„Wir alle tragen Verantwortung“

Ermahnend und hoffnungsvoll: Papst Franziskus zieht auf dem Rückflug von Kolumbien eine vorläufige Bilanz seines Pastoralbesuchs – 11. September 2017

Papst Franziskus auf der fliegenden Pressekonferenz auf dem Rückflug von Kolumbien
Ein Mann, der zuhört und nach Lösungen sucht: Papst Franziskus auf der fliegenden Pressekonferenz am vergangenen Montag Foto: KNA

Greg Burke: Danke, Heiliger Vater, für die Zeit, die Sie uns heute nach einer intensiven, anstrengenden – für einige sogar sehr anstrengenden – aber auch fruchtbaren Reise widmen. Diverse Male haben Sie den Menschen für die Dinge gedankt, die sie Sie gelehrt haben. Auch wir können in diesen Kulturen, denen wir begegnen, vieles lernen, und dafür danken wir Ihnen. Mit seiner jüngsten – und nicht nur jüngsten – Vergangenheit hat gerade Kolumbien uns einige sehr starke Zeugnisse geboten, bewegende Zeugnisse der Vergebung und der Versöhnung. Doch es hat uns auch ständig eine Lektion der Freude und der Hoffnung erteilt, zwei Begriffe, die Sie während dieser Reise häufig verwendet haben. Jetzt möchten Sie vielleicht etwas sagen, und dann gehen wir zu den Fragen über. Danke.

Guten Abend, und danke für eure Arbeit.

Die Freude, die Zärtlichkeit, die Jugend und die Würde des kolumbianischen Volks haben mich wirklich bewegt. Wirklich ein würdevolles Volk, das keine Angst hat, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen, das keine Angst vor Gefühlen hat und zu zeigen, was es fühlt. So habe ich das empfunden. Soweit ich mich erinnern kann, ist dies das dritte Mal [dass ich nach Kolumbien fahre], aber ein Bischof hat mir gesagt: „Nein, Sie waren ein viertes Mal hier, aber nur zu kurzen Besprechungen“, einmal in La Ceja und die anderen zwei oder drei Male in Bogota. Aber ich kannte das tiefe Kolumbien nicht, dem man auf den Straßen begegnet. Und ich danke für das Zeugnis der Freude, der Hoffnung, der Geduld im Leiden dieses Volkes. Es hat mir sehr gut getan. Danke.

Greg Burke: Danke, Heiliger Vater. Die erste Frage kommt von César Moreno, von „Caracol Radio“.

César Moreno (Caracol Radio): Danke, Heiligkeit. Im Namen aller kolumbianischen Medien möchte ich Ihnen danken, dass Sie nach Kolumbien gekommen sind und uns wunderbare Botschaften mit Tiefgang und soviel Herzlichkeit mitgebracht haben. Sie sind in ein Land gekommen, das wegen des Friedensprozesses gespalten ist in Befürworter und Gegner. Was sollen wir konkret tun? Welche Schritte sind zu tun, um die Parteien einander näherzubringen, damit sie den Hass und die Bitterkeit überwinden? Wenn Eure Heiligkeit in einigen Jahren wieder nach Kolumbien kämen, wie wollten Sie das Land vorfinden? Danke.

Das Motto sollte dann wenigstens „Machen wir den zweiten Schritt“ lauten. Es waren ungefähr 54 Jahre Guerillakrieg – ich dachte, es seien sechzig gewesen, aber man sagte mir 54. Da kommt einiges an Hass und Bitterkeit zusammen und die Seele ist schwer krank. Krankwerden ist keine Schuldfrage, Krankheiten bekommt man wie Masern....

