Wenn sich Zelebranten nicht ans Messbuch halten

Liturgiewissenschaftler stellen Studie zur Abweichung von liturgischen Normen vor. Von Kilian Martin

KINA - zu: Der Papst hat zu Ostern viel zu tun
Papst Franziskus hat die traditionelle Fußwaschung am Gründonnerstag auch an Frauen vollzogen, lange bevor dies in den liturgischen Büchern vorgesehen war. Foto: L'Osservatore Romano

Jeder zweite Zelebrant in Deutschland hält sich nicht an die kirchlichen Vorgaben zur Feier der Liturgie. Was wie eine Binsenweisheit klingt, wurde nun erstmals auch wissenschaftlich erfasst und nachgewiesen. Am Samstag haben die Würzburger Liturgiewissenschaftler Martin Stuflesser und Tobias Weyler die Ergebnisse ihrer Studie über „Liturgische Akteure“ vorgestellt. Drei Jahre lang hatten die Forscher gemeinsam mit dem Religionspädagogen Hans-Georg Ziebertz Verstöße gegen liturgische Vorgaben untersucht.

In diesem Zeitraum haben sie zunächst 577 hauptamtliche Seelsorger in einer Online-Umfrage erfasst und anschließend 50 detaillierte Interviews geführt. Die Ergebnisse sind – da sie auch nur aus vier Diözesen stammen – statistisch zwar nicht repräsentativ für die Kirche in Deutschland insgesamt. Gleichwohl lassen sich aus ihnen Grundlinien im Umgang mit kirchlichen Normen ableiten.

Zur Vorstellung ihrer Ergebnisse für die Öffentlichkeit betonten die Wissenschaftler, ihr Ziel sei nicht die Denunziation abweichenden Verhaltens gewesen. „Wir sind nicht die Liturgie-Stasi“, erklärte Stuflesser die Haltung. Schon bei der Vorstellung ihrer Ergebnisse im Kreis der deutschen Diözesanbischöfe hätten die Wissenschaftler daher besonders betont, dass es zum Wesen ihrer empirischen Erhebung gehöre, dass diese gänzlich anonym erfolge. Die Wissenschaftler wollen damit die Realität beschreiben, diese aber nicht bewerten.

Demnach hält sich im Durchschnitt die Hälfte der Befragten nicht an die zum Beispiel im Messbuch festgelegten liturgischen Vorgaben. Priester neigen weniger als Laientheologen, die etwa Wortgottesdienste leiten, dazu, von Normen abzuweichen. Bei jüngeren Geistlichen ist die Normentreue zudem noch höher als bei älteren. Am seltensten weichen Diakone von den Vorgaben ab. Während die Liturgiewissenschaftler keine genauen Angaben über die genaue Form der Abweichungen machten, betonten sie zugleich, dass es unter den Befragten eine große Bandbreite der Haltungen gebe.

Zahlreiche Gründe für Normabweichungen

Die diversen Gründe für die Abweichungen sortierten die Wissenschaftler zur Auswertung in eine Reihe von Themengebieten ein. So führe etwa teilweise ein grundlegendes Unverständnis für Normen an sich zu deren Nichteinhaltung. Dazu zähle auch eine Unkenntnis der den Normen zugrunde liegenden theologischen Prinzipien. Als weiteren Faktor machten die Forscher ein abweichendes Verständnis von Liturgie und deren Beteiligten aus. Demnach kann normabweichendes Verhalten in einigen Fällen mit einem mangelhaften Selbstverständnis der Vorsteher begründet werden. Auch die Interpretation des Begriffs der „tätigen Teilnahme“, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil forderte, kann laut den Wissenschaftlern häufig mit Regelbrüchen in Verbindung gebracht werden. Dabei gehe es vorrangig um die Aufhebung einer gewollten Hierarchie und Rollenverteilung, oder auch umgekehrt für eine rein passive Rolle der Gläubigen in der Liturgie. Darüber hinaus führt häufig auch der Wunsch, die Liturgie an eine konkrete Gottesdienstgemeinde anzupassen, zu Abweichungen von den Vorgaben. Und schließlich ist auch die biografische Prägung der Zelebranten entscheidend für den Umgang mit der Liturgie. So könnten Abweichungen beziehungsweise ausgewiesene Normentreue manchmal als Versuch der Abgrenzung vom selbst Erlebten erklärt werden.

In ihrem Fazit betonten die drei Würzburger Forscher, dass die von ihnen ermittelten Abweichungen von den liturgischen Normen in der Regel bewusst und mehr oder weniger gut begründet geschehen. Die Tatsache, dass ein Großteil der Zelebranten die bestehenden Vorgaben somit für nicht passend erachtete, fordere Wissenschaft und Kirche zu Konsequenzen auf. So müsste etwa mehr Wert gelegt werden auf liturgische Bildung, sowohl bei den Zelebranten, wie auch unter den Laien. Auch brauche es ein Qualitätsmanagement für die Liturgie der Kirche.

Zugleich seien auch die liturgischen Normen einer kritischen Reflexion zu unterziehen und gegebenenfalls weiterzuentwickeln. Denn schließlich, so Stuflesser, seien die meisten Neuerungen irgendwann einmal Normabweichungen gewesen, die später kodifiziert wurden. Als Beispiel nannte er den Ritus der Fußwaschung am Gründonnerstag: Schon 2013 hatte Papst Franziskus diesen erstmals an zwei Frauen vollzogen, während die römische Gottesdienstkongregation die entsprechende Änderung der liturgischen Bücher erst Anfang 2016 verkündete.

Nicht jede Abweichung folgt einer positiven Idee

Auch von diesem Beispiel lässt sich gleichwohl nicht ableiten, dass jede Normabweichung einen positiven Kern hätte. Stuflesser nannte als Beispiel den Wegfall der ersten von den zwei in der Heiligen Messe vorgesehenen nicht-evangelischen Lesungen: „Wenn man die alttestamentliche Lesung weglässt, ist das Klerikalismus. Der Priester unterstellt der Gemeinde damit: ,Ihr seid zu doof, das zu verstehen‘.“

Dass die Würzburger Studie die Kirche in Deutschland wohl noch eine Weile beschäftigen dürfte, wurde gleich im Anschluss an die Vorstellung in einer Diskussionsrunde deutlich. Wie schon Stuflesser und Weyler betonten Fachleute aus ganz Deutschland vor allem die Notwendigkeit besserer und langfristiger liturgischer Bildung. Der Mainzer Dompfarrer Franz-Rudolf Weinert griff zur Betonung der Ars Celebrandi, der hohen Kunst des Zelebrierens, zu einem künstlerischen Vergleich: Es handele sich dabei um das gekonnte Ausführen der vorgegebenen Partitur der Liturgie – wie bei Beethovens fünfter Sinfonie.