Wie Gott in der Geschichte wirkt

Auftakt zu einer neuen Katechesereihe über die christliche Hoffnung: Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz am 7. Dezember 2016

Hirten wie diesem Mann, der vor einem jordanischen Flüchtlingscamp seine Schafe hütet, verkündeten Engel die Geburt des Messias. Foto: KNA
Hirten wie diesem Mann, der vor einem jordanischen Flüchtlingscamp seine Schafe hütet, verkündeten Engel die Geburt des ... Foto: KNA

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Wir beginnen heute mit einer neuen Reihe von Katechesen über die christliche Hoffnung. Sie ist sehr wichtig, denn die Hoffnung enttäuscht nicht. Der Optimismus enttäuscht, die Hoffnung nicht! Wir bedürfen ihrer so sehr, in diesen scheinbar dunklen Zeiten, in denen wir uns angesichts des Bösen und der Gewalt, die uns umgeben, angesichts des Leids so vieler unserer Brüder und Schwestern manchmal verloren fühlen. Die Hoffnung ist notwendig! Wir fühlen uns verloren und auch ein wenig entmutigt, weil wir uns als ohnmächtig empfinden und es uns so vorkommt, als werde dieses Dunkel nie aufhören.

Doch wir dürfen nicht zulassen, dass die Hoffnung uns verlässt, denn Gott geht mit seiner Liebe an unserer Seite. „Ich hoffe, weil Gott bei mir ist“: das können wir alle sagen. Jeder von uns kann sagen: „Ich hoffe, ich habe Hoffnung, weil Gott mit mir geht“. Er geht mit mir, und er führt mich an der Hand. Gott lässt uns nicht allein. Jesus hat das Böse besiegt und uns den Weg des Lebens aufgetan.

Und daher ist es vor allem in dieser Adventszeit wichtig, der Zeit der Erwartung, in der wir uns darauf vorbereiten, das tröstende Geheimnis der Menschwerdung und das Licht der Heiligen Nacht noch einmal anzunehmen, über die Hoffnung nachzudenken. Lassen wir uns vom Herrn belehren, was Hoffen bedeutet. Hören wir also auf die Worte der Heiligen Schrift, angefangen beim Propheten Jesaja, dem großen Propheten der Ankunft, dem großen Boten der Hoffnung.

Im zweiten Teil seines Buches wendet sich Jesaja mit einer Botschaft des Trostes an das Volk: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet Jerusalem zu Herzen und verkündet der Stadt, dass ihr Frondienst zu Ende geht, dass ihre Schuld beglichen ist […] Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott! Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben. Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, alle Sterblichen werden sie sehen. Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen“ (Jes 40, 1–5).

Gott, der Vater, tröstet, indem er Tröster hervorruft, die er bittet, das Volk, seine Kinder, zu ermutigen, indem sie verkündigen, dass die Not zu Ende ist, dass das Leid zu Ende ist, dass die Schuld vergeben wurde. Das ist es, was das betrübte und ängstliche Herz heilt. Daher fordert der Prophet, dem Herrn den Weg zu bahnen und sich seinen Gaben und seinem Heil zu öffnen.

Der Trost für das Volk beginnt mit der Möglichkeit, dem Weg Gottes zu folgen, einem neuen, begradigten und begehbaren Weg, einem Weg, der in der Wüste vorbereitet werden muss, um sie zu durchqueren und in die Heimat zurückkehren zu können. Denn das Volk, an das der Prophet sich wendet, erlebte die Tragödie des Exils in Babylon, und jetzt hört es sich hingegen sagen, dass es auf einer bequemen und breiten Straße, ohne Berge und Täler, die den Weg beschwerlich machen, einer ebenen Straße in der Wüste, in sein Land zurückkehren können wird. Diese Straße bahnen heißt also, einen Weg des Heils und der Befreiung von jedem Hindernis und jedem Stolperstein zu bahnen.

Das Exil war ein dramatischer Moment in der Geschichte Israels, als das Volk alles verloren hatte. Das Volk hatte seine Heimat verloren, seine Freiheit, seine Würde und auch sein Gottvertrauen. Es fühlte sich verlassen und war ohne Hoffnung. Doch da kommt der Aufruf des Propheten Jesaja, der das Herz wieder für den Glauben öffnet. Die Wüste ist ein Ort, an dem es schwer ist zu leben, doch gerade dort wird man nun unterwegs sein können, um nicht nur in die Heimat, sondern zu Gott zurückzukehren und dahin, zu hoffen und zu lächeln. Wenn wir im Dunkeln sind, in Schwierigkeiten, dann lächeln wir nicht, und es ist gerade die Hoffnung, die uns lehrt, zu lächeln, um jene Straße zu finden, die zu Gott führt. Eines der ersten Dinge, die den Menschen passieren, die sich von Gott lösen, ist, dass es Menschen ohne Lächeln sind. Sie können vielleicht laut lachen, ein lautes Gelächter folgt dem anderen, ein Witz, man lacht… aber es fehlt das Lächeln! Nur die Hoffnung schenkt das Lächeln; es ist das Lächeln der Hoffnung, Gott zu finden.

Das Leben ist oft eine Wüste, es ist schwierig, im Leben unterwegs zu sein, doch wenn wir uns Gott anvertrauen, kann es schön und weit werden, wie eine Autobahn. Es genügt, niemals die Hoffnung zu verlieren, es genügt, weiter zu glauben, immer, trotz allem. Wenn wir vor einem Kind stehen, dann können wir vielleicht viele Probleme und Schwierigkeiten haben, aber dann kommt uns von innen heraus ein Lächeln, weil wir vor der Hoffnung stehen; ein Kind ist eine Hoffnung! Und so müssen wir im Leben den Weg der Hoffnung zu sehen wissen, der uns dahin führt, Gott zu finden, Gott, der für uns Kind geworden ist. Und er wird uns zum Lächeln bringen, er wird uns alles geben!

Gerade diese Worte des Jesaja werden dann von Johannes dem Täufer in seiner Predigt verwendet, die zur Umkehr aufruft. Er sagte: „Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“ (Mt 3, 3). Es ist eine Stimme, die ruft, wo scheinbar niemand zuhören kann – wer kann in der Wüste zuhören? –, die in der Verlorenheit ruft, die durch die Krise des Glaubens bedingt ist. Wir können nicht leugnen, dass sich die heutige Welt in einer Glaubenskrise befindet. Man sagt: „Ich glaube an Gott, ich bin ein Christ“ – „Ich gehöre zu jener Religion…“. Aber dein Leben ist weit davon entfernt, christlich zu sein; es ist weit von Gott entfernt! Die Religion, der Glaube hat sich auf eine Aussage verkürzt: „Ich glaube?“ – „Ja!“. Doch hier geht es darum, zu Gott zurückzukehren, sein Herz zu Gott zu bekehren und diesem Weg zu folgen, um Ihn zu finden. Er erwartet uns. Das ist die Verkündigung Johannes des Täufers: vorbereiten. Die Begegnung mit diesem Kind vorbereiten, das uns das Lächeln wieder schenken wird. Als der Täufer den Israeliten das Kommen Jesu verkündet, ist es, als ob sie noch im Exil wären, denn sie sind unter römischer Herrschaft, die sie zu Fremden in ihrem eigenen Land macht, regiert von mächtigen Besatzern, die über ihr Leben entscheiden. Doch die wahre Geschichte ist nicht die Geschichte der Mächtigen, sondern die, die Gott gemeinsam mit den Kleinen wirkt. Die wahre Geschichte – die, die in Ewigkeit währen wird – ist die, die Gott mit den Kleinen schreibt: Gott mit Maria, Gott mit Jesus, Gott mit Josef, Gott mit den Kleinen. Jene kleinen und einfachen Menschen, die wir bei der Geburt Jesu bei ihm finden: Zacharias und Elisabeth, alt und von Unfruchtbarkeit gezeichnet, Maria, ein junges Mädchen, eine Jungfrau, die mit Josef verlobt ist, die Hirten, die wenig geachtet waren und nichts zu sagen hatten. Es sind die Kleinen, die durch ihren Glauben groß gemacht werden, die Kleinen, die es vermögen, weiter zu hoffen. Die Hoffnung ist die Tugend der Kleinen. Die Großen, die Zufriedenen kennen die Hoffnung nicht; sie wissen nicht, was das ist.

Sie sind es, die Kleinen, die mit Gott, mit Jesus, die Wüste des Exils, der verzweifelten Einsamkeit, des Leidens, in eine ebene Straße verwandeln, der man folgen kann, um der Herrlichkeit des Herrn entgegenzugehen. Und wir kommen zum entscheidenden Punkt: Lassen wir uns in der Hoffnung unterrichten. Erwarten wir vertrauensvoll das Kommen des Herrn, und wie auch immer die Wüste unseres Lebens aussieht – jeder weiß, in welcher Wüste er unterwegs ist –: sie wird ein blühender Garten werden. Die Hoffnung enttäuscht nicht!

Ein Sprecher verlas folgenden Gruß des Papstes an die Pilger aus dem deutschen Sprachraum:

Mit Freude grüße ich die Brüder und Schwestern aus den Ländern deutscher Sprache, besonders die Mitglieder und Freunde der Schönstatt-Bewegung und die Pilger aus Algund und Bozen. Helfen wir uns gegenseitig, die christliche Hoffnung zu leben, vor allem in dieser Zeit der Vorbereitung auf das Fest der Geburt des Herrn. Gott segne euch und eure Familien.

Übersetzung von Claudia Reimüller