Zeitlos gültige Einsichten

Michael Fiedrowicz legt gesammelte patristische Weisheit zum Thema Priestertum vor. Von Clemens Schlip

Über Wesen und Inhalt des katholischen Priestertums herrscht heute selbst innerhalb der Kirche vielerorts eine große Verwirrung und Ratlosigkeit. Eine Verwirrung, die sich auch in weiten Bereichen der zeitgenössischen Theologie feststellen lässt, und hier sicher eine ihrer Hauptwurzeln hat. In einer solchen Situation empfiehlt es sich, „ad fontes“ – zu den Quellen – zu gehen, das heißt in diesem Fall: die Zeugnisse jener Zeit zu befragen, in der man sich zum ersten Mal vertiefte Gedanken über die Theologie des priesterlichen Amtes machte. Ein solches sorgfältiges Quellenstudium kann wichtige Einsichten vermitteln.

Freilich gilt es dabei, rein zeitbedingte Äußerlichkeiten von den unveränderlichen Grundlinien zu unterscheiden. Der Trierer Patristiker Michael Fiedrowicz hat nun eine Quellentextsammlung aus den Werken der Kirchenväter vorgelegt (Priestertum und Kirchenväter – Quellentexte zur Theologie und Spiritualität des priesterlichen Amtes), die als erste ihrer Art einen systematisch geordneten Einblick in die theologischen Reflexionen der antiken christlichen Autoren zu diesem Thema erlaubt.

Ziel der Sammlung ist dabei sichtlich nicht, den Leser zu einer rein historischen Betrachtungsweise anzuleiten, sondern vielmehr, ihn auf die zeitlos gültigen Einsichten der Väter in das Wesen des katholischen Priestertums aufmerksam zu machen; Einsichten, denen die Kirche stets treu geblieben ist und die sie auch heute und künftig verpflichten. Darunter nicht zuletzt die Überzeugung, dass es sich beim priesterlichen Amt nicht um ein menschliches Konstrukt, sondern um eine göttliche Stiftung handelt. Aufschlussreich ist in diesem Kontext nicht zuletzt die Zusammenstellung frühchristlicher Gebete und liturgischer Texte zur Priesterweihe (Nr. 22ff.).

Insgesamt umfasst der Band 575 Passagen aus Werken der Kirchenväter vom zweiten bis siebten Jahrhundert. Die ausgewählten Texte sind systematisch bestimmten Themenkomplexen zugeordnet (wie zum Beispiel „Verkündigung“ und „Hirtenamt“); den einzelnen Themenkomplexen ist jeweils eine kurze fundierte Einführung des Herausgebers vorangestellt, der zugleich wertvolle Literaturangaben bietet.

Dass die Lehre der Kirche sich durch eine überzeitliche Kontinuität auszeichnet, wird in diesem Buch in Bezug auf das Hauptthema überdeutlich. Die ausgewählten Texte zum Thema „Eucharistie“ zeigen etwa eindrücklich, dass man von frühester Zeit an die Messe ihrem Wesen nach als Opfer betrachtete, und die Kirchenväter sich klar zu Realpräsenz und Transsubstantiation bekannten, es sich dabei also mitnichten um spätere Konstrukte handelt. Auch die im Mittelalter voll entfaltete Lehre vom „Character indelebilis“, dem unauslöschlichen Charakter der Priesterweihe, ist bei den Vätern schon der Sache nach fassbar. Das Kapitel „Zölibat“ bietet gerade auch vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen wertvolle Orientierungshilfe.

Der inhaltliche Reichtum der ausgewählten Passagen soll im Folgenden an einigen Beispielen illustriert werden. Das Zusammenwirken Gottes und des Menschen im priesterlichen Dienst etwa beschrieb Ambrosius einprägsam: „Es ist nicht Damasus, der tauft, es ist nicht Petrus, der tauft, es ist nicht Ambrosius, der tauft, es ist nicht Gregor, der tauft. Unser ist der Dienst, aber dein sind die Sakramente.“

In einer Predigt sagte der Kirchenvater Augustinus: „Überhaupt beglückwünsche ich niemanden, der seine Hoffnungen auf mich setzt (…) Eure Hoffnung sei nicht auf uns gegründet, eure Hoffnung sei nicht auf Menschen gegründet.“

Unter der Kapitelüberschrift „Heiligkeitsstreben“ finden wir die bemerkenswerte Äußerung des Hieronymus (Nr. 377): „Bischof, Priester und Diakon sind nicht deswegen glückselig, weil sie Bischöfe, Priester und Diakone sind, sondern wenn sie die Vollkommenheiten ihrer Titel und Amtspflichten besitzen“.

