Wahre Reformer der Kirche und der Gesellschaft

In seiner Ansprache während der Generalaudienz vom 13. Januar befasst sich der Heilige Vater mit Franz von Assisi und Dominikus

Liebe Brüder und Schwestern!

Zu Beginn des neuen Jahres blicken wir auf die Geschichte des Christentums, um zu sehen, wie sich eine Geschichte entwickelt und wie sie erneuert werden kann. In dieser Geschichte können wir sehen, dass die Heiligen, die vom Licht Gottes geführt werden, die echten Reformatoren des Lebens der Kirche und der Gesellschaft sind. Als Lehrer durch das Wort und Zeugen durch das Vorbild wissen sie eine dauerhafte und tiefe kirchliche Erneuerung zu fördern, da sie selbst zutiefst erneuert sind, da sie mit der wahren Neuheit in Verbindung stehen: der Gegenwart Gottes in der Welt. Diese tröstliche Realität, dass also in jeder Generation Heilige geboren werden und die Kreativität der Erneuerung mit sich bringen, begleitet die Geschichte der Kirche beständig, inmitten der Betrübnis und der negativen Aspekte ihres Weges. So sehen wir Jahrhundert für Jahrhundert auch die Kräfte der Reform und der Erneuerung entstehen, da die Neuheit Gottes unerschöpflich ist und immer neue Kräfte verleiht, um voranzugehen.

So geschah es auch im dreizehnten Jahrhundert mit dem Entstehen und der außerordentlichen Entwicklung der Bettelorden: ein Modell großer Erneuerung in einer neuen geschichtlichen Epoche. Diese Orden wurden aufgrund ihrer Eigenschaft zu „betteln“ so genannt, das heißt, die Menschen demütig um wirtschaftliche Unterstützung zu bitten, um das Gelübde der Armut zu leben und ihren Evangelisierungsauftrag zu erfüllen. Die bekanntesten und wichtigsten der Bettelorden, die zu jener Zeit entstanden, sind die Minderbrüder und die Predigerbrüder, die als Franziskaner und als Dominikaner bekannt sind. Sie haben ihre Namen von ihren Gründern Franz von Assisi und Dominikus von Guzmán. Diese beiden großen Heiligen besaßen die Fähigkeit, „die Zeichen der Zeit“ mit Verstand zu lesen und die Herausforderungen zu erahnen, denen die Kirche ihrer Zeit begegnen musste.

Eine erste Herausforderung bestand in der Ausbreitung verschiedener Gruppen und Bewegungen von Gläubigen, die sich häufig, wenngleich sie von einem berechtigten Wunsch nach echtem christlichem Leben inspiriert waren, außerhalb der christlichen Gemeinschaft stellten. Sie standen in tiefem Gegensatz zur reichen und schönen Kirche, die sich eben durch das Erblühen des Mönchtums entwickelt hatte. In früheren Katechesen habe ich über die Mönchsgemeinschaft von Cluny gesprochen, die immer mehr junge Menschen und damit vitale Kräfte sowie auch Güter und Reichtümer angezogen hatte. So hatte sich logischerweise in einem ersten Moment eine Kirche entwickelt, die reich an Eigentum und auch unbeweglich war. Dieser Kirche stand die Vorstellung entgegen, dass Christus arm auf die Erde gekommen war und dass die wahre Kirche gerade die Kirche der Armen hätte sein müssen; der Wunsch nach wahrer christlicher Authentizität stand so der Wirklichkeit der empirischen Kirche gegenüber. Es handelt sich um die sogenannten Armutsbewegungen des Mittelalters. Sie übten harte Kritik an der Lebensweise der damaligen Priester und Mönche und beschuldigten sie, das Evangelium zu verraten und die Armut nicht wie die ersten Christen zu leben. Diese Bewegungen stellten dem Amt der Bischöfe eine eigene „parallele Hierarchie“ gegenüber. Um ihre Entscheidungen zu rechtfertigen, verbreiteten sie zudem Lehren, die mit dem katholischen Glauben unvereinbar waren. Die Bewegung der Katharer oder Albigenser etwa brachte alte Irrlehren wieder auf, wie die Geringschätzung und die Verachtung der materiellen Welt – der Widerstand gegen den Reichtum wird schnell zum Widerstand gegen die materielle Wirklichkeit als solche –, die Negation des freien Willens und dann den Dualismus, die Existenz eines zweiten Prinzips, eines Prinzips des Bösen, das Gott gleichgestellt wurde. Diese Bewegungen hatten vor allem in Frankreich und in Italien Erfolg – nicht nur aufgrund der festen Organisation, sondern auch, weil sie einen wirklichen Missstand in der Kirche anzeigten, der durch das wenig vorbildliche Verhalten verschiedener Vertreter des Klerus verursacht worden war.

