Wissenschaft und Hingabe

Zum Tode von Rudolf Pesch

Rudolf Pesch starb am 13. Januar. Foto: IG
Rudolf Pesch starb am 13. Januar. Foto: IG

Die deutschen katholischen Neutestamentler beklagen den Tod eines ihrer prominentesten Kollegen. Der am 13. Januar verstorbene Rudolf Pesch, Jahrgang 1935, lebte zuletzt auf dem Gelände der zur Integrierten Gemeinde gehörenden Akademie für Judentum und Christentum. Pesch war vor allem Historiker: Er schien ein fast perfektes Gedächtnis zu besitzen, wie überhaupt der Eindruck der Perfektion einem schon Ängste einjagen konnte. Seine historische Dissertation verfasste Pesch an der Bonner Fakultät über katholisches Pressewesen.

Doch damit waren die Gaben dieses Historikers und Philologen noch lange nicht ausgelastet. Den wissenschaftlichen Durchbruch erreichte Pesch mit dem zweibändigen Kommentar zum Markus-Evangelium in der Reihe „Theologische Kommentare“ im Herder-Verlag. Die Bedeutung der beiden Markus-Bände, denen bald ein Kommentar zur Apostelgeschichte folgte, besteht in der rückhaltlosen Anwendung aller historischen Methoden inklusive Religions- und Sozialgeschichte. Sie gehörten fortan in den Bücherschrank jedes kritischen Exegeten. Ich lernte Pesch auf dem Höhepunkt seines ökumenischen Engagements kennen. Zusammen mit Ulrich Wilckens wagte sich Pesch an eine ökumenische Übersetzung des Neuen Testaments. Sein Schüler Kratz ließ dann bald eine ökumenische Synopse (nach Pesch und Wilckens) folgen. In der Mitte der siebziger Jahre wandte sich Pesch der „Integrierten Gemeinde“ zu; deren zarte Anfänge hatte ich als Münchener Student in den Sonntagsgottesdiensten in der Buttermelcherstraße kennengelernt. Von Anfang an spielte hier die selbstkritische Begegnung von katholischer Kirche und Israel eine zentrale Rolle, nicht zuletzt auch in allen Fragen der liturgischen Erneuerung (Martin Buber).

Doch der Reihe nach: Bei seinen Studien zu Markus und Lukas hatte Pesch die damals relativ neue „redaktionsgeschichtliche Methode“ mit entwickelt. Für den katholischen Theologen Pesch bedeutete das eine Möglichkeit, Theologe und konkrete Gemeinden aufeinander zu beziehen. So war die „redaktionelle Theologie“ nicht mehr nur ein Glasperlenspiel unter anderen.

Weitaus Größeres geschah freilich, als Pesch als Historiker der christlichen Anfänge zusammen mit dem Jesuiten Norbert Lohfink und dem Neutestamentler Gerhard Lohfink sich als Spitzentrio eines neuen Gemeindetyps („IG“, Integrierte Gemeinde) bestätigen ließen, von den Bischöfen zunächst mit kritischen Augen betrachtet. Für diese Gemeinden waren Musik, künstlerische Gestaltung der Liturgie und ein kreativer Umgang mit der Heiligen Schrift typisch. Pesch und die Gebrüder Lohfink gaben bald ihre gut dotierten Lehrstühle auf, um sich ganz der Integrierten Gemeinde zu widmen. Die Genannten bewahrten nicht nur ihren jeweils immensen Gelehrtenfleiß, sie betrachteten auch die biblischen Aussagen als sehr normativ. Sie waren nicht so naiv, zu meinen, alles nachahmen zu können oder zu müssen. Aber die großen Themen des Anfangs wie Juden und Kirche, Juden und Heiden, Gemeinde und Amt tauchen auch an diesem neuen Anfang wieder auf. Besonders akut ist noch immer das Thema „Kirche und Judentum“. Dazu gehörten auch die leider dauerhaft lebendigen Gespenster von Spaltungen. Da die führenden Mitglieder, nicht zuletzt auch Rudolf Pesch, ihre Zugehörigkeit zur Integrierten Gemeinde mit höchstem Einsatz und großer Hingabe „bezahlt“ hatten, wird man sich nicht wundern über die Heftigkeit von Ja und Nein. Denn bei der der I.G. betraf das Nein immer die Familien der Ausgeschlossenen gleich mit. Die schließliche Versöhnung zwischen Rudolf Pesch und Paul Badde dürfte eine Freude für den Papst gewesen sein. Klaus Berger