur Urheberschaft neuen Lebens und zum sensibel-hinhörenden, in diesem Sinne „gehorsamen“ Dienst am Menschen.

Was ist mit den Geschiedenen? Hier gelte es „aus Liebe zur Wahrheit“ genau zu differenzieren, wie es die „Synode über die Familie“ 1980 getan habe. Wiederverheiratete Geschiedene müsse man seitens der Kirche die Liebe Christi spüren lassen, ihnen Wege der Umkehr weisen und sie teilnehmen lassen am Leben der kirchlichen Gemeinschaft. Auch seien sie „nachdrücklich durch die geistliche Kommunion eingeladen, am Opfer Christi in der Eucharistie teilzunehmen“.

Differenziert wird zwischen geistlicher und eucharistischer Kommunion. „Es gibt keinen Zugang zur eucharistischen Kommunion während der Zeit, in der objektiv ein Zustand der Unvereinbarkeit andauert. Aber das“, so erklärt der Bischof, bedeute „überhaupt nicht ein Wegbleiben von der geistlichen Kommunion bei der Feier.“

In der Tat schenkt die spirituelle Kommunion wirklichen und fruchtbaren Anteil an der heiligen Messe, aber doch nur „im lebendigen Glauben, der durch die Liebe wirkt“. Muss hier nicht die Gewissenspflicht vorliegen, so rasch wie möglich wieder in jenen „Gnadenstand“ hineinzukommen, den auch die sakramentale Kommunion voraussetzt? „Verlangen und Absicht dieses Sakrament zu empfangen, wären sinnlos, wenn sie sich nicht verwirklichten, sobald die Gelegenheit sich gibt“, betont Thomas von Aquin im Blick auf die geistliche Kommunion (STh III q. 80 a. 11; in Ioh 6, lectio 7). Doch genau dieses „Sein im Gnadenstand“ wird, wie zuletzt „Familiaris consortio“ bekräftigt, im Blick auf die wiederverheirateten Geschiedenen verneint; „denn ihr Lebensstand und ihre Lebensverhältnisse stehen in objektivem Widerspruch zu jenem Bund der Liebe zwischen Christus und der Kirche, den die Eucharistie sichtbar und gegenwärtig macht“.

Die Beobachtungen und Überlegungen Laffittes verdienen alle Beachtung, gerade auch hinsichtlich des zuletzt genannten Phänomens: Die im Umgang mit dem sakramental gegenwärtigen Christus vielfach zu beobachtende ungehörig-kumpelige „Nonchalance“ hat inzwischen dazu geführt, dass die wiederverheirateten Geschiedenen die Einzigen sind, denen gesagt wird, sie dürften nicht zur Kommunion gehen. „Da steckt der Kern der Ungerechtigkeit!“ Sie steckt darin, „dass ein großer Teil der Getauften es für gleichgültig hält, den Leib Christi zu empfangen in einem seelischen Zustand, der es notwendig hätte, eine sakramentale Reinigung vorzunehmen“. Ein bemerkenswertes Buch, dem man auch in Deutschland jene breite Leserschaft wünscht, die es in Frankreich bereits findet.

Laffitte, Jean: Familie als Berufung. Gespräche mit Pierre und Véronique Sanchez. Fe-Verlag, Kisslegg, 2012, 160 Seiten. EUR 8,95