Vordenker in bioethischen Fragen

Frank Sobiech beleuchtet die wissenschaftlichen Erkenntnisse des seligen Nils Stensen. Von Hinrich E. Bues

Der selige Nils Stensen. Foto: KNA
Der selige Nils Stensen. Foto: KNA

Der selige Nils Stensen (1638–1686) war als Arzt, Anatom, Konvertit, Priester und Bischof sozusagen ein Multitalent, das zudem in einer äußerst spannenden, einer sogenannten „neuen Zeit“, einer Zeit voller wissenschaftlicher, philosophischer und theologischer Umbrüche wirkte. In diesem Jahrhundert hatte der italienische Philosoph, Mathematiker, Astronom und Physiker Galileo Galilei (1564–1642) gerade seine bahnbrechenden Entdeckungen auf mehreren Gebieten der Naturwissenschaften gemacht; der Philosoph Francis Bacon (1561–1626), der Vater des Empirismus, die Grundlagen für eine Fortschrittsgläubigkeit gelegt hatte, die sich allein aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und Rationalismus speisen wollte.

Fast zeitgleich mit Nils Stensen lebte auch der Entdecker der mechanischen Bewegungsgesetze, der Engländer Isaak Newton (1638–1726), dessen mathematische und physikalische Erkenntnisse den Boden für die im 18. Jahrhundert in England beginnende Industrielle Revolution legten.

Nicht ganz zufällig entstand in dieser Zeit auch die theologische Strömung des Deismus, die Gott nur noch als „Uhrmachergott“ gelten lassen wollte. Den lebendigen Gott schob man auf diese Weise gleichsam aufs Altenteil; der Mensch hatte sozusagen freie Bahn, sein Leben ohne die unerwünschte Einmischung Gottes zu gestalten. Das sogenannte „Licht der Aufklärung“ – oder besser: dessen Morgendämmerung – konnte jeder geistig Interessierte und Wache in diesem 17. Jahrhundert zumindest in seinen Vorläufern wahrnehmen, woran auch der lateinische Buchtitel. „Radius in manu Dei“ (Licht in der Hand Gottes) von Frank Sobiech erinnern will. Das wirklich lebensnotwendige Licht sah Nils Stensen nicht in der Hand von rationalistisch gestimmten Menschen, sondern in der Hand Gottes, des Schöpfers. Das hinderte den studierten Arzt und Anatom nicht daran, bahnbrechende Entdeckungen über das menschliche Ohr oder die Funktion der weiblichen Eierstöcke und Eileiter zu machen – dies in einer Zeit, wo das Sezieren von Leichen keinesfalls überall erlaubt war und einem Verfolgung und Ausweisungen einbringen konnte. So reiste Stensen oftmals gezwungenermaßen von einem Ort zum anderen. Weitgehend mittellos, wie er war, dann oftmals auf das Wohlwollen von Fürstenhöfen, so etwa der Medici in Florenz, angewiesen.

Weitere Komplikationen ergaben sich aus seiner Konversion zum katholischen Glauben. Der 1638 im dänischen Kopenhagen Geborene, der automatisch der lutherischen Staatskirche in Dänemark angehört hatte, entschloss sich 1667 nach einem längeren Italienaufenthalt in Florenz und Rom zu diesem Schritt. Acht Jahre später wurde Stensen 1675 zum Priester und 1680 zum Weihbischof im Fürstbistum Münster geweiht, dessen Gebiet auch die lutherische Diaspora in Hamburg oder Schwerin umfasste. Sechs Jahre lang wirkte er unter schwierigsten Umständen in Norddeutschland; danach geriet Nils Stensen weitgehend in Vergessenheit.

