Weltjugendtage sind „ein leuchtendes Feuerwerk“

Interview mit den Journalisten auf dem Flug nach Madrid: Der Papst äußert sich zur Bedeutung und den Erfolgen der WJT – Stellungnahme zur Wirtschaftskrise

Wie üblich, hat Benedikt XVI. den mitreisenden Journalisten auf dem Weg nach Madrid eine „fliegende Pressekonferenz“ gegeben. Die Fragen stellte der Pressesprecher des Heiligen Stuhls, Pater Federico Lombardi SJ.

Heiliger Vater, ich heiße Sie unter uns willkommen. Tausend Dank, dass Sie uns wie gewohnt diese kurze Begegnung während des Hinflugs gewähren. Die „fliegende Gemeinde“ der Journalisten setzt sich aus 56 Vertretern verschiedener Länder zusammen, doch in Madrid warten mehr als viertausend, fast fünftausend Journalisten auf Sie. Das ist ein Rekord für Spanien und auch im Hinblick auf internationale Ereignisse. Wir werden uns natürlich alle bemühen, Ihre Worte aus Anlass dieses wunderschönen Ereignisses angemessen wiederzugeben. Wie üblich möchte ich Ihnen einige Fragen stellen, die mir in den vergangenen Tagen von den hier anwesenden Journalisten vorgelegt worden sind.

Heiliger Vater, der Weltjugendtag jährt sich zum 26. Mal, und zum zwölften Mal wird er mit einer großen internationalen Begegnung gefeiert. Johannes Paul II., der diese Tage eingeführt hat, ist nun seliggesprochen und offizieller Schutzherr des Weltjugendtages in Madrid. Zu Beginn Ihres Pontifikats hat man sich gefragt, ob Sie die Linie Ihres Vorgängers weiterverfolgen würden. Nun nehmen Sie bereits an Ihrem dritten Weltjugendtag – nach Köln und Sydney – teil. Welche Bedeutung messen Sie diesen Ereignissen in der pastoralen „Strategie“ der Weltkirche im dritten Jahrtausend zu?

Liebe Freunde, guten Morgen! Ich freue mich, zu diesem großen Ereignis mit Euch nach Spanien zu reisen. Nach zwei Weltjugendtagen, die ich auch persönlich erlebt habe, kann ich nur sagen, dass es wirklich eine Eingebung war, die Papst Johannes Paul II. geschenkt worden ist, als er diese große Begegnung der Jugendlichen aus aller Welt mit dem Herrn eingeführt hat. Ich würde sagen, dass die Weltjugendtage ein Signal sind, ein leuchtendes Feuerwerk; sie verleihen dem Glauben Sichtbarkeit, sie verleihen der Gegenwart Gottes in der Welt Sichtbarkeit und rufen auf diese Weise den Mut hervor, gläubig zu sein. Häufig fühlen sich die Gläubigen auf dieser Welt isoliert, beinahe verloren.

Weltjugendtage als Teil eines großen Weges

Hier sehen sie, dass sie nicht allein sind, dass es ein großes Glaubensnetz gibt, eine große Gemeinschaft an Gläubigen in der Welt, dass es schön, ist in dieser allumfassenden Freundschaft zu leben. Und so scheint mir, entstehen Freundschaften, Freundschaften über die Grenzen der verschiedenen Kulturen, der verschiedenen Länder hinaus. Und dieses Entstehen eines universalen Netzes der Freundschaft, das Welt und Gott verbindet, ist etwas Wichtiges für die Zukunft der Menschheit und für das Leben der Menschheit heute. Natürlich kann der Weltjugendtag nicht als isoliertes Ereignis angesehen werden. Er ist Teil eines größeren Weges. Er wird vom Weg des Kreuzes vorbereitet, das verschiedene Länder durchwandert und Jugendliche im Zeichen des Kreuzes und im wunderbaren Zeichen der Gottesmutter vereint. So ist die Vorbereitung des Weltjugendtags weit mehr als die technische Vorbereitung eines Ereignisses, bei dem es natürlich viele technische Probleme gibt. Es ist eine innere Vorbereitung, ein Sich-auf-den-Weg-machen zu den anderen und gemeinsam zu Gott. Und danach folgt die Gründung von Freundschaftsgruppen, um diesen weltumfassenden Kontakt aufrechtzuerhalten, der die Grenzen der Kulturen sowie der menschlichen und religiösen Konflikte überwindet. So handelt es sich um einen kontinuierlichen Weg, der dann zu einem neuen Gipfel, zu einem neuen Weltjugendtag führt. Mit scheint, dass der Weltjugendtag in diesem Sinn als ein Zeichen, als Teil eines großen Weges, zu sehen ist: Er schafft Freundschaften, überwindet Grenzen und macht sichtbar, dass es schön ist, mit Gott zu sein, dass Gott mit uns ist. In diesem Sinne wollen wir diese große Idee des seligen Papstes Johannes Paul II. fortführen.

