Willkommenskultur für Ungeborene

Wenn wir rechtzeitig an die Ränder gehen, sind Mütter in Not zu erreichen – Ein Plädoyer für eine Pionierrolle der Kirche. Von Weihbischof Thomas Maria Renz

Viel mehr wert, als die Gesellschaft gelten lässt: Das Leben eines Kindes. Foto: KNA
Viel mehr wert, als die Gesellschaft gelten lässt: Das Leben eines Kindes. Foto: KNA

Wir Deutschen sind ein ausgesprochen tierliebes Volk. Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht in den Verkehrsnachrichten gewarnt werden vor größeren und kleineren Tieren, die sich auf unsere Straßen verirrt haben. Weil immer mehr Menschen alleine leben, werden Haustiere immer häufiger zu ihren engsten Begleitern und ziemlich besten Freunden. Die Zuneigung zwischen Mensch und Tier geht so weit, dass manche Städte neuerdings sogar die Möglichkeit einer gemeinsamen Bestattung anbieten: Liebe bis in den Tod! Die Tierliebe lassen wir uns auch einiges kosten. Zum Beispiel schlägt eine Amphibienschutzanlage von einem Kilometer Länge mit vier Durchlässen, die Kröten im Frühjahr sicher zu ihren Laichgründen führen, mit gut 190 000 Euro zu Buche. Und da bei Krötenwanderungen jährlich hunderttausende Amphibien auf unseren Straßen zu Tode kommen, geben wir viele Millionen aus, um diese Zahl zu reduzieren. An Großherzigkeit und Geld fehlt es uns Deutschen wahrlich nicht, wenn es um den Tier- und Artenschutz geht. Doch wie sieht es aus, wenn das „Schutzobjekt“ nicht ein Frosch ist, sondern ein Mensch?

Das Statistische Bundesamt hat gerade wieder die neuesten Abtreibungszahlen veröffentlicht. Demnach haben im Jahr 2015 in Deutschland mindestens 99 200 Kinder im Leib ihrer Mutter nicht das Leben, sondern den Tod gefunden. Und das ist nur die offizielle Zahl der gemeldeten Abtreibungen. Was tut unsere Gesellschaft, was tut unser Staat, was tun unsere Kirchen, damit sich diese Zahl endlich signifikant reduziert? Oder anders gefragt: Investieren wir mindestens so viel Leidenschaft, Kreativität und Geld in den Lebensschutz von Menschen wie in den Lebensschutz von Fröschen? Bei plus minus 100 000 Abtreibungen pro Jahr muss das ernsthaft bezweifelt werden.

Mir scheint, dass wir uns längst an die Meldung von rund 100 000 Abtreibungen pro Jahr gewöhnt haben, und zwar nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern leider auch in unseren Kirchen. Ich befürchte, dass es diese Meldung nicht einmal mehr in unsere Sonntagsfürbitten schafft. Aber können sich Christen wirklich an die hunderttausendfache Kindestötung im Mutterleib gewöhnen? Widerspräche das nicht zutiefst ihrem Christsein und ihrem Selbstverständnis als Ebenbild Gottes? Und doch: Empfinden wir die Tötung eines ungeborenen Kindes noch als „ein Verbrechen und ein absolutes Übel“, wie es Papst Franziskus erst jüngst formuliert hat? Hunderttausend! Das sind jeden Tag 270 Kinder oder neun Schulklassen a dreißig Kinder, und das Tag für Tag und Jahr für Jahr.

„Der Feind des Friedens ist nicht nur der Krieg, sondern auch die Gleichgültigkeit“, sagte Papst Franziskus am diesjährigen Weltfriedenstag. Diese bemerkenswerte Aussage gilt nicht nur für die Tötung von Menschen in Kriegsgebieten, sondern auch für die Tötung von Kindern im Mutterleib. Deshalb müssen wir deutlich machen: „Der Feind des Lebens ist nicht nur die Abtreibung, sondern auch die Gleichgültigkeit!“ Denn die Gleichgültigkeit verursacht einen Gewöhnungseffekt mit katastrophalen Folgen. Wir schweigen das Problem lieber tot, als dass wir uns ihm stellen und uns damit vielleicht bei denen unbeliebt machen, die sich mit dem Status quo abgefunden und das Thema längst abgehakt haben. Da erscheint jeder, der es noch einmal aufgreift, als Störenfried. Deshalb können Lebensschützer aus christlicher Überzeugung nicht einmal mehr innerhalb ihrer eigenen Kirche mit uneingeschränkter Sympathie rechnen. Aber wenn nicht einmal mehr die Christen in unserem Land die Katastrophe der hunderttausendfachen Kindstötungen im Mutterleib thematisieren und wie Rachel beweinen, dann tut es niemand mehr. Dann aber hätten wir die Hilflosesten der Hilflosen und die Schwächsten der Schwachen bereits aufgegeben.

