Wo sich die Liebe Christi offenbart

Am Freitagabend betete der Papst mit den Jugendlichen auf der „Plaza de Cibeles“ in Madrid den Kreuzweg – In exklusiver „Tagespost“-Übersetzung der Text im Wortlaut

Lieben heißt, anderen ihr Kreuz tragen helfen. „Die Liebe offenbart sich im Mitleiden. Daher wollen wir uns bei der Betrachtung des Leidens Christi gleichzeitig das Leiden vieler unserer Brüder vergegenwärtigen, die infolge ihrer eigenen Sünde und der anderer auf enormen Kreuzweg... Foto: KNA
Lieben heißt, anderen ihr Kreuz tragen helfen. „Die Liebe offenbart sich im Mitleiden. Daher wollen wir uns bei der Betr... Foto: KNA

Grußwort des Heiligen Vaters an die Jugendlichen

„Liebe Jugendliche, wir sind hier versammelt, um uns den Karfreitag vor Augen zu führen und Jesus, den Sohn Gottes, in den Geheimnissen seines dramatischen und glorreichen Leidens zu begleiten. Es sind Geheimnisse des Lebens und des Heils. Diese Geheimnisse offenbaren uns die Liebe Christi, der uns seine Liebe bis zur Vollendung erwiesen hat, bis zur Hingabe seines Lebens für uns. Die Betrachtung der Geheimnisse Christi ist ein Akt tiefen Gebets, der es uns gestattet, mit Christus vereint zu sein und mit ihm zu leiden, indem wir uns für seine Liebe öffnen und unser Kreuz mit seinem Kreuz vereinen. Die Liebe offenbart sich im Mitleiden. Daher wollen wir uns bei der Betrachtung des Leidens Christi gleichzeitig das Leiden vieler unserer Brüder vergegenwärtigen, die infolge ihrer eigenen Sünde und der anderer auf enormen Kreuzwegen einhergehen und Gefahr laufen, den Glauben und die Hoffnung zu verlieren. Heute wollen wir zu Zyrenäern werden, die das Kreuz Jesu empfangen und im Gebet und in der Liebe auch den Schmerz unserer Brüder auf sich nehmen.“

Einleitung

In dieser Stunde des Gebets werden wir Christus auf dem Weg begleiten, den er bis zur Kreuzigung auf dem Kalvarienberg zurücklegte. Wir werden unsere Liebe neu beleben, indem wir ihm aus nächster Nähe nachfolgen. Wir werden tiefe äußere und innere Stille bewahren und Gedanken, die dieser frommen Betrachtung fernstehen, nicht in uns hineinlassen. Machen wir uns bereit: Bitten wir in großer Demut um seine Gnade, in der Erkenntnis, dass wir nicht würdig sind, in sein Herz einzutreten, um das Geheimnis des Schmerzes, das er zur Vergeltung der Sünden der Menschheit in seinem Leib angenommen hat, wie er zu verstehen, wie er zu empfinden und mit ihm zu leben. Wir werden uns all die jungen Menschen in aller Welt vergegenwärtigen, die Opfer von Ungerechtigkeit, Verfolgung, Ausgrenzung, Misshandlung, Armut, Knechtschaft, Übergriffen sind – und auch jene, zu denen Jesus sagt, dass sie nicht allein sind. Denn er nimmt ihren Schmerz auf sich und geht an ihrer Seite: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“ (Mt 11,28).

I. Station: Das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern

Und er nahm das Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird (Lk 22,19–20).

Bevor Jesus das Brot in seine Hände nimmt, nimmt er alle, die an seinem Tisch sitzen, liebevoll an, ohne jemanden auszuschließen: weder den Verräter noch den, der ihn verleugnen wird, noch jene, die fliehen werden. Er hat sie als neues Volk Gottes erwählt. Die Kirche ist aufgerufen, eins zu sein.

Jesus stirbt, um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln (Joh 11,52). „Aber ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein“ (Joh 17,20–21). Die Liebe stärkt die Einheit. Und er sagt zu ihnen: „So sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13,34). Die treue Liebe ist demütig: „Dann müsst auch ihr einander die Füße waschen“ (Joh 13,14).

