„Wir Hirten sind zur Mission aufgerufen“

Der Präfekt der Kleruskongregation ermutigt die Geistlichen in einem aktuellen Schreiben zum Priesterjahr, das Evangelium mutig zu verkündigen

Der Präfekt der vatikanischen Kleruskongregation hat die Priester zur Mission aufgerufen. Angesichts eines weit verbreiteten Relativismus müssten die sogenannten „Post-Christen“ wieder zur Begegnung mit Jesus geführt werden, so Kardinal Claudio Hummes in seiner am Samstag veröffentlichten Augustbotschaft zum Priesterjahr. Die Priester sollten das Wort Gottes nicht nur „von den Fenstern ihrer Pfarrhäuser“ säen, sondern sie müssten ins „offene Feld der Gesellschaft hinausziehen“ – zu den Armen, den Familien und Fernstehenden.

Jesus sagte: „Ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten“ (Joh 12, 47)

Liebe Priester!

Die heute dominierende westliche Kultur, die sich in der Welt über die globalisierten Kommunikationsmittel und die Mobilität der Menschen auch in den Ländern mit einer anderen Kultur immer mehr ausbreitet, stellt die Evangelisierung vor neue und sehr anspruchsvolle Herausforderungen. Es handelt sich um eine Kultur, die zutiefst von einem Relativismus gezeichnet ist, der jede Behauptung einer absoluten und transzendenten Wahrheit ablehnt, daher auch die Grundlagen der Moral zerstört und sich der Religion verschließt. So geht die Leidenschaft für die Wahrheit verloren, ja, sie wird als „nutzlose Leidenschaft“ abgestempelt.

Der Relativismus bereitet den Boden für den Nihilismus

Andererseits aber stellte sich Jesus Christus gerade als die Wahrheit, der universale Logos, die Vernunft vor, die alles Seiende erhellt und verdeutlicht. Den Relativismus begleitet dann ein individualistischer Subjektivismus, der das eigene Ich zum Mittelpunkt aller Dinge macht. Schließlich gelangt man zum Nihilismus, laut dem es nichts und niemanden gibt, für den es sich lohnen würde, sein ganzes Leben einzusetzen; die Folge ist, dass das Leben keinen wahren Sinn mehr hat. Dennoch ist anzuerkennen, dass die gegenwärtig vorherrschende postmoderne Kultur einen großen und wahren wissenschaftlichen sowie technologischen Fortschritt mit sich bringt, der den Menschen – und dabei vor allem die jungen Menschen – fasziniert. Die Verwendung dieses Fortschrittes hat leider nicht immer als erstes Ziel das Wohl des Einzelnen und aller Menschen. Ihm fehlt ein ganzheitlicher Humanismus, der ihm seinen wahren Sinn verleihen und sein wahres Ziel weisen könnte. Wir könnten noch von anderen Aspekten dieser Kultur sprechen: von Konsumismus, Ausschweifung, Kultur des Showbusiness und des Körpers. Man kommt nicht umhin festzustellen, dass all dies einen Laizismus hervorbringt, der die Religion nicht will, der alles daransetzt, sie zu schwächen oder wenigstens auf das Privatleben der Personen zu begrenzen.

Diese Kultur führt im Großteil der christlichen Länder und in besonderer Weise im Westen zu einer nur allzu sichtbaren Entchristlichung. Die Zahl der Priesterberufe ist zurückgegangen. So hat aufgrund des Mangels an Berufungen und bedingt durch den Einfluss des kulturellen Umfeldes, in dem die Priester leben, deren Anzahl abgenommen. Auf all dies könnte man mit Verzagtheit und Pessimismus reagieren, womit der modernen Welt scheinbar das Urteil gesprochen wäre und man sich gedrängt fühlte, sich in die Defensive, in die Schützengräben des Widerstandes zu begeben.

Jesus Christus sagt indessen: „Ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten“ (Joh 12, 47). Wir dürfen weder mutlos werden noch vor der aktuellen Gesellschaft Angst haben oder sie einfach verurteilen. Sie muss gerettet werden! Jede Kultur des Menschen, auch die heutige, kann evangelisiert werden. In jeder Kultur sind „semina Verbi“ vorhanden, die für das Evangelium offen sind. Gewiss auch in unserer heutigen Kultur. Zweifellos würden auch die sogenannten Post-Christen sich angesprochen fühlen und sich öffnen, wenn man sie zu einer wahren, persönlichen und gemeinschaftlichen Begegnung mit Jesus Christus als lebendiger Person führen würde. Bei einer derartigen Begegnung kann jeder Mensch guten Willens von Ihm ergriffen werden. Er liebt alle und klopft an die Türen aller, da er ausnahmslos alle retten will. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben – für alle. Er ist der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen.

Meine lieben Priester, wir Hirten sind heute mit aller Dringlichkeit zur Mission aufgerufen, sowohl „ad gentes“ als auch innerhalb der Regionen der christlichen Länder, wo sich sehr viele Getaufte von der Teilnahme in unseren Gemeinden entfernt oder sogar den Glauben verloren haben.

Bloß nicht ängstlich zuhause verkriechen

Wir dürfen weder Angst haben noch gemütlich bei uns zuhause bleiben. Der Herr hat seinen Jüngern gesagt: „Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen?“ (Mt 8, 26). „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ (Joh 14, 1). „Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus“ (Mt 5, 15). „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“ (Mk 16, 15). „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28, 20).

Wir werden den Samen des Wortes Gottes nicht nur vom Fenster unseres Pfarrhauses aus säen, sondern wir werden ins offene Feld unserer Gesellschaft hinausziehen, angefangen bei den Armen, und so auch alle Ebenen und Institutionen der Gesellschaft erreichen. Wir werden die Familien besuchen gehen, alle Menschen, vor allem die Getauften, die nun fernstehend sind. Unser Volk will die Nähe seiner Kirche spüren. Wir werden dies tun und voll Freude und Begeisterung auf die heutige Gesellschaft zugehen, in der Gewissheit, dass der Herr uns in der Mission zur Seite steht und dass er an die Türen der Herzen derjeniger klopft, denen wir Ihn verkünden werden.

Cláudio Card. Hummes

Emeritierter Erzbischof von Sao Paulo

Präfekt der Kongregation für den Klerus