Was erfüllt das Herz des Menschen?

Rimini: Das Themenspektrum beim Meeting für die Freundschaft unter den Völkern spiegelt die Internationalität des Treffens Von Thaddäus WeberKnecht

Rimini (DT) Italien steht derzeit vor einer doppelten Herausforderung: Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise wird durch die Krise der Regierung Berlusconi verschärft. Die Zukunft des Landes war somit unvermeidlich auch ein Hauptthema des „Meetings für die Freundschaft unter den Völkern“ in Rimini, das an diesem Samstag zu Ende geht. Das Treffen der kirchlichen Bewegung Comunione e Liberazione ist zugleich Auftakt der politischen Saison nach der Sommerpause. Dieses Jahr gaben sich neben Ministern und Oppositionspolitikern vermehrt Gewerkschaftler, Banker und Unternehmer die Klinke in die Hand. Zum Abschluss ergriff der Präsident der Europäischen Kommission, Jose Emanuel Barroso, das Wort. Zuvor hatte die irische Präsidentin Mary McAleese über den Weg der Versöhnung in Nordirland berichtet.

„Die Wirtschaft ,schlägt‘ die Politik“, titelte der „Corriere della Sera“. Den Veranstaltern ging es aber weniger um politisch-strategische oder wirtschaftstechnische Fragen, selbst wenn diese wie üblich die aktuelle Berichterstattung beherrschten. Stattdessen standen die Gründe für Marktversagen und Politikverdrossenheit sowie die Voraussetzungen für deren Bewältigung im Zentrum. Die Mailänder Wirtschaftsuniversität Bocconi hatte hierzu eine eigene Ausstellung erarbeitet.

Die Ebene der Auseinandersetzung gab der diesjährige Meetings-Titel vor: „Das Herz ersehnt von Natur aus große Dinge“. Ohne den Menschen wieder ins Zentrum zu stellen, lassen sich auch die derzeitigen Krisen nicht bewältigen, wie dies Papst Benedikt XVI. in seiner Botschaft zu Beginn des Katholikentreffens erläuterte. Das Motto erinnere daran, „dass am Grund der Natur jedes Menschen eine nicht zu unterdrückende Unruhe herrscht, die ihn zur Suche nach etwas drängt, das diese Sehnsucht befriedigt“, so das Kirchenoberhaupt. Jeder Mensch wisse, „dass er gerade in der Verwirklichung dieser tiefen Bedürfnisse seines Herzens die Möglichkeit findet, sich selbst zu verwirklichen, seine Erfüllung zu finden und wirklich er selbst zu werden“. Allerdings sei der Mensch oft versucht, „sich bei den kleinen Dingen aufzuhalten, bei jenen, die ihm eine unmittelbare Befriedigung und Lust geben; bei jenen, die für einen Augenblick erfüllen“. Das Herz des Menschen verlange aber stets nach mehr. „Die endlichen Dinge können einen Vorgeschmack der Befriedigung und Freude geben, aber nur das Unendliche kann das Herz des Menschen erfüllen.“

Der Patriarch von Venedig, Kardinal Angelo Scola, ging vor 12 000 Zuhörern auf das Thema unter der Fragestellung „Sehnsucht nach Gott – Kirche und Postmoderne“ ein. Im Gegensatz zum postmodernen Relativismus hielt Scola daran fest, dass diese Sehnsucht nicht rein subjektiv ist. Der Mensch finde sie als Grundbedürfnis in sich vor, gleich ob er sich dessen bewusst sei oder nicht. Ja sie präge im letzten seine ganze Wirklichkeitswahrnehmung.

Die Veranstaltungen mit gut 350 prominenten Gästen aus aller Welt deklinierten gleichsam diese Grundaussagen der christlichen Anthropologie auf den verschiedenen Ebenen von Gesellschaft und Politik durch: von Lebensschutz, Bioethik und Menschenrechten über die Bewältigung der Arbeitslosigkeit in Italien, die Sozialfrage der Favelas in Lateinamerika und den Zerfall von Staatlichkeit in Afrika bis hin zu Fragen der globale Finanzwissenschaft und der Kultur.

Im Themenspektrum spiegelte sich zugleich die zunehmende Internationalität des Treffens wieder. Unter den gut 300 000 Besuchern, die sich in der vergangenen Woche in den neuen Messehallen der Adriastadt einfanden, waren Besucher aus allen Teilen der Welt. Allein die rund 4 000 Freiwilligen, die das Kulturfestival wesentlich mittragen, rekrutieren sich inzwischen aus über zwanzig Ländern, von Mexiko bis Weißrussland. In diesem Jahr nahmen auch acht muslimische Studenten teil, die eine Pizzeria bewirtschafteten.

Freiwillige aller Altersklassen und Berufszweige, vom Professor bis zum Schüler, stehen in den Mensen hinter der Kasse, sie weisen die Autos auf den Parkplätzen ein oder säubern am Abend die Hallen. Vor allem aber geben sie dem Meeting den Charakter einer Veranstaltung, die von „unten“ getragen wird, als konkreter Ausdruck eines „Ideals“, für das man Zeit und Geld gibt. Ohne sie wäre im Übrigen das Meeting trotz aller Sponsoren, die das Outfit des Meetings durchaus mitprägen, schon rein finanziell nicht möglich.

