Weibliche Macht im Apostolischen Palast?

Martha Schad befasst sich mit Schwester Pascalinas Rolle im Pontifikat Papst Pius XII.

Über Josefine Lehnert (1894–1983), im Orden Schwester Pascalina, ist vieles, auch Übertriebenes und Unzutreffendes geschrieben worden. Die deutsche Nonne, von Münchner Nuntiaturtagen her Leiterin des Haushaltes von Eugenio Pacelli, später Papst Pius XII., bis zu dessen Tod am 9. Oktober 1958, war eine ausgeprägte und profilierte Persönlichkeit, der gegenüber man offenbar nicht in unbeteiligter Neutralität verharren konnte. Das wird dem Leser wieder bewusst, wenn er Martha Schads Schwester-Pascalina-Buch aufschlägt. Neben Menschen, die der Ordensfrau ausgesprochen wohlgesonnen waren wie Kardinal Faulhaber und Kardinal Spellman, hatte sie eine Menge Gegner, Kardinal Tisserant zum Beispiel, seit 1951 als Dekan des Heiligen Kollegiums immerhin ranghöchster Purpurträger der Kirche, selbst eine leibliche Schwester Pius XII., Elisabetta Rossignani. Manche werden Madre Pascalina das große Vertrauen missgönnt haben, das der Pacelli-Papst ihr entgegenbrachte, ein Vertrauen, das sie auch in Sekretariatsdienste und zur Koordination caritativer Anstrengungen des Apostolischen Stuhls rief. Während Kardinal Faulhaber die Ordensschwester gerade in der Ausübung der Caritas als „kleine mater misericordiae“ erfuhr (Brief vom 22. September 1948, zitiert S. 130), stießen sich andere an ihrem energischen, manchmal herben Wesen.

Dass die einige Zeit nach dem Ende des Pacelli-Pontifikates einsetzende damnatio memoriae Pius' XII. – im Gefolge von Hochhuths „Stellvertreter“ – dem Ansehen und Andenken der diesem Pontifex so sehr verbundenen Schwester Pascalina nicht förderlich war, ist klar. Ebenso lag die Haushälterin Pius' XII. durch ihre kritische Einstellung zu Entwicklungen der Nachkonzilszeit nicht im Mainstream des Zeitgeistes.

Wie wird die Geschichte einmal endgültig über Schwester Pascalina urteilen? War sie das machtbesessene Haupt einer angeblich deutsch bestimmten Kamarilla, die dem Pontifikat Papst Pius' XII. nach Ansicht mancher eine Schlagseite zum Negativen gegeben hat und den Nachfolger Petri – wie man meint – beherrschte? Oder ist die Lehrschwester vom Dritten Orden des heiligen Franziskus von Assisi die selbstlose Heilige gewesen, als die andere sie wohl gerne zeichnen würden? Vorsicht im Urteil ist am Platze. Martha Schads kürzlich erschienenes Buch über Schwester Pascalina zeichnet sich durch Behutsamkeit in der Darstellung und ernstes Bemühen um Sachlichkeit und gesicherte Fakten aus.

Wie in der Betrachtung des Pacelli-Pontifikates im Ganzen, nach der letzten größeren pamphletartigen Darstellung – von Cornwell – in letzter Zeit endlich wieder eine gerechtere, unpolemische, historisch saubere Tendenz zu beobachten ist, so legt Schad eine gediegene, vorurteilsfreie Detailanalyse über die Bedeutung von Schwester Pascalina im Pontifikat Papst Pius' XII. vor.

Insgesamt entsteht das Bild einer gläubigen, frommen, zupackenden und energiegeladenen Frau, die ihrem Vorgesetzten in den letzten vierzig Jahren seines Wirkens loyal und mit Hingabe zur Seite stand und sich seinem Erbe, so wie sie es verstand, auch nach Pius' Tod zutiefst verpflichtet fühlte. Ein starkes Selbstbewusstsein musste dabei nicht unbedingt in Gegensatz treten zu der vom Geist des Ordenslebens her geforderten Demut, die zu üben Schwester Pascalina zweifellos aufrichtig bemüht war.

