Weshalb kann Gott das Verborgene sehen?

1Sam 16, 1b.6–7.10–13b

Eph 5, 8–14

Joh 9, 1–41

Die drei Lesungen sind verbunden durch das Thema „Sehen“. In 1 Sam 16, 7 steht der Satz „Der Mensch schaut ja auf den Augenschein, der Herr aber schaut auf das Herz“. Dieser Grundsatz wird hier wichtig für die Erwählung Davids. In Eph 5, 12 heißt es von den Bösen: „Entlarvt sie, denn was sie insgeheim anrichten, ist so schandbar, dass man es gar nicht sagen kann. Aber Licht enthüllt alles. Und nur was selbst das Licht ist, hält der Enthüllung stand.“ Nach Joh 9 heilt Jesus den Blindgeborenen und wirft den pharisäischen Gegnern vor, sie seien blind und wüssten es nicht. Es geht daher in den Texten um das wahre Sehen, das nur Gott schenken kann.

Wo das Sehen so wichtig ist, kommt auch die Blindheit vor. Die Sozialgeschichte der Blindheit in der antiken Welt ist verheerend. Wer blind ist, der ist für sein Leben gestraft. Nicht genug mit totaler Erwerbsunfähigkeit und Isolation – entsprechend ihren schlimmen Folgen wurde Blindheit zumeist als Strafe für moralische Delikte beim Blinden oder seinen Eltern angesehen. Jesus kann zumindest mit diesem Vorurteil aufräumen.

In den drei Texten geht es einmal um Gottes Fähigkeit, Verborgenes zu durchschauen, sodann um seine Macht, Blinde sehend zu machen. Beides hängt innerlich zusammen, denn seine Fähigkeit, mehr beziehungsweise alles zu sehen, kann Gott weitergeben an die Blinden. Und schließlich geht es um offenes, sensibles Sehen, dessen Gegenteil Blindheit für Gott ist. Hier treten dann neueste Probleme zum Thema Glauben und Erkennen zutage.

Gott ist der kritische Richter der Menschen. Er ist dazu in der Lange, weil er die Herzen kennt und das Verborgene sieht. Wie kommen die biblischen Autoren zu dieser Auffassung? Eine Meinung ist, dass Gott als der Schöpfer alle verborgenen Kammern sowohl in den Herzen der Menschen als auch in der ganzen Schöpfung kennt. Wie ein Handwerksmeister, der das, was er gebaut hat, ganz und gar kennt. Weil Gott so alles Verborgene kennt, ist er als Richter geeignet. Eine andere Möglichkeit orientiert sich an der Sonne. Wenn schon die Sonne mit ihrem Schein in alle dunklen Ecken dringen kann, umso mehr müsste Gott das können. In Eph 5, 14b wird diese Sonnen-Thematik aufgenommen, die im übrigen aus dem Ägyptischen bekannt ist. Weil Gott als der Richter alles sieht, kann er diese Fähigkeit der Herzenserkenntnis übrigens auch an die Menschen weitergeben, die ihm ähnlich sind und an seinem Geist besonders teilhaben: die Propheten. Deshalb wird Jesus, als er der Samaritanerin nach Joh 4 ihre Ehegeschichten erzählt, von ihr sogleich „Prophet“ genannt, weil sie sich in ihrem Herzen durchschaut fühlt.

In Joh 9 dagegen tritt der Aspekt der Neuschöpfung hervor. Denn er ist ja seit der Geburt blind, und so müssen seine Augen noch einmal geschaffen werden. Daher formt Jesus Lehm wie Gott bei der Erschaffung Adams (Gen 2,7), um ihn dem Blinden auf die Augen zu streichen (Joh 9, 13: „Er hat mir feuchte Erde auf die Augen gestrichen.“). Auch bei der Auferweckung des Lazarus wird Jesus zeigen, dass der Schöpfungslogos mit seiner Vollmacht in ihm wohnt. Darauf beruht auch die Sündenvergebung, die Jesus vermittelt; auch hier wiederholt sich ein Einzelzug aus der Schöpfungsgeschichte, nämlich das Anhauchen nach Gen 2, 7b. Nach Joh 20 bläst Jesus die Jünger an und überträgt ihnen die Vollmacht zur Sündenvergebung.

Wieder um eine andere Art von Sehen geht es in Eph 5, 14. Der Vers ist Teil eines als Wecklied formulierten apokalyptischen Hymnus, der in altkirchlichen Apokalypsen umfangreicher erhalten ist. Die Apokalypsen zeigen, dass es in dem originalen Hymnus um das Sehen Jesu am Ende geht. Wer von den Toten aufersteht, wird Jesus sehen. Dieser Hymnus wird vom Epheserbrief auf eine neue und andere Situation bezogen, nämlich auf die Gegenwart. Das heißt: Nicht bei der Totenauferstehung, sondern jetzt schon liegt alles daran, vom Schlaf aufzustehen, endlich aufzuwachen und dabei seinen Blick auf Jesus zu richten. Das alles ist „metaphorisch“ zu verstehen. Der Blick auf Jesus wird immerhin so beschrieben: „Und es wird dir aufstrahlen (wie die Sonne) Christus“. Das ist eine Mischung aus Bekehrungsvision und geistlich-mystischer Begegnung.

