Zeit für einen Besuch bei Gott

Achte „Lange Nacht der Kirchen“ in Österreich. Von Stephan Baier

Das andere Kirchenerlebnis: Eine Lasershow im Stephansdom. Foto: Kathbild/Rupprecht
Das andere Kirchenerlebnis: Eine Lasershow im Stephansdom. Foto: Kathbild/Rupprecht

Wien (DT) In 615 Kirchen und mit 2 600 Veranstaltungen zwischen dem Bodensee und dem Neusiedlersee ist die „Lange Nacht der Kirchen“ am 1. Juni 2012 auch ein Beitrag zur Neuevangelisierung Österreichs. An der „Langen Nacht“, die heuer zum achten Mal stattfindet, beteiligen sich alle Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die im „Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich“ (ÖRKÖ) vertreten sind. Allein in der Erzdiözese Wien wird es 884 Veranstaltungen in 162 Kirchen geben. Die österreichische Initiative strahlt aber auch über die Grenzen: In Tschechien beteiligen sich 1197 Kirchen an der „Noc kostelù“, in der Slowakei 180 Kirchen an der „Noc Kostolov“. Im ungarischen Sopron (Ödenburg), direkt an der österreichischen Grenze, beteiligen sich neun Kirchen. In Estland wird die „Lange Nacht der Kirchen“ am 8. Juni in dreizehn Kirchen abgehalten.

Bei einer Pressekonferenz in Wien meinte der Bischofsvikar für Wien-Stadt, Dariusz Schutzki, dass die Menschen gerade in der schnelllebigen Zeit der Globalisierung Begegnungen, Gespräche, Geborgenheit und Wärme brauchen: „Die Menschen sind flexibler, mobiler, aber dadurch sind sie auch auf der Suche, auf der Suche nach Gott.“ Die „Lange Nacht der Kirchen“ sei die „Zeit für einen ungewöhnlichen Besuch bei Gott“ und die „Einladung, die Kirche neu und anders, oder auch zum ersten Mal zu erleben“. Das ökumenische Miteinander sei ein typisches Zeichen für Wien, meinte der Militärseelsorger der orthodoxen Kirche, Alexander Lapin, der daran erinnerte, dass die Orthodoxen im Osten Österreichs die zweitstärkste Konfession bilden. So wird der ökumenische Auftakt der „Langen Nacht“ in Wien am 1. Juni um 18 Uhr in der griechischen Dreifaltigkeits-Kathedrale beginnen.

Auch der Superintendent der evangelischen Kirche, Hansjörg Lein, lobte das „gute ökumenische Klima in Österreich“, wo sich „Vertreter der Kirchen auf Augenhöhe begegnen“. Für die Evangelischen, die, wie Lein formulierte, im Mosaik der Kirchen einen „eher kleinen Stein“ bilden, sei die „Lange Nacht“ auch eine Chance, das eigene Profil zu zeigen und Vorurteile abzubauen. Insgesamt gehe es darum, Schätze des Glaubens, der Musik, der kirchlichen Kunst und des gemeinschaftlichen Lebens zu zeigen. Darüber hinaus gibt es eigene Kinderprogramme sowie zahlreiche Diskussionen und Vorträge, etwa einen „Late-Night-Talk“ von Kardinal Christoph Schönborn mit dem Vorsitzenden der Sozialistischen Fraktion im Europäischen Parlament, Hannes Swoboda (SPÖ), und dem österreichischen Integrations-Staatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) über „die Rolle von Politik und Religion im Zusammenleben der Bürger“.

Bei den angebotenen Führungen ragt nicht nur ein „Streifzug durch Moschee, Kapelle und Hindutempel“, den das Wiener „Afro-Asiatische Institut“ anbietet, heraus. Der Öffentlichkeit zugänglich sein wird erstmals auch das neue „Kardinal-König-Archiv“ in der Mitte des Wiener Erzbischöflichen Palais. Hier wird der gesamte schriftliche Nachlass des verstorbenen Wiener Kardinals in zweitausend Archivschachteln aufbewahrt, seine persönlichen Dokumente ebenso wie seine amtliche Korrespondenz als Wiener Erzbischof und Franz Königs Konzilsakten. Die Leiterin des Wiener Diözesanarchivs und langjährige Mitarbeiterin Kardinal Königs, Annemarie Fenzl, präsentierte das Archiv am Montag in einem Pressegespräch in Wien. Hier findet sich nicht nur jener Teil der Bibliothek des Kardinals, den er zuletzt in seiner Wohnung hatte, sondern auch Gegenstände aus seinem bischöflichen Wirken: eine Kopie der Mariazeller Madonna, sein Talar, sein Konzilsring und das Bischofskreuz, das ihm Papst Johannes XXIII. schenkte, aber auch die Breviere, die Kardinal König laut Fenzl im monatlichen Rhythmus auf Deutsch, Spanisch, Englisch, Italienisch und Französisch betete, „um sprachlich in Übung zu bleiben“.

In Graz wird die „Lange Nacht“ mit einer interreligiösen Veranstaltung in der Grazer Synagoge eröffnet. Dabei wird die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von Graz, Ruth Yu-Szammer, mit einem katholischen Pfarrer und einem evangelischen Superintendenten unter dem Motto „Wege zu Gott?“ über Gemeinsames und Trennendes von Judentum und Christentum diskutieren. Der steirische Bischof Egon Kapellari meinte in seiner Einladung, die „Lange Nacht der Kirchen“ wolle „Menschen dazu helfen, sich mehr dem Licht zuzuwenden, das ebenso am Tag wie in der Nacht scheint, aber oft von falschem Schein überblendet oder gar ausgelöscht wird: Es ist das Licht Jesu Christi.“