Wer schneller läuft kommt nicht früher an

Pilgern im Namen Gottes? Podium mit dem Erzbischof von Santiago de Compostela. Von Regina Einig

Das Kreuz auf der Jakobsmuschel erinnert an das Ziel jeder Pilgerfahrt: Christus. Foto: dpa
Das Kreuz auf der Jakobsmuschel erinnert an das Ziel jeder Pilgerfahrt: Christus. Foto: dpa

Passau (DT) Kann es ein katholischer Hirte besser treffen als der Erzbischof von Santiago de Compostela? Mit gespielter Arglosigkeit brachte Moderator Sigmund Gottlieb Erzbischof Julián Barrio Barrio am Montag auf dem Podium der Verlagsgruppe Passau zum Schmunzeln. Der fröhliche Oberhirte aus Galicien scheint das große Los gezogen zu haben. Fast auf den Tag genau vor dreißig Jahren begann die Renaissance der Jakobuspilgerfahrt in Europa. Anfang November 1982 besuchte Johannes Paul II. das Apostelgrab und begründete einen beispiellosen Boom. Jahr für Jahr pilgern seither mehr und mehr Fromme und Sinnsucher auf dem Jakobsweg.

Die Bischofsstadt in Westspanien ist eine Hochburg der Neuevangelisierung und der modernen Volksfrömmigkeit geworden. Keine Prognose der Pastoralplaner hatte sie auf der Rechnung: 2011 registrierte das Pilgerbüro von Santiago de Compostela mehr als zweihunderttausend Pilger, die mindestens die letzten hundert Kilometer zu Fuß, auf dem Rad oder per Pferd zurückgelegt hatten und die begehrte Pilgerurkunde Compostelana in Empfang nehmen konnten.

Christen an sich seien Pilger, die sich auf dem Weg befänden zum himmlischen Ziel, unterstrich Erzbischof Barrio. Er zitierte Augustinus: „Wir sind Pilger aus Gnade.“ Doch komme nicht früher an, wer sich eile. Es komme darauf an, dass der Pilger wisse, wohin er gehe. Über das Äußere solle er das Innere entdecken. Pilgern bedeute durchaus, unbekannte Strecken in Kauf zu nehmen. Nicht Santiago sei das Ziel, sondern Christus. „Ich bin überzeugt, dass Jakobus den Pilger begleitet, sobald er das Haus verlässt.“ Als klassische Motive für eine Pilgerfahrt nannte Barrio Barrio neben der Apostelverehrung und dem Wunsch nach persönlicher Bekehrung auch die Hoffnung, ein Wunder zu erleben, das stellvertretende Gebet für andere und die Sehnsucht, Hoffnung zu schöpfen.

In Anlehnung an den heiligen Johannes vom Kreuz erinnerte der Erzbischof daran, dass Christen die Demut besitzen müssten, auf dem Weg zu bleiben, wenn sie nicht wüssten, wie es weitergehe. Doch habe ein Weg ohne Ziel keinen Sinn. Mit dem Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild, Prälat Wilhelm Imkamp, stimmte der Oberhirte von Santiago darin überein, dass entgegen eines populären Slogans der Weg nicht das Ziel sein kann. Mit dem Satz „Pilgern ist keine religiöse Spielart des Nordic Walking“, wandte sich Prälat Imkamp gegen landläufige Pilger-Klischees. Am Beispiel der Wallfahrt von Maria Vesperbild in Mittelschwaben veranschaulichte der Prälat die Bedeutung der Sakramente. Im Mittelpunkt stehe das heilige Messopfer, in das die Priester jeden Tag alle Gebetsanliegen der Pilger mit einschließen. Zwanzigtausend Beichten werden jährlich in Vesperbild gehört. Individual- und Gruppenseelsorge ergänzen sich. Die tägliche Reizüberflutung führe heute dazu, dass Menschen an Wallfahrtsorten nach mehr suchten. Für ihn, so der Prälat, spiele keine Rolle, warum und wie jemand komme, „aber mir ist nicht egal, wie einer wegggeht“. Imkamp unterstrich auch die Ausstrahlungskraft des Gnadenbildes der Schmerzhaften Muttergottes: „Auch Menschen, die sich für religiös unmusikalisch halten, werden davon angerührt.“ Wallfahren bedeutet für ihn auch, in eine Atmosphäre der Dankbarkeit einzutauchen. Die Votivtafeln in der Fátimagrotte von Maria Vesperbild und an anderen Wallfahrtsorten zeigten, dass „Menschen so positive Glaubenserfahrungen gemacht haben, dass sie sie in Stein meißeln haben lassen“.