Entschuldigt, ich spreche wieder italienisch. Die kranke Seele… Krankheit ist nichts Schuldhaftes, sie kommt einfach. Und mit diesem Guerillakrieg, den sie geführt haben – sowohl die Guerillas als auch die Miliz als auch andere und oftmals auch die Korruption im Land –, haben sie schreckliche Sünden begangen, die zu dieser Krankheit des Hasses geführt haben… Doch es gibt Fortschritte, die Hoffnung vermitteln, Fortschritte in den Verhandlungen; der letzte war die Feuerpause der Nationalen Befreiungsarmee: Ich danke ihnen sehr, ich danke ihnen wirklich sehr dafür. Aber ich habe noch etwas anderes wahrgenommen: den Wunsch, in diesem Prozess fortzufahren, einen Wunsch, der über die Verhandlungen, die stattfinden und die stattfinden müssen, hinausgeht. Es ist ein spontaner Wunsch, und dort liegt die Kraft des Volkes. Darauf setze ich Hoffnung. Das Volk will „atmen“, aber wir müssen ihm helfen, ihm durch Nähe, durch Gebet und vor allem dadurch helfen, dass wir verstehen, wie tiefe Schmerzen so viele Menschen innerlich empfinden.

Greg Burke: Jetzt, Heiliger Vater, José Mojica von „El Tiempo“.

José Mojica (El Tiempo): Heiliger Vater, es ist mir eine Ehre. Mein Name ist José Mojica, ich schreibe für „El Tiempo“. Kolumbien hat jahrzehntelange Gewalt durch den Krieg erlitten, den bewaffneten Konflikt und den Drogenhandel. Die politische Korruption hat genauso viel Schaden angerichtet wie der Krieg. Jetzt tritt die Korruption noch klarer zutage, weil die Nachrichten über den Krieg wegfallen. Wie soll man mit dieser Geißel umgehen? Wie soll Korruption bestraft werden? Sollten korrupte Politiker exkommuniziert werden?

Diese Frage habe ich mir oft gestellt. Ich formuliere sie so: „Wird dem Korrupten vergeben?“ Ich habe sie mir nach einem Vorfall in der Provinz Catamarca in Argentinien gestellt. Ein Mädchen war missbraucht und vergewaltigt worden und in den Fall waren Leute verwickelt, die gute Beziehungen zu einflussreichen Politikern und Geschäftsleuten in Catamarca hatten. Mich hat ein Artikel von [Rogelio] Frigerio sehr beeindruckt, der seinerzeit in „La Nación“ erschienen ist; ich habe ein kleines Buch mit dem Titel „Korruption und Sünde“ geschrieben. Wir alle sind immer Sünder, und wir wissen, dass der Herr uns nahe ist, dass er nicht müde wird, uns zu vergeben. Doch der Unterschied ist: Gott wird nie müde, zu vergeben, aber der Sünder muss den Mut finden und um Vergebung bitten. Das Problem ist, dass der Korrupte müde wird, um Vergebung zu bitten, und vergisst, wie man das macht: das ist das schwerwiegende Problem. Ein Zustand der Unempfindlichkeit gegenüber den Werten, gegenüber der Zerstörung, der Ausbeutung von Menschen. Er vermag nicht, um Vergebung zu bitten. Das ist wie eine Verurteilung, weswegen es sehr schwer ist, einem Korrupten zu helfen, sehr schwer. Aber Gott kann das. Ich bete dafür.

Greg Burke: Heiliger Vater, nun Hernan Reyes von „Télam“.

Hernan Reyes (Télam): Heiliger Vater, die Frage stammt von einer Gruppe von Journalisten spanischer Sprache. Sie haben von diesem ersten Schritt gesprochen, den Kolumbien getan hat. Heute bei der Messe haben Sie gesagt, dass der Dialog zwischen zwei Parteien nicht genug war, sondern andere Akteure eingeschaltet werden mussten. Halten Sie es für möglich, dieses kolumbianische Modell auf andere internationale Konflikte anzuwenden?

