Vor Mission wird gewarnt

Podium Runder Tisch der Religionen in Deutschland beim Ökumenischen Kirchentag in München

München (DT) Da haben wir es also: „Was darf ich hoffen?“, fragte Immanuel Kant vor 200 Jahren – „Damit ihr Hoffnung habt“, antwortet der 2. Ökumenische Kirchentag in München. Es ginge um Dialog und Diskurs, denn Vertrauen solle geschaffen werden, heißt es gleich zu Beginn des Podiums Runder Tisch der Religionen in Deutschland. Wo ist Karl-Josef Kuschel, stellvertretender Direktor des Instituts für ökumenische Forschung in Tübingen? Aus gesundheitlichen Gründen wurde seine Teilnahme bereits vor einer Woche abgesagt. Reinhold Makrosch ist evangelischer Theologe an der Universität Osnabrück und hält an Kuschels Stelle den Vortrag. Nach zwei Minuten Anmoderation fallen sämtliche Mikrophone aus, der Moderator springt auf und stimmt den vierzügigen Kanon „Jeder Teil dieser Erde“ an, angelehnt an eine dem Häuptling Seattle (1786–1866) zugeschriebene Rede „Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig“. Schön schallt der spontane Gesang vieler Menschen und erfüllt den Alten Kongresssaal auf der Theresienhöhe mit Klang.

Vier Wünsche an den Dialog der Religionen

Im Dialog zwischen Podium und Publikum wird schon ein zweites Lied diskutiert, doch plötzlich knackt es aus den Boxen. Die künstliche Intensivierung der Lautstärke funktioniert wieder, die Ansprache geht weiter. Jemand sagt, dies sei der Kirchentag der weiten Wege. Der Redner unterstreicht, dass es um das Schaffen und Wagen von Vertrauen gehen würde – man wolle nicht – wie viele Andere von einer Vertrauenskrise sprechen. Wieso denn nicht? Sind nicht gerade Krisen, seien sie privat oder öffentlich, oft echte Impulse für mutige Veränderungen gewesen? Seiner sprachlichen Ausdifferenzierung des Vertrauens in einen emotionalen Teil und einen rationalen Teil kann man gut folgen, wenngleich intuitiv mindestens ein dritter, wenn nicht sogar vierter und fünfter Teil zu fehlen scheint. Rational sind sie alle. Aber das ist ein anderes Problem.

Vier Wünsche richtet der Redner an den Dialog der Religionen: Erstens solle man sich nicht negativ wahrnehmen. Es gehe vielmehr darum, in interreligiösen Gremien und Stadträten gemeinsame Perspektiven zu verwirklichen, statt an „Überlegenheitsdenken“ und „Besserwisserei“ festzuhalten. Zweitens sei wichtig, sich nicht von Angst leiten und lähmen zu lassen, beispielsweise Angst vor Parallelgesellschaften oder Identitätsverlust durch religiöse Unterwanderung. Es gehe auch darum, nicht kritiklos zu werden. Denn nur die wechselseitige Anerkennung und der einander entgegengebrachte Respekt münden in friedliche Gespräche. Drittens solle man für die Rechte der Anderen eintreten, die Rechte und Pflichten der Anderen schützen. Kritik sei notwendig, um die Religionsfreiheit zu gewährleisten. Und viertens möge die gemeinsame Lebensgrundlage gewahrt werden, die Menschlichkeit. Wir werden an die Agenda 21 erinnert, die alle religiösen Gemeinschaften 1992 in Rio de Janeiro unterschrieben haben: „Denke global, handle lokal.“

Das Podium stimmt überein, dass „wir uns auf denselben, nicht jedoch auf den gleichen Gott im Gebet beziehen“, ferner, dass „wir überzeugt sind, dass Gott sich auch in anderen Religionen manifestiert“ und „auch davon überzeugt sind, dass es um die Verwirklichung von Gerechtigkeit, um Frieden und um das Bewahren der Schöpfung geht“.

Die Teilnehmer des Runden Tisches der Religionen in Deutschland treffen sich seit zehn Jahren zweimal jährlich. Auf dem ÖKT sitzen Bekir Alboga, DITB-Beauftragter für interreligiösen Dialog, Bischof Martin Hein von der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, Burhan Kesici, Nicola Towfigh als stellvertretende Vorsitzende Nationaler Geistiger Rat der Bahai und Alfred Weil von der Deutschen Buddhistischen Union auf dem Podium.

Im herausgegebenen Manifest wird darauf verwiesen, dass trotz vieler weltweiter Bemühungen das Verhältnis der Religionsgemeinschaften oft von Fremdheit, Misstrauen und exklusiven Ansprüchen geprägt sei. Der notwendige Dialog sei erst im Wachsen. „Wir wollen ein neues Vertrauen zueinander schaffen“ und den „drängenden globalen Problemen durch Zusammenarbeit begegnen“. Das bedeutet konkret, mehr Ehrlichkeit im Dialog zu praktizieren, kritische Fragen zu hören und den „Vergleich des eigenen Ideals mit der schlechten Praxis der Anderen“ nicht mehr zuzulassen. Die Konfliktgeschichte zwischen den Religionen wird aufgearbeitet, um in Zukunft ein „gutes Zusammenleben, fruchtbare Begegnungen, Verständigung und Kooperation sichtbar zu machen“, „wir wollen ein eindeutiges Zeugnis geben für das Recht auf Religions-, Glaubens- und Gewissensfreiheit“. Man will einander besser kennenlernen und üben, sich an den Stärken der Anderen zu freuen.

Den anderen bekehren wollen – Zeichen des unreifen Menschen?

Wichtig ist auch, sich für die Lern- und Entfaltungsmöglichkeiten Heranwachsender einzusetzen, um Kindern eine Atmosphäre von Liebe, Schutz und Geborgenheit zu schenken. Dazu gehört, Familien zu stärken und Schulen und Kindergärten als Lebensräume zu gestalten. Auf die Verantwortung im Umgang mit den Medien wird nur sehr allgemein verwiesen. Offen blieb auch nach dem Gespräch, was damit gemeint sein soll. Hier hätte man sich detailierte Stellungnahmen gewünscht. „Wir bestehen darauf, dass Menschenrechte nicht verhandelbar, sondern allgemeine und verbindliche Basis des Zusammenlebens sind.“

An den Runden Tisch werden drei Fragen gerichtet: 1. Was erwarte ich von meiner Religionsgemeinschaft, 2. Was wünsche ich mir von den Anderen und 3. Was ist meine Hoffnung? Kesici möchte das Vertrauen in die eigene, muslimische Religion stärken und lernen, in einer Minderheit zu leben. Für ihn sei wichtig, die Anderen in Begegnungen besser kennenzulernen. Alboga und Towfigh bestärken den interreligiösen Dialog und warnen zugleich vor Mission. Sie bekräftigt, dass Missionen, wie es sie früher gab, jedoch überholt seien. Es darf zu keiner fundamentalen Schwächung des Anderen kommen, Offenheit und Distanz müssen gewahrt bleiben. Heute könne man offen über seine Überzeugungen sprechen und Argumente austauschen. Man bekehre einander nicht, bedränge und strafe nicht mehr, dies würde nicht mehr zu einem reifen Menschen passen. Alboga zitiert Mohammed: „Keiner ist gläubig, solange er seinem Nächsten nicht das wünscht, was er sich selbst wünscht.“ Gott sei unendlich größer, sagt Weihbischof Jaschke und zitiert Martin Buber: „Ja, es ist das beladenste aller Menschenworte.“ Die Liebe sei die große Brücke, sonst ginge alles in die Irre. Verliere man die Liebe, würde Gott zur Ideologie werden. Gottes- und Menschenliebe gehören zusammen, wer nicht liebt, könne sich noch so gerechtfertigt vorkommen.“