Im Leitmotiv Dankbarkeit erkannte sich auch der erfolgreiche Fernseh-Moderator und Jakobspilger Frank Elstner wieder. 2006 hatte der bekennende Katholik fünfhundert Kilometer zu Fuß auf dem Jakobsweg zurückgelegt, um „dem da oben einmal Danke zu sagen“. Unterwegs trieb ihn ein Mix aus geistlichem Erlebnis, Neugier, sportlichem Event und Ehrgeiz an: Was Hape Kerkeling könne, könne er schon lange. Obwohl sich der heute Siebzigjährige auf dem Jakobsweg „mindestens zehnmal“ verlief, genoss er die Ruhe. Es sei wunderbar gewesen, stundenlang unterwegs zu sein, ohne reden zu müssen. Er brauche keine Erscheinungen. „Gott ist mir an jeder Ecke und in den Menschen unterwegs begegnet.“ Die Pilgerfahrt bedeute ihm mehr als alle seine Goldenen Kameras. Lehren hat der Moderator aus den Versuchen gezogen, mit anderen Jakobspilgern sportlich zu konkurrieren. Zu schnell unterwegs zu sein „war der falsche Weg“, sagte Elstner rückblickend.

Ein „Glaubenserlebnis“ machte Elstner in einer Niederlassung deutscher Benediktiner in Rabanal del Camino. Einhellige Zustimmung auf dem Podium für Erzbischof Barrio Barrio, als dieser auch den Pilgern, die den Jakobsweg in erster Linie als Hilfe zur Selbstfindung betrachten, „Durst nach Gott“ bescheinigte. Dank „niedrigschwelliger Angebote“ im Wallfahrtswesen mache es, so Prälat Imkamp, die katholische Kirche dem weiten Feld der Sinnsucher leichter, Zugang zum Glauben zu finden: „Wir verlangen nichts, wir sind einfach da und hören zu.“ Auch, wenn Klagen kommen. Elstner wusste von wenig paradiesisch anmutenden Erfahrungen zu berichten. Als Jakobspilger war er auf das älteste Gewerbe der Welt am Wegesrand und Diebe in Herbergen gestoßen. Nichts Neues also – der Historiker Imkamp zitierte mittelalterliche Quellen, die vom „sittenlosen Treiben“ an Wallfahrtsorten berichten.

Auch der Erzbischof von Santiago wusste von unfrommen Umtrieben ein Lied zu singen, wenngleich mit versöhnlichem Ausgang: Vor wenigen Monaten hatte er aus der Hand von Spaniens Ministerpräsident Rajoy den ein Jahr zuvor gestohlenen Codex Calixtinus zurückerhalten. Ein Angestellter hatte das sogenannte „Jakobsbuch“, eine Sammlung mittelalterlicher Handschriften, aus dem Domschatz entwendet. Die Polizei fand es Monate später in einer Garage. Für Erzbischof Barrio ein doppeltes Wunder. Der Fürsprache des Apostels Jakobus schreibt er zu, dass der Codex nicht nur wieder aufgetaucht ist, sondern auch keine Schäden davongetragen hat. Auch im Zeitalter kirchlicher Dokumentenflucht darf man über die Vitalität der Kirche staunen.

„Die Institution funktioniert noch“ unterstrich Prälat Imkamp im Hinblick auf den „Langzeiterfolg“ des Papstbesuchs 1982. In Anspielung auf die berühmte Europa-Rede Johannes Pauls II. in Santiago de Compostela regte er launig an, EU-Kommissare sollten einmal jährlich nach Santiago pilgern. „Wer das Sternenbanner hisst, sollte auch den Sternenweg gehen.“ Das Publikum goutierte den Vorschlag mit Applaus. Auch bei Erzbischof Barrio Barrio stieß die Anregung auf offene Ohren. Das Erbe des Jakobsweges helfe den Europäern, ihre christlichen Wurzeln zu entdecken. Im Gespräch mit dieser Zeitung unterstrich er einen der jüngsten Erfolgsfaktoren des Jakobswegs: Den Papstbesuch im Heiligen Jahr 2010. „Seitdem sind die Pilgerzahlen weiter gestiegen.“