Wider die Exegese im Vorhof der Heiden

Der Bochumer Neutestamentler befasst sich mit der Frage nach der Zeitlosigkeit biblischer Schriften

Köln (DT) Sind die Texte der Heiligen Schrift zeitlos aktuell oder unterliegen sie dem Wandel der Zeit? Anlässlich der „Woche der Zeit“, die das Kölner Domforum in der letzten Aprilwoche veranstaltete, stand auch die Frage nach der Zeitlosigkeit der biblischen Schriften im Fokus. Dieser Frage ging der Bochumer Theologe und Neutestamentler Thomas Söding in einem Vortrag im Domforum nach.

Söding, der seit einigen Jahren der internationalen Theologenkommission des Vatikans angehört, wies darauf hin, dass in der Gegenwart sowohl katholische als auch evangelische Theologie die Bibel als gemeinsame Urkunde des Glaubens neu entdeckt hätten. Zum einen habe das Zweite Vatikanische Konzil, wie es im Dokument „Dei verbum“ heißt, „das Studium der Heiligen Schrift als Seele der ganzen Theologie“ (Nr. 24) aufgefasst. Kein anderer als Joseph Ratzinger, der heutige Papst, kommentierte diese Aussage des Konzils als „revolutionär, ohne dass die Konsequenzen schon hinreichend sichtbar geworden wären“.

Konzilsväter lösen sich von den Neuscholastikern

Söding unterstrich, dass mit dieser Wiederentdeckung der Heiligen Schrift die Konzilsväter von der neuscholastischen Tradition der katholischen Theologie des neunzehnten Jahrhunderts abgerückt seien, in der die biblischen Texte nur punktuell, gleichsam als „dicta probantia“, also als Beweissprüche für bestimmte Lehren herangezogen wurden. Diese Loslösung einzelner Bibelstellen aus dem Gesamtzusammenhang verwarf das Konzil grundlegend und forderte, den Zugang zur Bibel stattdessen weit zu öffnen. Söding hob hervor, dass diese programmatische Hinwendung der katholischen Theologie zur Heiligen Schrift in einer Deutlichkeit und Klarheit geschehen sei, wie man sie seit der Reformation nicht gekannt habe. Zum anderen seien aber auch auf evangelischer Seite die Auffassungen über die Verbindlichkeit der Bibel in Bewegung geraten. Der lutherische Grundsatz „sola scriptura“ sei heute nicht mehr in der Weise zu verstehen, dass die Schrift aus der Tradition ausbreche, sondern ihr bestimmender Anfang sei. In der Frage des Verhältnisses von Tradition und Schrift hätten sich Katholiken und Protestanten daher deutlich aufeinander zubewegt, sodass sich gerade hier enorme Chancen einer ökumenischen Verständigung eröffneten, die beispielsweise in der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre aus dem Jahr 1999 ihren Niederschlag gefunden hätten.

Dass die Bibel nicht allein nach historischen Kriterien interpretiert werden dürfe, daran ließ Söding keinen Zweifel. Wer die Verbindlichkeit und Autorität der biblischen Texte auf die Seite stelle und allein auf eine historisch-kritische Auslegung setze, betreibe eine „Exegese im Vorhof der Heiden“ und befinde sich im Widerspruch zu den bereits zitierten Aussagen des Konzilsdokuments „Dei verbum“. Gerade weil das Konzil die Einheit aller biblischen Texte betont habe, vertritt der Bochumer Neutestamentler daher das Modell einer „kanonischen Exegese“, bei der die Bibel als Kanon, Richtschnur und Maßstab dienen soll. Dabei sei das Christentum ausdrücklich nicht als Buchreligion zu verstehen. Söding unterstrich, dass die Bibel nicht der Glaube selbst sei, sondern ein „Medium des Glaubens“. Aus zahlreichen Bibelstellen gehe hervor, dass die Autoren der Schrifttexte sich diese Autorität selber zubilligten. So beginnt das Markusevangelium mit den Worten „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“ (1, 1). Und im Johannes-Evangelium heißt es in der Thomas-Perikope: „Diese [Zeichen] aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes...“ (20, 30). Die Offenbarung des Johannes wird noch deutlicher: „Ich bezeuge jedem, der die prophetischen Worte dieses Buches hört: Wer etwas hinzufügt, dem wird Gott die Plagen zufügen, von denen in diesem Buch geschrieben steht. Und wer etwas wegnimmt von den prophetischen Worten dieses Buches, dem wird Gott seinen Anteil am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt wegnehmen, von denen in diesem Buch geschrieben steht.“ (22, 18f.). Diese drei Zitate belegten, wie Thomas Söding unterstreicht, den „atemberaubenden Anspruch“ der Evangelien, die sich nicht als rein geschichtliche Erzählungen, sondern als Medien präsentierten, die den Glauben förderten und orientierten, seinen Grund erkennen ließen und den Glauben entfalteten.

Was unter Kanonisierung zu verstehen ist

Unter „Kanonisierung“ versteht Söding daher die positive Rezeption der biblischen Texte und die Respektierung ihres Anspruchs, Zeugnisse des Glaubens zu sein. Die drei wesentlichen Kriterien der Kanonisierung habe der Mönch und Kirchenvater Vinzenz von Lérins definiert. In seinem Hauptwerk „Communitorium“ gilt als wahrhaft katholisch, „was überall, was immer, was von allen geglaubt wurde“. Söding nennt neben dieser Katholizität noch zwei weitere Kriterien der Kanonisierung: Die Orthodoxie, also die Rechtgläubigkeit im Sinne vom Glauben an den einen Gott, und die Apostolizität, also die Rückführbarkeit der Glaubensaussagen auf das Zeugnis der Apostel.

Vor diesem Hintergrund sei die Bibel als Medium zu verstehen, durch das Gott zu uns spreche. Der heilige Augustinus schrieb hierzu in „De civitate Dei“: „Gott spricht durch Menschen nach Menschenart, weil er, so redend, uns sucht.“ Es war also, wie Söding unterstreicht, die Entscheidung Gottes, nach Menschenart zu uns zu sprechen. Das Wort Gottes sei damit der eigentliche „Schatz“, die Bibel lediglich die „Hülle“. Um diesen Schatz zu bergen, bedürfe es nicht nur der Inspiration der Verfasser, also der Evangelisten und Apostel, sondern ebenso der Inspiration der Leser. „Gottes Wort wächst mit uns, wir wachsen mit Gottes Wort“, lautet daher Södings abschließende Folgerung, mit der er auch die Eingangsfrage beantwortet: Gottes Wort sei grundlegend und schriftlich fixiert, aber offen für Aktualisierungen und neue Interpretationen.