Von der Jungfrau von Orléans bis zu Johannes vom Kreuz

Heilige Leitbilder am Lebensweg der Kirchenlehrerin Theresia von Lisieux. Von Klaus-Peter Vosen

Theresia von Lisieux. Foto: PD
Theresia von Lisieux. Foto: PD

Die Lebensvorbilder, die ein Mensch sich wählt, Gestalten, an deren Gedanken er sich orientiert, sind wichtig zur Erklärung seiner geistigen Physiognomie. So verhält es sich auch bei den Heiligen. Heiligkeit ist wohl in vielen Fällen durch die Begegnung und Auseinandersetzung mit anderen großen Persönlichkeiten gewachsen, die in beispielhafter, heldenmütiger Weise die Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe verkörperten.

Dieser oder jener Zug wird übernommen, wird prägend und in die unverwechselbare eigene Persönlichkeit integriert, begegnet dort möglicherweise Impulsen von dritter Seite. So entsteht eine neue Blume der Heiligkeit.

In der Lebensumwelt der heiligen Theresia vom Kinde Jesus (1873–1897), in der Umgebung, in welcher sie aufwuchs und lebte, war die Verehrung der Heiligen ein selbstverständlicher Bestandteil der katholischen Frömmigkeit. Man kannte das Leben der Heiligen – sicherlich in der Akzentuierung des 19. Jahrhunderts –, las ihre Schriften, feierte ihre Feste, pflegte gleichsam vertrauten Umgang mit ihnen. Welche von ihnen waren für Theresia Martin besonders wichtig?

Zum einen verehrte sie mit kindlicher Liebe die Gottesmutter Maria, deren Namen sie – wie all ihre Geschwister – trug. Das erste und das letzte schriftliche Gebetszeugnis, das wir von Theresia besitzen, sind Texte zum Lobpreis Mariens. Von Anfang an ist sie Marienkind, nicht erst seit dem Nachmittag ihres Erstkommuniontages, als sie im Namen ihres ganzen Kommunionkurses den Weiheakt an die heilige Jungfrau vorbeten darf. Ihre Taufe an einem ersten Monatssamstag, ihr Tod am Vorabend des Rosenkranzmonats umrahmen ein marianisches Leben.

Durch die Fürsprache Mariens wird Theresia 1883 vor dem Bild der „Jungfrau vom Lächeln“ von einer schweren Krankheit geheilt, am Fest Mariä Geburt, dem 8. September 1890, legt sie ihre Profess im marianischen Karmelorden ab. Insgesamt acht ihrer Gedichte richten sich an die Gottesmutter, in weiteren sechzehn kommt sie vor, insgesamt wird Maria in Theresias Schriften 239 mal angespielt. Theresia ist fasziniert von der biblischen Gestalt der Gottesmutter. Maria ist für sie von Bedeutung, wie die Heilige Schrift sie schildert, wie die Kirche sie verkündet. Sie schätzt die heilige Jungfrau, die voll Hingabe sich auf den Willen Gottes einließ, die unter einfachsten Bedingungen, in der Atmosphäre einer Handwerkerfamilie, im Verborgenen, ihre Berufung lebte.

Theresia will keine „unwahrscheinlichen Dinge“ über Maria hören, keine Predigten, die eher zur Verwunderung als zur Nachahmung der Mutter Jesu Anlass geben. Dabei ist die Marienliebe Theresias von einer seltenen Glut und Innigkeit. In dem langen Gedicht „Warum ich dich liebe, o Maria“ trägt sie all ihre Gründe zusammen, die sie der Mutter Christi ihr Herz schenken lassen. „Wenn ich Maria wäre und du Theresia“, so lautet der letzte Satz, den Theresia vor ihrem Tod zu Papier bringt, „so möchte ich Theresia sein, damit du, Maria, die Königin des Himmels sein könntest.“ Auch der heilige Joseph, der Nährvater Jesu Christi auf Erden und Bräutigam der Gottesmutter, ist für Theresia von hoher Bedeutung.

