„Zeit für ein klares Wort“

Ist Papst Franziskus ein Häretiker? Kardinal Gerhard Müller weist den Vorwurf, den einige katholische Gelehrte und Geistliche in einem Offenen Brief erheben, zurück. Nicht Glaubensabfall sei das Problem, sondern der Regierungsstil. Von Regina Einig

Gerhard Ludwig Müller
Kardinal Gerhard Ludwig Müller am 18. Februar 2019 in Rom. Foto: Francesco Pistilli (KNA)

Eminenz, die Unterzeichner eines Offenen Briefs an Papst Franziskus bezichtigen ihn der Häresie. Wie ernst nehmen Sie diesen Vorwurf?

Ein solcher Vorwurf gegen den höchsten Vertreter des wahren, von Gott in Christus geoffenbarten Glaubens, ist das Schlimmste, was sich in der „Kirche des lebendigen Gottes, der Säule und dem Fundament der Wahrheit“ (1 Timotheus 3,15) ereignen kann. Denn der Papst ist als Bischof von Rom der Nachfolger des heiligen Petrus, auf den der Herr seine Kirche gebaut hat. In Petrus wiederholt jeder Papst das Bekenntnis der Kirche zu allen Zeiten: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Matthäus 16,16). Da die Verfasser renommierte Theologen sind, wäre es wichtig, dass der Heilige Vater daraufhin von der Glaubenskongregation – nicht vom Staatsekretariat oder von befreundeten Journalisten und Theologen – eine offizielle Klarstellung veröffentlichen ließe.

Wie ist der Vorwurf historisch einzuordnen? Waren auch frühere Päpste dem Vorwurf der Häresie ausgesetzt?

Historisch gab es wenige Päpste, die in dem einem oder andern Punkt des Irrtums angeklagt wurden – womit die Unfehlbarkeit ex cathedra nicht in Frage gestellt war. Hier reicht der Vorwurf tiefer, nämlich, dass das ganze Gefüge des katholischen Glaubens in seinen Erkenntnisprinzipien und in manchen seiner wesentlichen Inhalte aus den Angeln gehoben würde. Das teile ich nicht. Die Probleme entstehen meines Erachtens durch den falschen Ansatz, die Kirche sei hinter der Zeit zurückgeblieben und der Glaube bedürfe einer Modernisierung, damit der Widerspruch in wichtigen Fragen der Moral gegenüber den führenden Kräften der westlichen Welt nicht so krass sei. Im Lager der „Freunde“ des Papstes – so wie sich einige zur Selbstlegitimation nennen, indem sie jeden andersdenkenden treuen Katholiken zu Feinden des Papstes abstempeln – verwechselt man den Glauben mit einer neomarxistisch-neoliberalen Ideologie. Man spricht von traditionalistischen und modernen Gläubigen. Und sie meinen, nur mit ihnen und durch sie allein habe die Kirche eine Zukunft. In Wirklichkeit beruht der Glaube der Kirche auf der Selbstoffenbarung Gottes, der durch die Heilige Schrift, die Apostolische Tradition übermittelt und von der ganzen Kirche und besonders dem Lehramt der Bischöfe, mit dem Papst als Prinzip ihrer Einheit, unverfälscht und unverkürzt ausgelegt wird.

Woher stammt die These von der Opposition gegen den Papst?

Der ganze Unfug des Geredes von einer Opposition gegen den Papst entstammt den Köpfen und dem unverhohlenen Machtwillen von Ideologen, die die Kirche in den Abgrund führen. Was steht sonst hinter dem zynischen Lob über den Rücktritt von Papst Benedikt XVI. und der Machtergreifungsparole derer, die sagen: Jetzt sind wir dran und jetzt drängen wir diejenigen aus der Kirche, die treu zu Johannes Paul II. und Benedikt XVI. standen. Hier ist es Zeit, dass Papst Franziskus ein klares Wort zur Einheit aller Katholiken im geoffenbarten Glauben spricht. Nicht blinder Gehorsam gegenüber einem Kommando der jeweils wechselnden Parteilinie ist angesagt, sondern das Vertrauen zum Papst und den Bischöfen, die ihrerseits auch um die Grenzen und die Eigenart kirchlicher Autorität wissen. Nicht weil ein Bischof etwas befiehlt (allein kraft seiner formalen Autorität) ist eine Lehre wahr oder ist der Katholik zum blinden Gehorsam verpflichtet, sondern weil die Weisungen der kirchlichen Oberen inhaltlich in Schrift, Tradition, in der definierten Glaubenslehre der Kirche verankert sind. Der Befehl zum Beispiel eines Bischofs, die heilige Kommunion auch an nicht-katholisch Glaubende auszuteilen, ist glaubenswidrig und darf nicht befolgt werden. Die Sanktionen, die er deswegen verhängt, sind unwirksam oder vom Papst und seinen Gerichten aufzuheben.