Andererseits kennt das Neue Testament – wie das Alte – auch die metaphorische Blindheit. Sie liegt, wie schon Jes 6, 9f sagt, vor, wenn man sieht und doch nicht sieht. Das Sehen dient dann nicht zur Wahrnehmung der Wahrheit, sondern nur des oberflächlich Vorhandenen. Weil es in der Bibel immer um die Wahrheit geht, die Bestand hat, ist dieser Vorwurf der Blindheit nicht auf falsche Theorien bezogen, sondern stets verbunden mit der Kritik an falschem Handeln. Falsches Handeln entsteht, wenn Menschen sich auf das Falsche gründen, wenn sie die Garantie für ihren Erfolg und ihr Glück in einer trügerischen Realität suchen. Blind ist beispielsweise, wer sein Glück im Lotto sucht, wo die Chancen 1:144 Millionen sind, dass er gewinnen könnte. Das ist eine trügerische Basis für die Anlage von Geld.

Aber was ist das für ein Sehen, das zum Glauben führen kann? Und wie unterscheidet es sich von dem Sehen, das doch nicht sieht? Es ist wohl ziemlich genau das, was Benedikt XVI. mit einer Vernunft meint, die Scheuklappen hat, und andererseits mit einer Vernunft, die so weit ist, dass sie die eigenen Grenzen sieht und offen ist für den Glauben. Der Papst nennt das „der Vernunft ihre ganze Weite eröffnen“. Man kann versuchen, das Gemeinte zunächst negativ zu umschreiben: Eine Vernunft ist „weit“, die nicht aus ideologischen Gründen irgendwelche Frageverbote aufstellt, die zum Beispiel nicht davon ausgeht, die Regelmäßigkeiten im Naturgeschehen hätten strikt gesetzlichen Charakter. Auf das Johannes-Evangelium angewandt: Ein Sehen ist weit und wirklich offen, das nicht Wunder ausschließt, das nicht Heilsverheißungen ablehnt, weil sie von Jesus ausgehen. Ein für die Wirklichkeit Gottes sensibles Sehen kann auch davon ausgehen, dass der größere Teil der Wirklichkeit unsichtbar ist. Dieses Sehen orientiert sich im übrigen eher phänomenologisch als exklusiv am Prinzip von Ursache und Wirkung (Kausalprinzip). „Phänomenologisch“ heißt: Indem einer sich dem aussetzt, das er betrachtet, ist er grundsätzlich bereit, sich überraschen zu lassen.

Wunder stehen im Zusammenhang von Sehen und Glauben

Die Pharisäer nach Joh 9 sind blind, weil sie über Jesus urteilen, trotz des von ihm gewirkten Wunders wisse man nicht, „woher er komme“ (Joh 9, 29). Im JohEv haben daher die Wunder eine wichtige Funktion im Zusammenhang von Sehen und Glauben. Die Zeitgenossen und Augenzeugen können nämlich leicht den Weg vom Sehen zum Glauben gehen. Für alle Späteren ist es schwerer, zum Glauben zu kommen. Deshalb ist das JohEv aufgeschrieben, damit die Späteren sich wenigstens auf das schriftliche „Protokoll“ der Augenzeugen stützen können. Daher ist Joh 20, 29 kein kritischer Satz gegen den Wunderglauben, der das Glauben ohne Wunder bevorzugte, sondern wäre zu übersetzen: „Du hast jetzt geglaubt, weil du mich gesehen hast. Selig, wer in Zukunft [auf dein Zeugnis hin] glauben wird, ohne mich gesehen zu haben.“ So ist auch Joh 4, 48–53 zu verstehen: „Nur wenn ihr Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr“, sagte Jesus zu ihm. Jesus erwiderte: „Geh nach Hause, dein Sohn lebt.“ Der Mann glaubte, was Jesus ihm sagte, und machte sich auf. (53) Da erinnerte sich der Vater, dass Jesus ihm genau um diese Zeit gesagt hatte: „Dein Sohn lebt.“ Und er und seine ganze Familie kamen zum Glauben.

Die Zeichen sind nicht zu tadeln, sondern notwendige und hinreichende Beglaubigungs-Zeichen für Jesus, deren Existenz den Unglauben unentschuldbar macht. Damit teilt das 4. Evangelium einen wichtigen Zug mit den synoptischen Evangelien: Das erste Kommen Jesu hat weitgehend (nur) eine Zeichenfunktion gegenüber dem, was kommt. Dem gelten seine Wunder wie aber auch andere Handlungen (Vertreibung der Händler im Tempel, Fußwaschung, Botenaussendung, Einzug nach Jerusalem). Die Zeichen sind nur ein Teil des Ganzen, aber immerhin ein Teil. Sie wollen werben und auf einen Weg weisen, den zu gehen einem niemand abnehmen kann. Klaus Berger