Eine Wende in seiner öffentlichen Wahrnehmung markiert das Jahr 1988, als Nils Stensen durch Johannes Paul II. seliggesprochen wurde. Seitdem wird seine Person, sein Werk und Ethos nicht nur von Christen, sondern auch von Wissenschaftlern zunehmend erforscht, beachtet und verehrt. Es ist das Verdienst von Frank Sobiech, den verschiedenen Quellen über den Seligen nun akribisch nachgegangen zu sein. Neben der Aufarbeitung der einschlägigen Primär- und Sekundärliteratur hat der Autor auf nicht weniger als achtzehn Archive zurückgegriffen, wie im Literaturverzeichnis zu lesen ist. Der promovierte Kirchenhistoriker scheute keine Zeit und Mühe, um nicht nur dem gegenwärtigen Forschungsstand, sondern auch dem Originalschrifttum Stensens nachzugehen. Gleichzeitig ist damit eine Schwachstelle des Textes von nur 195 Seiten angedeutet. Die vielfältigen Informationen sind vom Autor so dicht gedrängt aneinandergefügt, dass die Lektüre mühevoll ist und nicht immer klar wird, worum es nun eigentlich geht. Selbst im abschließenden Fazit, wo der Leser eigentlich eine kurze Zusammenfassung aufnehmen möchte, werden immer noch neue Informationen geliefert.

Am spannendsten lesen sich wahrscheinlich die Kapitel über Stensens Forschungen an den weiblichen Eierstöcken und somit an der Entstehung des menschlichen Embryos. Stensen erkannte, dass der menschliche Embryo vom Augenblick der Empfängnis an schon ein vollständiger Mensch ist, der sich nur noch zu entwickeln braucht. Er verabschiedet sich damit von der damals geltenden aristotelischen Lehre von der stufenweisen Beseelung des Menschen im Mutterleib, die auch noch in der scholastischen Philosophie und Theologie des Mittelalters vertreten wurde. Danach definierte man die Seele des Embryos zunächst als „Nährseele“, zu der erst später die sogenannte „Sinnenseele“ und die „Geistseele“ hinzutreten sollten. Für diese Philosophie fand Stensen jedoch aufgrund seiner anatomischen Forschung, kombiniert mit seiner Schöpfungstheologie, keine Bestätigung. Er stellte fest, dass der Mensch von der Empfängnis an ein ganzer Mensch ist.

Diese Erkenntnis, die bis in unsere Zeit umstritten und insbesondere für die Lebensrecht-Bewegung von großer Bedeutung ist, zeichnet Frank Sobiech mit großem Detailwissen nach. Kein leichtes Unterfangen, denn die erwähnten verschiedenen Stationen des beruflichen Wirkens Stensens mussten wie ein Puzzle immer wieder zusammengesetzt werden. Sobiech ordnet das Wirken Stensens nicht chronologisch, sondern unter verschiedenen thematischen Schwerpunkten. So ist mal von „Schausektionen“ des Anatomen in Kopenhagen oder beim Fürstengeschlecht der Medici in den 1660er Jahren die Rede; gleichzeitig zitiert Sobiech aus Predigten des Weihbischofs aus den 1680er Jahren.

Wer diesen Lebensweg verfolgt, entdeckt den seligen Nils Stensen als faszinierende Persönlichkeit, als Forscher, Christ und Bischof, der nicht nur medizinische und ethische Grundlagen legte, sondern auch erste Schritte zum heutigen Erzbistum Hamburg, das erst 1995 wiederbegründet wurde, legte. Nicht ganz zufällig erscheint es so gesehen, dass heute in Schwerin, wo Stensen eine erste, sehr kleine katholische Gemeinde sammelte, heute ein Weihbischof residiert. Für alle Lebensschützer ist Stensen nicht nur ein Wegbereiter in den heutigen bioethischen Diskussionen rund um die Früh- oder Spätabtreibung, der Tötung ungeborener Kindern im Mutterleib, sondern mit gutem Grund werden viele katholische Christen den Seligen auch als himmlischen Fürbitter in diesem umkämpften Feld anrufen und dadurch Hilfe erfahren.

Sobiech Frank: Radius in manu Dei. Ethos und Bioethik in Werk und Rezeption des Anatomen Nils Stensen (1638–86). Westfalia Sacra, Bd. 17, Aschendorf Verlag 2013, gebunden, VIII und 242 Seiten, ISBN 978-3-402-15496-0, EUR 49,–