Wie ungehorsam ist der „Aufruf zum Ungehorsam“?

Die Feindbilder der Wiener Kirchenreformer: Kardinal Meisner, Bischof Müller, die jungen Priester und die bösen Medien. Von Stephan Baier

Jan Heiner Tück (vorne), Helmut Schüller (links) und Gregor Jansen. Foto: Kathbild/Rupprecht
Jan Heiner Tück (vorne), Helmut Schüller (links) und Gregor Jansen. Foto: Kathbild/Rupprecht

Wien (DT) Die schärfste Kontroverse des Abends lautete: Beinhaltet der „Aufruf zum Ungehorsam“ der österreichischen Pfarrerinitiative überhaupt etwas Ungehorsames? Der Wiener Jugendseelsorger und Geistliche Assistent der Wiener Hochschuljugend, Gregor Marcus Jansen, bestritt dies nämlich, während der Sprecher der Pfarrerinitiative, der frühere Wiener Generalvikar Helmut Schüller, die intellektuelle Redlichkeit besaß, es zuzugeben. Im Übrigen war die Präsentation des Sammelbandes „Risse im Fundament?“, erschienen im Herder Verlag, am Donnerstagabend in Wien Harmonie pur.

Der als Diskutant vorgesehene Wiener Generalvikar Nikolaus Krasa war erkrankt, und so waren für eventuell doch vernehmbare Misstöne die bösen Medien alleine verantwortlich. Es sei „medial so dargestellt worden, dass es einen Grabenkampf gebe in der Erzdiözese“, meinte Jansen, aber das sei „ein Konstrukt der Medien“. Auch der Herausgeber des Bandes, der in Wien lehrende Dogmatiker Jan-Heiner Tück, machte die Medien verantwortlich, weil sie zuerst die „innerkirchlichen Differenzen verstärken“, was dann wiederum „problematische Rückkoppelungseffekte“ habe.

Noch einige weitere Feindbilder wurden an diesem sonst so harmonischen Abend im Thomassaal des Wiener Dominikanerklosters gezeichnet: „Was da oft erzählt wird, von einem Herrn Müller oder Herrn Meisner, was sie unter Gehorsam verstehen, das muss diskutiert werden“, rechtfertigte Schüller das bei Priestern doch provokante Wort vom „Ungehorsam“. Und Jansen, Wiener Diözesanpriester mit rheinländischem Migrationshintergrund, kritisierte die Kölner Pfarr-Reform, die „von oben dekretiert“ worden sei, während man in Wien „keine Reißbrettlösungen“ anstrebe, sondern „auf verschiedene kirchliche Wirklichkeiten“ reagiere. Helmut Schüller schrieb der Erzdiözese Köln gar „Hardcore-Kuren“ zu. Und auch die jungen Priester – im Saal nicht vertreten – kamen ins Fadenkreuz der Kritik: Es sei ein „Dilemma, in dem wir uns tatsächlich befinden, dass viele jüngere Kollegen uns nicht folgen wollen“, klagte Schüller. Dies sei wohl eine Premiere „dass die Jungen den Alten erklären, was alles nicht geht“.

Jugendseelsorger Jansen, der anstelle des erkrankten Generalvikars eingesprungen war, sprach den Forderungskatalog der Pfarrerinitiative vom Verdacht des Ungehorsams frei: „Ich habe mir die sieben Punkte angeschaut und finde keinen Ungehorsam darin.“ Weiter wörtlich: „Die Pfarrer, die ungeschaut wiederverheiratete Geschiedene von den Sakramenten ausschließen, die sind ungehorsam.“ Die Inhalte des „Aufrufs zum Ungehorsam“ dagegen seien „pastorale Verantwortung, die wir leben“ und „konstruktives Weiterdenken kirchlicher Ordnungen“. Den Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, lobte Jansen dafür, dass er sich nicht dazu habe drängen lassen, Kirchenstrafen zu verhängen, und damit ein „großes Widerstandspotenzial“ gegen „rechts-außen“ bewiesen habe. Der Gehorsam in der Kirche sei „etwas Beidseitiges“, meinte Jansen: „Insofern sind auch die Bischöfe zum Gehorsam aufgerufen, nicht gegenüber dem Papst, sondern gegenüber dem Kirchenvolk.“

An Helmut Schüller gewandt meinte der Jugendseelsorger: „Wenn wir nur das Kirchenrecht als Basis nehmen würden, was ich nicht tue, dann wäre Kardinal Schönborn genauso ungehorsam wie Du und ich.“ Begründung: Schönborn habe die allzu rigorosen jungen Priester aufgefordert, bei den wiederverheirateten Geschiedenen den Einzelfall genau anzusehen, und nicht pauschal zu urteilen.

Den im Buchtitel zumindest mit Fragezeichen angedeuteten Riss verharmloste auch Schüller: „Die Differenz bezieht sich auf die Ungeduld, nicht auf das Ziel.“ Nur gebe es von der „Weltkirchenleitung“ eben „keine positiven Äußerungen dazu“. Schüller benannte dann aber doch einige konkrete Risse: Die Forderung nach der Priesterweihe für Frauen begründete er mit der „Gleichheit von Mann und Frau“, und damit, dass es „viele Schwestern im Glauben“ gebe, „die den Leitungsdienst hervorragend machen würden“. Die „Übernahme von viel mehr Verantwortung durch Laien“ sei eine „Frage der Würde des Menschen an sich“. Zum Thema Bischofsernennungen habe sich zwar der Aufruf der Pfarrerinitiative nicht geäußert, doch wolle man sich dazu bald gemeinsam mit der „Laieninitiative“ und dem Verein „Priester ohne Amt“ vernehmbar machen. Über die bischöflichen Reaktionen auf den Aufruf witzelte Schüller, der den ganzen Abend über die Lacher auf seiner Seite hatte: „Es haben manche Bischöfe den Eindruck erweckt, als wären sie mitten im Reformwerk von uns heruntergebremst worden.“

Helmut Schüller legte den Finger aber auch in eine echte Wunde: Seit Jahren gebe es eine Diskrepanz zwischen der offiziellen Kirchenordnung und dem, was in den Pfarreien gelebt werde. Vieles würde „in der Nische geduldet“, wodurch aber für die Menschen eine „Art Pastoral-Lotterie“ entstehe, also unterschiedliche Behandlung „je nachdem, auf welchen Pfarrer sie gerade treffen“. Manche Priester würden ihm schwierige Fälle weiterschicken, „weil sie sich ihre weiße Seelsorger-Weste nicht bekleckern wollen“. Die schüchterne Frage des Dogmatikers Tück, ob es „möglicherweise klärungsbedürftige Risse“ gebe, wurde am Donnerstagabend im Thomassaal des Wiener Dominikanerklosters nicht wirklich beantwortet. Dafür war der Blick auf den Splitter im Auge der „Weltkirchenleitung“ einfach zu starr.