Doch was wäre zu tun? Zwei bewusste Entscheidungen sind nach meiner Überzeugung Grundvoraussetzung dafür, dass sich die Zahl der jährlichen Abtreibungen in unserem Land signifikant senken lässt. Zum einen ein notwendiger Paradigmenwechsel in der Konfliktberatung: Bisher galt: Wenn eine Frau in einen Schwangerschaftskonflikt gerät, sucht sie gegebenenfalls von sich aus eine Beratungsstelle auf. Das heißt, sie wird aktiv und die Beraterin verhält sich zunächst passiv. Künftig muss gelten: Wenn eine Frau in einen Schwangerschaftskonflikt gerät, wird sie von Beraterinnen gefunden, die bereits auf sie gewartet haben. Das heißt, sie ist zunächst passiv und die Beraterin wird zuerst aktiv. Was ist damit gemeint? Es müsste darum gehen, Frauen in der kurzen Phase zwischen dem Gewahrwerden ihrer ungeplanten Schwangerschaft und der oft furchtbar einsamen Entscheidung über die Annahme oder Ablehnung ihres Kindes schnell zu erreichen, gewissermaßen rasch „einen Fuß in die Tür zu bekommen“. Das ist ein echter Wettlauf gegen die Zeit! Wenn er verloren geht, ist oft auch das Kind verloren, um das es geht. Denn wenn verzweifelte Frauen in der Schockphase von vielleicht nur wenigen Stunden oder Tagen alleine gelassen oder unter Druck gesetzt werden, ist die Entscheidung gegen das Kind meist schon gefallen. Daher gilt es, in dieser entscheidenden Phase, in der es um Leben oder Tod geht, diese Frauen zu erreichen, zu ihnen Kontakt und Vertrauen aufzubauen, um ihnen ein offenes Ohr, Verständnis und vor allem viel Zeit zu schenken. Damit sie anschließend in größtmöglicher Freiheit „Ja“ sagen können zu dem Kind in ihrem Leib, das ein Geschenk Gottes ist, aber ihnen nicht gehört, sondern ihnen lediglich zu treuen Händen anvertraut ist.

In dieser kurzen Schockphase gilt es also, die ungewollt Schwangeren aktiv zu erreichen. Da genügt es nicht, passiv abzuwarten, bis sie vielleicht von sich aus den Weg in eine Beratungsstelle finden. Vermutlich werden nur die allerwenigsten Frauen im Konfliktfall von sich aus eine Beratungsstelle aufsuchen – es sei denn, sie wollen den zur Abtreibung erforderlichen Beratungsschein, den es aber aus guten Gründen in katholischen Beratungsstellen nicht gibt. Die allermeisten Frauen werden den Konflikt um ihr Kind mit sich selbst oder gegebenenfalls mit ihrem Partner austragen. Wenn aber sowohl der Partner als auch Freundinnen als Gesprächspartner ausfallen, bleibt oft nur noch das Internet, das den Betroffenen Tag und Nacht zur Verfügung steht und ihnen im Schutz der Anonymität Informationen, Diskussionsforen und Entscheidungshilfen bietet. Deshalb ist nichts wichtiger, als dass sich möglichst viele Beraterinnen mit großer Leidenschaft für das Leben und mit bester Qualifikation rund um die Uhr und sieben Tage die Woche dort aufhalten, wo Frauen mit zerrissenem Herzen, zerrauften Haaren und verheultem Gesicht umherirren, um vielleicht noch irgendeinen Strohhalm zu finden, an den sie sich vor ihrer folgenschweren Entscheidung klammern könnten.

