Von der wahren Krise und der notwendigen Entscheidung im Glauben

Predigt von Kardinal Karl Lehmann, Bischof von Mainz, während der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Dom zu Fulda am 24. September 2009

Joh 6, 60–71

Der Evangelist Johannes schließt das lange sechste Kapitel, das die wunderbare Speisung einer großen Volksmenge am See von Tiberias (6, 1–15), den Gang Jesu auf dem Wasser (16–21) und die ausführliche Brotrede in der Synagoge von Kafarnaum (22–59) darlegt, mit einem Blick auf die Spaltung unter den Jüngern (60–71). So verschieden die Adressaten der Ausführungen sind, so ist ihnen doch etwas gemeinsam: Die Juden „murrten“ im Blick auf die Worte Jesu (6, 41.43), aber auch die Jünger „murrten“ (6, 61). So total verschieden ihre Grundausrichtungen sind, so sind sie doch zutiefst unzufrieden mit dem, was Jesus sagt. Ja, die Jünger bringen es auf den Punkt: „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ (6, 60). Sie empfinden seine Rede als „hart“. Die Juden und die Jünger stoßen sich vor allem an den Aussagen Jesu über die Eucharistie. „Ich bin das Brot des Lebens“ (6, 34). Wie kann uns dieser sein Fleisch zu essen geben! Doch die Bedenken greifen noch tiefer, weil Jesus sagt, er sei vom Himmel herabgestiegen. Sie finden unerträglich, dass er sich als jemand ausgibt, der unmittelbar von Gott kommt. Dies ist ja mehr als ein Prophet.

Auch Christus verlor Jünger

Man spricht mit Recht von einer Krise, die Jesus in Galiläa erfährt. Dort hatte er am Anfang seines Auftretens ja geradezu einen „Frühling“ erlebt. Aber jetzt spitzt sich das Verhältnis zu ihm zu. Bei den Juden ist diese Haltung noch verständlich, aber nun greift auch die Spaltung unter den Jüngern weiter. Viele sind ihm bisher gefolgt und hörten ihm zu. Aber jetzt sind sie mit ihm an eine Grenze gelangt. Viele laufen weg. Auch Jesus verliert Jünger: „Daraufhin zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher.“ (6, 66).

Nun kommt bei den Jüngern noch etwas hinzu. Jetzt geht es nicht nur um das „Ärgernis“ (vgl. auch Joh 16, 1) des Herabsteigens von Gott zu den Menschen, sondern um die eigentümliche Rede Jesu, dass er wieder „hinaufsteigt“ (6, 62), dahin, wo er vorher war. Diese grundlegende Bewegung, die zum Leben Jesu gehört: Herabsteigen und Hinaufsteigen, kennzeichnet sein Wesen, was er will und was er bedeutet. Das „Hinaufsteigen“ hat aber eine eigentümliche Bedeutung, die wohl so erst recht im Gegenüber zu den Jüngern zum Ausdruck kommt. Es hat einen Anklang an das johanneische „Erhöhen“ (vgl. Joh 3, 14; 8, 28; 12, 32). Das „Erhöhen“ ist in mancher Hinsicht ein zweideutiges Wort. Einmal verheißt es die Rückkehr zum Vater, also das Eingehen in die Herrlichkeit Gottes, aber es schwingt auch das Wort von der Erhöhung am Kreuz mit (vgl. Phil 2, 9). Nur ist diese Erhöhung wiederum für die Jünger ein Skandal und eine Zumutung. Die Gegner bringen ihn an den Galgen. Die Jünger sind doch zu Jesus gekommen, um etwas mehr vom Glanz des Lebens und auch von seinem Abglanz für sie selbst zu sehen und zu erleben. Die Wut und die Enttäuschung über diese Kreuzesbotschaft werden größer. Sie ist nicht unähnlich dem, was Paulus über das Kreuz sagt: Torheit (1 Kor 1, 18) und „Skandalon“/Ärgernis (1, 23).

Johannes berichtet nicht nur über die damaligen Auseinandersetzungen. Er schreibt auch für uns. Die Rede von Gott und Jesus Christus ist für viele ja durchaus akzeptabel, aber wenn von der Torheit und dem Ärgernis der Kreuzesbotschaft die Rede ist, verstummen viele. Ja, für manche wirkt dies lächerlich. Den Spott gibt es schon in sehr früher Zeit, zum Beispiel erscheint der Gekreuzigte mit einem Schweinskopf. Diese Herausforderung gilt bis heute. Kein Wunder also, dass damals und heute Menschen, die zunächst durchaus mit Jesus sympathisieren, ihm den Rücken kehren und von einer solchen Nachfolge nichts wissen wollen. Das Thema ist tief und spielt leider in der Verkündigung eine geringe Rolle. Hier steckt eine große ökumenische Aufgabe.

Nachfolge ist kein blindes Hinter-Jesus-Daherlaufen

Noch nicht genug: Die Krise erfasst nicht nur die etwas unsicheren Mitläufer. Dies wäre noch zu verstehen. Jesus verschweigt nicht, dass die Krise auch die engste Gemeinschaft um ihn erfasst. Freilich, er geht nicht überrascht und naiv in diese Situation. Gerade Johannes legt großen Wert darauf, dass Jesu alles weiß, auch die Abgründe in den Herzen der Menschen kennt und unsere tiefsten Absichten durchschaut (vgl. auch 13, 1). „Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glauben, und wer ihn verraten würde.“ (6, 64). Da es nun zum ersten Mal im Johannesevangelium, wie nur an wenigen Stellen (vgl. 6, 61.70.71; 20, 24), um die „Zwölf“ geht, spricht er die Apostel offen an, hält nicht hinter dem Berg zurück und konfrontiert sie hart mit einer letzten Entscheidung: „Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen?“ (6, 67). Jesus fordert sie zu einer Stellungnahme heraus. Es kann auf die Dauer an diesem wichtigen Punkt nicht um eine schleichende Gleichgültigkeit gehen. Man kann Jesus nicht folgen, ohne konsequent zu sein. Wahres Christsein ist nicht möglich ohne diesen Ernst der Entscheidung.

