Warten auf ein Signal

Die Meinung über Pius XII. wandelt sich – Würde die jüdische Welt das anerkennen, ginge es weiter mit der Seligsprechung des Pacelli-Papstes

Rom (DT) Ein Sturm im Wasserglas? Zeitungen in England, Israel, Italien und den Vereinigten Staaten haben in dieser Woche wieder einmal über die mögliche Seligsprechung von Papst Pius XII. und die ebenfalls mögliche Reise von Benedikt XVI. nach Israel spekuliert. Ausgangspunkt waren diesmal die Erklärungen zweier römischer Jesuiten. Die erste stammte von Pater Peter Gumpel, dem langjährigen Postulator im Seligsprechungsprozess für den Pacelli-Papst, dessen fünfzigster Todestag vor zwei Wochen begangen wurde. Gegenüber der italienischen Nachrichtenagentur ANSA hatte Gumpel gemeint, dass es schwer vorzustellen sei, dass Papst Benedikt Israel – und dann sicherlich die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem – besuche, solange dort das Bild von Pius XII. im Museum von Yad Vashem im sogenannten Saal der Schande hänge und mit jener bereits mehrfach kritisierten Bildzeile versehen sei, derzufolge dieser Papst zu den Staatsoberhäuptern gehöre, die für die Juden nichts getan haben.

Die Nachrichtenagentur machte daraus die Meldung, laut Pater Gumpel sei eine Israel-Reise des deutschen Papstes unmöglich, was zahlreiche Zeitungen dann so übernahmen. Das rief den zweiten Jesuiten auf den Plan, Pater Federico Lombardi, den Direktor des vatikanischen Pressesaals und damit Sprecher des Papstes. „Es ist bekannt“, lautete ein Mitteilung Lombardis vom vergangenen Sonntag auf der Internet-Seite des Pressesaals, „dass der Repräsentant der Heiligen Stuhls in Israel schon in der Vergangenheit Einwände gegen den Text der Bildzeile über Pius XII. im Museum von Yad Vashem vorgetragen hat. Es wäre zu wünschen, dass diese Gegenstand einer neuen, objektiven und vertieften Prüfung durch die Verantwortlichen des Museums wären. Dennoch“, so heißt es in der Erklärung des Vatikansprechers weiter, „kann man diese Tatsache nicht als ausschlaggebend für eine Entscheidung über eine mögliche Reise des Heiligen Vaters ins Heilige Land betrachten, eine Reise, die der Papst wünscht, die aber noch nicht konkret geplant ist.“

Was den Seligsprechungsprozess für Pius XII. angeht, so wiederholte Pater Lombardi das, „was schon jüngst gesagt worden ist: Dass der Papst bis jetzt das Dokument über den heroischen Tugendgrad des Dieners Gottes Pius XII. noch nicht unterzeichnet hat, was die Voraussetzung für den Fortgang des Verfahrens wäre. Dies ist Gegenstand von weiteren Prüfungen und Überlegungen des Papstes, und in dieser Situation ist es nicht angebracht, zu versuchen, in dem einen oder anderen Sinn Druck auf ihn ausüben“.

Was wie ein Dementi der Äußerungen Pater Gumpels klang, war jedoch keins, denn dieser hatte nur davon gesprochen, dass es schwierig erscheint, dass Benedikt XVI. Israel besucht, während in Yad Vashem der fragliche Text über Pius XII. zu lesen ist. Und davon ist sicherlich auszugehen. Die vatikanische Diplomatie hat sich bisher nicht gescheut, klar ihre Meinung zu dem Bildtext zu sagen.