Über die notwendige Übereinstimmung von „Leben und Lehre“ bemerkte derselbe Autor: „Dem Priester kommt es zu, das Gesetz nicht nur zu lehren, sondern auch zu leben, um das ihm untergebene Volk (…) nicht allein mit dem Wort, sondern auch mit dem Vorbild zu belehren.“ Zum Thema „Hirtenamt“ ist etwa ein Wort von Augustinus aufgeführt: „Wenn wir das Herz eines Hirten haben, müssen wir uns durch Hecken und Dornensträucher zwängen. Mit zerrissenen Gliedern wollen wir das [verlorene] Schaf suchen und freudig zum obersten Hirten aller zurückbringen“.

Auf den ersten Blick unerwartet ist das Kapitel „Kleruskritik“; aber gerade das hohe Bewusstsein, das die Väter von der Würde des Priestertums hatten, ließ sie scharfe Kritik äußern, wenn sie unwürdige Priester sahen. Gregor von Nazianz wetterte etwa in einem Gedicht gegen „Elende“, die „in ihren Reden hin und her wogen wie Ebbe und Flut (…), Schmeichler der Frauen, süßes Gift, Löwen gegenüber den Niedrigen, Hunde vor den Mächtigen“. Es fällt angesichts solcher Worte schwer, nicht nach Parallelen in der Kirche der Gegenwart zu suchen. Johannes Chrysostomos erinnerte die Gläubigen daran, dass sie durch schlechte Priester nicht am Priestertum irre werden dürften: „Denn man darf nicht das Amt tadeln, sondern den, der das gute [Amt] schlecht ausübt.“

Ein satirisches Glanzstück sind die beiden zu diesem Thema ausgewählten Passagen aus den Briefen des Hieronymus (Nr. 556 und 557), der sich zum Beispiel gegen Priester wendete, die ihre Haare mit der Brennschere kräuselten und auf Zehenspitzen gingen, um sich nicht mit dem Straßenschmutz zu beflecken. Eindringlich ist seine Warnung vor persönlichem Gewinnstreben: „Für jeden Priester ist es eine Schande, persönlichem Reichtum nachzujagen“. Bedenkenswert sind auch die Worte des syrischen Kirchenvaters Aphraat (Nr. 261): „Der Hirt, dem an seinen Schafen etwas liegt, kann nicht gleichzeitig eine andere Arbeit verrichten. Er legt keinen Weinberg an, pflanzt auch keine Gärten und stürzt sich nicht in die Geschäfte dieser Welt. (…) Wenn er seine Herde verließe und derartiges täte, so lieferte er seine Herde den Wölfen aus.“

Die vorliegende Quellensammlung erweist sich durch die vom Herausgeber getroffene sorgfältige Auswahl als ein kostbares Florilegium patristischer Weisheit. Mit ihrer Herausstellung des Selbstverständlichen, immer Gültigen, kann die vorgestellte Sammlung angesichts der Probleme und der Verwirrung in der Kirche unserer Zeit Wegweisung bieten. In diesem Sinne erscheint sie zugleich als wertvoller Beitrag zur Überwindung der Kirchenkrise, die sich ja nicht zuletzt in einer tiefen Identitätskrise des Priestertums äußert.

Dass der Quellenband sich auch durch eine sehr ansprechende äußere Gestaltung auszeichnet, sei zum Schluss noch lobend erwähnt.

Michael Fiedrowicz (Hg.): Priestertum und Kirchenväter – Quellentexte zur Theologie und Spiritualität des priesterlichen Amtes, Carthusianus Verlag, Fohren-Linden 2013, 383 Seiten,

ISBN 978-3-941862-15-9, EUR 32,90