Nun gibt Petrus wieder (vgl. Mt 16, 17), wie so oft, für alle die entscheidende Antwort. Er allein spricht, aber er tut es für alle („wir“): „Zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ (6, 68). Petrus nimmt das Jesuswort genau auf. Er weiß, dass es verschiedene Lebensoptionen gibt. Man kann sich auch anders entscheiden. Gerade heute gibt es ein pluralistisches Sinnangebot. Nachfolge ist kein blindes Hinter-Jesus-Daherlaufen. Wir sind keine Trottel. Man kann auch nicht unentschieden abwarten, ob man auf diesem Weg mehr profitiert. Petrus spürt dies sehr gut und mit einem Wort gibt er eine bis heute treffende Antwort: „Du hast Worte des ewigen Leben.“ Es gibt in der Tat viele erste Hilfen und lockende Einladungen. Sie können manchmal leicht die Herzen der Menschen gewinnen und versprechen ihnen auch vieles, was sie suchen. Aber Worte und Orientierungen, die sich ein ganzes Leben hindurch bewähren, die gültig bleiben auch in verzweifelten Situationen, hat nur Jesus. Wenn es auf Biegen und Brechen ankommt, wenn der Grund und Boden unseres Lebens wankt, gerade auch in tiefer Schuld, in Krankheit, in Not und im Sterben, da wankt das Wort Jesu nicht. Es hält auch in der Anfechtung allem Stand. Dann kommt der Glaube wirklich zur Erfüllung. Erst dann spüren wir, warum wir glauben. Petrus erfasst mit einem Wort, warum wir glauben. Nur Jesu Worte führen wirksam zum Ziel. Er gibt die kürzeste Formel für unsere Entscheidung. Wir dürfen sinngemäß deshalb auch übersetzen: „Du allein hast Worte des ewigen Lebens.“

Es gibt keine Heilssicherheit – auch nicht für die Zwölf

Dabei ist noch ein kleines Wort wichtig. Johannes fährt nämlich fort: „Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ (6, 69). Wir glauben nicht blindlings und fügen uns nicht einfach einer noch so großen Tradition. Glauben und Erkennen (vgl. auch 8, 31, 1 Joh 4, 16) gehören gerade bei Johannes zusammen. Immer wieder geht es ihm um die Überzeugung von innen her, die Verwurzelung des Glaubens in Vernunft und Willen, eben in unseren Herzen. Nur dann hält der Glaube den Zweifeln stand. „Du bist der Heilige Gottes“. Damit ist wieder Jesus als der angesprochen, der zu Gott gehört und von ihm her kommt. Darum ist er – einzigartiger Ausdruck – der Heilige Gottes, gleichbedeutend mit den Bezeichnungen Messias und Sohn Gottes. Wir müssen freilich zu einem solchen Glauben immer wieder aufbrechen und umkehren, müssen die falschen Sicherheiten lassen und uns von Gott verwandeln lassen. Darum die Worte Jesu schon zu den Jüngern: „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts, die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.“ (6, 63). Dies ist nochmals eine zentrale Lehre unseres Evangeliums. Man muss das Denken verwandeln und unsere Einstellungen ändern, damit man glauben kann. Aber diesen neuen Geist muss Gott uns geben (6, 65). Er muss uns seine Nähe schenken.

Es ist damit aber noch nicht alles ausgeräumt. Auch die Zwölf sind, obgleich sie so nahe bei Jesus sind und auch Petrus so überzeugende Worte findet, gefährdet. Es gibt keine Heilssicherheit. Da Jesus alles weiß, spricht er dies auch zweimal an: „Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben ...“ (6, 64) Und auch nochmals gegen Ende des Abschnitts: „Habe ich nicht euch, die Zwölf, erwählt? Und doch ist einer von euch ein Teufel“ (6, 70). Die Enttäuschung ist groß, da alle erwählt und von ihm selbst gerufen sind. Gemeint ist Judas. Aber jeder kann ein Judas werden. Auslese und Elite allein sind keine Garantie. Keiner ist sicher. Jesus geht sehr konkret mit dem Schicksal jedes einzelnen Menschen um. Nichts wird ausgelassen oder verschwiegen. Jesus kennt den Menschen.

Dieses Stück aus Jesu Umgang mit den Jüngern und den Zwölf ist auch ein Lehrstück für heute. Was steckt zum Beispiel hinter dem Kirchenaustritt? Geht es vor allem um Geld? Sind es wahre oder falsche Hoffnungen? Wollen wir unsere eigene Religion des Glücks und des Wohlergehens zusammenbasteln? Flüchten wir vor dem Leiden und dem Kreuz, das jeder täglich aufnehmen soll (vgl. Lk 9, 23), in unserem Leben? Warum verlassen wir in der Kirche den Herrn? Warum schleichen wir uns aus dem Weg der Nachfolge? Es kommt in der Krise des Glaubens vor allem auf die persönliche Bindung und auf die Entscheidung des Einzelnen an.

Diese Fragen stellt uns Jesus, wenn wir über Kirchenzugehörigkeit und Kirchenaustritt reden. Um nichts anderes geht es. In jeder Eucharistiefeier führt uns Jesus hin zu einer Erneuerung unserer Entscheidung für ihn und zu einem Leben aus seinem Geist. Amen.