Bereits im Jahr 2006 hat der Apostolische Nuntius in Israel, Erzbischof Antonio Franco, überraschend seine Teilnahme an der zentralen Gedenkveranstaltung für die Shoa-Opfer abgesagt. Franco begründete seine Absage damit, dass er sich durch die Bildunterschrift unter dem Konterfei Papst Pius' XII. in Yad Vashem beleidigt fühle. Der Papst wird dort wegen seiner Haltung während des Zweiten Weltkriegs als „umstritten“ bezeichnet. Er habe nichts unternommen, um Rassismus und Antisemitismus zu verurteilen, steht da zu lesen. Man könne aber Pius XII. nicht in einem Atemzug mit den Tätern der Judenvernichtung nennen, die sich für das schämen müssten, was sie Juden angetan hätten, meinte Franco damals und fügte hinzu, er sehe die ganze Kirche dadurch beleidigt. Die Verantwortlichen der Gedenkstätte sicherten daraufhin schriftlich zu, ihre Haltung zu Pius XII. zu überdenken – und der Nuntius entschied kurzfristig, doch noch an der Shoa-Veranstaltung teilzunehmen. Tagesgeschäft eines Vatikan-Diplomaten.

Weitaus vorsichtiger muss Papst Benedikt vorgehen. Noch ist nicht absehbar, wie die jüdische Welt auf eine Seligsprechung Pius' XII. reagieren würde. Am Dienstag umriss Pater Gumpel die Situation des Papstes in der italienischen Tageszeitung „Il Giornale“ so: „Es ist bekannt, dass die einstimmige Entscheidung der Kongregation für die Seligsprechung zugunsten der Proklamation des heroischen Tugendgrads von Papst Pacelli im Mai 2007 gefallen ist. Benedikt XVI. hat weitere Prüfungen angeordnet und die sind erfolgt.“ Dennoch hat der Papst das entsprechende Dekret zur Anerkennung des heroischen Tugendgrads noch nicht unterzeichnet. Dieses Dekret wäre die Voraussetzung, um den letzten Schritt des Prozesses vor der Seligsprechung einleiten zu können: Die Prüfung und Anerkennung eines der Fürsprache Eugenio Pacellis zugeschriebenen Wunders (das bereits „vorliegt“). „Wenn das Warten weitergeht“, so Pater Gumpel in „Il Giornale“, „scheint das vom Willen des Papstes bestimmt zu sein, weiterhin gute Beziehungen zwischen der Kirche und der jüdischen Welt zu haben. Gerade einige Vertreter dieser Welt haben hervorgehoben, dass eine eventuelle Seligsprechung Pius' XII. diese Beziehungen unheilbar zerstören würden. Wie man aber weiß“, fügte Gumpel an, „ändert sich die allgemeine Meinung über Eugenio Pacelli.

Die in Rom organisierte Tagung des amerikanischen Juden und Präsidenten der Stiftung ,Pave the way‘, Gary Krupp, die eine ausführliche Dokumentation zugunsten Pius' XII. geprüft und vorgelegt hat, war ein wichtiges Signal. Und der Papst hat das Thema im Verlauf von drei Wochen zweimal angesprochen und in beiden Fällen erklärt, dass sein Vorgänger in der schwierigen Zeit des Kriegs getan hat, was er konnte, um das Schlimmste zu verhindern und die größtmögliche Zahl von Juden zu retten. Es ist möglich, dass der Papst ein neues Signal und ein Zeichen der Entspannung von Seiten der jüdischen Welt erwartet.“

Bisher blieben solche Zeichen aus – und der unglückliche Text über Pius XII. hängt immer noch in Yad Vashem. Allerdings hat sich jetzt der israelische Staatspräsident Schimon Peres in die Debatte eingeschaltet. Peres wiederholte am Sonntagabend die Einladung Papst Benedikts. Ein Besuch des katholischen Kirchenoberhauptes sei sehr willkommen. Er habe Benedikt XVI. zwei- oder dreimal getroffen, so Peres. Das Thema Pius XII. sei dabei aber „niemals angesprochen“ worden. „Sollte Papst Pius XII. den Juden geholfen haben, dann müsste das nachgewiesen werden; genauso müsste bewiesen werden, wenn jener Papst den Juden nicht geholfen hat.“ Dass Pius XII. den Juden geholfen hat, ist bewiesen und kann nachgelesen werden. In der von Pater Gumpel zitierten „jüdischen Welt“ hat sich das anscheinend jedoch nur ansatzweise herumgesprochen. Was die Israel-Reise und die Seligsprechung Papst Pius' XII. angeht, muss Papst Benedikt weiterhin vorsichtig sein.