Montilla

Was schwerer wiegt als Sünde

Machtkämpfe und die Missbrauchskrise verdunkeln das Image der Kirche. Dennoch ist sie heilig, denn der Dreifaltige wohnt in ihr. Eine Reflexion über die Gegenwart Gottes in seiner Kirche.

Luis Ladaria
Kardinal Luis Ladaria rückt die objektive und subjektive Heiligkeit der Kirche in den Fokus. Foto: KNA

Im Credo beten wir „die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. Das älteste dieser vier Attribute der Kirche ist die Heiligkeit. Schon am Ende des ersten Jahrhunderts spricht Ignatius von Antiochien von der heiligen, von Gott geliebten Kirche in Tralles (Asien). In den verschiedenen Versionen des sehr alten Glaubensbekenntnisses erscheint immer die Heiligkeit. Auf die anderen Attribute trifft das so nicht zu. Nicht alle Versionen des Glaubensbekenntnisses sprechen von der einen, von der katholischen oder von der apostolischen Kirche, doch alle von der heiligen Kirche. In der Bibel ist nur Gott heilig. Heilig bedeutet: losgelöst, andersartig, unbefleckt, unverdorben, rein. Die Dämonen sagten zu Christus: „Du bist der Heilige Gottes.“ In der Heiligen Schrift begegnen die Menschen dem heiligen Gott, und diese Begegnung wirft immer Fragen auf und verwirrt den Menschen, denn Gott ist groß. Im Buch Exodus erlebt Mose das mit dem brennenden Dornbusch. Gott zu begegnen ist immer etwas Überwältigendes, das im Innersten bewegt und auf den ersten Blick aus der Fassung bringt. Die Vision des Propheten Isaias, die das Sanctus inspiriert hat, zeigt, dass Gott vollkommen anders ist, uns aber an seinem Leben und an seiner Heiligkeit teilhaben lässt. Daher kommt die biblische Aufforderung „Seid heilig, wie ich heilig bin“. Dazu ist der Mensch berufen – und diese Berufung verbindet ihn mit Gott. (…)

Die Heiligkeit der Christen kommt aus der Taufe und der Ausgießung des Heiligen Geistes. Christen sind Tempel des Heiligen Geistes und Wohnstatt Gottes durch den Geist. Die Kirche ist ein Haus aus lebendigen Steinen – den Heiligen – und Gott wohnt in ihr. Sie ist sein Volk, so wie er zu Zeiten des Alten Bundes im Volk Israel wohnte. Daher ist die Kirche dem Wesen nach heilig. Sie hat von Christus die Zusage der Unvergänglichkeit erhalten: Ich bin bei Euch alle Tage. Die Kirche verfügt aber weder über die Heiligkeit noch über die Werkzeuge der Heiligung. Sie sind ihr anvertraut worden. Wir Priester sind nicht die Eigentümer, sondern Verwalter und Diener der Werkzeuge der Heiligung, die der Herr anbietet. Daher gibt es eine Heiligkeit, die als objektiv bezeichnet werden kann. Sie ist von der subjektiven Heiligkeit der Glieder der Kirche zu unterscheiden, aber nicht von ihr zu trennen. (...)

Die Heiligkeit der Gegenwart Jesu kann der Kirche niemand nehmen

Die garantierte selbsttätige Wirksamkeit der Sakramente – „ex opere operato“ – beruht auf der objektiven Heiligkeit der Gegenwart Jesu und des Geistes in der Kirche. Diese Gabe kann ihr niemand mehr nehmen. Dem Pontifex romano kommt, wenn er ex cathedra spricht, jene Unfehlbarkeit zu, die Christus seiner Kirche zugesagt hat. (...)

Von Anfang an gibt es in der Kirche Sünder und Sünden. Doch, wie Bonhoeffer sagte, sind die Rechtfertigung der Sünde und die Rechtfertigung des Sünders zweierlei. Gottes Barmherzigkeit ist groß. Christus hat den Sündern vergeben, aber er hatte niemals Nachsicht mit der Sünde. Er hat die Dinge beim Namen genannt und der Ehebrecherin vergeben, ihr aber unmissverständlich gesagt: „Geh hin und sündige nicht mehr“. Die Sünde wirft natürlich Schatten auf die Kirche und entstellt ihr Antlitz, aber die Heiligkeit und die Gegenwart Christi in ihr ist immer stärker.

"Die Heiligkeit des Alltags
sollen Priester bei allen entdecken
und fördern."
Kardinal Luis Ladaria Ferrer

Papst Franziskus sagt in seinem Apostolischen Schreiben „Gaudete et exsultate“ über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute vom 19. März 2018: „Es gefällt mir, die Heiligkeit im geduldigen Volk Gottes zu sehen: in den Eltern, die ihre Kinder mit so viel Liebe erziehen, in den Männern und Frauen, die arbeiten, um das tägliche Brot nach Hause zu bringen, in den Kranken, in den älteren Ordensfrauen, die weiter lächeln. In dieser Beständigkeit eines tagtäglichen Voranschreitens sehe ich die Heiligkeit der streitenden Kirche. Oft ist das die Heiligkeit ,von nebenan‘, derer, die in unserer Nähe wohnen und die ein Widerschein der Gegenwart Gottes sind, oder, um es anders auszudrücken, ,die Mittelschicht der Heiligkeit‘.“ „Mittelschicht“ bedeutet hier nicht Mittelmäßigkeit, sondern das Bewusstsein, dass wir alle zur Heiligkeit berufen sind, auch wenn wir nicht alle dazu berufen sind, in das Verzeichnis der Heiligen aufgenommen zu werden. (...) Der Papst spricht von der alltäglichen Heiligkeit, die nicht weniger wert ist. (...) Diese Heiligkeit des Alltags sollen Priester bei allen entdecken und fördern. (...)

Alle sind zur Heiligkeit berufen

Alle Christen sind, unabhängig von ihrem Stand und ihren Lebensumständen, zur Heiligkeit berufen. Christus als Haupt ist die einzige Quelle der Heiligkeit und sein rettender Einfluss erreicht alle Christen: Wir sind ein heiliges Volk und ein königliches Priestertum. Die Kirche ist aber ein Leib, dessen Glieder unterschiedliche Funktionen haben. Einige sind dazu berufen, den ihnen Anvertrauten Heiliges mitzuteilen.

Daher sind die Priester in besonderem Maß dazu verpflichtet, heilig zu leben – zum Wohl aller Gläubigen. Das Amtspriestertum stammt aus dem Priestertum Christi und ist gestiftet worden, damit die Gläubigen das Ziel erreichen, heilig zu werden. Der heilige Juan de Ávila sagt: Der Herr hat seiner Kirche Priester hinterlassen, damit sie sie leiten und verwalten und den Menschen, deren Existenz durch die Sünde Adams aus den Fugen geraten und weit entfernt ist vom Gutem, den Weg zu einem stimmigen Leben zeigt. Unser Erlöser bietet das Heilmittel an: Diener, die Ordnung in diesen Wirwarr bringen sollen und das Durcheinander aufräumen.“

Von Kardinal Luis Ladaria Ferrer

Beim vorliegenden Text handelt es cAuszüge aus einem Vortrag, den der Präfekt der Glaubenskongregation am 10. Mai in Montilla (Spanien) anlässlich der Feierlichkeiten zum 450. Todestag des Kirchenlehrers Johannes von Ávila (1499–1569) gehalten hat.

Übersetzt aus dem Spanischen von Regina Einig, Alle Rechte bei der Diözese Cordoba