Wahr schließt falsch aus

Der Wettstreit der Ideen ist immer ausgrenzend – Anmerkungen zum Begriff des christlichen Abendlandes. Von Michael Karger

statue of Socrates from the Academy of Athens,Greece

Erscheint das abendländische Erbe zumal angesichts des zunehmenden Pluralismus der Religionen, der Integration außereuropäischer Zuwanderer und angesichts einer aggressiven neuen Rechten, die das Abendland beschwört, nur als unnötiger Ballast? Liegt es nicht nahe, dass sich Kirche als nützliche Kraft für Staat und Gesellschaft dadurch erweisen könnte, dass sie auf den Wahrheitsanspruch verzichtet und das abendländische Erbe zur Disposition stellt? Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Ratzinger, hat vor vierzig Jahren in seiner Domkirche folgende Stelle aus der Apostelgeschichte (16,6–10) gedeutet: Auf einer Missionsreise in Kleinasien wird dem Apostel Paulus im Traum von einem Makedonier von Griechenland aus über die Meerenge zugerufen: „Komm herüber und hilf uns!“ In dieser Vision sah der Kardinal wie in keinem anderen Vorgang die „Fundamente Europas“ erkennbar werden, „seinen Grund und seinen Auftrag an uns“. Der Makedonier steht für Griechenland, für Europa, „seine Bitte entscheidet die kommende Geschichte. In ihr ruft der Geist der griechischen Welt nach Jesus Christus. …Und so ist Europa geworden, das Europa, in dem wir leben, das Europa, das heute uns ruft. Es beruht auf der Vereinigung von griechischem Geist und christlichem Glauben, auf einer Vernunft, die Sehnsucht geworden ist, im Entbehren ahnt, was ihr fehlt. Und es beruht auf der Hand Jesu Christi, der die offene Hand ergreift und ihr Wegweisung gibt“. Was Europa konstituiert, ist zunächst einmal der Geist Griechenlands, die „Differenz zwischen dem Guten und den Gütern“, das Recht des Gewissens, die Demokratie als an Recht und Gerechtigkeit gebundene Staatsform. Hinzukommt durch das Christentum die durch Jesus Christus vermittelte „Synthese aus Glaube Israels und griechischem Geist“.

Zunehmend wurde Europa mit Okzident, „mit dem Bereich der lateinischen Kultur und Kirche deckungsgleich, wobei dieser lateinische Raum nicht nur die romanischen Völker, sondern auch die germanischen, angelsächsischen und einen Teil der slawischen, vor allem Polen, umfasste“. Auch wenn der christliche Okzident keine politische Einheit darstellte, so gab es doch einen einheitlichen kulturellen und rechtlichen Rahmen mit Konzilien, Ordensgemeinschaften, Universitäten.

Am Beispiel der Integration des Aristotelismus in die abendländische Universitätslandschaft durch Albertus Magnus hat Papst Johannes Paul II. 1980 in Köln das Zueinander von Vernunft und Glaube herausgestellt. Damals sei das Weltverständnis der Christenheit „ungemein bereichert“ worden, ohne dass „die Glaubensgrundlage aufgegeben“ werden musste. Von größter Bedeutung ist die Gewaltenteilung zwischen dem Kaiser und dem Papst in der Westkirche, während im byzantinischen Reich der Kaiser das Haupt der Kirche blieb. Zum Spannungsgefüge des christlichen Abendlandes gehörte die Apologetik: Der Papst erinnerte daran, dass zur Zeit Alberts des Großen dem christlichen Abendland „eine umfassende nichtchristliche Welterklärung“ entgegentrat, „die sich nur auf profane Rationalität stützt. Viele christliche Denker, darunter sehr bedeutende, sahen in diesem Anspruch vor allem eine Gefahr. Sie glaubten, die geschichtliche Identität der christlichen Tradition dagegen schützen zu müssen.“

