Zahlen lügen nicht

Wem nützt der Mythos Priestermangel? Immer mehr Geistliche betreuen in Deutschland immer weniger Gläubige. Von Jonathan Berschauer

Die Aussichten auf die Personaldecke in der katholischen Kirche in Deutschland von morgen sind düster: Kürzlich präsentierte der „Focus“ alarmierende Zahlen: Bis zum Jahr 2030 dürften demnach etwa siebentausend der gegenwärtig 13 500 Pfarrerstellen unbesetzt bleiben. ZdK-Präsident Thomas Sternberg bezeichnete die Entwicklung als „katastrophal“. Zuvor hatte bereits der Münsteraner Generalvikar Köster über die „Notlage“ Priestermangel geklagt. Bei Betroffenheitsbekundungen soll es allerdings nicht bleiben. Umgehend fordern Einzelne die Abschaffung des Zölibates, mehr Leitungsverantwortung für Laien oder ein „Nachdenken“ über sogenannte „viri probati“. Doch stimmt der behauptete Priestermangel und damit die Argumentationsgrundlage für „viri probati“? Was ist dran an der Behauptung, es gäbe in Deutschland einen massiven Priestermangel? Unbestritten: Die absolute Zahl der Priester ist im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten auf einem Tiefstand angelangt. Doch was sagt diese absolute Zahl? Müssen die Zahlen nicht vielmehr in Relation gesetzt werden? Die Zahlen des Sekretariates der Deutschen Bischofskonferenz helfen, diese Relation trotz einer fast zwei Jahrzehnte langen Datenlücke in den 1970er–1990er Jahre zu untersuchen, zum Teil bis zurück in die 1950er Jahre.

Die Eucharistie ist die Quelle und der Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens (Lumen gentium 11). In der heiligen Messe konstitutiert sich Kirche. Aus diesem Grund muss als erste Relation die Anzahl der Gottesdienstbesucher zu Priestern untersucht werden. Die Mitfeiernden in der heiligen Messe sind eher Maßstab für die Bewertung einer „eucharistischen Unterversorgung“, als die Zahl der staatlich registrierten Angehörigen der öffentlich-rechtlichen Körperschaft „katholische Kirche“. Die Zahlen zeigen, dass sich das Betreuungsverhältnis von „aktiven“ Priestern zu „aktiven“ Gläubigen seit 1950 fast verdoppelt hat. Ein Priester ist im statistischen Durchschnitt heute nur noch für die Hälfte an „aktiven“ Gläubigen zuständig (1950: 700 beziehungsweise 581 Gläubige pro Priester; 2015: 310 beziehungsweise 249 Gläubige). Auch im Bereich der anderen Kasualien zeigt sich eine signifikante Besserstellung zu früher.

Im Vergleich zu früher hat ein Priester heute im Durchschnitt bei mehr als 50 Prozent weniger Trauungen zu assistieren (1960: 11; 2015: vier Trauungen pro Jahr). Bei den Taufen sind es heute fast 30 Prozent, bei den Erstkommunionen seit 1960 mehr als 15 Prozent weniger. Jedoch: Während die Anzahl der Firmungen im Verhältnis etwa gleich geblieben ist, haben sich die Beerdigungen pro Priester fast verdoppelt. Zählt man die mehr als 8 300 aktiven nicht-priesterlichen Seelsorger wie hauptberufliche Diakone, sowie Gemeinde- und Pastoralreferenten hinzu (nicht mit eingerechnet sind Diakone im Zivilberuf), die ab dem Zweiten Vatikanischen Konzil vermehrt eingestellt wurden, relativiert sich jedoch auch die Zahl der Beerdigungen pro Priester. Anhand dieser Zahlen kann also bei weitem nicht von einem „Priestermangel“ oder einer „Unterversorgung“ von „aktiven“ Gläubigen gesprochen werden. Seit Jahrzehnten verbessert sich der Personalschlüssel.

Wie sieht es mit dem vorgebrachten Einwand der territorialen Entfernungen aus? Würde man die etwa 7 000 nur in der Pfarrseelsorge tätigen Priester rein rechnerisch im gleichen Abstand in der Bundesrepublik Deutschland verteilen, hätte jeder Priester einen „Einzugskreis“ von etwa 3,5 Kilometern. Nimmt man die in sonstigen Bereichen wie der Verwaltung oder Kategorialseelsorge tätigen Priester noch hinzu – immerhin über 20 Prozent der Priester –, verkleinert sich der Kreis noch einmal um mehrere hundert Meter. Rein rechnerisch brauchen Gläubige damit Luftlinie etwa 3,5 Kilometer, um zu einem Priester im aktiven Dienst zu gelangen. In der Realität ist hier natürlich ein großes Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land gegeben.

Und dennoch gibt es ein Problem in Bezug auf die Territorialstruktur: Während sich die Zahl der „aktiven“ Priester in den letzten Jahrzehnten etwa halbiert hat, ist die Anzahl an Pfarreien und Seelsorgebezirken mit etwa 11 000 gleich geblieben. Damit zusammenhängend ist die Zahl der Sonntagsgottesdienste pro Priester in den letzten Jahren leicht gestiegen – mit jeweils immer weniger Gläubigen. Diese kleinteiligen Strukturen erzeugen einen großen Bürokratieaufwand. Die meisten von uns fahren jede Woche deutlich weiter zum Einkaufen, zum „Shopping“ oder für ein kulturelles Event, als die oben angesprochenen 3,5 Kilometer. Der durchschnittliche Pendler fuhr 2016, laut Auskunft des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung, 16,91 Kilometer zur Arbeit – jeweils hin und zurück. In manchen Bundesländern liegt der Durchschnitt über 30 Kilometer und manche Pendler nehmen sogar regelmäßig 150 Kilometer Pendelweg auf sich.

Wie klein- beziehungsweise großteilig müssen also kirchliche Strukturen sein? Wie sieht es im Vergleich im Rettungswesen aus? In Deutschland sollte nach Eingang eines Notrufes in wenigen Minuten Hilfe da sein. Diese Hilfe wird in Deutschland über ungefähr 321 Rettungsleitstellen koordiniert, die etwa 1 800 Rettungswachen ansprechen (Zahlen: Bundesanstalt für Straßenwesen). Die haben – wieder rein rechnerisch, wenn man sie gleichmäßig verstreuen würde – einen Aktionskreis von etwa fünf Kilometern. 1 800 in ganz Deutschland. Allein die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat im Vergleich über tausend Pfarreien. Würde man eine Entfernung von rechnerisch 15 Kilometern annehmen – mit kleinen Umwegen die Strecke, die jeder durchschnittliche Pendler in Deutschland zur Arbeit fährt –, dann bräuchte es in ganz Deutschland etwa 506 kirchliche Zentren. Selbst bei durchschnittlich weniger als zwei Priesterweihen pro Jahr pro Diözese und bei 35 Dienstjahren könnte man mindestens jeweils drei Priester an diesen kirchlichen Zentren stationieren. Sowohl in Bezug auf den Personalschlüssel „aktive“ Priester/ „aktive“ Gläubige, als auch auf die territoriale Struktur in Deutschland – wenn man sie an Größen anpassen würde, die ein durchschnittlicher Pendler täglich zurücklegt – kann somit nicht von einem Priestermangel gesprochen werden.

Sind vielleicht eher unsere Prioritäten in Bezug auf die heilige Messe anders, als beispielsweise die tägliche Fahrt zur Arbeit oder zum nächsten „Shopping“ oder anderen kulturellen „Events“?