Der Brief beschreibt das Pontifikat des gegenwärtigen Papstes als eine Eskalation, die zu einer der schwersten Krisen der Kirchengeschichte geführt habe. Doch der Glaubensschwund und die Krise der Moraltheologie zeichnen sich seit den 60er Jahren ab. Täuscht der Eindruck, dass Papst Franziskus nun als Projektionsfläche für die Enttäuschung über die gesamte nachkonziliare Entwicklung herhalten soll?

Die Kirche steht tatsächlich innerlich und äußerlich in einer der schwersten Krisen ihrer ganzen Geschichte. Sie wird nicht fortbestehen, wenn sie sich in eine religiös-politische NGO umwandelt und ihre von Christus geoffenbarte Glaubens- und Sittenlehre relativiert oder ganz aufgibt. Die Selbstsäkularisierung, die seit über 50 Jahren im Gang ist, rettet die Kirche nicht vor dem Abgrund, sondern bringt sie diesem immer näher.

Worin sehen Sie dann das Problem?

Das Problem besteht darin, dass die theologischen Kriteriem von Orthodoxie und Häresie, das heißt dem Glauben gemäß der Offenbarung oder dem falschen Glauben nach eigener Meinung, ersetzt worden ist durch das ideologisch-machtpolitische Schema von den konservativ- traditionalistisch- fundamentalistisch-rechten Bremsern gegen die links-liberal-modernistisch-weltoffenen Schrittmacher in die Utopie. Das ist das schal gewordene Salz, das man auf die Straße wirft, wo es von den Menschen zertreten wird. Wenn die Anpassung an den Verfall der Moral als synodaler Prozess ausgegeben wird, dann wird man bald die Kirche nicht mehr erkennen. Nur wird sie nicht anders sein, sondern gar nicht mehr sein, jedenfalls in den Regionen, wo falsche Propheten den Ton angeben.

Sie haben „Amoris laetitia“ als Präfekt der Glaubenskongregation verteidigt. Welche Position vertreten Sie heute?

Ich habe auch nach meiner Zeit als Präfekt „Amoris laetitia“ verteidigt, um hier einmal der Unterstellung von der entgegengesetzten Seite zu widersprechen, dass ich mich in meinen Stellungnahmen von opportunistischen Gesichtspunkten leiten ließe. Ich habe begrüßt, dass der Papst auch auf Katholiken in irregulären Eheverhältnissen pastoral zugeht, halte aber manche Umformulierung der kirchliche Lehre für klärungsbedürftig. Es ist oft so bei seinen Dokumenten, dass die sie vorbereitenden Leute zwar seine Vertrauten sein mögen, aber weder amtlich noch fachlich in der Theologie ausgewiesen sind und die eine schwere Schuld auf sich laden, indem sie Irritationen verursachen, die dem Papst und dem Papsttum sehr schaden. Es kann nicht zwischen Tür und Angel von einem Berater dem Papst das Zugeständnis abgerungen werden, dass jeder Bischof entscheidet, dass Christen, die nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen – außer bei Todesgefahr und bei gegebenen geistlichen Voraussetzungen – die heilige Kommunion empfangen dürfen. Der einzelne Bischof kann nicht die verbindliche Glaubenslehre von Fall zu Fall außer Kraft setzen, sondern nur feststellen, ob die Bedingungen vorliegen, dass ein nichtkatholischer Christ im Extremfall der Gefahr für sein Seelenheil die Sakramente der Buße (die hier noch dringender ist) und der heilige Kommunion empfangen darf. Es ist ein Zeichen des intellektuellen und moralischen Verfalls, wenn die Bekenner des katholischen Glaubens von denen, die ihn entstellen, des Ungehorsams gegenüber dem Papst und den Bischöfen und der Anzettelung von Streit und Spaltung bezichtigt werden.

Kann ein Papst, der bis auf die Änderung des Katechismus (Todesstrafe) keine verbindliche Entscheidung in Glaubensfragen gefällt hat, sich den Vorwurf der Häresie zuziehen?

Zum Begriffs des Häretikers gehört die hartnäckige Leugnung einer geoffenbarten und unfehlbar vorgelegten Glaubenslehre der Kirche. Davon kann bei Papst Franziskus nicht die Rede sein. So sehr man die Sorgen der Theologen dieser Erklärung verstehen kann, so ist auch zu sagen, dass man die richtigen Mittel für das berechtigte Ziel der größeren Klarheit in manchen Aussagen von Papst Franziskus wählen muss. Vor allem ist jeder Katholik berechtigt, dem Anspruch angeblicher Papst-Freunde, die für sich eine päpstliche Autorität in Anspruch nehmen, entgegenzutreten.

Ein Beispiel?

