„Wir brauchen Zeugen“

Ein Gespräch mit dem Würzburger Bischof Franz Jung über die Zukunft der Kirche. Von Oliver Maksan, Regina Einig und Kilian Martin.

Franz Jung
Franz Jung, Bischof von Würzburg, am 26. September in Fulda. Foto: Harald Oppitz (KNA)

Herr Bischof, Sie sind kein Politiker. Aber haben Sie sich zum Amtsantritt im vergangenen Jahr ein Regierungsprogramm gegeben, an dem Sie sich messen lassen wollen?

Mir scheinen drei Punkte noch vor allen organisatorischen oder strukturellen Fragen wie Kirchenfinanzen oder Pfarrreform entscheidend für die Zukunft der Kirche: das kontemplative Gebet, die Glaubensverkündigung und der Dienst an den Armen. Wir sind als Kirche nur dann glaubwürdig, wenn wir unsere Sendung zu den Armen ernst nehmen. Die Frage ist: Wer sind die Armen? Sind es die Familien? Die Alleinerziehenden? Die Suchenden? Wir als Kirche, die wir Sakrament des Heils für die Welt sein wollen, müssen für alle Menschen da sein. Im Grunde umfasst dieses Programm nichts anderes als die drei klassischen Grunddienste: Liturgie, Katechese und Caritas.

Sie wollen das Rad also nicht neu erfinden.

Nein. Diese Punkte sind nicht originell, aber zentral für uns als Kirche. Wir müssen die Kontemplation neu in den Mittelpunkt stellen. Ich beobachte bei Priestern und Hauptamtlichen eine große Bereitschaft zum Engagement. Aber vielleicht kommt die Begegnung mit dem Herrn manchmal zu kurz. Die Mission beginnt bei der Selbstmission. Ich muss mich im Gebet der eigenen Lebenswirklichkeit stellen und mich fragen: Bin ich das wirklich, was ich verkünde, oder bin ich nur Funktionär.

Vor einiger Zeit gab es einiges Erstaunen über eine Umfrage über das geistliche Leben von Priestern. Nicht jeder zelebriert täglich, die Beichte ist teilweise auch weg. Beunruhigt Sie das?

Ich sage meinen Priestern immer: Wenn ihr selbst nicht beichten geht, wie wollt ihr Beichte hören? Die Menschen merken, ob etwas aufgesetzt ist. Das gilt auch für die Zelebration. Es ist nicht gut, fünf Minuten vor Beginn in die Sakristei zu hetzen. Es braucht gesammelte Ruhe, und das geht nur, wenn ich vor der Heiligen Messe früh genug da bin. Grundsätzlich gilt: Ich kann nur verkünden, was ich selber lebe. Wir müssen also Sprachfähigkeit von der eigenen Erfahrung her gewinnen. Dann erst können wir uns fruchtbar nach außen wenden. Und da heißt es dann, neue Formen der Katechese und der Glaubensvertiefung zu finden.

An was denken Sie?

Das Problem ist, dass wir für die entscheidende Phase im Leben junger Erwachsener und Erwachsener keine Katecheseangebote haben: Wir unterweisen in Jahrgangskatechesen vor Erstkommunion und Firmung. Und dann bricht es ab. In der alten Kirche begann die eigentliche Vertiefung der Katechese nach dem Sakramentenempfang, denken Sie an die berühmten mystagogischen Katechesen, die Ambrosius uns überliefert hat. Wir machen es andersherum. In volkskirchlichen Zeiten hat das funktioniert. Man durfte davon ausgehen, dass die echte Vertiefung in der Familie oder in der Pfarrgemeinde weiterläuft durch die regelmäßige Teilnahme am pfarrlichen Leben und am Glaubensleben in der Familie. Das ist heute anders.

Was muss sich ändern?

Man muss diese Formate erst kreieren. Wir haben sie ja noch nicht. Wir denken immer noch zu sehr in der volkskirchlichen Logik, in der wir alle groß geworden sind. Es wäre beispielsweise sinnvoll, den Katechumenat als auch liturgisch gefeiertes Hineinwachsen in den Glauben zu stärken.

Nun erfassen wir ganze Jahrgänge im Religionsunterricht. Warum produzieren wir dennoch religiöse Analphabeten?

