Wahre und falsche Propheten unterscheiden

Ein Gespräch mit Kardinal Gerhard Müller über die Spaltung der Kirche und ihre Überwindung. Von Regina Einig

Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Eminenz, die spanischen Bischöfe wollen keine Homosexuellen in Seminare aufnehmen. Wie beurteilen Sie diesen Beschluss?

Er entspricht der allgemeinen kirchlichen Bestimmung. Papst Franziskus hat sie gerade wieder bekräftigt. Es gibt „Homosexuelle“ allerdings nicht als dritte Spezies neben Männern und Frauen. Ich stütze mich auf das Buch „Why I don‘t want to call myself gay“ des Amerikaners David Mattson, der als Betroffener mit hoher theologischer Qualität vertrauenswürdiger ist als alle einschlägigen Ideologen zusammen. Die Aufnahme ins Priesterseminar verlangt, dass sich ein Mann in natürlicher Weise zu seiner Geschlechtlichkeit moralisch verhält und mit der Gnade in der Lage ist, das Versprechen zu erfüllen, ehelos und enthaltsam um des Himmelreiches willen zu leben.

Papst Franziskus zufolge gibt es im Ordens- und Priesterleben keinen Platz für homosexuelle Neigungen. Ist das ein Schlussstrich?

Man kann dem in der Sache nichts hinzufügen, auch wenn manche sich zu Unrecht nach wie vor auf die Äußerung des Papstes berufen: Wer bin ich, andere zu verurteilen. Die moralische Beurteilung eines Verhaltens ist etwas anderes als das Urteil über eine Person.

Wo liegt die Ursache der Glaubwürdigkeitskrise der Kirche?

Im Glaubensmangel der sich selbst so titulierenden Progressisten der 1970er Jahre und in der sträflichen Naivität der Verantwortlichen, die aus einem falschen Barmherzigkeitsverständnis und in unmännlicher Konfliktscheu über Missstände hinweggesehen haben – ohne die Konsequenzen zu bedenken. Ich habe als Präfekt der Glaubenskongregation mit den Mitarbeitern weit über tausend dokumentierte Fälle studiert, die die Dramen missbrauchter Personen dokumentierten: lebenslange Traumata, oft mit den Folgen Alkohol, Drogen, Eheunfähigkeit – bis zum Suizid. Nicht die Sexualethik der Kirche oder gar die zölibatäre Lebensform ist verantwortlich für dieses Elend, sondern gerade ihre sträfliche Missachtung.

Stichwort 70er Jahre: Seit 1968 hat in Deutschland kein Moraltheologe mehr einen Lehrstuhl bekommen, dessen Position die Lehre der Kirche ohne Abstriche abbildet. Warum?

Die Freiheit der Theologie wird nicht verantwortungsbewusst im Hinblick auf die „Wahrheit des Evangeliums“ (Galater 2, 14) gesehen. Ich habe oft im Kreis von sich selbst so verstehenden „progressiven“ Doktorvätern gehört, dass Promotion und Habilitation so glatt formuliert werden sollten, dass keine Anfragen von Rom zu erwarten seien. Wenn der Betreffende als Professor an einer staatlichen Universität dann seine Pfründe habe und unkündbar geworden sei, könne er sich dann „frei“, das heißt mehrheitskonform und romkritisch äußern.

Ist die Theologenausbildung unter dem Dach staatlicher Universitäten noch zeitgemäß?

Nur, wenn Theologieprofessoren ihren Beamtenstatus als Garantie ihrer tatsächlichen Freiheit gegenüber theologiefremden Einwänden nehmen und den Auftrag erfüllen, den sie mit der Berufung auf einen Lehrstuhl erhalten haben. Jede Wissenschaft hat ihre Grundlagen. Wenn die Theologie ihre Grundlage im geoffenbarten Glauben vergisst, sägt sie mit der Negation ihrer Erkenntnisprinzipien und Wahrheitskriterien den Ast ab, auf dem sie sitzt.

Doch Ihre Kritiker berufen sich auf den von Papst Franziskus gewünschten freien Dialog.

Der freie Diskurs bedeutet gerade, dass man die Grundlagen der Theologie im Wort Gottes anerkennt. Sich auf den Papst zu berufen, um häretische Positionen zu vertreten, ist ein Widerspruch in sich. Es geht da wohl nicht um die Treue zum Papst, sondern darum, dessen augenblickliche mediale Autorität vordergründig zu instrumentalisieren. Sagt der Papst etwas Unbequemes wie „Abtreibung ist Auftragsmord“, ist Schluss mit lustig.

Welche Weichen müsste die Kirche in der Theologenausbildung stellen?

Es müssten Bischöfe und Theologieprofessoren mit klaren katholischen Überzeugungen und der „Fähigkeit, andere zu lehren“ (2 Timotheus 2, 2) ernannt werden. Wir brauchen ein theologisch und philosophisch reflektiertes Glaubensbewusstsein. Theologen mit einer diffus-säkularistischen Lebensauffassung müssen sich bekehren – oder die Größe zeigen, auf das Professorenamt zu verzichten oder das angebotene Bischofsamt nicht anzunehmen.

Dennoch beharren manche Theologen darauf, das Lehramt „weiterzuentwickeln“ und verweisen auf den Syllabus oder die Todesstrafe als Beispiele einer kirchlichen „Selbstkorrektur“. Woran können die Gläubigen vermeintliche „Lernfortschritte“ und Irrtum noch unterscheiden?

An der Heiligen Schrift, die nicht vom „Denken dieser Welt“ (vgl. Römer 12, 2) relativiert werden kann. Denn sie ist als das Wort Gottes die Norm aller Normen der Theologie. Unzucht, Mord, Ehebruch, Schändung Jugendlicher und ähnliches „schließen vom Reich Gottes aus“ (1 Korinther 6, 9f). Ein Selbstwiderspruch kann nicht Ergebnis einer legitimen Lehrentwicklung sein. Dass die Todesstrafe im säkularen Staat abzulehnen ist, unterscheidet sie vom Verständnis früherer Jahrhunderte. Der Syllabus hat nie Unfehlbarkeit für geoffenbarte Wahrheiten beansprucht, sondern im Kontext der Zeit bestimmte Irrtümer in ihrer fatalen Wirkung aufgezeigt. Nicht wenige Warnungen des Syllabus haben sich als begründet herausgestellt, etwa wenn vor den verheerenden Folgen von Atheismus, Materialismus, Nationalismus, Kommunismus gewarnt wurde. Es ist unredlich, ihn ins Feld führen, um die Unfehlbarkeit der Kirche in der Wiedergabe der heilsnotwendigen Glaubenswahrheiten zu relativieren und Handlungen, die dem heiligen und uns heiligenden Willen Gottes objektiv widersprechen, zu rechtfertigen.

Wo könnte die Kirche heute dazulernen?

In puncto Askese, Mystik und Disziplin. Als Gegenmodell zu einer hedonistischen Lebenswelt soll sie wahre und falsche Propheten unterscheiden. Wir sind in einer Situation, die mit der Zeit vor und nach der Spaltung der abendländischen Christenheit im 16. Jahrhundert oder der Säkularisation Ende des 18. Jahrhunderts vergleichbar ist. Erst die Erneuerung im Glauben und im Wissen um die Sendung der Kirche hat damals einen wirklichen Neuanfang möglich gemacht.

Viele Gläubige erwarten nichts mehr von Bischofssynoden. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Die Theologie spielt dort kaum mehr die Rolle, die ihr zukommt. Das Argumentationsniveau ist gelegentlich peinlich. Der Austausch bleibt oft im Anekdotischen hängen. Eigentlich sollen Seelsorger und Theologen bereit und fähig sein, jedem Rede und Antwort zu stehen, der uns nach der „Vernunft unserer Hoffnung“ fragt (vgl. 1 Petrus 3, 15). Die Talsohle ist erreicht, wenn Religionssoziologen und Marketingleute um Strategien gebeten werden, wie man den Glauben besser „verkauft“, als ob der Glaube, durch den wir selig werden, eine Ware sei, die man auf dem Markt der Meinungen feilbietet. Natürlich gibt es auch Bischöfe mit hohen intellektuellen Fähigkeiten, aber die werden fast systematisch von verantwortungsvollen Posten ferngehalten. Professionalität in der Theologie wird nicht geschätzt. Sie wird eher als Manko in der Pastoral „der Menschennähe“ gesehen, als ob die Managerqualitäten wichtiger wären als theologischer Durchblick in einer Zeit, in der die Vernunft des Glaubens bestritten wird. Das hängt mit der völlig unkatholischen Gegenüberstellung von Glaubenslehre und Pastoral, Orthodoxie und Orthopraxis, zusammen.

Warum zieht Rom nicht häufiger die Konsequenzen?

In Rom ist man eingeschüchtert und leidet unter dem ständigen Vorwurf, man sei zu streng oder eine Institution wie die Glaubenskongregation passe nicht mehr in unsere Zeit. Unzählige Male wiederholt man die anachronistische Anspielung auf die römische Inquisition oder das Heilige Offizium, um von vornherein die Entscheide der Kongregation, die im Auftrag des Papstes handelt, zu relativieren oder abzuwinken. Man will nicht als Bremser dastehen und Professoren eine Chance geben, sich zu entwickeln. Doch solche taktischen Spiele helfen nicht weiter. Wenn das theologische Niveau sinkt und der wissenschaftliche Anspruch sich im Chaos subjektiver Meinungen auflöst, hat die Theologenausbildung an den Universitäten keinen Sinn mehr. Die Situation ist mancherorts so konfus und trostlos, dass einzelne Institutionen auch mit Hilfe des kirchlichen Lehramts nicht mehr zu einer Selbstreform fähig sind. Im Fall Wucherpfennig wurde eine Wischi-Waschi-Regelung mit taktischen Spielchen durchgesetzt, die der Wahrheit der Glaubenslehre Hohn spricht. Kardinal Ladaria hat das leider nicht verhindern können.

