„Vor Gott und seinen Heiligen“

Vor 100 Jahren wurde die Kirche der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard geweiht

Beuron (DT) Wer den Rhein entlangfährt, erblickt in den Weinbergen gegenüber von Bingen ein romanisch anmutendes Bauwerk aus Bruchstein in Rot-, Braun- und Ockertönen, das von zwei 35 Meter hohen Kirchtürmen überragt wird. Doch die Gebäude entstanden erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts; das heutige Kloster Eibingen sieht sich in der Nachfolge der hl. Hildegard von Bingen, die 1165 im Dorf Eibingen ein ehemaliges Augustiner-Doppelkloster erwarb und besiedelte. Nach der Säkularisation 1803 übernahm die Pfarrgemeinde die Klosterkirche, in der bis heute die Reliquien der hl. Hildegard aufbewahrt werden.

Im Zug der aufblühenden Verehrung der heiligen Hildegard um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts fasste Bischof Karl Klein von Limburg den Plan, das alte Kloster Eibingen wiederzubeleben.

Fürst Karl zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg (1834–1921), dem das Kloster durch die Säkularisation zugefallen war, unterstützte das Vorhaben mit großherzigem persönlichem wie finanziellem Engagement. 1900 wurde der Grundstein zum neuen Kloster gelegt, in das 1904 zwölf Benediktinerinnen aus der Abtei St. Gabriel in Prag, dem ersten Frauenkloster der Beuroner Kongregation, einziehen konnten. Planung und Durchführung des Neubaus standen unter Leitung von P. Ludger Rincklake (1850–1927), einem Mönch der Abtei Maria Laach, der auch die Abtei Gerleve in Westfalen erbaute. 1907 begann die Innenausmalung der Kirche im Stil der Beuroner Kunstschule; P. Paulus Krebs (1849–1935), Mitbruder des bekannten Malermönchs P. Desiderius Lenz (1832–1928) von Beuron, schuf hier gemeinsam mit Schülern sein Hauptwerk, das ihn bis 1913 in Anspruch nahm. Bei Restaurierungen in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde ein Teil der Wandmalereien übermalt.

Papst Leo XIII. erhob 1908 das Kloster zur Abtei; im gleichen Jahr konnte Bischof Dominikus Willi von Limburg am 7. September die Kirche weihen. Die Abteikirche folgt dem Vorbild romanischer Basiliken; an das Presbyterium ist nach Norden hin der Nonnenchor angebaut. Im 2002 erstmals aufgelegten Abteiführer heißt es: „Betritt man den Kirchenraum, so umfängt den Besucher eine ganz eigene, zur Besinnung einladende Atmosphäre. Der hohe, gleichmäßig und in ruhigen Linien gestaltete Raum zieht den Betrachter in seinen Bann, ebenso aber auch die gedämpfte, stille, geheimnisvoll anmutende Farbigkeit der Wandgemälde“. Hoheitsvoll und einladend empfängt die monumentale Christusfigur in der Apsis die Eintretenden. Das Gemälde auf Goldgrund erinnert an byzantinische Mosaiken des Pantokrators. Die Künstler haben die Wölbung der Apsiskuppel für eine überraschende Wirkung genutzt: Der Blick Christi trifft jeden Besucher, wo immer er auch steht. An die frühchristliche Kunst knüpft auch der Fries unter dem Christusbild an. Dreizehn Lämmer stellen die zwölf Apostel und Jesus Christus dar, von dem sie ihre Sendung empfangen. Acht weißgewandete Engel auf dem Fries darunter stehen wie Vorsänger und Zeugen des Gotteslobs hinter dem Altar.

Am Übergang vom Hauptschiff zum Chorraum macht das Bild des himmlischen Jerusalem die Vollendung sichtbar, die Gott verheißen hat. Sie wirft ihr Licht auf alle, die sich in der irdischen Kirche versammeln, um ihren Glauben zu bekennen und von ihrer Hoffnung zu singen. An den Seiten des Chorbogens stehen der heilige Benedikt und die heilige Scholastika und leiten die Prozession heiliger Männer und Frauen in der obersten Zone der Seitenwände des Schiffs. Szenen aus dem Leben der heiligen Hildegard sowie Bilder fünf weiterer heiliger Benediktinerinnen im Haupt- und Seitenschiff stellen allen, die die Kirche besuchen, die Gemeinschaft der Heiligen vor Augen. Alt- und neutestamentliche Szenen im mittleren Register der Seitenwände münden in die Darstellung der Lebensgemeinschaft zwischen Christus und seiner Kirche in den Symbolen Braut und Bräutigam, Hirt und Herde, Weinstock und Rebe.

Aus Anlass des 100. Jahrestags der Weihe ihrer Klosterkirche zeigen die Benediktinerinnen eine Ausstellung, die der Ausmalung der Abteikirche, aber auch der Geschichte der Beuroner Kunstschule und der Baugeschichte der Abtei gewidmet ist. Am 6. September beginnen die Feierlichkeiten mit einer Pontifikalvesper in der Abteikirche. Dem Pontifikalamt am Sonntag steht der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst vor; an diesen Gottesdienst schließt sich ein Empfang im Klosterhof an. Nach einem Vortrag mit Bildern „100 Jahre Abtei St. Hildegard – ein Rückblick anlässlich des Kirchweihjubiläums“ feiern die Nonnen zusammen mit den Besuchern und Gästen die Mittagshore.

In seiner Mönchsregel sieht der heilige Benedikt von Nursia ein Oratorium vor, das ausschließlich dem Stundengebet der Gemeinschaft wie dem spontanen Gebet der Einzelnen dienen soll. Dabei ist er durchaus davon überzeugt, dass Gott sich nicht auf einen bestimmten Raum eingrenzen lässt und dass alle Ereignisse und Situationen des Lebens Anlass und Einladung zum Gebet werden können. Doch beim gemeinsamen Stehen vor Gott in der Liturgie verdichtet sich für ihn die Nähe Gottes: „Überall ist Gott gegenwärtig, so glauben wir ... Das wollen wir ohne jeden Zweifel ganz besonders dann glauben, wenn wir Gottesdienst feiern“ (Benediktusregel 19, 1–2). Auch hundert Jahre nach der Weihe ihrer Abteikirche bleibt das Gotteslob „Gipfel und Quelle“ für das Leben und den vielfältigen Dienst der 55 Schwestern, die heute zur Abtei St. Hildegard gehören.