Das ist eine wichtige Frage. Ich hab es selbst erlebt als Religionslehrer: Man fängt jedes Jahr bei Null an. Das hat damit zu tun, dass das Gelernte keine Rückbindung an eine konkrete Lebenspraxis hat. Man vergisst, was man gelernt hat, weil es irrelevant erscheint. Glaubensunterweisung und Lebenspraxis gehören aber zusammen. Tolle Erfahrungen habe ich bei der Hospizhelferausbildung gemacht. Da hat die kirchliche Glaubensvermittlung und die Lehre von Tod und dem, was danach kommt, plötzlich einen Sitz im Leben.

Sie fordern neue Katecheseangebote für Erwachsene. Aber nutzt man das Verkündigungspotenzial, das die ordentliche Pfarrseelsorge und die Kasualien wie Taufen und Beerdigungen bieten, schon vollständig?

Pfarrer klagen bisweilen über die vielen Beerdigungen, dabei sind das missionarische Situationen par excellence. Da erreichen wir Menschen, die sonst nie da sind. Die Konkurrenz schläft übrigens nicht. Die Bestatter bieten heute das Rundum-sorglos-Paket mit freiem Trauerredner an. Etliche Leute buchen dies, wenn der Pfarrer nicht kann.

An Situationen für die Verkündigung mangelt es also nicht. Aber sind die Leute auch offen für die Botschaft? Nach Marx, Darwin und Freud ist der Weg zum Glauben oft vulgärwissenschaftlich verbaut.

Bevor ich der Botschaft glaube, ist die Frage: Glaube ich dem Boten? Und in Zeiten von Finanzskandalen und Missbrauchsfällen geben wir kein gutes Bild ab. Wenn jemand Kinder missbraucht, dann hat sich alle Verkündigung erledigt.

Sicher, aber der christliche Glaube mutet einem kognitiv viel zu. Menschwerdung Gottes, Sühnetod Jesu, Auferstehung und so weiter. Ist heutigen Menschen der Zugang dazu verbaut?

Die große Frage heutiger Verkündigung ist, das hat Kardinal Kasper richtig erkannt, die Gottesfrage: Gibt es Gott und spielt er in meinem Leben überhaupt eine Rolle. Wie sagt Bert Brecht: Wenn die Beantwortung der Frage nach Gott in deinem Leben etwas ändert, kannst du sie weiter verfolgen, wenn sie in deinem Leben nichts ändert, dann hat sie sich erledigt. Ich sehe das erstmal als Anfrage an uns. Ändert mein Glaube etwas an meinem Leben? Geht einem ohne Gott etwas ab oder kann man auch ohne ihn leben? Wir brauchen deshalb nicht nur Lehrer, wir brauchen vor allem Zeugen.

Wir haben vom Wandel der Katechese gesprochen, den das Ende der Volkskirche mit sich bringt. Erfordert der Priestermangel den Einsatz von Laien als Gemeindeleitern? Im Erzbistum München und Freising jedenfalls geht man diesen Weg. Planen Sie das auch für Würzburg?

Die Leitung einer Pfarrei ist die Aufgabe des Pfarrers. Die Frage ist, ob es so etwas gibt wie Ansprechpartner vor Ort, die das zu moderieren versuchen, was der Pfarrer mit seinem Team nach Anhörung der Gremien beschlossen hat. Da setzen wir auf Ehrenamtliche, denn die Zahl der hauptamtlichen Laienmitarbeiter geht derzeit stetig zurück.

Inwiefern?

In den nächsten Jahren gehen große Jahrgänge von Pastoral- und Gemeindereferenten in allen deutschen Bistümern in Ruhestand. Und wir haben nicht den Nachwuchs, der diese frei werdenden Stellen besetzen könnte. Bei weitem nicht. Die Anzahl der Studierenden geht zurück, nicht nur bei den Priesteramtskandidaten.

Stichwort Priesternachwuchs: Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, dass homosexuelle Veranlagung kein Hindernis auf dem Weg zur Priesterweihe ist. Wie aber passt eine homosexuelle Orientierung zusammen mit der Idee des Zölibats als Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen?

Verschiedene Studien sagen uns, dass der Anteil von Männern mit homosexueller Orientierung im katholischen Presbyterium höher ist als im gesellschaftlichen Durchschnitt. Damit muss ich als Bischof umgehen. Für mich ist es ganz wichtig, dass homosexuelle Priester leben, wie sie es bei ihrer Weihe versprochen haben und wie ich es von jedem anderen erwarte, dass er nämlich den Zölibat hält.

Sie sprechen jetzt Priester an. Was ist mit homosexuellen Männern, die Priester werden wollen?

Der Zölibat ist die Hingabe des Lebens um des Himmelreiches willen. „Er ging hin, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte die Perle.“ Das ist für mich das Wesentliche. Das gilt für hetero- wie homosexuelle Kandidaten.

Die Dimension des bewussten Verzichts auf eine heterosexuelle Ehe spielt also keine Rolle?

Auch der Homosexuelle verzichtet auf die Bindung an jemand anderen.

Aber damit würde man die homosexuelle Bindung ja mit der Ehe gleichstellen.

Nein, das ist damit nicht gesagt. Doch ich sehe die Bereitschaft zur Nachfolge und die Hingabe um des Himmelreiches willen vor allem anderen als entscheidend für die Ernsthaftigkeit einer Berufung an.

Für Aufsehen sorgte Ihr Schritt, bei einer Feier zum goldenen Ehejubiläum auch evangelische Partner einzuladen, zur Kommunion zu gehen. Eine pastorale Geste – aber auch gedeckt von der katholischen Eucharistielehre und vom Kirchenrecht?

Das war aus meiner Sicht eine der Situation angemessene Entscheidung. Ich habe aber zugleich deutlich gemacht, dass ich das nicht als allgemeines Gesetz verstanden wissen will. Wir werden im Bistum über die Orientierungshilfe der deutschen Bischöfe noch sprechen.

Nun hat Rom den Canon 844, der die Zulassungsbedingungen zur Kommunion für Nicht-Katholiken regelt, noch nicht authentisch erklärt. Die Orientierungshilfe wiederum ist kein rechtliches Dokument. Auf was also haben Sie sich berufen?

Mit Papst Johannes Paul II. hatte ich in diesem Augenblick das schwerwiegende geistliche Bedürfnis der zur Feier Versammelten im Blick angesichts der damals gerade geführten Debatte um den Kommunionempfang in konfessionsverschiedenen Ehen.

War das eine spontane Entscheidung?

Ja.

Sie stehen am Anfang Ihres Dienstes. Wenn Sie mal gedanklich auf das Ende Ihres Dienstes schauen, was sehen Sie da? Eine neue Gestalt von Kirche? Oder rauchende Ruinen der Volkskirche?

Es bahnt sich in jedem Fall eine neue Gestalt von Kirche an. Die Weichen dazu müssen wir jetzt stellen. Wir sitzen derzeit nahezu gelähmt da, ein bisschen wie das Kaninchen vor der Schlange, und würden die Dinge am liebsten fortlaufen lassen. Aber das geht nicht. Klar ist, vieles, auf das wir uns vielleicht auch zu sehr verlassen haben, wird wegbrechen. Schon des weniger werdenden Geldes wegen. Wir werden weniger hauptamtliche Mitarbeiter haben. Wir werden auch nicht mehr alle Gebäude unterhalten können, die wir derzeit haben. Die Frage ist dann: Was bleibt? Meine Hoffnung ist, dass Gebet, erneuerte Glaubensverkündigung und der Dienst an den Armen der Reichtum einer institutionell ärmeren Kirche sein werden.

Ein radikaler Wandel steht also bevor?

Ja. Unsere kirchlichen Einrichtungen sind wertvoll. Aber in anderen Ländern hat die Kirche sie auch nicht und folgt doch ihrer Sendung. Entscheidend ist, was wir an Einrichtungen haben und fortführen, aus dem Glauben heraus mit Inhalt zu füllen. Wir verlassen uns noch auf zu viele Hilfskonstrukte, die uns am Ende nicht helfen werden. Nehmen Sie das kirchliche Arbeitsrecht. Das wird von den Gerichten gerade Schritt für Schritt ausgehöhlt. Mehr als gesellschaftliche Privilegien brauchen wir aber Menschen, die von der Kirche und ihrem Glauben überzeugt sind und aus diesem Glauben heraus ihre Arbeit gestalten. Nur das wird weiterhelfen.

Als Motto für das neue Jahr 2019 habe ich einen Vers aus dem Zweiten Timotheusbrief (2 Tim 1,7) gewählt: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Darum geht es. Angesichts der bestehenden Herausforderungen gilt es, nicht zu verzagen, sondern aus der Kraft des Heiligen Geistes heraus anzupacken und besonnen und liebevoll die Kirche der Zukunft mitzugestalten.