Heiliger Vater, die Zeiten ändern sich. Europa und die westliche Welt im allgemeinen durchleben eine tiefe Wirtschaftskrise, die auch Züge einer schweren gesellschaftlichen und moralischen Krise trägt sowie großer Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft, was vor allem für die Jugendlichen traurig ist. In den vergangenen Tagen haben wir etwa gesehen, was in Großbritannien geschehen ist, wo es zur Auflehnung und zum Ausbruch von Aggressivität kam. Gleichzeitig gibt es Zeichen von großherzigem und begeistertem Einsatz, von freiwilliger Mitarbeit und Solidarität seitens gläubiger und nichtgläubiger junger Menschen. In Madrid werden wir vielen wunderbaren Jugendlichen begegnen. Welche Botschaften kann die Kirche geben, um die Jugendlichen zu ermutigen und ihnen Zuversicht zu geben, vor allem jenen, die heute versucht sind, den Mut zu verlieren und sich aufzulehnen?

In der gegenwärtigen Krise bestätigt sich, was sich schon in der vorhergehenden großen Krise gezeigt hat: Die ethische Dimension steht nicht außerhalb der wirtschaftlichen Fragen, sondern sie ist eine ihnen innewohnende und grundlegende Dimension. Die Wirtschaft kann nicht nur durch Selbstregulierung des Marktes funktionieren, sondern sie braucht eine ethische Grundlage, um für den Menschen zu funktionieren. Erneut zeigt sich, was Johannes Paul II. bereits in seiner ersten Sozialenzyklika gesagt hat: Der Mensch muss Mittelpunkt der Wirtschaft sein, und die Wirtschaft darf nicht am größtmöglichen Profit, sondern sie muss nach dem Allgemeinwohl gemessen werden. Sie schließt die Verantwortung für den Anderen mit ein und funktioniert nur dann wirklich gut, wenn sie auf menschliche Weise funktioniert, im Respekt vor dem Anderen.

Und in den verschiedenen Dimensionen: Verantwortung für die eigene Nation und nicht nur für sich selbst, Verantwortung für die Welt, denn auch die Nation steht nicht für sich allein, auch Europa steht nicht für sich allein, sondern ist für die ganze Menschheit verantwortlich und muss daran denken, die wirtschaftlichen Fragen immer mit dem Blick auf diese Verantwortung auch für die anderen Gebiete der Welt zu betrachten, für diejenigen, die leiden, die hungern und dürsten und keine Zukunft haben

An das Heute und an das Morgen denken

Die dritte Dimension dieser Verantwortung ist dann die Verantwortung für die Zukunft: Wir wissen, dass wir unseren Planeten bewahren müssen, doch wir müssen insgesamt das Funktionieren des Wirtschaftssystems für alle bewahren und bedenken, dass das Morgen auch das Heute einbezieht. Wenn die jungen Menschen heute keine Perspektive in ihrem Leben finden, dann ist unser Heute falsch und „schlecht“. Die Kirche befähigt daher mit ihrer Soziallehre, mit ihrer Lehre der Verantwortung vor Gott, auf den größtmöglichen Profit zu verzichten und die Dinge in einer menschlichen und religiösen Dimension zu sehen, das heißt, einer für den anderen da zu sein. So können auch Wege eröffnet werden.

Im Dienst an den anderen Lebenssinn finden

Die große Zahl an Freiwilligen, die in verschiedenen Teilen der Welt nicht für sich, sondern für die anderen arbeiten und gerade so den Sinn ihres Lebens finden, zeigt, dass dies möglich ist, und dass eine Erziehung zu diesen großen Zielen, wie die Kirche es versucht, entscheidend für unsere Zukunft ist.

Heiliger Vater, die Jugendlichen auf der Welt leben heute im allgemeinen in einer multikulturellen und multikonfessionellen Umgebung. Sie beharren immer sehr auf dem Thema der Wahrheit. Glauben Sie nicht, dass das Beharren auf der Wahrheit und auf der einen Wahrheit, Christus, für die heutigen Jugendlichen problematisch ist? Glauben Sie nicht, dass dieses Beharren sie zu einer Gegenposition animiert und es schwierig macht, einen Dialog mit den anderen zu führen und gemeinsam mit ihnen zu suchen?