Andere Menschen einbinden… Auch bei der heutigen Predigt habe ich darüber gesprochen und mich dazu durch das Evangelium anregen lassen. Andere einbeziehen: das ist nicht das erste Mal. Bei vielen Konflikten sind andere einbezogen worden. Das ist eine kluge, politische Vorgehensweise… Es ist klug, um Hilfe zu bitten. Ich bin der Meinung – wie ich heute bei der Predigt andeuten wollte, die eher eine Botschaft als eine Predigt war – dass diese politischen Mittel helfen und manchmal das Eingreifen der Vereinten Nationen erforderlich ist, um aus einer Krise herauszukommen. Doch ein Friedensprozess wird nur dann vorankommen, wenn das Volk ihn in die Hand nimmt. Wenn das Volk ihn nicht in die Hand nimmt, kann man nur ein Stück weit gehen, zu einem Kompromiss gelangen… Das habe ich bei diesem Besuch deutlich zu machen versucht: Entweder wird die Aussöhnung durch das Volk getragen oder man wird nur bis zu einem gewissen Punkt kommen. Doch wenn das Volk den Friedensprozess in die Hand nimmt, dann kann es gute Ergebnisse erzielen. Das ist der beste Weg. Danke.

Greg Burke: Jetzt Elena Pinardi.

Elena Pinardi (EBU-UER): Guten Abend, Heiliger Vater. Zunächst möchten wir Sie fragen, wie es Ihnen geht. Wir haben alle gesehen, dass Sie sich am Kopf gestoßen haben: Wie geht es Ihnen? Haben Sie sich weh getan?

Ich habe mich ein bisschen nach vorne gebeugt, um ein paar Kinder zu begrüßen, und das Glas nicht gesehen… und „bums“.

Elena Pinardi: Nun, die Frage ist folgende: Während unseres Fluges kommen wir in der Nähe des Hurrikans „Irma“ vorbei, der auf den Karibischen Inseln und auf Kuba Dutzende von Toten gefordert und enorme Schäden verursacht hat, und man befürchtet, dass weite Teile Floridas überflutet werden können. Sechs Millionen Menschen haben ihre Häuser verlassen müssen. Nach dem Hurrikan „Harvey“ gab es nahezu gleichzeitig drei Hurrikane in diesem Gebiet. Die Wissenschaftler sind der Meinung, die Erwärmung der Ozeane sei ein Faktor, der dazu beitrage, dass die für diese Jahreszeit typischen Hurrikane und Unwetter stärker werden. Gibt es eine moralische Verantwortung der politischen Führer, die sich weigern, mit den anderen Nationen zusammenzuarbeiten, um die Treibhausgasemissionen zu kontrollieren, weil sie abstreiten, dass die Klimaveränderung auch ein Werk des Menschen ist?

Danke. Ich gehe vom letzten Teil aus, um ihn nicht zu vergessen: Wer das abstreitet, soll zu den Wissenschaftlern gehen und sie fragen. Ihre Aussagen sind absolut klar. Wissenschaftler sind präzise. Neulich kam die Nachricht, dass dieses Schiff – ein russisches, glaube ich –, das über den Nordpol von Norwegen nach Japan oder Taipei unterwegs war, ohne Eisbrecher fahren konnte. Und die Fotos haben Eisbrocken gezeigt… Man kann jetzt über den Nordpol fahren. Das ist deutlich, ganz deutlich. Als die Nachricht erschien – von einer Universität, ich weiß nicht mehr wo –, erschien eine andere, die besagte: „Es bleiben uns nur drei Jahre, um umzukehren, sonst werden die Folgen schrecklich sein“. Ich weiß nicht, ob das mit den „drei Jahren“ wirklich stimmt; doch dass es, wenn wir nicht umkehren, „bergab“ geht, das ist richtig. Die Folgen des Klimawandels sind zu sehen, und die Wissenschaftler zeigen klar den Weg auf, dem zu folgen ist. Und wir alle tragen Verantwortung, wir alle. Jeder eine kleinere oder größere moralische Verantwortung: indem man akzeptiert, seine Meinung kundtut oder Entscheidungen trifft. Und wir müssen das ernst nehmen. Ich glaube, dass man über diese Dinge nicht scherzen darf, sie sind wirklich ernst. Sie fragen mich: welches ist die moralische Verantwortung? Jeder hat die seine. Auch die Politiker. Jeder hat die seine. Der Antwort entsprechend, die er gibt.

