Wie sich eine Ortskirche selbst säkularisierte

Sehnsucht als Antwort: Ein Streiflicht auf das Ordensleben nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den Niederlanden. Von Urs Buhlmann

Das mittlerweile zwanzigste Werk in der verdienstvollen Reihe „Dominikanische Quellen und Zeugnisse“ kommt aus einem Land, das einmal eine große dominikanische Tradition hatte, von der heute wenig übrig geblieben ist. Der Band aus der Feder von Schwester Holkje van der Veer OP lässt einen auch ein wenig erahnen, warum das so gekommen ist. Sie, Jahrgang 1960, bezeichnet als „jüngste und ,hipste‘ Dominikanerin der Niederlande“, verbindet eine Schilderung ihren eigenen Weges in den Orden mit historischen Skizzen zum Predigerorden und zum Selbstverständnis der Brüder und Schwestern des heiligen Dominikus in der weitgehend säkularisierten geistigen Landschaft der Niederlande.

Nicht ohne Hochachtung hört man, wie das Mädchen Holkje, aus einer liebenden mennonitischen Umgebung heraus, den Weg in die katholische Kirche und in den Orden fand und dabei ihre körperliche Behinderung durch das Marfansyndrom in dieses Leben integrieren konnte. Wer würde nicht nachvollziehen können, mit welcher Bangigkeit sie den routinemäßig erfolgenden ärztlichen Untersuchungen entgegensieht, die diese als aktiv lebensverkürzend anzusehende Krankheit ihr auferlegen. Doch in der Lektüre nimmt man dann, in der Art zu schreiben und durch die Weise, wie der Gegenstand behandelt wird, etwas von der zaghaften Unverbindlichkeit, der Tendenz zur Selbstmarginalisierung wahr, mit der die niederländische Kirche sich nach dem letzten Konzil selbst aus dem Spiel geholt hat. Hätte sich der heilige Dominikus einen Satz wie „Im 21. Jahrhundert klingt das Wort Wahrheit in unseren Ohren sperrig und prätentiös. Die Idee, dass es eine einzige Wahrheit gibt und ich es wagen könnte zu behaupten, dass ich diese einzige Wahrheit besitze, liegt mir fern“ zu eigen gemacht? Was man von ihm lernen kann ist, dass der kostbarste „Besitz“ eines Christen Christus selber ist, ihn bieten wir an, wenn wir den Glauben anbieten. Dominikus hat das auf eine unaufdringliche, didaktisch kluge Art getan, aber davon, dass er mit den Häretikern und Glaubenskritikern seiner Zeit über die einzige Wahrheit spricht, über die zu sprechen sich lohnt – davon war er sicher überzeugt.

Die üblichen Thesen über Reformen in der Kirche

So speist sich dieses Buch gleichsam aus zwei Quellen: Es ist das lesenswerte persönliche Zeugnis einer Frau, die langsam, aber unbeirrt ihren Weg geht, und eine Situationsbeschreibung und Handlungsaufforderung, der man nicht zustimmen muss. Wir hören die üblichen Thesen zur „Demokratisierung“ der Kirche und zum Frauenpriestertum. Die Säulen-Heiligen der damaligen Zeit, der Liederdichter und ehemalige Priester Huub Oosterhuis und der Dominikaner-Theologe Edward Schillebeeckx werden andachtsvoll zitiert. Denn der Hintergrund sind die 60er und 70er Jahre in der katholischen Kirche der Niederlande: Die „Diversität in der Gemeinschaft“ wird entdeckt, das „Ich“ bekommt Raum, sich zu entwickeln, das Tragen des Ordenskleides wird „zunehmend ungebräuchlich“, man verlässt die Klöster, um sich zwischen „gewöhnlichen Menschen“ anzusiedeln, und mit dem Besuch Johannes Pauls II. im Lande im Jahr 1985 waren viele Katholiken „nicht glücklich“. Dass die in diesem Umfeld damals entstandene kritische 8. Mai-Bewegung mit den Jahren wegen „Entkirchlichung und Überalterung“ immer kleiner und kleinlauter wird, vermeldet die Autorin ebenso wie die Tatsache, dass ihre Ordensgemeinschaft schon „einige Jahrzehnte“ lang keinen Neueintritt mehr hatte und man daher zunächst nicht sicher war, ob man Holkje akzeptieren sollte. Ob es auch daran liegt, dass man möglicherweise etwas falsch gemacht hat, dass man andere Wege gehen müsste, um in Kirche und Orden wieder einen neuen Anfang zu ermöglichen, wird nicht erörtert. „Yogastunden, Selbstsicherheitstraining, Wahrnehmungstrainings und Selbstverteidigungskurse für Frauen“, wie sie es im Kloster in Zwolle kennengelernt hat, sind auf lange Sicht wohl doch nicht das, was Menschen zur Kirche zieht oder was sie dort anzutreffen erwarten. Es ist eine Art „reuelose Säkularisierung“, die Holkje van der Veer beschreibt und die ihr wohl ein bedauerndes, aber kein selbstkritisches Wort abnötigt. So ist das Land von 43 Prozent Katholiken im Jahr 1958 auf aktuell 24 Prozent gesunken, während rund die Hälfte der Niederländer sich heute als bekenntnislos bezeichnet.

Eigene Makler betreuen den Verkauf von Gotteshäusern

Es gibt dort mittlerweile eigene Makler, die aufgelassene Kirchen und Klöster verkaufen, sowie Spezialhändler für Einrichtungs- und Kultgegenstände aus den sogenannten „toten Kirchen“, die weltweit bekannt sind. Nicht, dass die deutschsprachigen Teilkirchen sich grundsätzlich von derartigen Entwicklungen freisprechen könnten. Doch scheint es, dass in Holland und Belgien die Dinge nach dem Konzil besonders radikal verändert wurden und nun besonders radikale Folgen zeigen.

Zurzeit gibt es noch einen Konvent des dominikanischen Männerordens in den Niederlanden, dazu sieben Niederlassungen verschiedener dominikanischer Frauengemeinschaften (www.dominikanen.nl). Das Buch der niederländischen Dominikanerin liest sich als bemerkenswertes Zeugnis des bewusst oder unbewusst in Kauf genommenen Abstiegs einer Ortskirche, die noch bis in die Konzilsjahre hinein einen „Überschuss“ an Priestern und Ordensleuten an andere Länder abgeben konnte und die heute nur wenige Aufbrüche aus der dann einsetzenden Stagnation aufweisen kann. Es ist eindrucksvoll, wie die Autorin – wenn sie von ihrem Orden spricht – diese Situation nüchtern beschreiben kann: „Die Verkündigung wurde auf ihre Flexibilität hin geprüft. Die wechselseitige Diversität nahm zu, und es wurde immer weniger deutlich und selbstverständlich, was die Gemeinschaft zusammenhielt. Die Zahl der Eintritte in Orden und Kongregationen nahm ab.“ Dabei kennt sie durchaus das Heilmittel, wenn sie etwa in berührenden Worten von den neun Gebetshaltungen des heiligen Dominikus spricht, die letztlich nichts anderes zum Ausdruck bringen als ein unbedingtes Vertrauen auf den Herrn, eine Christus-Zentriertheit, die der Ausgangspunkt für den Wiederaufbau von Kirche und Orden bedeuten könnte. Es ist der Kirche im nordwestlichen Nachbarland und in ihr dem Orden der Prediger, der in diesem Jahr den 800. Jahrestag seiner Gründung feiert, zu wünschen, dass dieser Weg gesucht und begangen wird.

Holkje van der Veer: Sehnsucht als Antwort – Mein Weg mit der dominikanischen Tradition. Dominikanische Quellen und Zeugnisse, Bd. 20, Benno-Verlag, Leipzig, 2016, 188 Seiten,

ISBN 978-3-7462-4651-2, EUR 14,95