„Wir schulden den Flüchtlingen unser mutiges christliches Zeugnis“

Joachim Schroedel, Priester der deutschsprachigen Gemeinden im Nahen Osten, über die Situation der Christen in Ägypten und die Notwendigkeit eines selbstbewussten Christentums in Europa. Von Martin Lohmann

Seit 20 Jahren Priester der deutschsprachigen Gemeinden im Nahen Osten mit Sitz in Kairo: Joachim Schroedel. Foto: Baier
Seit 20 Jahren Priester der deutschsprachigen Gemeinden im Nahen Osten mit Sitz in Kairo: Joachim Schroedel. Foto: Baier
In Ägypten hat vor vor kurzem die erste Runde der Parlamentswahlen stattgefunden. Sind die Wahlen jetzt der Schritt hin zu einer wirklichen Demokratie?

Ich nehme wahr, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung in Ägypten gar nicht weiß, worum es bei einer solchen Wahl letztlich geht. Es ist zwar die Parlamentswahl, man sieht Plakate, die jeweils das entsprechende Signet haben, damit diejenigen, die nicht lesen und schreiben können, wissen können, wo sie ihr Kreuz machen sollen. Aber es gab und gibt viel zu wenig Informationen über politische Strukturen, Parteien und Kandidaten sowie deren Positionen. In der Staatszeitung Al Ahram war zu lesen, dass es etwa nur zwanzig Prozent Wahlbeteiligung gebe. Die Wahl ist ein Signal in die Welt, dass man auf dem Weg ist hin zu einer parlamentarischen Struktur. Aber das ist – jedenfalls noch nicht – vergleichbar mit unseren Vorstellungen von Demokratie.

„Je länger ich in Ägypten bin, desto klarer wird

mir, dass man sehr

differenzieren muss“

Man sagt in Deutschland gerne, der sogenannte arabische Frühling habe in Kairo begonnen. War das überhaupt ein Frühling? Oder wurde daraus schon ein Herbst?

Die Bezeichnung von Jahreszeiten war und ist in diesem Zusammenhang wenig hilfreich. Der 25. Januar 2011, also der Beginn des Aufstandes gegen Mubarak, war sicher eine wichtige Zäsur in der Gesamtgeschichte Ägyptens. Das steht außer Frage. Aber vor allem der Westen hat die Situation überschätzt und überhöht. Man hörte überall damals: Jetzt beginnt das Zeitalter der Demokratie im Nahen Osten. Doch man unterschätzt, dass die allermeisten Menschen in diesen Ländern noch gar keine Erfahrung mit Demokratie hatten. Das geht nicht von heute auf morgen. Es war gut, einen Herrscher und Diktator nach 29 Jahren endlich loszuwerden. Doch es kam eine Militärverwaltung und dann die schreckliche Herrschaft der Muslimbrüder unter Mursi. Im Westen hört man oft, dies sei ja die erste freie demokratische Wahl gewesen. Doch das ist falsch. Damals wurde wahnsinnig viel manipuliert. Und nach einem Jahr wussten nun alle im Land, dass mit den Muslimbrüdern kein Staat zu machen ist. Es war gut, dass damals das Militär half, Mursi abzusetzen.

Nun ist bekannt, dass Islamisten keine Rücksicht auf die Mehrheit des Volkes nehmen. Wie sieht das in Ägypten aus, wo es die Islamisten nach wie vor gibt?

Je länger ich in Ägypten bin, desto klarer wird mir, dass man da sehr differenzieren muss. Klar ist, dass es eine muslimische Mehrheit gibt, logisch, wenn die Bevölkerung zu 90 Prozent aus Muslimen besteht. Und 50 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten. Das bedeutet, dass man das Volk leicht manipulieren kann. Da kommt es also sehr auf die Persönlichkeit, die dem Staat vorsteht, an. Seit mehr als einem Jahr gibt Präsident Al Sisi Linien vor, die gut sind und helfen. Er war, das betone ich, Offizier. Es ist also keine Militärregierung. Richtig ist aber auch, dass die meisten Ägypter eine starke lenkende Hand haben wollen. Das versteht man im Westen vielleicht nicht so ganz. In Ägypten heißt es immer wieder: Wir brauchen einen guten Herrscher. Und das scheint Al Sisi zu sein.

Wie ergeht es den Christen unter Al Sisi?

Al Sisi war am 7. Januar 2015, also am orthodoxen Weihnachtsfest, überraschend zu Gast in der Kathedrale des orthodoxen Patriarchen. Das war eine absolute Premiere. Er sagte damals: Ich konnte an dieser Kathedrale nicht vorbeikommen, ohne hineinzukommen, um euch, den Christen, frohe Weihnachten zu wünschen. Und weiter sagte er: Ich will die Frage gar nicht hören, ob du Christ oder Muslim bist. Entscheidend sei: Wir sind alle Ägypter. Dieser Besuch des Präsidenten dauerte elf Minuten, und dieser Auftritt hat den Christen in Ägypten einen enormen Auftrieb beschert. Das hat ihr Selbstbewusstsein unglaublich gestärkt. Inzwischen spürt man in der Tat viele kleine Signale zu mehr Toleranz gegenüber Christen. Das gilt vor allem für die Städte, wo es mehr Bildung gibt als auf dem Land. Die Botschaft lautet zunehmend: Wir müssen gemeinsam Ägypten gestalten. Hoffen wir, dass sowohl der Besuch des Präsidenten als auch die Folgesignale tragen.

