Von entschiedenem Standpunkt aus

Katholische Kirche im Nationalsozialismus: Eine Monographie überzeugt durch Details und Verständlichkeit Von Klaus-Peter Vosen

Die katholische Kirche hat sich als weltanschauliche Gruppe zur Zeit des sogenannten Dritten Reiches am besten gehalten. Sie hat den entschiedensten Widerstand gegen den braunen Ungeist geleistet und in ihrer Abwehr der nationalsozialistischen Ideologie an Deutlichkeit die evangelische Kirche übertroffen. Das ist, kurz gefasst, die Position, von der aus Gerhard Senninger, Priester des Bistums Eichstätt, sein Buch „Glaubenszeugen oder Versager?“ geschrieben hat.

Er weiß sie mit akribischem Fleiß zu begründen, liefert eine große Fülle höchst interessanter Details und steht insgesamt für eine Sichtweise, von der man in den fünfziger und sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, bis zum Erscheinen von Hochhuts unwissenschaftlichem „Stellvertreter“, annahm, dass sie die richtige sei. Dann folgte eine Zeit, in der die Kritik an der Haltung der Kirche zu Hitler überwog.

Nun, seit der weiteren Öffnung des Vatikanischen Archivs, bewegt sich das Pendel des öffentlichen Urteils wieder mehr in Richtung der älteren Bewertung. Das kürzliche Auftauchen des Briefes von Kardinal Eugenio Pacelli, des späteren Papstes Pius XII., an 64 Erzbischöfe, in dem er sie im Oktober 1938 um ihre Einflussnahme zugunsten von insgesamt 200 000 von den Nationalsozialisten Verfolgten bat, hat in dieser Beziehung aufhorchen lassen.

Die Arbeit Senningers ist durch ihren Detailreichtum, ihre gute Recherche und ihre Verständlichkeit beeindruckend. Jeder geschichtlich Interessierte wird sie mit Gewinn lesen, und manch einem wird sie zur Korrektur einseitiger Sichtweisen dienen können.

Senninger beschreibt die Vorgeschichte des Nationalsozialismus, dann im Hauptteil die Beziehung zwischen der katholischen Kirche, der Hitlerbewegung und der von dieser geführten Regierung unter Berücksichtigung gerade auch der Position Pius' XII. und namhafter deutscher Bischöfe. Zum Vergleich wird das Phänomen „Evangelische Kirche und Hitler“ sachlich und fair dargestellt. Ein Anhang bringt Wahlergebnisse, zeitgenössische Karikaturen und so weiter.

Man mag es nicht als Kleinlichkeit auslegen, wenn einige Dinge an Senningers Buch im folgenden dennoch kritisch bewertet werden. Hierbei sind Druckfehler („Ossietzki“ statt richtig: „Ossietzky“, „Daily Telegraf“ statt richtig „Daily Telegraph“; „Osborn“ statt richtig: „Osborne“) nur nebensächlich. Problematischer ist eine Stelle, in der der Autor einen Beleg für eine nicht unwesentliche Aussage schuldig zu bleiben scheint. Im Gliederungspunkt 2.20 heißt es: „Am 18.3.1933 hatte der neue Vizekanzler von Papen bei einem Gespräch mit Kardinal Bertram die Frage erhoben, ,ob die Veränderung der Verhältnisse des öffentlichen Lebens zu einer Änderung der Stellungnahme der Kirche Anlass gebe‘. Die Antwort des Kardinals war: ,Wer revidieren muss, ist der Führer der Nationalsozialisten selbst.‘“ Woher Senninger den Bericht über die Begebenheit schöpft, ist nicht gesagt. Erst nach dem nächsten Gliederungspunkt 2.21 gibt es eine Literaturangabe. Von dieser hat man dann wohl zu vermuten, dass wohl auch die Information im vorhergehenden Punkt aus ihr gewonnen wurde. Aber wenn schon solch scharf gliedernde Textunterteilung gewählt wurde, wie es bei Senninger der Fall ist, dann sollte der Autor jeweils am Ende eines Gliederungspunktes seine Bezugsstelle nennen! So ähnlich, wie es nervtötend sein kann, in wissenschaftlichen Abhandlungen nach jedem einzelnen Satz eine Fußnote gesetzt zu sehen, so umständlich ist es, wenn man erst nach Suchen entdeckt, woher ein Verfasser seine Erkenntnisse bezogen hat.

Andere Dinge sind schlicht falsch: Am 7. Oktober 1938 sollen 8 000 Jugendliche in St. Stephan zu Wien „aus voller Kehle“ als zweite Strophe von „Ein Haus voll Glorie schauet“ gesungen haben: „Sein wandernd Volk will leiten der Herr in dieser Zeit“. Hier scheint es sich um einen Anachronismus reinsten Wassers zu handeln. Denn zu der genannten Strophe, die die fünfte des Liedes im „Gotteslob“ ist, findet sich dort die Angabe, dass der Text von Hans W. Marx aus dem Jahr 1972 stamme. Die zweite Strophe lautete früher hingegen: „Gar herrlich ist's bekränzet mit starker Türme Wehr, und oben hoch erglänzet des Kreuzes Zeichen hehr“. Senninger (Jahrgang 1931) hätte das wissen können. Ferner ist von den „jüngst erschienenen Erinnerungen“ von Kardinal Frings die Rede. Man wird allerdings heute kaum ein 1973 publiziertes Werk als „jüngst erschienen“ qualifizieren können! Und das Frings-Zitat wird dazu ohne Seitenangabe gebracht. Ferner ist schleierhaft, was der Verfasser meint, wenn er von den „Bischöfen Luxemburgs“ spricht, da es stets nur einen Bischof von Luxemburg gegeben hat. Ein Luxemburger Bischof Bernard, der im KZ Dachau gewesen sei, ist übrigens nicht bekannt.

Dergleichen Peinlichkeiten gehören einfach dringend verbessert, wenn der verehrte Autor, dessen Leistung – das sei noch einmal hervorgehoben – anzuerkennen ist, auch von Andersdenkenden ernstgenommen werden möchte.

Gerhard Senninger: Glaubenszeugen oder Versager? Katholische Kirche und Nationalsozialismus. Fakten – Kritik – Würdigung. EOS-Verlag: St. Ottilien 2009, 459 Seiten, EUR 24,80