Weltjugendtag 2019 in Panama: Im Jetzt Gottes leben

Einige fliegen zurück nach Deutschland, andere bleiben noch eine Woche länger. Der XXXIV. Weltjugendtag in Panama ist offiziell zu Ende. Jetzt ist Zeit, die vielen Impulse, Gespräche und Gedanken zu sortieren - entweder zu Hause im winterlichen Deutschland oder auf den San Blas Inseln in Panama. Von Benedikt Winkler

Portugiesische Jugendliche auf dem Weltjugendtag 2019
Junge Menschen aus Portugal jubeln und schwenken portugiesische Fahnen während des Weltjugendtags 2019 am 26. Januar 2019 in Panama City. Foto: Cristian Gennari (KNA)

Die Lebensart der Panamenos hat mich aus der Reserve gelockt“, meint die 34-jährige Doro Ludwig vom Jugend2000-Leitungsteam und schmunzelt. „Wir sind von unserem deutschen Standard her unglaublich organisiert, sodass Absprachen im Vorfeld sehr herausfordernd waren“, erzählt sie. Die Bildungsreferentin war einige Tage zuvor nach Panama geflogen, um die Reise der 160 Teilnehmer der Jugend2000 vorzubereiten. An sprachliche Herausforderungen und spontane Programmänderungen im Weltjugendtags-Büro musste sie sich gewöhnen – aber auch feststellen, dass sich in Panama irgendwie alles regelt. Ihr und vielen anderen Pilgern sei eine unglaubliche Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft entgegengesprudelt, meint sie. Manche hätten ihr letztes Hemd für ihren Gast gegeben. Viele Pilger zeigten sich tief beeindruckt vom Zeugnis ihrer Gastgeber, insofern Reichtum und Besitz nicht alles im Leben seien. So sind die jungen Erwachsenen zwar zum Teil in ärmliche Verhältnisse eingetaucht, hätten aber frohe und dankbare Menschen angetroffen, die ein reiches kulturelles und aktives kirchliches Leben führten. Ludwig erzählt, dass sie erschüttert war über ihre eigene Arroganz, als sie bemerkte, dass jemand, der keine Schulbildung genossen hatte, die Enzyklika „Laudato si“ besser zitieren konnte und mehr davon verstanden hatte als sie selbst. Ein Wunder oder ein Zeichen, dass Gott wirklich ganz und gar bei den Menschen ist, für die sonst niemand die Stimme erhebt – Menschen, die unmittelbar von den Folgen des Klimawandels, von Ernteausfällen und dergleichen betroffen sind.

Nach den Tagen der Begegnung in der ländlich geprägten Diözese Penonomé ging es in der pulsierenden Hauptstadt weiter. Die deutschen Pilger wurden nun in Appartements bei wohlhabenderen Gastfamilien zum Teil mit Swimmingpool untergebracht. Plötzlich stand nicht mehr eine große, weiße Kathedrale im Mittelpunkt des Stadtbilds wie in Penonomé, sondern eine von Wolkenkratzern gesäumte Uferpromenade, die Cinta Costera direkt am Pazifik. Die prächtige Skyline von Panama-City stellte die Kirchen der Stadt wie die zentral gelegene Iglesia del Carmen oder die Iglesia Cristo Rei in den Schatten. Mitunter hatten es die Weltjugendtags-Pilger schwer, ihre Katechese-Orte zu finden und sich zu orientieren. In der ganzen Stadt verteilt gab es mehrere Orte der Anbetung, der Beichte und der Gewissenserforschung. Eine Besonderheit stellte der „Garten der Versöhnung“ dar, der eine spezielle „Renew me“-Erfahrung anbot. Wer seiner Berufung auf die Spur kommen wollte, der konnte außerdem zu einer Berufungsmesse gehen oder das stille Gebet in einer Basilika vor dem Gnadenbild der Jungfrau von La Antigua suchen, deren Verehrung spanische Ritter aus Sevilla im 16. Jahrhundert nach Mittelamerika gebracht hatten. Das berühmte und allerorts verehrte Bildnis zeigt die Jungfrau Maria, wie sie in der rechten Hand eine weiße Rose hält und auf dem linken Arm das Jesuskind trägt, das wiederum mit einem Stieglitz spielt. Wer wachen Auges am Stadtrand von Panama-City unterwegs war oder mit der Metro stadtauswärts fuhr, konnte auch die Favelas nicht übersehen, welche in Erinnerung riefen, dass ein Viertel der Menschen in Panamá unterhalb der Armutsgrenze lebt.

Die wohl bewegendsten Momente erlebten die Jugendlichen auf dem „Campo San Juan Pablo II“, der etwa sieben Kilometer nordöstlich von der Altstadt Casco Vierjo entfernt liegt. Während der Vigilfeier am Samstagabend herrschte minutenlang stille Anbetung vor dem Allerheiligsten. Hunderttausende Pilger, die zuvor noch lautstark gesungen und getanzt hatten, knieten oder folgten der Fatima-Madonna in einer andächtigen Prozession, während die Sonne langsam unterging. Aufgrund der milden Temperaturen konnte man problemlos ohne Zelt unter freiem Sternenhimmel schlafen.

Am Sonntagmorgen feierte Papst Franziskus die Abschlussmesse. In seiner Predigt verwies er auf die Stelle im Lukas-Evangelium, wonach Jesus das „Jetzt Gottes“ offenbart hat. „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ Nicht im Morgen, nicht in einer unbestimmten Zwischenzeit, sondern im „Jetzt Gottes“ erfülle sich das „Ja“ zu unseren Mitmenschen, sagte Franziskus. Jeder sei aufgerufen, das „Jetzt Gottes“ zu sein und die konkrete, nahe, wirkliche Liebe und Hingabe zu leben. „Euer ,Ja‘ möge weiterhin das Eingangstor sein, auf dass der heilige Geist der Welt und der Kirche ein neues Pfingsten schenke“, schloss der Pontifex seine Predigt. Kurz vor seinem Rückflug nach Rom dankte Papst Franziskus den 20 000 freiwilligen Helfern des Weltjugendtages, indem er darauf verwies, wie wichtig es ist, zuzuhören und sich der Gemeinschaft bewusst zu werden, die entsteht, wenn man sich verbindet, um einander zu dienen. „Wir erfahren, wie der Glaube einen völlig neuen Geschmack und neue Kraft erhält: Er wird lebendiger, dynamischer und realer.“ Man erfahre eine andere Freude, die sich aus der Gelegenheit ergibt, Seite an Seite mit den anderen zu arbeiten, um einen gemeinsamen Traum zu erreichen.

Doro Ludwig sagt, dass sie nach dem Weltjugendtag in Panamá Papst Franziskus und „seine Mentalität“ besser verstanden habe. Hinzu komme ein Gespür dafür, dass es kulturelle Codes gebe, die auch die Liturgie prägen und die sich nicht so einfach von einer Kultur in eine andere transferieren lassen. Ein Friedensgruß in Mittelamerika sieht nun einmal anders aus als in Deutschland. Ob das pfingstliche Feuer und die Begeisterung vom Weltjugendtag an der mittelamerikanischen Peripherie in die hoffnungsmüden Heimatdiözesen hinübergerettet werden kann, wird sich zeigen. Eines solle die Jugend der Welt jedenfalls nicht: Sich mit ihren Fragen und Träumen von einem grauen Pragmatismus vertrösten lassen. Denn das Leben findet jetzt statt – in der Gegenwart.