Mit dem Gebet Christi vereint beten wir, dass die Kirche im Land des Herrn in Einheit und Frieden leben möge, dass jegliche Verfolgung und Diskriminierung aufgrund des Glaubens aufhöre und alle, die an den einen Gott glauben, in Gerechtigkeit und Brüderlichkeit leben mögen, bis dass Gott uns gewähre, gemeinsam an seinem Tisch zu sitzen.

II. Station: Der Kuss des Judas

Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn (Joh 13,26–27).

Sogleich ging er auf Jesus zu... Und er küsste ihn. Jesus erwiderte ihm: Freund, dazu bist du gekommen? (Mt 26,49–50).

Beim Abendmahl spürt man einen Hauch heiligen Geheimnisses. Christus ist ruhig, nachdenklich, leidend. Er hatte gesagt: „Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen“ (Lk 22,15). Und jetzt gibt er halblaut seinem tiefsten Bedauern Ausdruck: „Amen, amen, das sage ich euch: Einer von euch wird mich verraten“ (Joh 13,21).

Judas ist unwohl zumute, sein Streben hat sich gewandelt, zum Preis des Verrats: vom Gott der Liebe zum Götzen des Geldes. Als Jesus ihn anblickt, wendet er den Blick ab. Jesus zieht seine Aufmerksamkeit auf sich, indem er ihm eingetauchtes Brot gibt. Und er sagt zu ihm: „Was du tun willst, das tu bald!“ (Joh 13,27). Das Herz des Judas zog sich zusammen, und er ging hinaus, sein Geld zu zählen, um Jesus dann mit einem Kuss zu verraten. Und Christus, der die Kälte des Verräterkusses spürt, macht ihm keinen Vorwurf, sondern sagt zu ihm: Freund.

Wenn du am eigenen Leib die Kälte des Verrats spürst oder das schreckliche Leiden, das durch die Entzweiung von Brüdern und den Bruderkrieg verursacht wird, dann wende dich an Jesus! Er hat im Kuss des Judas allen schmerzlichen Verrat auf sich genommen.

III. Station: Die Verleugnung des Petrus

Du willst für mich dein Leben hingeben? Amen, amen, das sage ich dir: Noch bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen (Joh 13,38).

Und er ging hinaus und weinte bitterlich (Lk 22,62).

Ein Christ muss mutig sein. Und mutig sein bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern sie zu überwinden.

Der mutige Christ versteckt sich nicht, aus Scham, seinen Glauben öffentlich zu bekennen. Jesus sagte zu Petrus: „Der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet“ (Lk 22,31). „Ich sage dir, Petrus, ehe heute der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen“ (Lk 22,34). Und aus Angst vor einigen Bediensteten verleugnete der Apostel ihn, indem er sagte: „Ich kenne ihn nicht“ (Lk 22,57). Als Jesus durch einen der Höfe geht, blickt er ihn an... Erschüttert denkt er an seine Worte... und weint bitterlich über seinen Verrat. Der Blick Jesu verwandelt das Herz. Man muss sich jedoch anblicken lassen.

Durch den Blick auf Petrus hat der Herr seine Augen den Christen zugewandt, die sich für ihren Glauben schämen, die sich vor Menschen fürchten, denen der Mut fehlt, das Leben von seinen Anfängen bis zu seinem natürlichen Ende zu verteidigen, oder die nicht anecken wollen mit Meinungen, die nicht dem Evangelium entsprechen. Der Herr blickt sie an, damit sie wie Petrus Mut fassen und überzeugt ihren Glauben bekennen.

IV. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt

Er ist schuldig und muss sterben (Mt 26,66). Da lieferte er ihnen Jesus aus, damit er gekreuzigt würde (Joh 19,16).