Wie stark ist der Einfluss der islamistischen Terroristen – Stichwort: sogenannter Islamischer Staat – in Ägypten?

Das Militär hat fast alles im Griff, aber im Norden des Sinai gibt es wohl einzelne IS-Zellen. Dort ist für Touristen die gesamte Region gesperrt. Allerdings ist – und das ist glücklicherweise so – das Militär in Ägypten stark, sehr stark. Da wird der IS wohl keine wirkliche Chance haben.

Wer sind für Ägypten Sicherheitspartner?

Es war kein Zufall, dass der Präsident seine erste Reise nach Russland gemacht hat. Auch Russland hat Interesse, im bevölkerungsreichsten Land des Nahen Ostens Fuß zu fassen. Aber Al Sisi war auch in China, und er war mehrfach in Europa. Sein Signal ist: Ich will mich vernetzen.

Was bedeutet diese Strategie aus Ihrer Sicht für Ägypten als nördlicher Teil Afrikas für den Kontinent?

Ich glaube, dass Ägypten die Chance hat, ein Brückenkopf nach Europa und vor allem Russland sowie in den Fernen Osten zu sein. Aber das ist noch ein langer Weg.

Könnte Ägypten ein Prototyp werden, der durch ein neues Miteinander, eine neue Toleranz von westlicher Welt, von christlichem Denken und islamischer Welt geprägt ist?

Möglich. In Ägypten lebt man schon viel Miteinander-Normalität. Aber es gilt auch: Islam und Christentum sind nicht leicht miteinander vergleichbar. Da warne ich vor jeder naiven Verharmlosung und den Träumereien, als gebe es ausreichend Gemeinsamkeiten im Glauben. Allein die Gottesvorstellungen sind nicht kompatibel.

„Es wäre wichtig, den ankommenden Menschen unseren Glauben und unsere Sicht der Welt zu erklären“
Ist man in der westlichen Welt diesbezüglich bisweilen zu naiv?

Ja, ich glaube schon. Im Blick auf die Flüchtlinge mit islamischem Hintergrund, die jetzt nach Deutschland strömen, sehe ich selbst bei Kirchenleuten eine Naivität, die mir Sorgen macht. Muslime haben eine völlig andere Weltsicht und eine völlig andere Gottesvorstellung als wir Christen. Und es wäre und ist wichtig, den ankommenden Menschen unseren Glauben und unsere Sicht der Welt mit Toleranz und Gewissensfreiheit und Gleichberechtigung zu erklären und sie wissend zu machen. Warum sind die Priester nicht überall eingeladen in die Flüchtlingsheime, um das Christentum zu erklären?

Wie nehmen Sie als Priester des Bistums Mainz, der in Ägypten tätig ist, die Kirche in Deutschland wahr?

Ich möchte gerne mit der Kirche in Ägypten beginnen. Bei uns in Ägypten sind Christen sehr bewusst Christen. Auch sehr selbstbewusst. Sie sind gerne Christen und zeigen das auch. Wir können auch deshalb in Ägypten gut miteinander, weil die Christen auch – wie man sagt – Kante zeigen. Man sagt, wer man ist, und man wirft nicht alles in einen Topf. Mir scheint, dass das in Deutschland anders ist. Viele haben hier – ich sage: aus purer Unkenntnis – ein verklärtes Islambild, das bedenklich und gefährlich naiv ist. Da wünsche ich mir mehr tolerantes, aber zugleich erkennbar mutiges christliches Selbstbewusstsein. Christen haben keinen Grund, sich zu verstecken oder gar anzubiedern.

Dem Islam fehlt die Begegnung mit der Aufklärung. Was bedeutet das im Blick auf den Islam in Deutschland und Europa?

Zur Aufklärung gehört auch die Religionsfreiheit. Das kennt der Islam nicht. Dort gibt es auch keine Trennung von Staat und Religion. Das ist ein Problem, das man nicht unterschätzen darf. Ich wünsche mir für die vor uns liegenden Begegnungen viel mehr Neue Testamente in deutsch und arabisch. Dann kann man vielleicht leichter zeigen und erklären, was die christliche Botschaft ist. Wenn man das Neue Testament zweisprachig herausgibt, dann muss man gar kein Arabisch können, sondern man verweist neben dem Deutschen auf die Parallelspalte in Arabisch und kann vielleicht Gutes vermitteln. Dann könnte man wenigstens etliches über unseren Glauben erklären.

Sie wünschen vor dem Hintergrund Ihrer ägyptischen Erfahrungen, dass die Christen in Europa mutiger ihren Glauben bekennen?

Bekennermut heißt auch Zeugenmut. Wir müssen uns mehr und besser outen als Christen, wenn wir es noch sind. Das sind wir letztlich auch allen schuldig, die zu uns kommen. Und weil wir ja keine Buchreligion sind, also nicht an ein Buch glauben, sondern an eine Person, an den Gottessohn Jesus Christus, könnten wir doch wunderbar allen, die zu uns kommen, regelrecht zeigen: Gott ist ein Gott der Barmherzigkeit und der Liebe. Gott ist sogar Mensch geworden, weil er die Welt menschlicher machen kann. Eine menschlichere Welt ist möglich. Das ist doch eine wunderbare Botschaft – und eine großartige Chance für uns Christen. Wenn wir denn noch Christen sind.