Die Beziehung zwischen Wahrheit und Intoleranz, Monotheismus und Unfähigkeit zum Dialog mit den anderen ist ein Argument, das häufig in der Debatte über das heutige Christentum auftaucht. Es stimmt natürlich, dass es im Laufe der Geschichte auch Missbräuche gegeben hat, sowohl was den Begriff der Wahrheit, als auch was den Begriff des Monotheismus betrifft. Doch dabei handelte es sich um Missbräuche. Die Wirklichkeit ist ganz anders. Das Argument ist falsch, weil die Wahrheit nur in der Freiheit zugänglich ist. Man kann Verhaltensweisen, Observanz und Handlungen mit Gewalt durchsetzen, aber nicht die Wahrheit! Die Wahrheit öffnet sich nur der Freiheit, der freien Zustimmung. Daher sind Freiheit und Wahrheit eng miteinander verbunden – das eine ist die Bedingung für das andere. Im übrigen gibt es zur Suche nach der Wahrheit, nach den wahren Werten, die Leben und Zukunft geben, keine Alternative: Wir wollen keine Lüge, wir wollen keinen Positivismus von Normen, die mit einer gewissen Kraft aufgezwungen werden. Nur die wahren Werte führen zur Zukunft. Daher ist es notwendig, die wahren Werte zu suchen und nicht das eigenmächtige Handeln einiger Menschen zuzulassen, nicht zuzulassen, dass sich eine positivistische Vernunft durchsetzt, die uns in Bezug auf die ethischen Fragen und die großen Fragen der Menschheit sagt: es gibt keine vernünftige Wahrheit. Das würde tatsächlich bedeuten, den Menschen der Willkür derer auszusetzen, die die Macht haben.

Die Suche nach den wahren Werten ist notwendig

Wir müssen immer auf der Suche nach der Wahrheit, den wahren Werten, sein. Wir haben einen Kern von Werten in den fundamentalen Menschenrechten; andere, ähnliche Grundelemente sind anerkannt, und gerade diese befähigen uns zum Dialog miteinander. Die Wahrheit als solche ist dialogisch, weil sie versucht, besser zu erkennen, besser zu verstehen, und sie tut das im Dialog mit den anderen. So ist die Suche nach der Wahrheit und nach der Würde des Menschen die beste Verteidigung der Freiheit.

Eine letzte Frage, Heiliger Vater. Die Weltjugendtage sind wunderbare Momente und rufen große Begeisterung hervor, doch die Jugendlichen kehren dann nach Hause zurück und finden sich in einer Welt wieder, in der die Ausübung der Religion stark rückgängig ist. Viele von ihnen werden sich vermutlich nicht mehr in der Kirche blicken lassen. Wie kann dafür gesorgt werden, dass die positive Erfahrung der Weltjugendtage andauert? Glauben Sie, dass diese Tage tatsächlich über die Momente der großen Begeisterung hinaus langfristige Früchte bringen?

Die Saat Gottes erfolgt immer im Stillen, sie erscheint nicht sofort in den Statistiken. Und mit dem Samen, den der Herr mit den Weltjugendtagen auf die Erde aussät, verhält es sich wie mit den Körnern, von denen Er im Evangelium spricht: Etwas fällt auf den Weg und geht verloren; etwas fällt auf felsigen Boden und geht verloren; etwas fällt in die Dornen und geht verloren; doch etwas fällt auf guten Boden und bringt vielfach Frucht. Gerade so verhält es sich auch mit der Saat des Weltjugendtags: Vieles geht verloren – und das ist menschlich. Mit einem anderen Wort des Herrn: Das Senfkorn ist klein, doch es wächst und wird ein großer Baum. Mit noch anderen Worten: Gewiss, vieles geht verloren, wir können nicht gleich sagen: von morgen an beginnt ein großes Wachstum der Kirche.

So handelt Gott nicht. Doch vieles wächst in der Stille. Ich weiß von den anderen Weltjugendtagen, dass viele Freundschaften entstanden sind, Freundschaften für das Leben; viele neue Erfahrungen, dass es Gott gibt. Und wir vertrauen auf dieses stille Wachstum und sind gewiss – auch wenn die Statistiken darüber nicht viel sagen –, dass die Saat des Herrn wirklich wächst. Und für ganz viele Menschen wird es der Beginn einer Freundschaft mit Gott und mit anderen Menschen sein, einer Universalität des Denkens, einer gemeinsamen Verantwortung, die uns wirklich zeigt, dass diese Tage Früchte tragen. Danke!

Wir danken Ihnen, Heiliger Vater, für dieses Gespräch, das uns bereits auf die wesentlichen Themen dieser wunderschönen Tage vorbereitet. Natürlich wünschen wir Ihnen, dass – trotz der Hitze – die Tage von Freude und Zufriedenheit erfüllt sein werden.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller