Von den Heiligen lernen

Informativ und praxisnah: Walter Kardinal Kaspers Buch „Ökumene und Spiritualität“

Eines der herausragenden Merkmale des Pontifikats Papst Benedikts XVI. ist sein unermüdliches Streben nach der Einheit der Christen. In vielen Predigten und Ansprachen unterstreicht der Pontifex seinen Wunsch einer Annäherung unter den christlichen Kirchen und Glaubensgemeinschaften. Spürbar wird dieses Streben auch im aktuellen Buch des Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Walter Kardinal Kasper.

Auf knapp einhundert Seiten präsentiert sich der Band als Wegweiser für Ökumene und Spiritualität. Zur Zielgruppe gehören alle, denen „die Wiederherstellung der Einheit der Christen ein Herzensanliegen ist“. (S. 10)

Schon im Vorwort hebt Kardinal Kasper hervor, alle Christen, auch jene aus nicht katholischen Traditionen, mögen im Gebet und in spirituellen Aktivitäten zusammenkommen. Eine solche geistliche Ökumene bedarf nach Auffassung des Autors einer Bekehrung des Herzens, die sich im privaten und im öffentlichen Beten für die Einheit der Christen äußern kann. Die Hauptaufgabe ist nach Meinung Kaspers das Wachsen der Gemeinschaft unter den Christen. Er stellt klar, dass sogar in anderen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften christliche Aspekte stärker vertreten sind als in der katholischen Kirche. In seiner Darstellung orientiert sich Kasper an den drei christlichen Grunddiensten Martyrium, Liturgie und Diakonie.

Die Bedeutung der geistlichen Lesung hervorgehoben

Die Heilige Schrift und die Verkündigung sind maßgeblich beim Streben nach der Einheit unter den christlichen Gemeinschaften. Der Kirche ist es also aufgetragen, die Schrift zu verwalten und für deren sachgerechte Auslegung und Verbreitung zu sorgen. Das hebt Kardinal Kasper klar hervor und eröffnet praxisnahe Hinweise zur Umsetzung dieses Anspruchs. Er benennt die lectio divina (geistliche Lesung) als Möglichkeit der Verinnerlichung der Heiligen Schrift. Und er gibt wertvolle Anregungen für die gemeinsame Bibelarbeit. Gerade divergierende Interpretationen von Bibelstellen führten in der jahrhundertealten Tradition des Christentums zu Streit und Zwietracht unter den verschiedenen Gemeinschaften.

Die Gemeinschaft der Christen „kann ihren Ursprung nur in der Nachfolge Jesu haben, dem fleischgewordenen Wort Gottes“, (S. 28) so Kasper. Eine ebenso wichtige Persönlichkeit der Christenheit ist Maria, die Mutter Gottes. Sie dient als Vorbild der Nachfolge Jesu. Ihr kann das Gebet um die Einheit der Christen anvertraut werden. Maria, die von vielen Christen als die Mutter der Kirche angesehen wird, kann im Rosenkranz als Gebet des Westens oder dem Akathistos-Hymnus, als Form des Osten, angerufen werden. Als weitere leuchtende Zeugen des Wortes Gottes weist Kardinal Kasper auf die Märtyrer und weitere Heilige hin.

Im gemeinsamen Gedenken der ersten Christen, die für ihren Glauben ihr Leben ließen, und der anderen Heiligen kann Gemeinschaft unter den Christen entstehen. Die Heiligen sollen den Christen den Weg zeigen und auf das zurückweisen, das alle vereint, den Glauben an Christus. Aber auch Schriften geistlicher Autoren, die nicht offiziell als Heilige verzeichnet sind, können nach Aussage des Buches zur Förderung der Einheit beitragen.

In das Kapitel über Gebet und Gottesdienst führt der Autor mit Gedanken zum Vaterunser ein. Das Herren-Gebet zeigt nach Kaspers Ansicht zum einen die immer notwendige Bitte um die gemeinsame Erkenntnis des Willen Gottes und zum anderen die Sorge um das eigene Leben und die Reinigung von den Sünden. Aber auch das ganz persönliche Gebet ist wichtig. Als maßgeblich für eine gelingende Ökumene erachtet Kasper das gemeinsame Gebet. Der Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen unterstreicht die Notwendigkeit, Einheit in Vielheit zu beachten. Konsequenterweise erinnert er daran, dass Vermischung der Traditionen nicht sinnvoll ist, sondern nur die Bewahrung der verschiedenen Traditionen Gewinn bringt. Bei ökumenischen Zusammenkünften zu ganz unterschiedlichen Anlässen muss deshalb auf diesen Grundsatz geachtet werden. Der Feier der Sakramente, als der wichtigsten Form kirchlichen Handelns widmet der Autor deshalb besondere Aufmerksamkeit. Die ökumenische Feier einer Tauferneuerung ist aus seiner Sicht dort angebracht, wo verschiedene kirchliche Gemeinschaften zusammenleben und kann zum Anlass für eine gemeinsame Katechese genommen werden. Das Credo aller Christen, das bei solchen Feiern abgelegt wird, ist sichtbares Zeichen der Einheit.

Allen voran in den liturgischen Texten der Eucharistie spielt der Wunsch nach einer Einheit eine maßgebliche Rolle. Dies unterstreicht der Autor mit Nachdruck und fordert dazu auf, die Eucharistiefeier als Gebetsort für die Einheit der Christen zu nutzen und zu fördern. Im gleichen Atemzug stellt Kasper aber auch die katholische Sicht einer gemeinsamen Eucharistiefeier mit den Protestanten als nicht möglich heraus. Bevor das Trennende einzelner Glaubensfragen nicht wieder verbunden ist, kann es keine Eucharistiegemeinschaft geben. Darüber hinaus beleuchtet der Autor die Institution Familie mit konfessionsverschiedenen Elternteilen. Er verkennt dabei nicht deren großen Anteil an einer ökumenischen Annäherung. Auch die beiden unter dem Schlagwort „Sakramente der Heilung“ angeführten Bußsakrament und Krankensalbung können nach Auffassung der Kardinals in bestimmten Fällen und Situationen ein Zeichen und Mittel der Verständigung unter den Christen sein.

Im Kapitel „Liturgisches Jahr“ betrachtet Kasper die verschiedenen Feste und Festkreise, die alle der Darstellung des Heilshandeln Gottes dienen. Auch wenn es keinen allen Christen gemeinsamen Kalender gibt, so sieht Kasper gerade in den christlichen Festen eine herausragende Möglichkeit der Annäherung. So erinnert er an die Möglichkeit, in der Adventszeit eine ökumenische Gebetsfeier für die Familie zu halten. Das Krippenspiel an Heilig Abend ist hierbei von besonderem Wert. Aber auch an den anderen Tagen des Jahres können je nach ortsüblichem Brauchtum, ökumenische Treffen stattfinden. Hierbei erwähnt er neben der traditionsreichen „Gebetswoche für die Einheit der Christen“ im Januar auch die Möglichkeit zu Dankgottesdiensten.

Von den Ordensgemeinschaften ökumenischen Geist lernen

Ein eigenes Kapitel widmet Kasper dem Thema Diakonie und Zeugnis und ermutigt dazu, in der Nachbarschaft und im Berufsalltag aufeinander zuzugehen. Aber auch die Verantwortlichen der einzelnen Gemeinden sind angesprochen, miteinander zu arbeiten und durch Aktionen ihre Verbundenheit auch nach außen zu zeigen. Schöpfen können sie dabei nach Ansicht des Kardinals aus den reichen Schätzen der Tradition und den Erfahrungen unzähliger Ordensgründer. Auch am Beispiel der monastischen Gemeinschaften können die Gemeinden etwas lernen. Sie sind Zentren des Gebetes um geistige Einheit. Gerade junge Menschen leiden unter der Trennung und dadurch an den teilweise widersprüchlichen Aussagen zu der einen Sache, so Kasper. Deshalb sei es enorm wichtig, diesen jungen Christen das Verbindende zu zeigen und ihnen die Möglichkeit des Austauschs zu bieten. Letztlich liegt es an den Seelsorgern, ein gelebtes Beispiel des Versuchs der Einheit unter den Christen zu sein.

Das Buch von Kardinal Kasper will die Menschen praxisnah ansprechen. Dank der Fülle hilfreicher Anregungen zu einer Umsetzung in der Seelsorge ist pastoraler Leitfaden.

Im Literaturverzeichnis werden die wichtigsten einschlägigen Verlautbarungen der katholischen Kirche angeführt. Bei den weiteren bibliographischen Angaben „ökumenischer“ Literatur werden zu manchen Büchern zusätzliche, informative Ergänzungen angeführt, die einzelne Dokument in seinem Kontext verständlicher werden lassen. Lehramtliche Texte hat der Autor in den gut lesbaren Text einfließen lassen. Schon aufgrund der Zusammenstellung vieler praktischer Vorschläge sollte das Buch Pflichtlektüre jedes in der Ökumene engagierten Christen werden.