Die Franziskaner und die Dominikaner zeigten hingegen ihren Gründern folgend, dass es möglich war, die dem Evangelium gemäße Armut, die Wahrheit des Evangeliums als solche zu leben, ohne sich von der Kirche zu lösen; sie zeigten, dass die Kirche der wahre, echte Ort des Evangeliums und der Schrift bleibt. Ja, Dominikus und Franziskus zogen gerade aus der engen Verbindung mit der Kirche und mit dem Papsttum die Kraft ihres Zeugnisses. Mit einer ganz einzigartigen Entscheidung in der Geschichte des geweihten Lebens verzichteten die Mitglieder dieser Orden nicht nur auf persönlichen Besitz, wie es die Mönche seit der Antike getan hatten, sondern sie wollten nicht einmal, dass ihren Gemeinschaften Grundstücke oder Immobilien überschrieben wurden. So wollten sie ein Leben äußerster Einfachheit bezeugen, um mit den Armen solidarisch zu sein und nur auf die Vorsehung zu vertrauen, um jeden Tag von der Vorsehung zu leben, vom Vertrauen, sich in Gottes Hand zu begeben.

Dieser persönliche und gemeinschaftliche Stil der Bettelorden, sowie das vollkommene Festhalten an der Lehre der Kirche und an ihrer Autorität, wurde von den Päpsten jener Zeit, wie Innozenz III. und Honorius III. hoch gewürdigt, die diesen neuen kirchlichen Erfahrungen ihre volle Unterstützung anboten, da sie in ihnen die Stimme des heiligen Geistes erkannten. Und es fehlte nicht an Früchten: die Armutsbewegungen, die sich von der Kirche getrennt hatten, kehrten in die kirchliche Gemeinschaft zurück oder verkleinerten sich allmählich, bis sie verschwanden. Obgleich wir in einer Gesellschaft leben, in der das „Haben“ häufig über das „Sein“ herrscht, ist man auch heute noch sehr empfänglich für das Beispiel an Armut und Solidarität, das die Gläubigen durch mutige Entscheidungen anbieten. Auch heute fehlt es nicht an ähnlichen Initiativen: die Bewegungen, die wirklich von der Neuheit des Evangeliums ausgehen und es radikal im Heute leben und sich in Gottes Hand begeben, um dem Nächsten zu dienen. Die Welt hört gerne, wie Paul VI. in „Evangelii nuntiandi“ in Erinnerung gerufen hat, auf die Lehrer, wenn diese auch Zeugen sind. Das ist eine Lehre, die wir niemals bei unserem Einsatz für die Verbreitung des Evangeliums vergessen dürfen: als erste das zu leben, was wir verkünden, um Spiegel der göttlichen Liebe zu sein.

Franziskaner und Dominikaner waren Zeugen, aber auch Lehrer. So war die religiöse Bildung eine andere verbreitete Notwendigkeit jener Zeit. Nicht wenige gläubige Laien, die in den immer größer werdenden Städten wohnten, sehnten sich danach, ein geistlich intensives christliches Leben zu führen. Sie versuchten also ihre Glaubenskenntnisse zu vertiefen und auf dem steilen aber beglückenden Pfad zur Heiligkeit gelenkt zu werden. Die Bettelorden wussten auch diesem Bedürfnis auf glückliche Weise zu begegnen: Die Verkündigung des Evangeliums in der Einfachheit und in seiner Tiefe und Größe war ein Ziel, ja vielleicht das Hauptziel dieser Bewegung. Mit großem Eifer widmeten sie sich daher der Verkündigung. Die Zahl der Gläubigen war groß – manchmal waren es regelrechte Menschenmengen – die sich versammelten, um die Prediger in den Kirchen und an den Orten im Freien zu hören – denken wir etwa an den heiligen Antonius. Es wurden Fragen behandelt, die mit dem täglichen Leben der Menschen zu tun hatten, vor allem die Ausübung der theologischen und moralischen Tugenden, mit konkreten, leicht verständlichen Beispielen. Zudem lehrte man sie Formen, um das Leben des Gebets und der Frömmigkeit zu stärken. Die Franziskaner etwa verbreiteten besonders die Verehrung der Menschheit Christi – zusammen mit dem Bemühen, es dem Herrn nachzutun.

Es überrascht daher nicht, dass viele Gläubige, Männer und Frauen, sich dafür entschieden, sich auf dem Weg des Christentums von den Franziskaner- und Dominikanerbrüdern begleiten zu lassen, die gesuchte und geschätzte Beichtväter waren. So entstanden Vereinigungen von gläubigen Laien, die sich von der Spiritualität des heiligen Franziskus und des heiligen Dominikus inspirieren ließen – angepasst an ihren Lebensstand. Es handelt sich um die Dritten Orden, sowohl bei den Franziskanern als auch bei den Dominikanern. Mit anderen Worten: Der Vorschlag einer „Heiligkeit der Laien“ nahm viele Menschen für sich ein. Wie das Zweite Vatikanische Konzil in Erinnerung gerufen hat, ist der Ruf zur Heiligkeit nicht einigen wenigen vorbehalten, sondern universal (vgl. Lumen gentium, 40). In allen Ständen des Lebens findet sich, den jeweiligen Anforderungen entsprechend, die Möglichkeit, das Evangelium zu leben. Auch heute muss jeder Christ nach „dem hohen Maßstab des christlichen Lebens“ streben, gleich welchem Stand er angehört!

Die Bedeutung der Bettelorden wuchs im Mittelalter so stark, dass weltliche Vereinigungen, wie die Arbeitsorganisationen, die alten Korporationen und selbst die zivilen Behörden, häufig die geistliche Beratung der Mitglieder solcher Orden für die Abfassung ihrer Vorschriften sowie manchmal für die Lösung innerer und äußerer Konflikte in Anspruch nahmen. Die Franziskaner und die Dominikaner wurden die geistlichen Gestalter der mittelalterlichen Stadt. Mit großem Einfühlungsvermögen setzten sie eine pastorale Strategie um, die den Veränderungen der Gesellschaft gerecht wurde. Da viele Menschen vom Land in die Stadt zogen, siedelten sie ihre Klöster nicht mehr in den ländlichen Gebieten, sondern im städtischen Bereich an. Um ihre Tätigkeit zum Wohl der Seelen auszuüben, war es außerdem erforderlich, sich den seelsorglichen Anforderungen entsprechend zu bewegen. Mit einer weiteren vollkommen neuen Entscheidung verzichteten die Bettelorden auf das für das alte Mönchstum klassische Prinzip der Stabilität, um sich für eine andere Weise zu entscheiden. Minder- und Predigerbrüder reisten mit missionarischem Eifer von einem Ort zum anderen. Folglich gaben sie sich eine andere Organisation als der größte Teil der monastischen Orden. Anstelle der traditionellen Autonomie, derer sich jedes Kloster erfreute, maßen sie dem Orden als solchem und dem Generaloberen sowie auch der Struktur der Provinzen größere Bedeutung zu. So konnten die Bettelbrüder den Bedürfnissen der universalen Kirche besser begegnen. Diese Flexibilität machte es möglich, Brüder auszusenden, die für die Durchführung besonderer Missionen am besten geeignet waren, und die Bettelorden gelangten in das nördliche Afrika, in den Nahen Osten und nach Nordeuropa. Durch diese Flexibilität wurde die missionarische Dynamik erneuert.

Eine weitere große Herausforderung stellten die in dieser Zeit stattfindenden kulturellen Veränderungen dar. Neue Fragen belebten die Diskussion an den Universitäten, die Ende des zwölften Jahrhunderts entstanden. Minder- und Predigerbrüder zögerten nicht, auch diese Aufgabe anzunehmen und waren als Studenten und Professoren an den damals berühmtesten Universitäten zu finden, sie gründeten Studienzentren, verfassten Texte von großer Bedeutung, riefen wahre Denkschulen ins Leben, waren Wortführer der scholastischen Theologie in ihrer Blütezeit und beeinflussten auf entscheidende Weise die Entwicklung des Denkens. Die größten Denker, der heilige Thomas von Aquin und der heilige Bonaventura, waren Bettelbrüder und wirkten gerade mit dieser Dynamik der Neuevangelisierung, die auch den Mut zum Denken, zum Dialog zwischen Vernunft und Glauben erneuert hat. Auch heute muss eine „Liebe der Wahrheit und in der Wahrheit“, eine „intellektuelle Liebe“ ausgeübt werden, um den Verstand zu erleuchten und den Glauben mit der Kultur zu verbinden. Der in den mittelalterlichen Universitäten verbreitete Einsatz von Franziskanern und Dominikanern ist eine Aufforderung, liebe Gläubige, an den Orten der Erarbeitung des Wissens präsent zu sein, um mit Respekt und Überzeugung das Licht des Evangeliums für die fundamentalen Fragen, die den Menschen betreffen, für seine Würde, für seine ewige Bestimmung, anzubieten. Eingedenk der Rolle der Franziskaner und der Dominikaner im Mittelalter, der geistlichen Erneuerung, die sie hervorgerufen haben, des Hauchs neuen Lebens, den sie der Welt vermittelt haben, hat ein Mönch gesagt: „In jener Zeit war die Welt alt geworden. Zwei Orden entstanden in der Kirche, die ihr die Jugend erneuerten, wie die eines Adlers“ (Burchard von Ursberg, Chronik).

Liebe Brüder und Schwestern, bitten wir gerade zu Beginn dieses Jahres den Heiligen Geist, die ewige Jugend der Kirche: Möge er jeden die Notwendigkeit empfinden lassen, das Evangelium konsequent und mutig zu bezeugen, damit es niemals an Heiligen fehle, die die Kirche als stets reine und schöne Braut erstrahlen lassen, ohne Makel und ohne Falten, fähig, die Welt auf unwiderstehliche Weise zu Christus, zu seinem Heil zu ziehen.

Die Pilger deutscher Sprache begrüßte der Papst mit den Worten:

Von Herzen grüße ich alle deutschsprachigen Teilnehmer an dieser Audienz. Der Heilige Geist helfe uns, mutig und kohärent das Evangelium zu leben und zu bezeugen. Er lasse es nie an Heiligen fehlen, die der Welt die Schönheit des Glaubens sichtbar machen und sie so für Christus gewinnen. Der Herr begleite uns alle mit seiner Liebe und gebe uns den Mut und die Kraft, das Evangelium zu lieben und zu leben.