Elena Pinardi: Es gibt Leute, die bei all diesen atmosphärischen Phänomenen die Apokalypse kommen sehen…

Ich weiß nicht. Ich sage: Erstens hat jeder seine moralische Verantwortung. Zweitens: Wenn jemand vielleicht Zweifel daran hat, dass das nicht ganz stimmt, dann frage er die Wissenschaftler. Ihre Aussagen sind absolut klar. Das sind keine aus der Luft gegriffenen Meinungen: sie sind absolut klar. Und dann soll er entscheiden. Und die Geschichte wird die Entscheidungen beurteilen. Danke.

Greg Burke: Hier ist Enzo Romero und dann Valentina.

Enzo Romeo (Rai): Guten Abend, Heiliger Vater. Ich möchte mich noch einmal auf die Frage beziehen, die die Kollegin eben gestellt hat, denn Sie haben bei Ihren Reden in Kolumbien mehrfach die Notwendigkeit in Erinnerung gerufen, Frieden mit der Schöpfung zu schließen, die Umwelt als notwendige Voraussetzung zu respektieren, dass ein stabiler sozialen Frieden geschaffen werden kann. Und wir sehen die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen auch in Italien: ich weiß nicht, ob Sie darüber informiert sind, dass es in Livorno Tote gegeben hat…

… Ja, nach dreieinhalb Monaten ohne Regen…

Enzo Romeo: Genau. Viele Schäden in Rom… Wir sind also alle von diesen Umständen betroffen. Warum aber rückt das nur so langsam ins Bewusstsein? Vor allem seitens der Regierungen, die in anderen Bereichen hingegen so eifrig sind – etwa bei der Rüstung: wenn wir uns etwa die Koreakrise ansehen. Auch dazu würde ich gerne Ihre Meinung hören.

Warum? Mir fällt dazu ein Satz aus dem Alten Testament ein: der Mensch ist ein Dummkopf, ein Starrkopf, der nichts sieht. Das einzige Tier der Schöpfung, das zweimal in dasselbe Loch fällt, ist der Mensch. Das Pferd und die anderen Tiere tun das nicht. Es gibt den Hochmut, die Anmaßung, zu sagen: „Nein, aber so wird es nicht sein…“. Und dann gibt es noch den Gott der „eigenen Tasche“. Das betrifft nicht nur die Schöpfung: das betrifft viele Dinge, viele Entscheidungen, viele Widersprüche und einiges hängt vom Geld ab. Heute in Cartagena: Ich habe auf der einen Seite, nennen wir sie die arme Seite von Cartagena, angefangen. Arm. Auf der anderen Seite, der touristischen, Luxus, maßloser, unmoralischer Luxus. Sehen die, die dorthin fahren, das denn nicht? Oder die gesellschaftspolitischen Analytiker, sehen sie das nicht? Der Mensch ist ein Dummkopf heißt es in der Bibel. Das ist so: Wenn einer nichts sehen will, dann sieht er nichts. Man sieht nur auf die eine Seite. Ich weiß es nicht, und Nordkorea – um die Wahrheit zu sagen – verstehe ich wirklich nicht. Denn diese Welt der Geopolitik verstehe ich wirklich nicht, das fällt mir sehr schwer. Doch nach dem, was ich sehe, glaube ich, dass es dort einen Interessenkampf gibt, den ich nicht verstehe, ich kann das wirklich nicht erklären. Doch der andere Aspekt ist wichtig: Man macht sich die Dinge nicht bewusst. Denken Sie an Cartagena heute. Das ist nicht gerecht, kann das ins Bewusstsein dringen? Das fällt mir dazu ein. Danke.

Greg Burke: Valentina…

… die Dekanin…

Valentina Alazraki (Televisa): (fragt ihn, wie es ihm geht)

Aber es tut nicht weh. Ich habe nur eins aufs Auge bekommen [alle lachen].

Valentina Alazraki: Es tut uns trotzdem leid. Auch wenn es Ihnen nicht weh tut.

