„Wir fürchten um unser Überleben“

Katholische Kirchenführer aus Nahost treffen in Rom mit Papst Franziskus zusammen. Von Oliver Maksan

Der Patriarch von Jerusalem, Twal, benennt die Sorgen der Kirchen in Nahost. Foto: dpa
Der Patriarch von Jerusalem, Twal, benennt die Sorgen der Kirchen in Nahost. Foto: dpa

Nazareth (DT) Vor der Zusammenkunft katholischer Patriarchen aus dem Nahen Osten mit Papst Franziskus in Rom sind die Erwartungen groß. Fouad Twal, Lateinischer Patriarch von Jerusalem, sagte im Gespräch mit der „Tagespost“ am Sonntag: „Wir bringen unser ganzes schweres Gepäck von Problemen mit nach Rom, aber auch unsere Hoffnungen. Jeder der Patriarchen im Nahen Osten hat seine eigenen Schwierigkeiten. Es gibt aber auch gemeinsame Herausforderungen, denken Sie an die Abwanderung von Christen, den Krieg in Syrien und die Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien. Es gibt also viel, worüber wir mit Seiner Heiligkeit reden können.“ Anlässlich der Vollversammlung der römischen Ostkirchenkongregation vom 19. bis 21. November werden sich die mit Rom unierten Patriarchen und Erzbischöfe des Nahen Ostens mit Papst Franziskus beraten sowie für den Frieden in der Region beten.

Ebenfalls teilnehmen wird Patriarch Louis Raphael I. Sako, Oberhaupt der mit Rom unierten chaldäischen Kirche. Gegenüber dem internationalen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ sagte er kürzlich: „Wir hoffen auf mehr Nähe gegenüber unseren Kirchen in diesen schwierigen Zeiten. Wir brauchen mehr Unterstützung vom Heiligen Stuhl, mehr Ermutigung und mehr Solidarität.“ Ausdrücklich dankte Patriarch Louis Raphael Papst Franziskus und seinen Vorgängern dafür, dass sie an der Seite der Christen im Nahen Osten stünden.

Der in Bagdad im Irak ansässige Patriarch bezeichnete es als große Herausforderung der Christen im Nahen Osten, als gleichberechtigte Bürger ihrer Länder zu leben. „Die Abwanderung bedroht unsere Gegenwart und Zukunft. Wir fürchten um unser Überleben!“ Louis Raphael I. bat in diesem Zusammenhang darum, dass alle Kirchen die Christen des Nahen Ostens darin unterstützen sollten, in ihren Ländern Brücken des Dialogs und Friedens sein zu können, wo andere Mauern bauten. „Die Muslime brauchen unser Zeugnis menschlicher und christlicher Werte.“

Der in Damaskus residierende Patriarch der Melkiten, Gregor III. Laham, erwartet sich von dem Treffen in Rom ebenfalls viel. Gegenüber „Kirche in Not“ sagte er: „Wir wollen mit dem Heiligen Vater die Lage in Syrien und dem Irak beraten, aber auch grundsätzliche Fragen der Rolle der Christen im Nahen Osten, des interreligiösen Dialogs und der Ökumene mit der Orthodoxie. Wir sollten versuchen, daraus ein festes Beratungsgremium des Papstes zu machen, das sich vielleicht alle zwei Jahre trifft.“ Gregor III. bezeichnete die Lage im Nahen Osten als dramatisch. Er rief den Heiligen Stuhl deshalb dazu auf, sich noch stärker als bisher für die Sache der Palästinenser einzusetzen. „Wir brauchen endlich Frieden im Heiligen Land. Der Vatikan hat sich immer für die Rechte der Palästinenser engagiert. Aber es bedürfte jetzt einer konzertierten diplomatischen Aktion seitens des Heiligen Stuhls und seiner Nuntien in aller Welt. Die Lösung des Palästinakonflikts ist zusammen mit der Syrienfrage der Schlüssel für den Frieden in der Region.“ Neben aktuellen Konflikten wolle er dem Papst auch über die Ökumene im Nahen Osten vortragen. „Wir sind sehr froh über die Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl. Rom darf aber nicht vergessen, dass wir orthodoxe Wurzeln haben. Wir sind der katholische Zweig der orthodoxen Kirche.“ Dankbar zeigte sich Gregor über die von Papst Benedikt XVI. 2010 abgehaltene Nahost-Synode in Rom. „Das war am Vorabend der Krise, die 2011 losging. Ich glaube, die Vorsehung Gottes hat das so gewollt. Denn mit der Synode und dem Abschlussdokument haben wir eine Vorbereitung für die schwierigen Zeiten bekommen. Wir Christen sind so auf unsere Rolle als Zeugen im Nahen Osten vorbereitet worden.“