„Wenn du mit Gott kämpfst, verlierst du“

Vor vierzig Jahren hat Stan Fortuna seinen Kampf mit Gott verloren. Und alles gewonnen: Heute lebt er als Franziskaner der Erneuerung in der New Yorker Bronx. Ein Gespräch über Kampf, Aufruhr und den Glauben. Von Kilian Martin

Father Stan Fortuna CFR gehörte 1987 zu den Mitbegründern des Ordens der Franziskaner der Erneuerung im New Yorker Armenviertel Bronx. Vor seiner Priesterweihe im Jahr 1990 wurde er zum professionellen Jazz-Musiker ausgebildet. Mit seiner Musik und Vorträgen hat er weltweite Beka... Foto: Kilian Martin
Father Stan Fortuna CFR gehörte 1987 zu den Mitbegründern des Ordens der Franziskaner der Erneuerung im New Yorker Armen... Foto: Kilian Martin

Father Stan, was bedeutet Erneuerung für Sie?

Jeden Tag besser zu werden. Jeden Tag mehr Liebe. Gott jeden Tag näherzukommen. Jeden Tag neue Gaben von Gott zu erhalten. Diese Gaben jeden Tag neu weiterzugeben. Es bedeutet mehr und mehr und mehr. Niemals aufhören, sich nie zur Ruhe setzen.

Können Sie von dieser Erneuerung auch irgendwann einmal gesättigt sein?

Ob ich es kann? Das ist das Ziel! Ich will komplett gesättigt sein von Christus. Absolut.

Wann haben Sie herausgefunden, dass dies der Weg ist, auf dem Sie Ihr restliches Leben führen möchten?

Als ich Jesus und den heiligen Franziskus getroffen habe.

Wann war das?

(denkt nach) Im Jahr 1978.

Wie sind Sie damals zur Entscheidung gelangt, Franziskaner zu werden?

Das ist eine große, lange Geschichte. Dafür haben wir jetzt nicht genug Zeit. Aber ich habe zweieinhalb Jahre lang mit Gott gekämpft und denn Kampf schließlich verloren. Mit Gott zu kämpfen ist gut. Denn wenn Du mit Gott kämpfst, verlierst Du. Und wenn Du diesen Kampf verlierst, lernst Du, wie man gewinnt. Und das ist mir passiert.

Haben Sie schon gewonnen?

Der Gewinn ist, diesen Anfang zu machen, der niemals endet. Das ist der Sieg. Wenn Du gewinnst, bedeutet das einen neuen Anfang. Und der hört niemals auf, nicht in dieser Welt und auch nicht in der nächsten.

Das ultimative Ziel für einen Christen in dieser Welt ist also, die Wende zu schaffen?

Das ultimative Ziel für einen Christen in dieser Welt ist es, den Willen des Vaters zu kennen und ihn zu befolgen. Punkt. Jesus hat uns zu beten gelehrt: Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, (betont die Wörter) DEIN Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Das ist das Ziel des Christen.

Welche Rolle spielt die katholische Kirche dabei?

Eine sehr große. Denn Jesus hat die katholische Kirche begründet, es ist seine Kirche. Und die ist zurzeit in großer Unordnung. Die Kirche hatte immer Probleme, von Anfang an. Aber wie Stevie Wonder bei der Beerdigung von Aretha Franklin gesagt hat: „Only Love will save us.“ (engl. „Nur die Liebe wird uns retten“, Anm. d. Red.) Nur die Liebe macht die Kirche zu dem, was sie eigentlich sein soll. Denn sie gießt Liebe aus. Das ist ihre Mission, ihre Identität, ihre Realität. Jesus hat die Kirche gegründet und Jesus ist Gott und Gott ist Liebe.

Wie schaffen Sie es, auch die Liebe zu Ihren Feinden zu leben?

Mit Gottes Hilfe. Du kannst Deinen Feind nicht lieben und ich kann es auch nicht. Wir brauchen seine Hilfe!

Haben Sie Feinde?

Ja, mich. Ich bin mein größter Feind. Ich habe viele Feinde, aber ich bin der schlimmste.

Wie zeigt sich das?

Wenn ich nicht tue, was Gott will. Wenn mir meine Selbstbezogenheit im Weg steht. Viele solche Dinge. Du kannst das Sünde nennen oder Schwäche.

Was bedeutet es Ihnen als Franziskaner, dass wir einen Papst mit Namen Franziskus haben?

Ich find's großartig! Er ist ein Jesuit und er hat den Namen von Franziskus von Assisi angenommen. Das bedeutet, dass es seraphischen Aufruhr geben wird. Er wird alles auf den Kopf stellen. Er wird die Kirche wieder aufbauen. Das wird wohl erfordern, viel neu zu ordnen und zu ändern. Denn manchmal müssen wir zurück zu den Grundlagen gehen.

Sie sagen, die Kirche ist gerade in großen Schwierigkeiten. Wo können Sie als Franziskaner der Erneuerung helfen, da herauszukommen?

Wir müssen tun, was der Heilige Johannes Paul II. einmal den Franziskanern bei ihrem Generalkapitel gesagt hat: „Liebt die Kirche, wie der Heilige Franziskus die Kirche geliebt hat. Liebt sie mehr als euch selbst.“ Das ist es, was wir jeden Tag tun müssen. Die Kirche besteht schließlich aus Menschen! Wenn Dinge schieflaufen, müssen wir die Kirche dennoch lieben und die Dinge wieder in Ordnung bringen. Wir haben keine Zeit, Spielchen zu spielen.

Was meinen Sie damit?

Weißt Du, es gibt so viele Fragen von richtig und falsch und es gibt so viel Verwirrung. Aber der einzige Weg, diese komplizierte Situation besser zu machen, ist Dinge zu vereinfachen. War es Michelangelo oder Leonardo da Vinci? Einer von den Kerlen jedenfalls hat gesagt: Einfachheit ist die ultimative Komplikation. Wenn man sagt, dass etwas einfach ist, heißt das, dass es zutiefst komplex ist. Die Dinge einfacher zu machen, wird sehr aufwühlend. Einen Schritt nach dem anderen.

Sie sind ein berühmter Jazz-Bassist und haben zahlreiche Platten veröffentlicht. Ist das Ihr Weg der Neuevangelisierung?

Nenne es meinetwegen so, ich spiele einfach. Wir müssen Menschen treffen, unsere Begabungen weitergeben. Wie macht man Neuevangelisierung? Menschen müssen sie selbst sein. Sie müssen wissen, was Gott von ihnen will. Die Menschen müssen lernen, Opfer zu bringen, sich selbst zu überwinden, sich selbst zum Geschenk zu machen. Wenn ich das schaffe, kann ich den Menschen wirklich begegnen. Und auch wenn sie sich ändern müssen – und jeder muss sich ändern – werden sie offen dafür sein, weil ich da bin als wahrhaftige Person. Das ist, was Gott will. So hat er uns erschaffen.