Heiliger Vater, jedes Mal, wenn Sie in irgendeinem Teil der Welt mit Jugendlichen zusammenkommen, sagen Sie ihnen: „Lasst Euch die Hoffnung nicht rauben, lasst Euch die Freude und die Zukunft nicht rauben“. In den Vereinigten Staaten ist leider das Gesetz der „Dreamers“, der Träumer, aufgehoben worden: Wir reden von achthunderttausend jungen Menschen, sehr vielen Mexikanern, Kolumbianern, sowie Jugendlichen aus vielen anderen Ländern. Glauben Sie nicht, dass diese Jugendlichen durch die Aufhebung dieses Gesetzes die Freude, die Hoffnung, die Zukunft verlieren? Und dann, um Ihre Freundlichkeit und die der Kollegen auszunutzen, könnten Sie ein kurzes Gebet sprechen, einen kurzen Gedanken für alle Opfer des Erdbebens in Mexiko und des Hurrikans Irma? Danke.

Ich habe von diesem Gesetz gehört; ich konnte die Artikel nicht lesen und wie die Entscheidung getroffen wurde. Ich kenne sie nicht genau, aber erstens: Die jungen Menschen von der Familie zu lösen ist weder für die Jugendlichen noch für die Familie gut. Ich glaube, dass dieses Gesetz nicht vom Parlament, sondern von der Exekutive kommt, und wenn das der Fall ist – aber da bin ich mir nicht sicher –, besteht Hoffnung, dass man es nochmals ein wenig überdenkt. Denn ich habe den Präsidenten der Vereinigten Staaten reden hören: Er tritt als Lebensrechtler auf, und wenn er ein guter Lebensrechtler ist, dann versteht er, dass die Familie die Wiege des Lebens ist und dass man ihre Einheit schützen muss. Daher interessiert es mich, mir dieses Gesetz genau anzusehen. Doch wirklich – im allgemeinen, sowohl in diesem als auch in anderen Fällen –: wenn sich die jungen Menschen ausgenutzt fühlen, wie es oft geschieht, dann verlieren sie am Ende die Hoffnung. Und wer raubt die Hoffnung? Drogen, andere Abhängigkeiten, Selbstmord… Die Selbstmordrate unter den Jugendlichen ist sehr hoch, und dazu kommt es, wenn sie ihre Wurzeln verlieren. Es ist ganz wichtig, dass ein Jugendlicher seine Wurzeln nicht verliert. Die entwurzelten Jugendlichen bitten heute um Hilfe: sie wollen wieder zu ihren Wurzeln finden. Daher poche ich so auf den Dialog zwischen den jungen und den alten Menschen – ein wenig unter Umgehung der Eltern. Sie sollen mit den Eltern reden, doch die alten Menschen [sind wichtig], denn dort sind die Wurzeln; und es gibt einen etwas größeren Abstand, dadurch werden Konflikte vermieden, die man mit den näherliegenden Wurzeln – wie den Eltern – haben kann. Doch die jungen Menschen heute müssen ihre Wurzeln wiederfinden. Alles, was dem entgegensteht, raubt ihnen die Hoffnung. Ich weiß nicht, ob ich die Frage damit beantwortet habe…

Valentina Alazraki: Sie können aus den Vereinigten Staaten deportiert werden…

Ja, ja, sie verlieren Wurzeln… Das ist ein Problem. Aber ich möchte mich wirklich zu dem Gesetz nicht äußern, weil ich es nicht gelesen habe und nicht gerne über etwas rede, dass ich mir vorher nicht genau angesehen habe. Und dann: Valentina ist Mexikanerin und Mexiko hat stark gelitten und für Letzteres bitte ich alle um Solidarität mit der „Dekanin“ – da ist der andere „Dekan“ – und ein Gebet für ihr Heimatland. Danke.

Greg Burke: Danke, Heiliger Vater. Jetzt Fausto Gasparroni von der Ansa.

Fausto Gasparroni (Ansa): Heiliger Vater, im Namen der italienischen Gruppe möchte ich Ihnen eine Frage über die Migranten stellen, vor allem über die Tatsache, dass die italienische Kirche kürzlich – sagen wir – eine Art Verständnis gegenüber der neuen Politik der Regierung zum Ausdruck gebracht hat, den Aufbruch aus Libyen und damit die Ankunft in Italien einzudämmen. Es ist auch geschrieben worden, dass es dazu ein Treffen zwischen Ihnen und dem Ministerpräsidenten gegeben hat. Wir wüssten gerne, ob bei dieser Begegnung wirklich über dieses Thema gesprochen worden ist, ob es dieses Treffen gegeben hat und dieses Thema behandelt wurde, und vor allem was Sie über diese Politik denken, den Aufbruch zu verhindern, auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Migranten, die dann in Libyen bleiben – wie Untersuchungen ergeben haben – unter unmenschlichen Bedingungen in sehr, sehr prekären Verhältnissen leben. Danke.

Zunächst einmal: Die Begegnung mit Premierminister Gentiloni war persönlicher Art, und dieses Thema wurde nicht behandelt. Das Treffen hat stattgefunden, bevor das Problem ein paar Wochen später – fast einen Monat später – aufgekommen ist. Es hat vorher stattgefunden. Zweitens: Ich fühle mich Italien und Griechenland gegenüber zur Dankbarkeit verpflichtet, weil sie den Migranten ihr Herz geöffnet haben. Doch es reicht nicht, sein Herz zu öffnen. Natürlich ist das Problem der Migranten zunächst immer, ein offenes Herz zu haben. Es ist auch ein Gebot Gottes, sie aufzunehmen, „denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen“ (Lev 19,34), so heißt es in der Bibel. Doch eine Regierung muss dieses Problem mit der Tugend der Regierenden lösen: der Besonnenheit. Was heißt das? Erstens: wie viele Plätze habe ich? Zweitens: sie nicht nur aufnehmen, sondern auch integrieren. Sie integrieren. Ich habe – hier, in Italien – wunderbare Beispiele der Integration gesehen. Als ich die Universität Rom III besucht habe, haben vier Studenten mir Fragen gestellt; eine, die letzte, die mir eine Frage gestellt hat, habe ich angesehen [und gedacht]: „Das Gesicht kenne ich doch …“. Es war eine Studentin, die vor etwas weniger als einem Jahr aus Lesbos mit mir im Flugzeug nach Rom gereist war. Sie hat die Sprache gelernt, und da sie in ihrer Heimat Biologie studiert hatte, hat sie sich das anerkennen lassen und hier weiter studiert. Sie hat die Sprache gelernt. Das heißt „integrieren“. Bei einem anderen Flug – ich glaube, als wir aus Schweden zurückkamen – habe ich über die schwedische Integrationspolitik als Modell gesprochen, doch auch Schweden hat – mit Besonnenheit – gesagt: „Die Zahlen sind die; mehr geht nicht“. Denn sonst besteht die Gefahr der Nicht-Integration. Drittens: Das, von dem Sie gesprochen haben, ist ein humanitäres Problem. Nimmt die Menschheit diese Lager zur Kenntnis? Die Verhältnisse, die Sie erwähnt haben, in der Wüste? Ich habe Bilder gesehen… Dort gibt es Schinder… Sie haben über die italienische Regierung gesprochen: Sie vermittelt mir den Eindruck, dass sie alles tut, um humanitäre Hilfe zu leisten und auch das Problem zu lösen, das nicht von ihr abhängig ist…

Jedenfalls: Herz immer offen, Besonnenheit, Integration und menschliche Nähe.