Den Grund für das Engagement nannte der vor fünf Jahren verstorbene Gründervater von CL, Don Luigi Giussani, in einem Artikel, den „La Repubblica“ aus gegebenem Anlass nochmals veröffentlichte: „Es gibt keine wirkliche Wahrnehmung eines Ideals, wenn es nicht zu einer Kraft der Veränderung führt.“

Dies zeigt sich nicht zuletzt in den unterschiedlichsten Initiativen, die inzwischen aus der Bewegung hervorgegangen sind und sich am Meeting präsentieren: Dazu gehören die Tafeln für Essen und Medikamente ebenso, wie die „Famiglia per L'acoglienza“, ein Familienverband für die Adoption oder zeitweise Aufnahme von Kindern und Jugendlichen, Initiativen für Gefangene und Arbeitslose und zahlreiche weitere soziale Werke.

Welche Rolle aber sollte das „Herz des Menschen“ für die Zukunft der Weltwirtschaft spielen? Für Giovanni Bertolone, Direktor des internationalen Wirtschaftsunternehmens Finmeccanica eine entscheidende. Betriebswirtschaftlich wird diese Frage gemeinhin unter dem Begriff der „Humanressource“ verhandelt, so der Industrielle. Doch statt der Ausbildung reiner Fachkräfte fordert er eine „Gesamtentwicklung der Persönlichkeit“. Dabei gehe es nicht nur um eine größere Arbeitszufriedenheit, sondern ganz grundsätzlich um Motivation und Forschung. Ohne ein Grundinteresse an der Wirklichkeit, ohne das „Streben des Menschen nach großen Dingen“ seien diese nicht möglich.

Ohne ein angemessenes Verständnis der Person ist aber auch die Achtung des Gemeinwohls in Gefahr. Der Bezug zur aktuellen Krise in Italien wurde dabei exemplarisch für den Vorschlag des Christentums gegenüber den Kräften globalisierter Märkte und einer zunehmend verkürzten Sicht des Menschen. Ständiger Bezugspunkt war dabei die Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ von Papst Benedikt XVI.

„Die Krise entstand aus dem ,Verrat‘ an den wahren Bedürfnissen des Menschen, zugunsten eines Profits, der zum Selbstzweck wurde“, so Bernhard Scholz. Für den aus Deutschland stammenden Präsident des CL-nahen Unternehmerverbandes „Compagnia delle Opere“ (CdO) geht es „vor einer Festlegung von Regeln und Standards“ darum, „jede Person in ihrer Einzigartigkeit zu fördern“. Der CdO gehören gut 34 000 mittelständischen Betriebe und Nichtregierungsorganisationen im Sozialbereich an.

Das Meeting gilt auch als ein Gradmesser für das Verhältnis von Kirche und Politik in Italien. Nach der Auflösung der Democrazia Cristiana Anfang der 90er Jahre als direktem Ansprechpartner, wurde es über Jahre vor allem vom ehemaligen Vorsitzenden der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Camillo Ruini, bestimmt. Er vermied unmittelbare Präferenzen und versuchte nach dem Zusammenbruch der Ideologien, die christlichen Werte vorzuschlagen.

Für die Veranstalter des Meetings ist Politik in diesem Sinne vor allem Dienst am Gemeinwohl. Der pragmatische Zugang, der den Kompromiss um der Sache willen einer ideologischen Verhärtung vorzieht – soweit es nicht um Grundfragen wie etwa das Lebensrecht geht – führte und führt nicht selten zu scharfer Kritik. Derzeit setzt die CdO vor allem auf eine Stärkung des Steuerföderalismus im Sinne eines subsidiären Staatsaufbaus. Viele Veranstaltungen widmeten sich dem Thema „weniger Staat – mehr Gesellschaft“.

Breiten Raum nahm wiederum die Kultur ein. Albert Camus‘ Caligula kam in einer musikalischen Bearbeitung unter Otello Cenci zur Aufführung. Eine weiteres „Musikdrama“ befasst sich mit dem Schicksal der russischen Starpianistin Maria Judina, der Stalin aufgrund ihres Bekenntnisses zur Orthodoxie eine internationale Karriere versagte. Weil der Diktator aber von ihrem Spiel so ergriffen war, sah er trotz der offenen Kritik Judinas davon ab, sie in einem Gulag ermorden zu lassen. Die Wertschätzung Osteuropas gehört seit dem Beginn zu den Anliegen des Meetings unter den Völkern etwa durch den Besuch des Solidarnosc-Führers Lech Walesa. Eine Ausstellung erinnerte an die Rolle der freien Gewerkschaft beim Fall der Berliner Mauer.

In diesen Jahr ging es um die Überwindung der Trennung der Christenheit zwischen Orthodoxie und katholischer Kirche mit einer durchaus historischen Begegnung: Erstmals trafen sich der Metropolit von Minsk, Filaret, und der Erzbischof von Bukarest und Vorsitzende des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen, Kardinal Peter Erdö. „Die katholische und die russisch-orthodoxe Kirche sind dogmatisch so nah beieinander, dass mich persönlich der Umstand physisch schmerzt, dass es noch nicht zu einer vollen Einheit gekommen ist“, so Erdö. Filaret zeigte sich seinerseits überzeugt, dass es an der Zeit für eine Begegnung zwischen dem Patriarchen von Moskau und dem Papst sei. Tatsächlich könnte die Begegnung von Rimini wenige Wochen nach der Eröffnung der apostolischen Nuntiatur in Moskau das Vorspiel eines Treffens zwischen Papst Benedikt XIV. und Patriarch Kyrill I. werden.