Die Dramatik der oft schmerzlich durchlittenen Tage und einsam durchwachten Nächte vor der Entscheidung über Leben und Tod des Kindes kann man sich nicht drastisch genug vorstellen. Hier müssten gerade die Kirchen, die es sich auf ihre Fahnen geschrieben haben, den „Bedrängten aller Art“ zur Seite zu stehen, Pionierinnen sein auf der Suche nach neuen, zeitgemäßen und proaktiven Wegen der Konfliktberatung.

„Proaktivität“ ist das Schlüsselwort für das neue Denken und Handeln in einem Beratungsmodell, das schwangere Frauen in Konfliktsituationen grundsätzlich flächendeckend im Land erreichen kann. „Proaktiv“ meint ein initiatives, vorausschauendes Handeln im Gegensatz zu einem abwartenden, reaktiven Handeln und setzt eine entsprechende innere Einstellung voraus. Einem erfolgversprechenden Beratungsmodell der Zukunft muss also eine Haltungsänderung vorausgehen. Beraterinnen warten nicht mehr passiv im Büro oder am Telefon auf „Kundschaft“, sondern sie gehen aktiv hinaus an die „Hecken und Zäune“ unserer modernen Welt, an denen Frauen ihren Schwangerschaftskonflikt oft genug mit sich alleine austragen.

Machen wir uns nichts vor: Wenn uns dieser Paradigmenwechsel von einer passiven Wartehaltung zu einer aktiven Suchbewegung nicht gelingt, werden wir der zigfachen unterlassenen Hilfeleistung an den schutzlosesten Geschöpfen schuldig! Denn ihr Leben ist durchaus zu retten, wenn wir nur rechtzeitig ihre Mütter erreichen. Das ist inzwischen eindeutig erwiesen und hinlänglich belegt. Aber man muss diesen Paradigmenwechsel eben auch wollen! Er erfordert die Einsicht, dass bisherige Strategien und Konzepte nicht mehr ausreichen, um möglichst viele Menschenleben zu retten. Und er erfordert die Bereitschaft, aus der eigenen Komfortzone hinauszugehen an die Ränder unserer Welt, wo einem der Wind manchmal heftig ins Gesicht schlägt.

Ein notwendiger Prioritätenwechsel bei den Arbeitgebern: Was sind die Hauptgründe, die Frauen in einen Schwangerschaftskonflikt bringen? Neuesten Erhebungen zufolge sind es vor allem Partnerschaftsprobleme (35 Prozent) und lebensbiographische, berufliche Gründe (28 Prozent). Dagegen werden Überforderung (11 Prozent), äußerer Druck (8 Prozent), medizinische Gründe bei der Mutter (6 Prozent) oder beim Kind (5 Prozent) sowie materielle Sorgen (6 Prozent) eher selten genannt. Vor allem die beruflichen Konflikte müssten also genauer analysiert werden im Hinblick auf Lösungen in einem Schwangerschaftskonflikt zugunsten einer Entscheidung für das Kind. Oft ist eine junge Frau, die ungewollt schwanger wird, entweder noch in der Schule, in der Ausbildung, im Studium oder sie hat Angst um ihren Arbeitsplatz, weil sie nur einen befristeten Arbeitsvertrag besitzt, weil sie sich gerade selbstständig gemacht oder erst ihren Traumjob bekommen hat. Dann kann es bei einer ungewollten Schwangerschaft schon mal zu einer verständlichen Reaktion kommen wie dieser: „Ich bin eigentlich gegen Abtreibung, aber wenn ich dem Kind nichts bieten kann und arbeitslos werde?“ Das ist ein typischer Ausdruck einer lebensbiographischen Verunsicherung, die Frauen dazu bringen kann, gegen ihre innerste Überzeugung die Schwangerschaft zu beenden.

Die Bedeutung von Beruf und Einkommen, von Sicherheit und Zukunftsperspektiven spielt für Frauen eine immer wichtigere Rolle im Hinblick auf ihre Entscheidung für oder gegen das Kind. Hier steht ganz massiv die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf dem Prüfstein. Es bedürfte vieler Hilfen, Angebote und Sicherheiten von Seiten der Arbeitgeber, um Frauen angesichts einer ungewollten Schwangerschaft ihre beruflichen Zukunftsängste zu nehmen. Nur wenn ein Arbeitgeber seiner Angestellten Türen öffnet, Brücken baut und Sicherheiten garantiert, wird sich diese in der Zerreißprobe zwischen ihrer Liebe zum Job und ihrer Liebe zum Kind nicht für das eine und gegen das andere entscheiden müssen.