Auch wenn es darum stets ein endloses und leidvolles Ringen gegeben hat, so ist doch die Unterscheidung zwischen Kirche und Staat, die Freigabe eines weltlich-politischen Bereiches und die Freiheit der Kirche für das Abendland grundlegend. In der Reformation spalten sich dann große Teile der germanischen Welt von Rom ab, und Europa teilte sich in eine germanisch-nordische und eine katholisch-lateinische Hälfte. Es entstanden das laizistische Modell mit der strikten Trennung von Staat und Kirche unter Ablehnung jeder religiösen Grundlegung des Staates und ein neues Staatskirchentum. Mit der Französischen Revolution wird die christliche Grundlage des Staates geleugnet und Religion zur Privatsache erklärt. Mit dem Kommunismus, hervorgegangen aus einer säkularisierten Form des jüdischen Messianismus, wurde die klassische europäische Ethik abgeschafft: Es gibt keine von den Zwecken des Fortschritts unabhängigen Werte. Gerade deshalb ist die von Ratzinger so betonte Unterscheidung von Utopie und Eschatologie eine der unverzichtbaren Errungenschaften des Christentums für Europa: Weder Vernunft noch Glaube verheißen uns die perfekte irdische Welt. Wer sie anstrebt, führt unweigerlich in die Unmenschlichkeit der Utopie.

An dieser Stelle wird ansichtig, was damit gemeint ist, dass der Staat Kräfte von außen braucht, um als er selbst bestehen zu können. Hätte sich das Christentum wie die anderen antiken Kulte in das römische Recht eingefügt, hätte es seinen Wahrheitsanspruch aufgeben müssen. Auch heute gibt es in der Kirche die Gefahr, sich innerhalb des Staates als gesellschaftliche Kraft wie alle anderen auch zu verstehen. Damit wäre gerade das zerstört, was die Kirche für den Staat wertvoll macht. Hier darf es, betont Ratzinger, auch keine Wertneutralität des Staates geben: „Es gibt einen Bestand von Wahrheit, der nicht dem Konsens unterworfen ist, ihm vorausgeht und ihn ermöglicht.“ Heute sieht sich der Islam als diejenige Kraft, die den Völkern eine geistige Grundlage geben kann, die das abendländische Christentum verloren zu haben scheint.

Allerdings kennt der Islam keine Gewaltenunterscheidung zwischen Religion und Staat mit der Gefahr, dass die politische Macht unbegrenzt sakralisiert wird und die Religion einen totalen Anspruch auf den Einzelnen und die Gesellschaft erhebt. Was das griechische Erbe der Vernunftorientierung betrifft, spricht Ratzinger insofern von einer nach-europäischen Welt, als heute die unbegrenzte Vernunftautonomie vorherrscht: Vernunft ist rein und ausschließlich, was experimentell machbar, messbar und beweisbar ist. Aus einer legitimen Pluralität der Werte ist damit ein Pluralismus geworden, „aus dem jede sittliche Verankerung des Rechts und jede öffentliche Verankerung des Heiligen, der Ehrfurcht vor Gott als einem gemeinschaftlichen Wert, mehr und mehr ausgeschlossen wird“. Auf dieser Basis könne eine Rechtsgemeinschaft auf Dauer nicht bestehen und human bleiben. Im Hinblick auf ein künftiges Europa spricht Ratzinger von den Errungenschaften der Neuzeit als der vierten Dimension neben griechischem Vernunfterbe, römischem Rechtsdenken und der christlichen Synthese, mit der Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit und Menschenrechte eingebracht worden sind. Zugleich müsse man aber auch den „zu engen Rahmen des Okzident, der lateinischen Welt, überschreiten, die griechische Welt und die Welt des christlichen Ostens in sich tragen oder wenigstens auf sie hin geöffnet sein“. Grundsätzlich hätte aber ein Europa, das sich des lateinischen Erbes, des Erbes des christlichen Okzident entledigt, seine Identität und seine Sendung verloren. Der Wettstreit der Ideen, die einen Wahrheitsanspruch erheben, ist immer ausgrenzend und intolerant weil, er die Unterscheidung zwischen wahr und falsch einschließt. Diejenigen, die um die bessere Idee streiten, sollten allerdings tolerant miteinander umgehen. Zuletzt macht darum das Geschenk des Glaubens die Größe des Menschen aus: „Der Glaube hält die Vernunft in den großen grundlegenden Erkenntnissen, die sie nicht mehr beweisen, nur noch sehen kann, und er hält sie eben damit bei sich selbst, er saugt sie nicht auf, sondern er macht sie frei.“