Es ist größtes Unrecht, einen wehrlosen Unschuldigen zu verurteilen. Und eines Tages verurteilte die Bosheit die Unschuld zum Tode. Warum wurde Jesus verurteilt? Weil Jesus den ganzen Schmerz der Welt auf sich nahm. In seiner Menschwerdung nahm er unsere Menschennatur an und mit ihr die Wunden der Sünde. Er lädt ihre Schuld auf sich (Jes 53,11), um uns durch das Kreuzesopfer zu heilen. Ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut (Jes 53,3), weil er sein Leben dem Tod preisgab (Jes 53,12). Am meisten beeindruckt das Schweigen Jesu. Er rechtfertigt sich nicht, er ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt (Joh 1,29), er wurde gegeißelt, geschlagen, geopfert. Aber er tat seinen Mund nicht auf (Jes 53,7).

Im Schweigen Gottes sind alle unschuldigen Opfer der Kriege gegenwärtig, die die Völker vernichten. Ihr Hass scheint schwer zu überwinden. Jesus schweigt im Herzen vieler Menschen, die still auf Gottes Heil hoffen.

V. Station: Jesus nimmt sein Kreuz auf sich

Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, nahmen sie ihm den Purpurmantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an. Dann führten sie Jesus hinaus, um ihn zu kreuzigen (Mk 15,20).

Er trug sein Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelhöhe (Joh 19,17).

Kreuz bedeutet nicht nur Holz. Kreuz ist alles, was das Leben schwer macht. Das tiefste und schmerzlichste aller Kreuze ist im Menschen selbst verwurzelt. Es ist die Sünde, die das Herz verhärtet und die menschlichen Beziehungen verdirbt. „Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Verleumdungen“ (Mt 15,19). Das Kreuz, das Jesus auf seine Schulter genommen hat und an dem er sterben wird, ist das Kreuz aller Sünden der gesamten Menschheit. Auch meine Sünden. Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen (1 Petr 2,24). Jesus stirbt, um die Menschen mit Gott zu versöhnen. So wird das Kreuz durch ihn erlösend. Doch das Kreuz allein rettet uns nicht. Der Gekreuzigte rettet uns.

Christus hat die Müdigkeit, die Erschöpfung und die Hoffnungslosigkeit jener auf sich genommen, die keine Arbeit finden, sowie die der Immigranten, denen unwürdige oder unmenschliche Arbeiten angeboten werden, die unter rassistischen Einstellungen leiden oder die sterben im Bemühen um ein gerechteres und würdevolleres Leben.

VI. Station: Jesus fällt unter der Last des Kreuzes

Wegen unserer Sünden zermalmt (Jes 53,5). Auf dem Weg nach Golgota fiel Jesus mehrmals unter der Last des Kreuzes (Überlieferung der Kirche von Jerusalem). Die Heilige Schrift erwähnt das Fallen Jesu nicht, aber es ist einleuchtend, dass er oft das Gleichgewicht verlor. Der Blutverlust durch die bei der Geißelung zerrissene Haut, die unerträglichen Muskelschmerzen, die Qual der Dornenkrone, die Last des Holzes... Es gibt keine Worte, um den Schmerz zu beschreiben, den Christus erfahren musste! Wir sind alle schon einmal gestrauchelt und zu Boden gefallen. Wie schnell sind wir wieder aufgestanden, um uns nicht dem Spott preiszugeben! Sieh wie Jesus am Boden liegt, während alle um ihn herum hämisch lachen und ihm den einen oder anderen Fußtritt geben, damit er wieder aufsteht. Welch ein Spott, welche eine Demütigung, mein Gott! Im Psalm heißt es: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet. Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf“ (Ps 22,7–8).

Jesus leidet mit allen, die im Leben straucheln und ohnmächtig dem Alkohol, den Drogen und anderen Lastern zum Opfer fallen, die sie zu Sklaven machen, damit sie sich erheben, gestützt auf ihn und auf jene, die ihnen zu Hilfe kommen.

VII. Station: Simon von Zyrene hilft das Kreuz tragen

Als sie Jesus hinausführten, ergriffen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon, der gerade vom Feld kam (Lk 23,26). Ihn zwangen sie, Jesus das Kreuz zu tragen (Mt 27,32). Simon war ein Bauer, der gerade von der Feldarbeit kam. Sie zwangen ihn, das Kreuz unseres Herrn zu tragen. Nicht das Mitleid bewegte sie dazu, sondern die Angst, dass er ihnen auf dem Weg sterben könnte. Simon weigert sich, aber der Befehl der Soldaten ist kategorisch. Er war gezwungen zuzustimmen. Als er mit Jesus in Berührung kommt, ändert sich seine innere Haltung, und am Ende teilt er die Lage jenes unbekannten Verurteilten, der schweigend eine Last trägt, die seine schwachen Kräfte übersteigt. Wie wichtig ist es für uns als Christen zu entdecken, was um uns herum geschieht, und bewusst zu sehen, wo Menschen uns brauchen!

Dank der Hilfe des Zyrenäers hat Jesus sich erleichtert gefühlt. Unzählige Jugendliche jeglicher Hautfarbe, Schicht oder Religion, die aus der Gesellschaft ausgegrenzt sind, begegnen täglich Zyrenäern, die in großherziger Hingabe mit ihnen gehen und ihr Kreuz tragen.

VIII. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder! (Lk 23,28).

Ihn wird der Herr behüten und am Leben erhalten. Man preist ihn glücklich im Land. Gib ihn nicht seinen gierigen Feinden preis! (Ps 41,3)

Ihm folgte eine große Menschenmenge, darunter auch eine Gruppe von Frauen, die sich an die Brust schlugen, klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: „Weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder!“ Weint nicht mit Wehklagen, das das Herz verhärtet und es bereit macht, neue Verbrechen hervorzubringen... Weint mit sanfter Bitte, bittet den Himmel um Erbarmen und Vergebung. Eine der Frauen, die von Mitleid bewegt war, als sie das Antlitz des Herrn sah, das mit Blut, Erde und Speichel bedeckt war, umging mutig die Soldaten und gelangte zu ihm. Sie nahm ihr Kopftuch ab und säuberte ihm sanft das Gesicht. Ein Soldat stieß sie gewaltsam weg, aber als sie das Tuch anblickte, sah sie darauf das blutige und schmerzerfüllte Antlitz Christi eingeprägt.

Jesus hat Mitleid mit den Frauen von Jerusalem, und auf dem Tuch der Veronica lässt er sein Antlitz eingeprägt. Es führt uns das Antlitz vieler Menschen vor Augen, die von atheistischen Regimen entstellt wurden, die die Person zerstören und sie ihrer Würde berauben.

IX. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt

Dann kreuzigten sie ihn. Sie warfen das Los und verteilten seine Kleider unter sich (Mk 15,24). Vom Kopf bis zum Fuß kein heiler Fleck (Jes 1,6).

Während sie die Nägel und Taue vorbereiten, um ihn zu kreuzigen, bleibt Jesus daneben stehen. Ein unbarmherziger Soldat nähert sich, zieht ihm das Untergewand aus und nimmt es ihm weg. Die Wunden beginnen wieder zu bluten und verursachen ihm schrecklichen Schmerz. Dann verteilen sie seine Kleider unter sich. Jesus steht nackt vor dem Volk. Sie haben ihm alles genommen und treiben Spott mit ihm. Es gibt keine größere Demütigung, keine größere Verachtung. Die Kleider bedecken nicht nur den Leib, sondern auch das Innere des Menschen, seine Intimsphäre, seine Würde. Jesus ging durch diese Schande hindurch, weil er alle Sünden gegen die Unversehrtheit und Reinheit auf sich nehmen wollte. Er starb, um die Sünden vieler hinwegzunehmen (Hebr 9,28).

Jesus leidet mit den Opfern der Völkermorde, wo der Mensch mit brutaler Gewalt wütet, durch Vergewaltigungen und sexuellen Missbrauch, durch Verbrechen gegen Kinder und Erwachsene. Wie viele Menschen werden ihrer Würde, ihrer Unschuld, ihres Vertrauens auf den Menschen beraubt!

X. Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt

Sie kamen zur Schädelhöhe; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den andern links (Lk 23,33).

Sie haben Jesus nach Golgota geführt. Er ging nicht allein dorthin, sondern bei ihm waren zwei Verbrecher, die ebenfalls gekreuzigt werden. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte Jesus (Joh 19,18). Welch ein symbolträchtiges Bild! Das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt, nimmt die Sünde auf sich und bezahlt für die anderen. Die große Sünde der Welt ist die Lüge des Satans, und Jesus wurde verurteilt, weil er die Wahrheit verkündete: dass er der Sohn Gottes ist. Die Wahrheit ist das Argument, mit dem die Kreuzigung gerechtfertigt wird. Es ist nicht möglich zu beschreiben, was der Leib Christi physisch erlitt, als er das Kreuz trug, was er moralisch erlitt, als er nackt zwischen zwei Übeltätern gekreuzigt wurde, und was er seelisch erlitt, als er von den Seinen verlassen wurde.

Am Kreuz nimmt Jesus die Leiden aller auf sich, die wie mit Nägeln an schmerzliche Situationen gebunden sind – wie viele Väter und Mütter und viele junge Menschen, die aufgrund von Arbeitslosigkeit in Unsicherheit, Armut und Hoffnungslosigkeit leben, ohne die notwendigen Mittel, um ihre Familien durchzubringen und ein menschenwürdiges Leben zu führen.

XI. Station: Jesus stirbt am Kreuz

Und Jesus rief laut: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Nach diesen Worten hauchte er den Geist aus (Lk 23,46).

Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht (Joh 19,33).

Es war Sabbat, der Rüsttag für das Paschafest. Pilatus gestattete, ihnen die Beine zu zerschlagen, um ihren Tod zu beschleunigen, damit sie nicht während des Festes am Kreuz blieben. Jesus war schon tot, und einer der Soldaten, um sich zu versichern, stieß mit der Lanze in seine Seite. So erfüllte sich das Schriftwort: Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen. Die Sonne verdunkelte sich, und der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei. Die Erde bebte... Dies ist der heiligste Augenblick in der Betrachtung, der Augenblick der Anbetung, in dem wir vor dem Leib unseres Erlösers stehen: leblos, geschunden, zermalmt, ans Kreuz geschlagen... Er bezahlt den Preis für unsere Bosheit, für meine Bosheit... Herr, ich habe gesündigt, sei mir Sünder gnädig! Amen.

Jesus stirbt für mich. Jesus erlangt mir das Erbarmen des Vaters. Jesus bezahlt all meine Schuld. Was tue ich für ihn? Setze ich mich angesichts des Dramas vieler Menschen, die durch Behinderungen gekreuzigt sind, dafür ein, die Würde der Person und das Evangelium des Lebens zu verkündigen?

XII. Station: Jesus wird vom Kreuz abgenommen

Da befahl Pilatus, ihm den Leichnam zu überlassen (Mt 27,58). Josef nahm ihn und hüllt ihn in ein reines Leinentuch (Mt 27,59).

Christus ist gestorben und muss vom Kreuz abgenommen werden. Nähern wir uns der Jungfrau Maria und teilen wir ihren Schmerz. Was muss ihr durch den Kopf gegangen sein! Wer wird ihn für mich abnehmen? Wohin soll ich ihn legen? Und wieder wird sie wie in Nazaret sagen: „Dein Wille geschehe!“ Aber jetzt ist sie mit der bedingungslosen Hingabe ihres Sohnes stärker vereint: „Es ist vollbracht!“ Da tauchen Josef aus Arimathäa und Nikodemus auf, die zwar zum Hohen Rat gehören, aber nicht am Tod des Herrn beteiligt waren. Sie bitten Pilatus um den Leib des Meisters, um ihn in ein neues, eigenes Grab zu legen, das beim Kalvarienberg lag.

Christus ist gescheitert und hat alles Scheitern der Menschheit auf sich genommen. Der Menschensohn wurde getötet und hat das Los all derer geteilt, die aus verschiedenen Gründen als Abschaum der Menschheit betrachtet werden, weil sie unwissend sind, nichts können, nichts wert sind. Zu ihnen gehören die Aidskranken, die mit seinen Kreuzeswunden darauf warten, dass jemand sich um sie kümmert.

XIII. Station: Jesus im Arm seiner Mutter

„Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen“ (Lk 2,35). „Schaut doch und seht, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz, den man mir angetan“ (Klgl 1,12).