Vielleicht könnte man – ungeachtet des Sekretärs – und der Berater Pius' XII. – Schwester Pascalina in mancher Hinsicht und in manchen Situationen als die organisationsbegabte und unbedingt zuverlässige „Chefsekretärin“ Pacellis bezeichnen. Ohne die Leistung einer solchen wäre das Lebenswerk einer Reihe großer Persönlichkeiten nicht denkbar gewesen. Im kirchlichen Raum ist eine solche von einer Frau ausgeübte Position weitgehend unbekannt. Auch hiermit hängt es sicher zusammen, dass die Bedeutung Pascalinas im Pacelli-Pontifikat beargwöhnt und missbilligt wurde. Im Grunde zeigt sich in der Tatsache, dass Pius XII. der deutschen Ordensschwester manche wichtigen Aufträge gab und sie in ziemlicher Selbstständigkeit wirken ließ, die Modernität dieses Pontifex, der um ein effizientes Arbeiten allzeit besorgt war.

Das Pascalina-Buch von Martha Schad bringt manches Interessante, das auch der mit der Geschichte des Pontifikats Papst Pius' XII. und mit seiner Biographie vertraute Leser zuvor in der Regel noch nicht gewusst haben dürfte; so zum Beispiel das Faktum, dass die Ordensfrau Pacelli begleitete, als er in seiner Zeit als Kardinalstaatssekretär 1934 zum Eucharistischen Weltkongress nach Buenos Aires und 1938 zu dem gleichen weltkirchlichen Treffen nach Budapest reiste. Ebenso war sie bei der bedeutsamen Reise „ihres“ Kardinals in die Vereinigten Staaten im Herbst 1936 mit von der Partie. Auch über Pascalinas Herkunft, ihre Eltern und Geschwister erfährt man Wissenswertes, des weiteren über ihre Zeit am Nordamerikanischen Kolleg in Rom nach dem Tod Papst Pius' XII., wo sie geehrt und – wegen ihrer Entschiedenheit in manchen Situationen – gefürchtet war. Schließlich bleiben auch die späten Jahre der „Madre“ nicht unberücksichtigt, die im November 1983 eigentlich recht plötzlich in die Ewigkeit ging. In einem Flugzeug, das sie von Wien nach Rom bringen sollte, wurde Schwester Pascalina von einem Schlaganfall getroffen, an dessen Folgen sie wenige Tage später starb. Die VIP-Stewardess der Austrian Airlines, die die Ordensfrau betreute, Minuten bevor diese – offensichtlich völlig gesund – den Flieger bestieg, hatte Pascalina noch einmal „mit unendlicher Begeisterung ... vom ersten Zusammentreffen mit dem späteren Papst Pius XII. in München“ erzählt (S. 213), das zum bestimmenden Ereignis für ihr ganzes späteres Leben wurde.

Martha Schads Buch kann uneingeschränkt zur Lektüre empfohlen werden. Es wird jedem hilfreich sein, der sich ein fundiertes Urteil zum Pontifikat des Pacelli-Papstes bilden möchte, in dem Schwester Pascalina Lehnert eine nicht zu überschätzende, aber auch keine unwichtige Rolle spielte. Bei einer künftigen Auflage des Buches, die wohl zu wünschen ist, möge freilich auf eine noch bessere Kenntlichmachung von wörtlichen Zitaten geachtet werden. Die Autorin hätte einzelne kurze Passagen aus Schwester Pascalinas Erinnerungsbuch über Papst Pius XII. „Ich durfte ihm dienen“ als solche hervorheben sollen, wie dem Rezensenten auf den Seiten 166 und 167 von Schads Werk auffiel. Dabei handelt es sich aber offensichtlich um ein schlichtes Versehen, das den Wert des hier rezensierten Opus nicht tangiert.