Ihre beiden früh verstorbenen Brüder und auch ihr geliebter Vater Louis hatten „Joseph“ unter ihren Vornamen. Auf den Zimmermann von Nazareth zu setzen, ist ein Proprium der Karmelitinnen, bei denen Theresia am 9. April 1888 eintrat. Theresia von Avila, die heilige Erneuerin und Lehrerin des Ordens, hatte bekanntlich ein fast unbegrenztes Vertrauen auf den heiligen Joseph.

Auch Theresia von Lisieux ist vom Gewicht seiner Fürsprache überzeugt. Deswegen erbittet sie seine Hilfe in einem Anliegen, das ihr besonders wichtig war: öfter die heilige Kommunion empfangen zu dürfen. Als ein Dekret Papst Leos XIII. den Oberinnen die Möglichkeit entzog, Kommunion-Restriktionen für ihre Schwestern zu erlassen und die Gewährung von Kommunionerlaubnissen ausschließlich in das Ermessen der – offenbar in der Regel gütigeren – Beichtväter stellte, sah Theresia voll Freude die Macht des heiligen Joseph bestätigt.

Theresia verehrte ebenso den heiligen Martin, dessen Name ihrem Familiennamen entspricht. Schon von hierher sieht sie eine Beziehung zu diesem heiligen Bischof von Tours hergestellt. Martin, der Heilige der Nächstenliebe, hat Theresia, die später von sich sagen wird, dass sie die Liebe im Herzen der Kirche sein wolle, viel zu sagen. Auf ihrer Wallfahrt nach Rom im November und Dezember 1887, die sie per Eisenbahn mit ihrem Vater und ihrer Schwester Céline unternahm, um die Erlaubnis des Papstes zu einem vorzeitigen Ordenseintritt zu erbitten, erhalten die einzelnen Wagenabteile Heiligennamen. Das der Martins wird selbstverständlich „St. Martin“ genannt, was die fromme Familie sehr freut. Für das Aufleben der Martinsverehrung im Frankreich jener Tage war übrigens auch die Wiederentdeckung seines Grabes durch den Advokaten Dupont gewesen, der auch in der Geschichte der für Theresia so zentralen Antlitz-Christi-Verehrung eine so eminente Rolle spielen sollte.

In zwei jugendlichen weiblichen Heiligen hat die Heilige von Lisieux sich besonders wiedergefunden. Die eine von ihnen ist die heilige Märtyrerin Cäcilia, die Namenspatronin ihrer nächstältesten leiblichen Schwester Céline. Bei der Romwallfahrt 1887 legten sich beide Martin-Schwestern für einen Augenblick in das Grab der Heiligen in Santa Cecilia in Trastevere. Cäcilia war für Theresia die „Heilige der Hingabe“, zudem eine missionarische Heilige, weil sie der Überlieferung nach ihren Bräutigam Valerian zu Christus bekehrt hat. Die Berufung Célines zum Ordensleben, zeitweise angefragt durch die Perspektive auf ein mögliches Ehe- und Familienleben, hat Theresia der heiligen Cäcilia besonders anvertraut. Die andere jugendliche Heilige, die für Theresia zu einer Art Vorbild wurde, ist Jeanne d'Arc, die Jungfrau von Orléans, die erst nach dem Tod der Karmeliterin, im Jahre 1909 beziehungsweise 1920 selig- und heiliggesprochen wurde. Die Kanonisation Jeannes war eine große Sehnsucht Theresias, in einem ihrer Gedichte, das sie der „Pucelle“ widmet, ausgesprochen.

Ein wenig mag die Liebe zu ihrem Vaterland Theresia der Jungfrau von Orléans zugeführt haben. Diese hatte auf Intervention des Himmels Frankreich aus der Demütigung durch England befreit. Eine solche Wiederauferstehung Frankreichs ersehnte Theresia auf die Fürsprache Jeannes auch nach dem gegen Deutschland verlorenen Krieg von 1870/71 – obwohl sie frei war sowohl von jeder nationalistischen Tendenz, wie übrigens auch von allen fiebrigen Träumen von einer Restauration der alten Bourbonenmonarchie, die damals sehr viele überzeugte Katholiken Frankreichs erfüllten. Das Kämpferische, Kriegerische in der Jungfrau von Orléans, der drängende furchtlose Einsatz für das als Gottes Sache erkannte, sprach Theresia sehr zu Auch sie fühlte unter anderem ja die Berufung zur Kriegerin und Märtyrin in sich. Von Theresias Liebe zu Jeanne kündet nicht zuletzt die Tatsache, dass sie für ihre Schwestern im Kloster ein Theaterstück über diese schrieb, in welchem sie selbst die Hauptrolle übernahm. Wir sind im Besitz eines einzigartigen Fotos, auf dem Theresia in eigens gefertigtem Kostüm als Jeanne in der Gefängniszelle posiert – mit gedankenvoll zum Himmel erhobenem Blick. Bei den Proben dazu wäre Theresia beinahe unfreiwillig zur Märtyrin geworden, weil durch ein Missgeschick die Kulisse Feuer fing.

Dass die heilige Theresia von Lisieux in ihrer Ordensmutter Theresia von Avila ein Vorbild fand, ist weniger verwunderlich. Die „Madre“ mit ihrer gesunden, geerdeten Frömmigkeit, mit ihrem „Wenn Fasten, dann Fasten, wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn“ und ihrer trefflichen Menschenkenntnis, die sie vor allem Übertriebenen zurückhielt und unter anderem einen „klugen“ Beichtvater einem „frommen“ vorziehen ließ, unterstützte mit ihrem Beispiel und wohl auch mit ihrer Fürbitte die schnörkellose Gottesbeziehung der Theresia Martin.

Schlechthin zen- tral für die Entwicklung gerade der Spiritualität der Kirchenlehrerin von Lisieux waren sodann aber der heilige Franz von Sales und der heilige Johannes vom Kreuz. Der Bischof von Genf hatte im 16. Jahrhundert zusammen mit der heiligen Johanna Franziska von Chantal den Orden von der Heimsuchung Mariens gegründet und durch seine Spiritualität geprägt.

In der Zeit, da die Irrlehre des Jansenismus die Menschen mit schrecklicher Furcht vor dem göttlichen Richter und vor der ewigen Verdammnis erfüllte und sie so von den Sakramenten abhielt, war Franz demgegenüber der große Künder von Gottes barmherziger Liebe. Durch Schwester Marie-Dosithée vom Orden der Heimsuchung in Le Mans, eine leibliche Schwester der seligen Zélie Martin, der Mutter Theresias, strömte in einer umfangreichen Korrespondenz gleichsam salesianischer Geist in das Elternhaus der Heiligen von Lisieux.

Aber nicht nur Theresias Mutter, die sich in geistlicher Hinsicht von ihrer Schwester gerne leiten ließ, wurde so vom Geist des heiligen Franz geprägt, auch Louis Martin, ihr Ehemann, verehrte ihn sehr und liebte besonders dessen Buch „Introduction a la Vie dévote“ (Einführung in das Frömmigkeitsleben). Theresias für ihre religiöse Entwicklung so wichtige Eltern gaben die empfangenen Impulse an ihre Kinder weiter. Auch Marie und Pauline Martin, die älteren leiblichen Schwestern der heiligen Theresia, nahmen die geistliche Prägung des heiligen Franz in ihrer Schulzeit im Internat der Heimsuchungsschwestern in Le Mans sicher noch in besonderer Weise auf und vermittelten sie daheim an die jüngeren Schwestern. Dass das Gottesbild der heiligen Theresia ein so leuchtendes und anziehendes war, dass sie später nicht „Schlachtopfer der göttlichen Gerechtigkeit“ werden wollte, sondern sich seiner barmherzigen Liebe weihte, verdankt sich einem „salesianischen Impuls“. „Die Vollkommenheit ist in der Liebe, alles ist aus Liebe, für die Liebe und durch die Liebe“, sagt der heilige Bischof von Genf. Und Theresia ihrerseits bringt fast gleichlautend zum Ausdruck: „Ich kenne kein anderes Mittel, um zur Vollkommenheit zu gelangen, als die Liebe.“