Ein Bischof hat mir berichtet, dass sich irgendein Jesuitenpater in die Regierung der Diözese einmischte mit einem angeblichen Visitationsauftrag des Papstes und der drohenden Begründung, dass er ein Freund des Papstes sein. Gegenüber solchen Übergriffen müssen sich Bischöfe und Theologieprofessoren mannhaft zur Wehr setzten, weil sie mit ihrer ihnen von Christus gegebenen Autorität oder dem wissenschaftlichen Anspruch der freien Forschung und Diskussion, das Hirten- und Lehramt des Papstes gegenüber seiner praktischen und theoretischen politischen Verfremdung schützen. Gegen die Verhängung und den Vollzug der Todesstrafe vor allem auch wegen des millionenfachen Missbrauchs in den totalitären Staaten und der vielen Justizmorde sogar in demokratischen Staaten muss jeder vernünftige Mensch sein. Darum begrüße ich auch die unmissverständliche Vereindeutigung (nicht Veränderung) der kirchlichen und naturrechtlich begründeten Position im Katechismus durch Papst Franziskus. Aber, wie so oft, hätte man durch eine bessere Argumentation dem Anliegen mehr genützt. Man rechtfertigt sich mit dem Konzept der Dogmenentwicklung, obwohl die Strafen der weltlichen Justiz mit der Offenbarung Gottes in Jesus Christus zum Heil der Welt nichts zu tun haben (das heißt: nicht zum depositium fidei gehören) und nur soweit auch Gegentand kirchlicher Lehre sind, als der Papst die höchste Instanz bei der Interpretation des Naturrechtes ist.

Inwieweit ist der amtierende Papst für die Spaltung der Kirche in theologischen Fragen verantwortlich? Gerade die Lehre vom Ehesakrament ist doch schon vor seiner Wahl durch einen falschen Gewissensbegriff untergraben worden.

Es ist grundsätzlich falsch, Papst Franziskus alles, was zurzeit falsch läuft, anzulasten oder im Umkehrschluss ihn – auf Kosten aller seiner Vorgänger – als den besten Papst der Kirchengeschichte nach Art des Personenkultes hochleben zu lassen. Die Ehe ist ein von Christus gestiftetes Sakrament. Im Gewissen kommen wir zur Erkenntnis der geoffenbarten Wahrheit im Glauben und des Willens Gottes im sittlichen Leben aller Gläubigen und zur Annahme der charismatischen Berufung des einzelnen Christen in der unvertretbaren Einzigartigkeit einer konkreten Person.

Wie bewerten Sie die Kritik an dem vom Papst und dem Kairoer Großimam in Abu Dhabi unterzeichneten „Dokument über die Geschwisterlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“? Relativiert der Heilige Vater damit den Glauben an Christus als den Erlöser aller Menschen?

Die Absichten des Papstes sind sicher sehr gut, zum Frieden der Religionen und zur sozialen Gerechtigkeit und Respekt vor den Menschenrechten beizutragen. Es ist zu begrüßen, dass er alles tut, damit die Religionsfreiheit und das bürgerlich-freie Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Religion und Weltanschauung ins Bewusstsein gerückt wird. Es muss aber klar sein, dass wir zwar mit den Muslimen de facto von der Existenz eines einzigen Gottes überzeugt sind. Aber mit übernatürlichem Glauben, der sich der Offenbarung und der Gnade verdankt, glauben wir Christen an den einzigen und wahren Gott im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Was ergibt sich daraus?

Die Dreifaltigkeit und die Menschwerdung Gottes sind nicht akzidentelle Zusätze zu einem allgemeinen Monotheismus, sondern sind die Substanz des heilswirksamen Glaubens der Christen an den einzigen Gott und Schöpfer von Welt und Mensch. „Religion“ als moralische Tugend gehört zur Natur des Menschen, die uns auf die Verehrung Gottes hinordnet. Aber nicht die konkreten Mythen und Riten der historischen „Religionen“ sind von dem Gott Abrahams, und dem Gott und Vater Jesus Christi gewollt als Ausdruck seiner Selbstoffenbarung zum Heil der Menschen, sondern höchstens als Vorbereitung für das Evangelium Christi. Eine theologisch bessere Vorbereitung hätte sicher viele spätere Missverständnisse verhindert. Vor allem aber ist eine gemeinsame Erklärung mit einer nichtkatholischen Autorität kein Teil des dem Lehramt anvertrauten Auftrags, den katholischen Glauben treu zu bewahren. Sie hat keine den Katholiken im Glauben verpflichtende Autorität, sondern nur eine natürliche Autorität, die zu respektieren ist, soweit ihre Argumente mit der natürlichen Vernunft – im Unterschied zu der vom Glauben erleuchteten Vernunft – eingesehen werden. Ein katholischer Theologieprofessor, der diese gemeinsame Erklärung wissenschaftlich prüft und zu Recht oder Unrecht kritisiert, darf auf keinen Fall zensuriert werden. Das wäre eine Überdehnung der kirchlichen Autorität und ein krasses Beispiel für klerikalistischen Machtmissbrauch.

Noch warten zwei der vier Dubia-Kardinäle auf eine Antwort. Wenn Sie dem Papst einen Rat geben könnten – was würden Sie empfehlen?

Dies hätte gar nicht zu einem öffentlichen Streitfall werden dürfen. Es wäre gut, wenn diese Fragen intern bereinigt würden. Wir glauben an die eine Kirche Christi, geeint im Glauben und der Liebe.