Wenn der alte Ritus zur neuen Messe wird

Warum es eine lohnende Erziehungsaufgabe ist, Kinder mit der überlieferten Form der römischen Liturgie vertraut zu machen.

Plädoyer für römischen Ritus
Eltern und Kinder unterwegs nach Chartres: Die alljährliche Pfingstwallfahrt ist für viele Jugendliche zur modernen Schule traditioneller Liturgie geworden. Foto: Archiv

Für viele gilt der alte Ritus als im doppelten Wortsinne rückwärtsgewandt. Der Priester ist über lange Strecken nur von hinten zu sehen, verdeckt dabei zum Teil das Altargeschehen, gesprochen wird einiges unhörbar leise in einer vielen unverständlichen Sprache aus scheinbar längst vergangenen Zeiten. Und selbst wenn man das Geschehen im Messbuch auf Deutsch mitverfolgt, sind Texte wie „Richte mich, Gott, und entscheide meine Sache gegen ein unheiliges Volk“ aufs erste Lesen hin sperrig und gewöhnungsbedürftig. An Skurrilität ist das nur noch zu überbieten durch den Hinweis, entgegen allem „Mitmachen“ in modernen Gottesdiensten einfach mal in Stille und Gebet zu versinken.

Ausscheren aus dem Gemeindeleben

Kinder, die von klein an mit dem alten Ritus groß werden, kennen es nicht anders. Doch wie steht es mit jenen, die in „normalen“ Kirchengemeinden sozialisiert sind? Wenn Familien umswitchen auf die alte Messe, muss nicht nur die neue Liturgie verinnerlicht und den Kindern nahegebracht werden. Es bedeutet in aller Regel ein Ausscheren aus dem Gemeindeleben, ohne dass es nahtlos die Eingliederung in eine neue Gemeinde mit sich brächte. Besonders neuralgische Situationen werden dann Hochfeste, Erstkommunion und Firmung. Während sich „alle“ wiedersehen, Klassenkameraden oder ehemalige Kindergartenbekanntschaften für einige Monate gemeinsame Vorbereitungszeit erleben und in der Heimatpfarrei ihren großen Tag begehen, wird die entsprechende Veranstaltung im alten Ritus kein Ereignis in großer Gemeinschaft und der bislang vertrauten Kirche.

Dieser Weg kostet Mühe. Die Hemmschwelle ist hoch, zumal die meisten Kinder ein gesundes Gespür dafür haben, was innerhalb einer Gruppe angesagt ist und was nicht. Eltern sind ohnedies schon häufig genug peinlich; der zusätzliche Exotenstatus will für Kinder daher wohldosiert sein und bedarf unter Umständen innerfamiliär der Rechtfertigung. Vorbehalte müssen ausgeräumt und der Mehrwert, mindestens aber die Notwendigkeit vermittelt werden.

Mama darf ja auch nicht Priester werden

„Wenn Du mit jemandem sprichst, schau ihn an!“, bringen wir unseren Kindern bei. „Guck nach vorne!“, ermahnen wir sie auf dem Fahrrad. Und kein Kind würde verstehen, warum der Busfahrer sich bei voller Fahrt zu seinen Passagieren umdreht. Damit ist im Handumdrehen erklärt, warum der Priester im alten Ritus eben nicht „mit dem Rücken zum Volk“, sondern gemeinsam mit seiner Gemeinde zu Gott betet. Im Osten geht die Sonne auf. Und mit der aufgehenden Sonne erscheint am Ostermorgen der auferstandene Herr. Hat ein Kind einmal verstanden, warum der Priester mit seiner Gemeinde ad orientem betet, wird es danach vielleicht fragen, warum der Priester normalerweise Gott den Rücken zukehrt.

Mädchen dürfen nicht ministrieren – ein Wermutstropfen für bis dahin im Altarraum aktive Mädchen, ein kleiner Triumph für die Jungs, den man ihnen angesichts des Priestermangels großherzig und hoffnungsvoll gönnen darf. Und schließlich darf Mama auch nicht Priester werden.

Nicht jeder kann Latein. Doch es ist die Amtssprache der Weltkirche

Nicht jeder kann Latein. Doch es ist die Amtssprache der Weltkirche und einheitsstiftend über den ganzen Erdkreis, das Bindeglied zur frühen Kirche, über Jahrhunderte die Sprache der Politik, der Literatur, der Wissenschaft; eingeschrieben in Kathedralen, Ursprung aller romanischen Sprachen, kulturelle Säule Europas – Kinder kann man begeistern für diese Größe. Und die unbekannte Sprache taugt möglicherweise viel mehr dazu, das Mysterium der heiligen Messe auszudrücken; ebenso wie das teilweise durch den Priester verdeckte, nicht durchgehend sichtbare Geschehen am Altar leichter abbildet, was das Auge nicht erkennt. Die natürliche Affinität eines Kindes zum Geheimnisvollen erweckt im alten Ritus eher Neugierde als Abschreckung.

Kinder sind möglicherweise leichter als Erwachsende imstande, das der Welt entrückte Geschehen zu erfassen, so lange und gerade weil es schon der äußeren Form nach dem Alltag wirklich entzogen ist. Wer in der alten Messe aufrichtig die Begegnung mit Christus sucht, wird sie finden. Jahrhundertelang hat die Kirche liturgische Formen und Traditionen hervorgebracht, um genau dies zu gewährleisten. In manchen Familien mag sich daher die „Rechtfertigungsdebatte“ schneller erledigen als erwartet. Der Besuch der alten Messe bedeutet nicht ein Aussteigen aus, sondern ein Umsteigen innerhalb der Kirche. Mit „Summorum pontificum“ hat Papst Benedikt XVI. im Jahr 2007 alle diesbezüglichen Zweifel ausgeräumt. Und Familien verabschieden sich in aller Regel nicht aus dem novus ordo, weil sie vom Glauben abgefallen wären oder sich gegen die kirchliche Lehre stellten. Häufig sind es die liturgischen Experimente der modernen Kirche, derer sie überdrüssig sind. Sie ertragen nicht mehr die Profanisierung der Kirchenräume, die Gemeinschaft, in deren Zentrum nicht Christus steht, die Bagatellisierung der Heiligen Messe.

Unterscheidung von einem weltlichen Event ist mancherorts nur noch schwer auszumachen

Die Unterscheidung von einem weltlichen Event ist mancherorts nur noch schwer auszumachen. Wenn die im Messbuch vorgesehenen Ausnahmeregelungen ohne Not zum Normalfall geworden sind – wie Handkommunion, Abweichen von der Leseordnung, Katechese durch Laien statt Predigt durch den Priester, Singen, Tanzen, Spielen im Altarraum und vieles mehr –, wenn all dies irgendwann nicht nur als ,dem Glauben des Kindes nicht zuträglich‘, sondern als schädlich erkannt wird, muss die Reißleine gezogen werden. Das mag zu Beginn mühsam sein, manches unverständlich und ungewohnt. Und die Verabschiedung aus liebgewonnenen Gemeindestrukturen ist ein hoher Preis. Doch die Weitergabe des katholischen Glaubens an die Kinder ist das höhere Gut und schließlich der bedeutendste unter allen Erziehungsaufträgen.