Warum Politiker zu den Päpsten pilgern

Das Görres-Institut in Rom war Schauplatz einer Tagung, die Antworten auf die Frage nach dem politischen Aufstieg des modernen Papsttums gab. Von Guido Horst

Alle Generationen und eine Fülle von Interessen waren unter den Teilnehmern des Symposions der Görres-Gesellschaft vertreten. Foto: Horst
Alle Generationen und eine Fülle von Interessen waren unter den Teilnehmern des Symposions der Görres-Gesellschaft vertr... Foto: Horst

Rom (DT) Wenn man sich fragt, warum vor einer Woche 27 Staats- und Regierungschefs Europas den Papst im Vatikan aufgesucht haben, sich eine Ansprache von Franziskus anhörten und dann zusammen mit ihm zu einem Gruppenfoto unter Michelangelos „Jüngstem Gericht“ Aufstellung nahmen, so ist die Antwort gar nicht so einfach. Zumal es nicht Papst und Vatikan waren, die eingeladen hatten, sondern die Spitzenpolitiker diesen Termin unbedingt wollten – auch um den Preis, einen Tag früher anreisen und in Rom übernachten zu müssen, denn am Samstag, an dem sie ihr eigentliches Amtsgeschäft abzuwickeln hatten, die Feierlichkeiten zum sechzigsten Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge, war Franziskus schon wieder in Mailand.

Und wenn man weiter fragt, warum es dem Papst bei diesem Kurzbesuch in der lombardischen Metropole gelungen ist, eine ganze Stadt und darüber hinaus eine ganze Region zu mobilisieren und Millionen Menschen anzuziehen, wird die Antwort auch nicht leichter. Gerade Mailand ist eine Stadt, wo wie in vielen Metropolen der westlichen Welt eine gewisse Entchristlichung um sich greift: Die Kirchen werden leerer, immer mehr Paare leben ohne kirchliche Trauung zusammen, die Geburtenrate sinkt, wie auch das Glaubenswissen der nachwachsenden Generationen und Berufungen zum Priestertum oder Ordensleben seltener werden.

Der Zufall wollte es, dass an dem genannten Wochenende einen Steinwurf vom Petersdom entfernt ein Wissenschaftler-Symposium zu Ende ging, das dieser Frage nachging. Vom Münsteraner Centrum für Religion und Moderne und dem Römischen Institut der Görres-Gesellschaft eingeladen diskutierten Theologen, Geschichtswissenschaftler, Soziologen, Politikwissenschaftler und Medienexperten aus Italien, Spanien, Deutschland, Polen, England und den Vereinigten Staaten die Frage, warum das Papsttum ausgerechnet in einer Zeit zunehmender Säkularisierung und sinkender Kirchenbindung in der westlichen Welt politisch einflussreicher wird. Und darüber, ob es sich wirklich um eine real wachsende Bedeutung des Heiligen Stuhls handelt oder ob es nur Protokoll und Höflichkeit sind, die die römischen Päpste zu einem gefragten Gesprächspartner der politischen Eliten von heute machen. Die Frage ist so facettenreich, dass die etwa vierzig Referenten nicht genügten, um alle Einzelaspekte des Tagungsthemas zu beleuchten. Der Titel des Symposiums lautete „Der politische Aufstieg des Papsttums: Mobilisierung, Medien und Macht der Päpste“. Und der Münsteraner Privatdozent und Politologe Mariano Barbato, neben dem Archäologen Stefan Heid vom römischen Görres-Institut verantwortlich für die Planung und Förderung der Tagung, wollte das Wort „Aufstieg“ im Konferenz-Titel durchaus in doppelter Weise verstehen: als Bedeutungszuwachs sowie auch als ganz wörtlich zu verstehende vermehrte Sichtbarkeit der Päpste in der Öffentlichkeit und Medienwelt von heute. Die Frage scheint inzwischen längst bei den säkularen Geisteswissenschaften angekommen zu sein. So waren es dann auch Fördermittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die Barbato als Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft für sein Münsteraner Forschungsprojekt „Die Legionen des Papstes“ eingeworben hatte, die die Finanzierung der römischen Tagung sicherstellten.