Auch wenn wir alle am Tod Jesu schuldig sind, braucht die Jungfrau Maria in diesem Augenblick unsere Liebe und Nähe. Unser Gewissen als reuige Sünder wird ihr als Trost dienen. Wir wollen uns ihr wie Kinder zur Seite stellen und lernen, Jesus mit der Zärtlichkeit und Liebe zu empfangen, mit der sie den gemarterten und leblosen Leib ihres Sohnes empfing. „Gibt es einen Schmerz, der meinem Schmerz gleicht?“ Und während sie den Leib des Herrn für die Beisetzung vorbereiteten, wie es beim jüdischen Begräbnis Sitte ist (Joh 19,40), sagte Maria in Anbetung des Geheimnisses, das sie in ihrem Herzen bewahrte, ohne es zu verstehen, immer wieder tief bewegt mit dem Propheten: „Mein Volk, was habe ich dir getan, oder womit bin ich dir zur Last gefallen? Antworte mir!“ (Mi 6,3).

In der Betrachtung des Schmerzes der Jungfrau Maria gedenken wir des Schmerzes und der Einsamkeit vieler Väter und Mütter, die ihre Kinder durch Hunger verloren haben, während Gesellschaften, die im Wohlstand leben, vom Drachen des Konsumismus, der materialistischen Verderbtheit verschlungen werden und im Nihilismus der Leere ihres Lebens zugrunde gehen.

XIV. Station: Jesus wird ins Grab gelegt

Wegen des Rüsttages der Juden und weil das Grab in der Nähe lag, setzten sie Jesus dort bei (Joh 19,42). Josef aus Arimathäa wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg (Mt 27,60).

Da das Fest sich näherte, beeilten sie sich, den Leib des Herrn vorzubereiten, um ihn in das Grab zu legen, das Josef und Nikodemus zur Verfügung stellten. Das Grab war neu, niemand war dort beigesetzt worden. Als der Leib auf den Felsen gelegt worden war, ließ Josef den Stein vor den Eingang wälzen, sodass dieser vollkommen verschlossen war. Wenn das Weizenkorn nicht stirbt... Und nachdem das Geräusch verklungen ist, mit dem der Stein den Eingang verschlossen hat, drückt Maria in der Stille ihrer Einsamkeit ganz fest die Ähre, die sie bereits im Herzen trägt, als Erstlingsfrucht der Auferstehung.

Diese Ähre lässt uns an die demütige und aufopfernde Arbeit vieler Menschen denken, die ihr Leben in der aufopfernden Hingabe im Dienst an Gott und dem Nächsten verbringen, in der Hoffnung, dass dieses Leben Frucht tragen möge in der Vereinigung mit dem Tod Jesu. Sie lässt uns an die guten Samariter denken, die überall in der Welt zum Vorschein kommen, um die Folgen der Naturgewalten mit anderen zu teilen: Erdbeben, Hurrikane, Seebeben...

Gebet des Heiligen Vaters an die Jungfrau Maria:

„Unsere Mutter und Herrin, die du standhaft bliebst im Glauben, vereint mit dem Leiden deines Sohnes, zum Abschluss dieses Kreuzwegs wenden wir dir unseren Blick und unser Herz zu. Auch wenn wir dessen nicht würdig sind, nehmen wir dich wie der Apostel Johannes in unser Haus auf und nehmen dich als unsere Mutter an. Wir begleiten dich in deiner Einsamkeit und bieten dir unsere Gesellschaft an, um unsere vielen Brüder, die in ihrem irdischen Leben das ergänzen, was an den Leiden Christi noch fehlt, durch seinen Leib, die Kirche, auch weiterhin in ihrem Schmerz zu stützen. Blicke auf sie mit der Liebe einer Mutter, trockne ihre Tränen, heile ihre Wunden und mehre ihre Hoffnung, auf dass sie stets erfahren mögen, dass das Kreuz der Weg zur Herrlichkeit ist und das Leiden der Auftakt zur Auferstehung.

Übersetzung aus dem Spanischen von Claudia Kock