„Wenn Gott uns die Armen schickt, dann sorgt er auch für sie“

Die Frankfurter Kapuziner bieten seit zwanzig Jahren ein Frühstück für Obdachlose im „Franziskustreff“. Von Antonia von Alten

Bruder Paulus Terwitte im Gespräch mit Gästen des „Franziskustreffs“. Foto: IN
Bruder Paulus Terwitte im Gespräch mit Gästen des „Franziskustreffs“. Foto: IN

Frankfurt (DT) Der Tag im „Franziskustreff“ im City-Kloster Liebfrauen beginnt früh. Um 6.30 Uhr decken die Helfer die Tische, schneiden Brot, kochen Kaffee und bereiten Teller mit Käse und Wurst für das Obdachlosenfrühstück vor. Um 7 Uhr frühstücken die Ehrenamtlichen gemeinsam, um 7.45 Uhr wird die Eingangstür geöffnet und jeder der hereinkommenden „Gäste“, wie die Obdachlosen und Bedürftigen genannt werden, mit Handschlag begrüßt. Manche warten schon einige Zeit vor der verschlossenen Tür im Innenhof des Kapuzinerklosters neben der Lourdesgrotte. Die einen kommen direkt von ihren Übernachtungsstellen unter Brücken oder auf den Straßen Frankfurts, ihre Rucksäcke und Tüten tragen sie bei sich. Andere haben zwar ein Dach über dem Kopf, jedenfalls für ein paar Nächte, haben aber kein Geld und freuen sich über einen heißen Kaffee und ein ausgiebiges Frühstück. Wieder andere haben eine dauerhafte Bleibe, sind aber arm und allein, oft auch psychisch krank.

Sechsmal die Woche und an den großen Feiertagen ist der Treff geöffnet, lediglich am Sonntag bleibt die Tür des Obdachlosenfrühstücks geschlossen.

Die Gäste sitzen an Tischen und werden von den Helfern bedient. Sie können wählen zwischen Kaffee und verschiedenen Teesorten, Wurst, Käse, Schmand, selbstgemachten Marmeladen und Honig. Brot und Brötchen sind Spenden von Bäckereien aus der Umgebung. Wer will, kann sich belegte Brote machen und sie für den Tag mitnehmen. Die Frühstückszeit ist für die Gäste eine Zeit der Ruhe, in der sie willkommen sind und einfach da sein dürfen – so wie sie sind: der eine mit seinen nervösen Eigenarten, der andere mit seinen ungewaschenen Haaren und schmutzigen Händen, der dritte mit einer Alkoholfahne. Es kommen nicht nur Männer. In den letzten Jahren suchen auch immer mehr Frauen den „Franziskustreffs“ auf. Gregor Merckle, der mit seiner Frau für die Hauswirtschaft des „Franziskustreffs“ verantwortlich ist, weiß: „Die größte Armut der Menschen, die zu uns in den ,Franziskustreff‘ kommen, ist die Einsamkeit.“

Seit zwanzig Jahren laden die Frankfurter Kapuziner jeden Morgen Obdachlose und Bedürftige zum Frühstück ein. Initiator der Aktion für Bedürftige ist der 2010 verstorbene Kapuzinerbruder Wendelin, der 1992 nach Frankfurt kam. Mit 1 500 D-Mark Startkapital begann er mit dem Aufbau eines regelmäßigen Frühstücks für die Armen, die bis dahin mit einem Butterbrot an der Pforte abgespeist wurden. Bruder Wendelin fand das würdelos. „In einer Stadt, in der unmittelbar neben Liebfrauen die Einkaufsstraße Zeil und die Banken glänzen, sollen die Armen auch einen Glanzpunkt erhalten“, so Wendelins Forderung. Zwar ist der Gastraum mit 32 Sitzplätzen begrenzt, aber die Möbel sind solide und schön. Am Anfang waren es etwa zwanzig Gäste, die der fröhliche Bruder Wendelin, der vorher viele Jahre lang Schneider und Pförtner im Kapuzinerkloster in Münster war, bewirtete. Heute kommen täglich bis zu 160 Bedürftige nach Liebfrauen. Mit der Zahl der Besucher stieg auch das Spendenaufkommen und die Zahl der ehrenamtlichen Helfer. Mittlerweile ist der „Franziskustreff“ ein mittelgroßer Betrieb: Drei Angestellte für die Hauswirtschaft, eine für Sozialberatung und zwei für Bundesfreiwilligendienst oder Freiwilliges Soziales Jahr und über 35 Ehrenamtliche, die von einmal in der Woche bis einmal im Monat an den Tischen bedienen.

Nach dem plötzlichen Tod von Bruder Wendelin im Jahr 2010 haben Bruder Paulus und Bruder Pirmin die Leitung des „Franziskustreff“ übernommen. Die beiden Kapuziner mit ihren Bärten, in braunen Kutten und Sandalen, fallen auf in der City von Frankfurt. Der Lebensstil von Paulus, Pirmin und ihren vier Mitbrüdern im Frankfurter City-Kloster provoziert: Mitten im Konsumtrubel erheben sie die Stimme für die, die es nicht können, für die Bedürftigen: die Obdachlosen, die Armen, Verschuldeten, die Rentner, die mit 400 Euro Rente im Monat auskommen müssen und sich schämen, Hartz IV zu beantragen. Keiner von ihnen ist freiwillig arm. Und wer wohnungslos ist, hat schwerwiegende persönliche Gründe, warum er „lieber“ auf der Straße lebt als in staatlich organisierten Unterkünften.

Die Würde der wohnungslosen Menschen ist für die Kapuziner wichtig. „Wir wollen sie nicht wie Almosen-Empfänger behandeln“, beschrieb schon Bruder Wendelin das Anliegen des „Franziskustreffs“. Deshalb ist das Frühstück auch nicht umsonst, sondern kostet 50 Cent. Die Gäste legen sie meist abgezählt in Zwanzig- und Zehn-Cent-Stücken auf den Tisch. Gelegentlich machen die Mitarbeiter des „Franziskustreffs“ eine Ausnahme und das Frühstück ist für die Gäste: am Geburtstag des Gründers Bruder Wendelin, an Weihnachten und an Ostern. Und am Tag nach der Wahl des neuen Papstes Franziskus, die von Helfern und Gästen des „Franziskustreffs“ mit großem Jubel aufgenommen wurde.

Etwa vierzig Männer und Frauen engagieren sich ehrenamtlich für den „Franziskustreff“. Die jüngsten sind 15, die ältesten 65 Jahre alt. Wenn die Gäste es möchten, setzen sich die Helfer auch zu ihnen an den Tisch und reden mit ihnen.

Josefina Oppermann ist eine der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen. Seit 1998 hilft sie immer mittwochs mit. Kennengelernt hat sie Bruder Wendelin, als gerade der fünfte Jahrestag des „Franziskustreffs“ gefeiert wurde. Frau Oppermann war kurz zuvor in den Ruhestand gegangen. „Ich wollte etwas tun für Gott und die Welt“, erinnert sie sich. Auf die Frage, ob sie mitarbeiten könnte, antwortete er sofort mit „Gerne, wann können Sie anfangen?“.

Der „Franziskustreff“ hat für Frau Oppermann etwas mit der Hochzeit von Kana zu tun. Bruder Wendelin hatte gesagt: „Wenn Gott uns die Armen schickt, dann sorgt er auch für sie.“ Bruder Wendelin, so die ehrenamtliche Helferin, hat die Armen eingeladen und sich dann voll Vertrauen auf das Wirken Gottes verlassen – wie Maria bei der Hochzeit zu Kana ihren Sohn darauf hinwies „Sie haben keinen Wein mehr“.

www.franziskustreff.de