Hatten Sie als Präfekt der Glaubenskongregation den Handlungsspielraum, um Theologen zu beeinflussen?

Die Glaubenskongregation versucht immer, Probleme zuerst im Gespräch zu lösen. Das läuft nicht nach Schema F. Aus meiner Professorenzeit weiß ich, unter welchem Druck junge Theologen an den Fakultäten stehen. Da gibt es wesentliche Eingriffe in die Freiheit der Theologie und zwar bei der Lehrstuhlbesetzung. Man nimmt nicht den Besten seines Faches, sondern den ideologisch Zuverlässigen. Wer keinen antirömischen Affekt hat, „der passt nicht zu uns“. In Deutschland hätte kaum jemand, der eine Doktorarbeit oder Habilitation über Joseph Ratzinger oder Johannes Paul II. geschrieben hat, eine Chance, einen Lehrstuhl zu bekommen. Solche Leute werden nicht einmal zum „Vorsingen“ eingeladen, auch wenn sie ihren Konkurrenten haushoch überlegen sind.

Welche Rolle spielt das Geld der Ortskirchen in Rom?

Es gibt einen Minderwertigkeitskomplex in der romanischen Welt gegenüber der deutschsprachigen mit ihrem Geld und dem – früheren – Ansehen der „deutschen Theologie“. Das führt dazu, dass man die Deutschen sich selbst überlässt, solange das Geld fließt, wie einst die alten Römer die Germanen ihrer Zwietracht überließen. Nur ist die Kirche keine politische Weltmacht, sondern die universale Gemeinschaft der Christusgläubigen, die in der Wahrheit des Evangeliums und der Gemeinschaft der Sakramente der göttlichen Gnade vereint sind. Und hier hat jeder für jeden Verantwortung, besonders aber der „Papst als immerwährendes Prinzip und Fundament ihrer Einheit und Gemeinschaft“ (Lumen gentium 18).

Kritiker werfen Ihnen vor, durch Ihre Wortmeldungen den Konflikt in der Kirche zu befeuern. Wie sehen Sie das?

Das sagen die Richtigen – immer nach dem Motto: Haltet den Dieb. Diese Anwürfe sind Ausfluss des typischen Parteigeistes des Progressismus, dem es nicht um die Wahrheit, sondern um die Macht geht. Die Kirche ist aber eins und geeint im Glauben, der von Gott kommt und nicht im Sieg einer Partei über die andere. Paulus hat von Seiten der „Überapostel“ (1 Korinther 12, 11) seiner Zeit so manche persönliche Diffamierung über sich ergehen lassen müssen. Wer im Argumentieren unsicher ist, der muss es mit dreister Frechheit versuchen. Ja, die Kirche ist gespalten, aber von der progressiven Seite hört man außer der Auffrischung alter Irrtümer nichts Zukunftsweisendes. Ihr Modell, das die Kirche in vielen Ländern an den Rand der Bedeutungslosigkeit gebracht hat, kann nicht das Gegenrezept sein gegen die – zum großen Teil – hausgemachte Krise. Was Gottes Willen widerspricht und Menschen zerstört, kann die Kirche nicht wieder glaubwürdig machen.

Inwieweit ist die Situation der Kirche in Deutschland repräsentativ für die Weltkirche?

Gar nicht. Weltweit ist die große Mehrheit der Theologieprofessoren lehramtstreu. Natürlich gibt es überall Probleme, aber die lassen sich bei gutem Willen im Geist der Zusammenarbeit für das Wohl der Kirche klären. Die meisten Probleme gibt es im mitteleuropäischen Raum, wo die Krise am weitesten fortgeschritten ist. Bei internationalen Fachkongressen in Rom glänzen die Deutschen in der Regel durch Abwesenheit. Die wissenschaftliche Qualität ist in Spanien, Polen, USA und Italien weitaus gleichwertig – wenn nicht höher. Sogenannte „deutsche Kirchenmänner“ träumen immer noch in geradezu lächerlicher Selbstüberschätzung davon, andere belehren zu können und die Schrittmacher für die Weltkirche zu sein. Dabei ist die Zeit gekommen, bei andern in die Schule zu gehen und von ihnen demütig zu lernen, wie man dem Wort Gottes treu bleibt und daraus die Energie zur Neuevangelisierung gewinnt.