Hier müssen sich in erster Linie die Verantwortlichen in der Arbeitswelt in die Pflicht nehmen lassen. Denn nicht alle Entwicklungen der letzten Zeit waren segensreich für einen Kindersegen. Wenn der Trend zum Beispiel in Richtung „social freezing“ geht, bei dem sich Frauen ihre Eizellen in jungen Jahren einfrieren lassen, um sie nach der beruflichen Karriere wieder auftauen und befruchten zu lassen, dann ist das kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt. Denn solche Entwicklungen sind letztlich eine Bankrotterklärung für die soziale Errungenschaft der zeitgleichen Vereinbarkeit von zwei verständlichen Wünschen junger Paare, nämlich dem nach Kindern und dem nach beruflicher Betätigung. Nur wenn Arbeitgeber ausreichend Sicherheit und genügend flexible Arbeitsmodelle gewährleisten, bei denen Frauen, die schwanger werden, nicht Angst haben müssen um ihren Job und ihre Karriere, könnte dieser Konfliktgrund, der relativ häufig zu einer Abtreibung führt, entschärft werden.

Innovative und attraktive Arbeitszeitmodelle zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf müssten sich auch auf die ersten zwei bis drei Lebensjahre des Kindes erstrecken. Denn die für Ausnahmefälle vorgesehene Notlösung, dass Neugeborene schon bald nach ihrer Geburt in Krippen und Kitas abgegeben werden, darf nicht zum Normalfall frühkindlicher Erziehung werden. Weil die Bindung an die Eltern im Frühkindesalter ganz entscheidend ist für die spätere Bindungs- und Beziehungsfähigkeit eines Menschen, sollten die Eltern als Hauptbezugspersonen in den ersten zwei bis drei Lebensjahren nicht ohne große Not durch fremde Personen ersetzt werden. Eine zu frühe Trennung von der Erst- und Hauptbindungsperson bedeutet für ein Kind oft großes seelisches Leid, unnötiger Stress und die erschütternde Erfahrung von Entwurzelung. Untersuchungen belegen, „dass Kinder später tendenziell umso mehr problematisches Verhalten zeigen, je mehr Zeit sie seit ihrer Geburt insgesamt in familienergänzender Kinderbetreuung verbracht haben. Es scheint also ein Dosis-Wirkungs-Verhältnis zwischen dem Ausmaß früher Betreuung außerhalb der Familie und einer tendenziell ungünstigen Wirkung derselben zu geben“ (Empfehlungen der „Gesellschaft für seelische Gesundheit in der frühen Kindheit“).

Zurück zu den mindestens 99 200 Kindern, die im vergangenen Jahr das Licht der Welt nicht erblicken durften: Was wir dringend brauchen, ist eine neue „Willkommenskultur für Ungeborene“. Die meisten Menschen in unserem Land sind zu Recht stolz auf die Willkommenskultur, mit der wir im vergangenen Jahr hunderttausende Flüchtlinge bei uns aufgenommen haben. Aber Menschlichkeit wird erst dann zu einem unverwechselbaren Wesensmerkmal unserer Gesellschaft zählen, wenn wir nicht nur „die Fremden“, sondern auch „die Eigenen“ in den Genuss einer Willkommenskultur kommen lassen. Mehr als hunderttausend Abtreibungen pro Jahr sind aber ein nicht wegzudiskutierender Beweis dafür, dass wir davon noch weit entfernt sind. Eine „Willkommenskultur für Ungeborene“ müsste deutlich machen, dass das Leben jedes Menschen, ob geboren oder ungeboren, unendlich kostbar, ganz und gar einzigartig und daher selbstverständlich unantastbar ist. Denn wer könnte ernsthaft bestreiten, dass ein Menschenleben viel mehr wert ist als das Leben eines Frosches, für den wir weder Kosten noch Mühen scheuen, um ihn sicher und gefahrlos über die Straße zu bringen?