Und dann möchte ich noch ein Letztes sagen, und das gilt vor allem für Afrika. In unserem kollektiven Unterbewusstsein steckt eine Devise, ein Grundsatz: „Afrika muss ausgebeutet werden“. In Cartagena haben wir heute ein Beispiel für Ausbeutung – von Menschen in diesem Fall [dem der Sklaven] – gesehen. Und ein Regierungsoberhaupt hat diesbezüglich eine schöne Wahrheit gesagt: „Diejenigen, die vor dem Krieg fliehen, das ist ein anderes Problem; doch für viele, die vor dem Hunger fliehen, sollten wir dort investieren, damit sie wachsen können.“ Aber im kollektiven Unterbewusstsein ist verankert, dass, wenn entwickelte Länder nach Afrika gehen, dann, um es auszubeuten. Wir müssen hier eine Wende herbeiführen: Wir sind Afrika in Freundschaft verbunden und müssen ihm helfen, zu wachsen. Die Kriege gehören zu einem anderem Problemkreis. Ich weiß nicht, ob ich das damit klar gemacht habe…

Greg Burke: Heiliger Vater, wir müssen gehen. Doch vielleicht können wir noch eine Frage stellen? Xavier Le Norman, I.Media.

Xavier Le Norman (I.Media): Bon soir, Heiliger Vater. Sie haben heute nach dem Angelus über Venezuela gesprochen. Und gefordert, dass jede Gewalt aus dem politischen Leben verdrängt werden muss. Am Donnerstag haben Sie nach der Messe in Bogotá fünf Bischöfe aus Venezuela begrüßt. Wir alle wissen: der Heilige Stuhl war und ist noch sehr um einen Dialog in diesem Land bemüht. Sie fordern jetzt schon seit Monaten ein Ende der Gewalt. Doch Präsident Maduro findet auf der einen Seite harte Worte gegen die Bischöfe und auf der anderen sagt er, er stehe auf der Seite von Papst Franziskus. Wäre es nicht möglich, stärkere und vielleicht deutlichere Worte zu finden? Danke, Heiliger Vater.

Ich glaube, der Heilige Stuhl hat laut und deutlich gesprochen. Was Präsident Maduro sagt, das muss er schon erklären: Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Doch der Heilige Stuhl hat viel getan: Er hat einen hervorragenden Nuntius in jene Arbeitsgruppe der vier ehemaligen Präsidenten gesandt; dann hat er gesprochen, mit den Menschen und in der Öffentlichkeit. Ich habe beim Angelus oftmals über die Situation gesprochen, und immer nach einem Ausweg gesucht, geholfen, Hilfe angeboten, um einen Ausweg zu finden. Ich weiß nicht… Aber die Sache scheint sehr schwierig zu sein, und was am meisten schmerzt, ist das humanitäre Problem: so viele Menschen, die flüchten oder leiden… Ein humanitäres Problem, zu dessen Lösung wir auf jede Weise beitragen müssen. Ich glaube, dass die Vereinten Nationen auch dort von sich hören lassen sollten, um zu helfen… Danke.

Greg Burke: Danke, Heiliger Vater. Ich glaube, jetzt müssen wir gehen.

Wegen der Turbulenzen?

Greg Burke: Ja…

Es heißt, dass es Turbulenzen gibt, dass wir gehen müssen. Aber ich danke Euch sehr, ich danke Euch sehr für Eure Arbeit. Und nochmals möchte ich dem Beispiel des kolumbianischen Volkes danken. Und ich möchte mit einem Bild schließen, das mich bei den Kolumbianern am meisten beeindruckt hat: In den vier Städten war die Menge auf den Straßen, um mich zu begrüßen… Was mich am meisten beeindruckt hat, war, dass die Väter und die Mütter ihre Kinder hochgehoben haben, um sie dem Papst zu zeigen und damit der Papst ihnen den Segen erteile. Als wollten sie sagen: „Das ist mein Schatz, das ist meine Hoffnung, das ist meine Zukunft. Daran glaube ich“. Das hat mich beeindruckt. Die Zärtlichkeit. Die Augen jener Väter und jener Mütter. Wunderschön, wirklich wunderschön! Das ist ein Symbol, ein Symbol der Hoffnung und der Zukunft. Ein Volk, das Kinder zu zeugen und sie vorzuzeigen vermag, als wolle es sagen: „Das ist mein Schatz“, ist ein Volk, das Hoffnung und Zukunft hat. Vielen Dank. Danke.

Greg Burke: Danke, Heiliger Vater. Angenehme Ruhe.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller