Wenn Franziskus Klartext spricht

Kurienreform, Frauenweihe und römischer Primat, Homo-Seilschaften im Vatikan, wiederverheiratete Geschiedene und der „Großvater“ Benedikt: Der Papst vor Journalisten. Von Guido Horst

Wich keiner Frage aus und fand liebevolle Worte: Papst Franziskus. Foto: dpa
Wich keiner Frage aus und fand liebevolle Worte: Papst Franziskus. Foto: dpa

Rom (DT) Papst Franziskus ist Jesuit, Lateinamerikaner – aber ist er vielleicht auch ein Schelm? „Ich gebe wirklich keine Interviews, warum weiß ich nicht“, hatte er den mitreisenden Journalisten auf dem Flug nach Brasilien gesagt, und hinzugefügt: „Ich kann nicht, das ist so. Es ist für mich etwas anstrengend, das zu tun.“ Von wegen. Und ob er das kann. Am vergangenen Donnerstag stattete er in Rio de Janeiro spontan und ungeplant dem brasilianischen Fernsehsender „Globo“ einen Besuch ab und ließ dort ein ganze 43 Minuten dauerndes Gespräch aufzeichnen, wobei der interviewende Journalist, Gerson Camarotti, anschließend beeindruckt erklärte, der Papst habe sich „vor keiner Frage gedrückt“. Aber erst am Montag hat der Fernsehsender das Interview in voller Länge ins Internet gestellt.

Und noch toller kam es dann auf dem Rückflug nach Rom, wo er, der Papst, der angeblich keine Interviews geben kann, um die dreißig Fragen der mitfliegenden Journalisten beantwortete – offen, ehrlich, ohne Umschweife. Diese Pressekonferenz hoch über den Wolken ging dann um die ganze Welt – nach dem Weltjugendtag. Immerhin hat Papst Franziskus somit vermieden, dass sich brisante Aussagen auf dem Hinflug nach Rio wie ein Störfeuer über die Berichterstattung vom Weltjugendtag hätten legen können. Und brisant war es allemal, was Franziskus in den beiden Gesprächen mit Medienvertretern zu sagen hatte. Aber auf das Jugendtreffen in Brasilien warf es keine medialen Schatten.

Schon beim Sender „Globo“ hatte Papst Franziskus darüber gesprochen, was derzeit – und nicht nur in Rom – viele beschäftigt: Wie geht es weiter mit dem Vatikan, wie sieht es aus mit der viel beschworenen Reform der römischen Kurie. Was Franziskus dazu dem brasilianischen Sender sagte, sollte er später im Flugzeug gegenüber den Journalisten wiederholen, nämlich dass der Anstoß für die von ihm bestellte Kardinalskommission für die Kurienreform aus dem Vorkonklave Anfang März gekommen sei: Das Vorkonklave habe gebeten, dass der zukünftige Papst „eine Kommission von Externen bilden solle, damit diese die einzelnen Fragen der Neuordnung der römischen Kurie zusammenstellt“. Die von ihm nicht einmal einen Monat nach seinem Amtsantritt berufenen Kardinäle hätten bereits viele Dokumente erhalten, „die wir unter uns austauschen“, so der Papst. Derzeit hole man auch Meinungen von Bischöfen und Bischofskonferenzen ein. „Man sucht Reformideen – in der Dynamik des Synodalen.“

Beim Rückflug nach Rom ging er vor den Journalisten dann noch auf einen „Spezialfall“ der Kurienreform ein: das vatikanische Geldinstitut IOR: „Ich dachte, mich mit der Frage im kommenden Jahr zu beschäftigen, doch der Terminkalender hat sich aufgrund der euch wohl bekannten Probleme geändert, denen nun entgegengetreten werden muss. Wie soll man es reformieren und das sanieren, was sanierbar ist? Ich habe eine referierende Kommission ernannt. Ich weiß nicht, wie das IOR enden wird: Einige sagen, es sei besser, eine Bank zu haben, andere, dass man einen Hilfsfonds brauche, wieder andere sagen, es zu schließen.“ Man probiere aus, man suche, so der Papst. Was auch immer aus dem IOR werde: „Es bedarf der Transparenz und Rechtschaffenheit“, so Franziskus.

Es bedarf der Transparenz und der Rechtschaffenheit

Beim brasilianischen Fernsehsender „Globo“ hatte Papst Franziskus auch das Zweite Vatikanum angesprochen: Derzeit sei das Konzil „noch nicht voll umgesetzt“, es inspiriere die Kirche jedoch weiterhin. „Die Umsetzung eines Konzils dauert hundert Jahre, also haben wir jetzt die Hälfte“, meinte der Papst.

Franziskus äußerte sich in diesem Zusammenhang auch über Johannes XXIII. und Johannes Paul II. Beide seien „große Männer“ und Vorbilder für die Kirche. Sie stünden zueinander „in Kontinuität“, da sie beide ein Zeugnis der Erneuerung der Kirche gegeben hätten, ohne dabei die Kontinuität der kirchlichen Tradition aufzugeben. Auch Johannes Paul II. habe Türen geöffnet, indem er „die Koffer packte“ und mit seinen zahlreichen Reisen „ein Missionar“ gewesen sei. Für ihn, Franziskus, sei es „eine Freude, dass beide am gleichen Tag in derselben Zeremonie heiliggesprochen werden“. Im Flugzeug fügte er dann hinzu, dass das hierfür ursprünglich anvisierte Datum am kommenden 8. Dezember mit Blick auf das Wetter in dieser Jahreszeit verworfen worden sei. Zur Auswahl stehe noch der 27. April 2014. Auf dieses Datum fällt der sogenannte Barmherzigkeitssonntag, ein Gedenktag, der von Johannes Paul II. eingeführt wurde.

Im Flugzeug ging der Papst dann darauf ein, dass er sich häufig lieber als „Bischof von Rom“ und nicht als „Papst“ bezeichne. Doch dazu stellte Franziskus klar: Der Primat des Papstes stehe nicht in Frage. „Man darf nicht über die Worte hinaus lesen. Der Papst ist Bischof, er ist Bischof von Rom, und von dort geht alles aus. Das ist der erste Titel, dann kommen die anderen. Doch zu denken, dass dies besagen wolle, dass der Nachfolger Petri ein ,primus inter pares‘ sei, bedeutet, darüber hinauszugehen“, erklärte er vor den Journalisten.

Verständlich, dass seine Äußerungen bei der „fliegenden Pressekonferenz“ über die Homo-Seilschaften im Vatikan weiten Widerhall den Medien fanden. Wörtlich meinte Franziskus: „Es wird so viel von einer Schwulenlobby geschrieben. Ich habe noch niemanden gefunden, der mir im Vatikan einen Ausweis mit dem Vermerk ,schwul‘ gezeigt hätte. Man sagt, es gebe solche Leute. Ich glaube, wenn man so einem Menschen begegnet, muss man unterscheiden zwischen der Tatsache des Homosexuell-Seins und dem Betreiben einer Lobby. Denn keine Lobby ist gut. Das ist das Schlechte. Wenn eine Person homosexuell ist und den Herrn sucht und guten Willens ist – wer bin ich, dass ich über sie urteile? Der Katechismus der katholischen Kirche erklärt das sehr schön: Man darf diese Personen dafür nicht ausgrenzen, sondern muss sie in die Gesellschaft integrieren. Das Problem ist nicht, diese Tendenz zu haben, nein; wir müssen Brüder sein. Das ist das eine. Etwas anderes ist das Problem, wenn man aus dieser Tendenz eine Lobby macht. Die Lobby der Geizigen, die Lobby der Politiker, die Lobby der Freimaurer – viele Lobbys. Das ist für mich das schwerere Problem.“

Papst Franziskus nannte beim Rückflug nach Rom auch die Namen von zwei Vatikanprälaten, die in die Schlagzeilen geraten waren: den wegen versuchten illegalen Geldtransports inzwischen in Haft sitzenden Monsignore und ehemaligen Mitarbeiter der vatikanischen Güterverwaltung APSA Nunzio Scarano (DT vom 2. Juli) sowie den „Prälaten des IOR“, Battista Ricca, dem eine italienische Zeitschrift vorgeworfen hat, sich in seiner Zeit als Mitarbeiter an der Apostolischen Nuntiatur in Montevideo Skandale mit homosexuellen Hintergrund geleistet zu haben (DT vom 23. Juli). „In der Kurie“, so der Papst, „gibt es Heilige, Bischöfe, Priester und Laien, Leute, die arbeiten. Viele, die im Verborgenen zu den Armen gehen oder in der Freizeit eine Kirche aufsuchen, um dort ihren Dienst zu verrichten. Dann gibt es da auch Leute, die nicht so heilig sind, und diese machen Lärm, weil – wie ihr wisst – ein Baum, der umfällt, mehr Lärm macht als ein Wald, der wächst. Ich empfinde einen großen Schmerz, wenn diese Dinge geschehen. Wir haben da diesen Monsignore, der im Gefängnis sitzt. Er ist nicht ins Gefängnis gekommen, weil er exakt der heiligen Imelda ähnelte (in Argentinien übliche Redewendung, A.d.R.), er war kein Heiliger.“

Zu den Vorwürfen gegenüber dem „Prälaten des IOR“ meinte Franziskus allerdings: „Im Fall von Monsignore Ricca habe ich das getan, was das Kirchenrecht vorsieht: eine vorläufige Untersuchung. Es ist nichts von dem gefunden worden, dessen er bezichtigt wird. Wir haben nichts gefunden! Oft werden in der Kirche die Sünden der Jugend gesucht und dann veröffentlicht. Wir sprechen nicht von Verbrechen, Vergehen wie den Missbrauch von Minderjährigen, was eine ganz andere Sache ist, sondern von Sünden. Wenn aber ein Laie, ein Priester oder eine Schwester gesündigt und sich dann bekehrt und gebeichtet hat, dann vergibt der Herr, er vergisst. Und wir haben nicht das Recht, nicht zu vergessen, weil wir andernfalls Gefahr laufen, dass der Herr unsere Sünden nicht vergisst. Oft denke ich an den heiligen Petrus, der die schwerste Sünde begangen hat: Er hat Christus verleugnet. Und dennoch haben sie ihn zum Papst gemacht. Doch ich wiederhole: Zu Monsignore Ricca haben wir nichts gefunden.“

Eine Kirche ohne Frauen sei wie die Apostel ohne Maria

Auch auf eine Frage zu den wiederverheirateten Geschiedenen antwortete der Papst: „Das ist ein immer wiederkehrendes Thema. Ich glaube, dass dies die Zeit der Barmherzigkeit ist, dieser Epochenwechsel, in dem es so viele Probleme auch in der Kirche gibt, auch aufgrund des unguten Zeugnisses einiger Priester. Der Klerikalismus hat viele Wunden hinterlassen, und man muss dazu übergehen, diese Wunden mit der Barmherzigkeit zu heilen. Die Kirche ist Mutter, und in der Kirche muss es Barmherzigkeit für alle geben. Und auf die Verwundeten muss man nicht nur warten, sondern man muss sie suchen. Ich glaube, dass dies die Zeit der Barmherzigkeit ist, wie dies Johannes Paul II. erahnte, der das Fest der Göttlichen Barmherzigkeit eingerichtet hat. Die Geschiedenen können die Kommunion empfangen, die wiederverheirateten Geschiedenen können dies nicht. Man muss auf das Thema in der Gesamtheit der Ehepastoral blicken. Die Orthodoxen folgen zum Beispiel der Theologie der Ökonomie und erlauben eine zweite Ehe. Wenn sich die Gruppe der acht Kardinäle versammeln wird, in den ersten drei Tagen im Oktober, werden wir uns damit beschäftigen, wie man in der Ehepastoral weitergehen soll. Wir sind unterwegs zu einer tieferen Ehepastoral. Mein Vorgänger in Buenos Aires, Kardinal Quarracino, sagte immer: ,Für mich ist die Hälfte aller Ehen ungültig, weil sie heiraten, ohne zu wissen, dass es für immer ist, weil sie es aus sozialer Konvenienz machen und so weiter.‘ Auch das Thema der Ungültigkeit muss untersucht werden.“

Klar und eindeutig dann die Worte des Papstes im Flughafen zur Frauenweihe: „Was die Priesterweihe von Frauen betrifft, hat die Kirche gesprochen und Nein gesagt. Johannes Paul II. hat mit einer definitiven Formulierung gesprochen, diese Tür ist zu. Doch erinnern wir uns daran, dass Maria wichtiger als die Apostel-Bischöfe ist, und so ist die Frau in der Kirche wichtiger als die Bischöfe und Priester.“ Eine Kirche ohne Frauen, meinte der Papst, sei wie ein Apostelkollegium ohne Maria. „Die Rolle der Frau ist die Ikone der Jungfrau, der Gottesmutter. Und die Gottesmutter ist wichtiger als die Apostel.“ Die Kirche, so Franziskus, sei weiblich, weil sie Braut und Mutter sei. „Wir haben noch keine Theologie der Frau hervorgebracht. Man muss sie entwickeln.“

Sehr warmherzig dann die Worte, die Franziskus zu seinem Vorgänger fand: „Das letzte Mal, als es zwei oder drei Päpste zusammen gegeben hat, redeten sie nicht miteinander, sondern bekämpften sich, um zu sehen, wer von ihnen der wahre Papst ist. Ich und Benedikt XVI. haben uns sehr gern, er ist ein Mann Gottes, ein demütiger Mann, ein Mann, der betet.“ Er, Franziskus, sei glücklich gewesen, als Joseph Ratzinger zum Papst gewählt worden sei – „und dann haben wir seine Geste des Amtsverzichts gesehen... für mich ist er ein Großer.“ Wenn es in der Familie einen Großvater gebe, werde er verehrt und man höre auf ihn, meinte der Papst weiter. Und: „Benedikt XVI. mischt sich nicht ein. Für mich ist es, als hätte ich den Großvater im Haus, er ist mein Papa.“