Die Entwicklung des sogenannten „Kleinen Weges“ gelang Theresia wohl nicht ohne „Zutun“ des heiligen Johannes vom Kreuz. Dieser kongeniale Mitstreiter Theresias von Avila stand Theresia von Lisieux nicht nur als der „Heilige der Liebe“ nahe. Sein „schmaler“ Weg der sich erniedrigenden und dadurch zu Gott emporgerissenen Liebe ist nichts anderes als der „Kleine Weg“ Theresias. Pater Renault, ein profunder Kenner der Materie, schreibt wohl zutreffend: „Zweifellos verdankt sie [Theresia] ihm [Johannes vom Kreuz] nicht, ihr den Weg der Kleinheit eingegeben zu haben, aber er hat sie zumindest dazu ermutigt.“

Den „Kleinen Weg“ ist für Theresia von Lisieux Johannes vom Kreuz, der vielfach Verkannte und Verfolgte, auch persönlich gegangen. So ist er ihr auch unter diesem Gesichtspunkt lieb und teuer.

Heilige des „Kleinen Weges“ standen ihr auch sonst nahe: Die Unschuldigen Kinder, die zu ihrer Heiligung buchstäblich nichts konnten, an denen Aufnahme in die Seligkeit des Himmels allein durch Gottes machtvolles Wirken geschah, sind für sie eindeutige Zeugen dafür, wer den Löwenanteil daran vollbringt, dass ein Mensch in die Schar der Heiligen Einlass findet, wenn auch von solchen, die länger leben als die hingemordeten Kinder Judäas, eigener guter Wille und ein Mittun, soweit die schwachen menschlichen Kräfte reichen, dazu gefordert sind.

Ein „kleiner“ Heiliger war auch der von Theresia verehrte, erst später (1909 beziehungsweise 1988) kanonisierte Missionspriester Théophane Vénard, gestorben als Märtyrer in Vietnam 1861. Seine Briefe begeisterten die „Missionarin“ Theresia, deren Entsendung in den Karmel von Hanoi zeitweise erwogen worden war. „Klein“ war Théophane Vénard, weil er mit noch nicht 32 Jahren das Martyrium erlitt und weil er in der Hingabe an Gott gelebt hatte. Dass er dazu ein Mensch war, der eine besondere Verbundenheit zu seiner Familie fühlte, machte ihn für den „Familienmenschen“ Theresia Martin nur noch anziehender.

Die Tatsache, dass Theresia auch eine besondere Liebe zu den heiligen Schutzengeln hegte, ist zum einen wohl Ausdruck ihrer eigenen, kindlichen Wesensart auf dem „Kleinen Weg“, andererseits verniedlicht sie die Engel nicht zu Gestalten, die die Frömmigkeit im Erwachsenenalter einfach hinter sich lassen müsste, sondern, wie ein wichtiger Brief Theresias an Céline zeigt, sind die Engel für sie jene Gottesboten, die auch den erwachsenen Menschen machtvoll behüten und so durch dessen ganzes Leben von bleibender Relevanz sind.

Der Einfluss dieser Leitbilder hebt die Originalität Theresias keineswegs auf, sondern trägt in ihrer „Verwertung“ zur Ausprägung dieser Originalität ein Wichtiges bei. Sie ermutigt auch die Gläubigen heute, die Begegnung mit den Heiligen zu suchen, ohne zu fürchten, sich selbst zu verlieren.