Warme Worte in gespannter Atmosphäre

Türkei: Erdogan unterstreicht bei einer Begegnung mit Patriarch Bartholomaios I. seinen Willen, Minderheitenrechte zu stärken

Istanbul (DT/KAP) Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan hat am Wochenende Büyük ada, die größte der Prinzeninseln im Marmara-Meer, besucht und ist dort mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. zusammengetroffen. Erdogan, der in Begleitung des türkischen Europaministers Egemen Bagis, von Kulturminister Ertugrul Gunay und Unterrichtsministerin Nimet Cubukcu war, besuchte das orthodoxe Georgskloster, ein beliebtes Wallfahrtsziel für Christen und Muslime, und das einstige orthodoxe Waisenhaus, das erst nach einem langwierigen Prozess vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof der Kirche zurückgegeben wurde. Bei dem Treffen mit dem Patriarchen unterstrich Erdogan seinen Willen zu einer weiteren Demokratisierung der Türkei und einer Stärkung der Minderheitenrechte. Bartholomaios I. äußerte sich anschließend sehr ermutigt. Erdogan habe „den Wünschen der Kirchenvertreter aufmerksam zugehört“: „Wir haben daraus große Hoffnung geschöpft.“

An dem Essen mit dem Regierungschef auf Büyük ada nahmen mit dem Ökumenischen Patriarchen unter anderem auch der armenisch-apostolische Erzbischof Aram Atesyan, der syrisch-orthodoxe Metropolit Filüksinos Y. Cetin und der jüdische Oberrabbiner Ishak Halevi teil. Der Besuch Erdogans auf Büyük ada hat in der türkischen Öffentlichkeit große Beachtung gefunden. Die Visite wird auch als symbolischer Versuch gesehen, an die spätosmanische „Tanzimat“ (Reform)-Epoche anzuknüpfen, als in der Türkei trotz aller Probleme relativ normale Verhältnisse herrschten. Die Prinzeninseln wie Büyük ada (der griechische Name lautet Prinkipos) sind mit ihrer von „Belle Epoque“ und osmanischem Jugendstil geprägten Architektur ein „Museum“ der Epoche vor 1914, in der etwa der Botschafter des Sultans in Wien ein orthodoxer Grieche und der Außenminister ein Armenier war.

Auf den Prinzeninseln befanden sich in byzantinischer Zeit zahlreiche Klöster, die oft auch als Verbannungsorte für in Konstantinopel missliebig gewordene Politiker dienten. In der osmanischen Epoche waren die Inseln weitgehend der Autorität des Ökumenischen Patriarchen unterstellt.

Um den gewaltigen Bau des orthodoxen Waisenhauses auf Büyük ada hatte es einen jahrzehntelangen Rechtsstreit gegeben. Ursprünglich als Hotel geplant, war der Bau 1902 in das Eigentum der Kirche übergegangen. Wie üblich, wurde das Waisenhaus juridisch als fromme Stiftung nach islamischem Vorbild organisiert. In den sechziger Jahren kam es zu einem Brand, in dessen Folge das Waisenhaus geschlossen wurde. Das Gebäude verfiel, schließlich stellten sich die türkischen Behörden auf den Standpunkt, die Stiftung sei erloschen und übertrugen das Eigentum an die (staatliche) Zentralverwaltung der Stiftungen. Dagegen prozessierte das Ökumenische Patriarchat durch alle Instanzen; der Europäische Menschenrechtsgerichtshof gab 2008 schließlich dem Patriarchat recht. Der Prozess hatte im Hinblick auf tausende christliche Einrichtungen, die ähnlich organisiert waren, Modellcharakter.

Ein zentrales Thema der Gespräche zwischen Bartholomaios I. und Ministerpräsident Erdogan dürfte die nach wie vor ungelöste Frage der Wiedereröffnung des orthodoxen Priesterseminars und der Theologischen Hochschule auf der benachbarten Prinzeninsel Chalki (Heybeli ada) gewesen sein. Seminar und Hochschule waren 1971 geschlossen worden. Seither kann die orthodoxe Kirche in der Türkei keinen Priesternachwuchs mehr ausbilden. Die Wiedereröffnung von Chalki zählt zu den Forderungen der Europäischen Union an die Türkei.

Wie gespannt die Atmosphäre gegenüber Christen in der Türkei nach wie vor ist zeigt ein Vorfall vom vergangenen Wochenende: Im historischen Kloster Sumela unweit der Schwarzmeermetropole Trabzon (Trapezunt) kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Wachpersonal und Christen. Die Sicherheitskräfte gingen türkischen Medienberichten vom Sonntag zufolge gegen christliche Pilger vor, die in dem Kloster beten wollten. Mehrere hundert orthodoxe Gläubige aus Griechenland, Russland und Georgien waren anlässlich des Festes der „Entschlafung der Gottesmutter“ (Koimesis tes Panagias; im Westen Maria Himmelfahrt) am Samstag in das an einem Steilhang gelegene Kloster gekommen.

Die örtliche Verwaltung habe ihnen aber die erbetene Genehmigung zu einem Gottesdienst im Kloster verweigert, das offiziell als Museum gilt. Als die Gläubigen dennoch mit Ikonen und Kerzen in die Kirche zogen, löschten die Security-Leute den Berichten zufolge die Kerzen mit Wasser und drängten die Betenden hinaus. Dabei sei es zu Rangeleien und Handgreiflichkeiten gekommen.

Das Kloster Sumela wurde im vierten Jahrhundert gegründet. Es ist im ganzen Nahen Osten bekannt, weil dort jahrhundertelang eine dem Evangelisten Lukas zugeschriebene Ikone der Muttergottes verehrt wurde. Sumela liegt 40 Kilometer südlich von Trabzon im Nationalpark des Pontischen Gebirges in gut 1 200 Meter Höhe. Die ältesten erhaltenen Gebäude des Klosters stammen aus der Komnenenzeit. Auch nach der Eroberung durch die Osmanen im Jahr 1461 entwickelte sich das Kloster weiter; es wurde von den Sultanen durch reiche Schenkungen gefördert. Während in Trapezunt die meisten Kirchen in Moscheen umgewandelt wurden und an der Küste im 18. Jahrhundert zahllose Pontus-Griechen zum Islam übertraten, blieb Sumela immer ein Leuchtturm des christlichen Glaubens.

Sein heutiges Aussehen erhielt das Kloster im 19. Jahrhundert, als Gebäude mit Mönchszellen vor die eigentliche Felsenkirche gebaut wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte der christlich gebliebene Teil der griechischen Bevölkerung des Pontus, eine eigene Republik zu gründen, unterlag aber den Truppen Atatürks. In der Folge mussten die Christen den Pontus verlassen, auch die Mönche von Sumela.

Das Kloster verfiel nach einem verheerenden Brand 1930 immer weiter, bis es 1972 von der türkischen Regierung als Nationalerbe unter Schutz gestellt und restauriert wurde. In den letzten Jahren hatte es sogar Gerüchte gegeben, dass eine Wiederbesiedlung als orthodoxes Kloster möglich wäre. Der massive Zustrom von Christen aus Russland, der Ukraine und Georgien (als Arbeitsimmigranten, Touristen und Pilger) seit der Wende hat allerdings an der Schwarzmeerküste auch zu islamistisch und kemalistisch gesteuerten Abwehrreaktionen geführt. Dabei werden vor allem junge Leute instrumentalisiert, die aus Familien griechischer, armenischer oder lazischer (georgischer) Herkunft kommen.