Auch bei dem Symposium war die Versuchung zu verspüren, die neue Salonfähigkeit der Päpste etwa an der Popularität von Franziskus festzumachen – oder an Johannes Paul II., der als „Reisepapst“ ein ganz neues Kapitel der Papstgeschichte eingeläutet hat. Der im Sinne des Symposiums zu verzeichnende „Aufstieg“ des Papsttums begann aber viel früher, paradoxerweise in einer Zeit, in der es politisch und von seinem Einfluss her am Boden lag: Mit der Eroberung Roms durch piemontesische Truppen 1870 hatten die Päpste den Kirchenstaat endgültig verloren, sie zogen sich als „Gefangene im Vatikan“ hinter die heiligen Mauern zurück. Gleichzeitig entfesselten Industrialisierung und moderne Wissenschaften einen technischen Fortschritt, die Glaube und kirchliche Traditionen alt aussehen ließen. Mancher wartete damals nur noch auf ein Aussterben des Papsttums. Aber es kam genau anders.

Die Referenten des Symposiums gingen den Einzelaspekten dieses Phänomens in ihren jeweiligen Fachvorträgen nach und fächerten es in mehrere Themenblöcke auf: Die wachsende Mobilität der Päpste, ihre zunehmende Fähigkeit, Massen zu mobilisieren – zum Beispiel Pilgerströme in einem Heiligen Jahr –, und die Schnelligkeit, mit der sie sich die modernen Kommunikationsmittel zunutze machten. Der Politologe und Publizist René Schlott zeichnete dies am Beispiel der Papstbeerdigungen nach. Von Pius IX. bis Pius XI. nahmen keine staatlichen Delegationen an Papstbeisetzungen teil. Die Wende kam mit Pius XII., dessen Requiem zum ersten Mal im Freien auf dem Petersplatz in der Anwesenheit der Vertreter von 53 Staaten gefeiert wurde. Und der Abschied von Johannes Paul II. wurde dann zum größten Gipfeltreffen aller Zeiten. So viele gekrönte Häupter sowie Staats- und Regierungschefs waren noch nie in Rom zusammengekommen wie in jenem April 2005.

Wenn man von der politischen Macht des Papsttums spricht, denken viele an das Mittelalter, wo sie den Höhepunkt der päpstlichen Machtausübung vermuten. Der Politologe Timothy Byrnes aus den Vereinigten Staaten machte deutlich, wie aber gerade die vatikanische Diplomatie der Neuzeit immer erfolgreicher wurde. Nach den vergeblichen Friedensbemühungen der Päpste Benedikt XV. und Pius XII. im Ersten und Zweiten Weltkrieg waren die Päpste immer wirksamer an Friedensvermittlungen und „international affairs“ beteiligt – zuletzt etwa an der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba oder in Kolumbien. Während des Balkankriegs war der Vatikan der erste, der die neuen Staaten Kroatien und Slowenien völkerrechtlich anerkannte und setzte damit ein starkes Signal. Der Beitrag von Johannes Paul II. zur Stärkung des Resistenz-Bereitschaft in seiner polnischen Heimat gegen Moskau und das eigene kommunistische Regime ist bekannt, wobei der Politologe ein weiteres Beispiel nannte, das Papst Wojtyla als selbstbewussten Außenpolitiker zeigte: sein persönlicher Auftritt in Nicaragua, wo der Papst 1983 den Sandinisten in die Augen sah und in Managua öffentlich den Priester und Marxisten Ernesto Cardenal maßregelte.

Mariano Barbato fasste gegenüber dieser Zeitung das „politische Erfolgsrezept“ des Papsttums so zusammen: Neue Medien und die wachsende Mobilität der Päpste – vom Beginn des Eisenbahnbaus im alten Kirchenstaat ab 1856 bis zu den Flugreisen von heute – erleichterten es immer mehr, die Massen zu mobilisieren. Die Medien hätten das zunehmend in die Öffentlichkeit transportiert – und die Politik habe nicht anders handeln können, als darauf zu reagieren. Die Politik hat sich nicht zum Christentum bekehrt, aber sie nimmt den sehr ernst, der Menschen zu binden und zu bewegen vermag.