Von Isidor bis Martin Luther King

Optisch glänzend und mit kuriosen amerikanischen Akzenten: „Das Buch der Heiligen“. Von Katrin Krips-Schmidt

Das Leben der Heiligen fasziniert auch die säkulare Gesellschaft. Der heilige Franziskus und Frau Armut im Vierungsgewölbe der Unterkirche von S. Francesco, Assisi, um 1320. Foto: KNA
Das Leben der Heiligen fasziniert auch die säkulare Gesellschaft. Der heilige Franziskus und Frau Armut im Vierungsgewöl... Foto: KNA

Die Umschlagseite beeindruckt und zieht den Blick unmittelbar auf sich. Das metallisch glänzende Bildnis der fromm die Hände gefalteten „Maria Annunziata“ von Cornelis van Cleve lässt den Betrachter hinter dem Band mit dem Titel „Das Buch der Heiligen – Ein Schutzpatron für jeden Tag“ ein klassisches, dem überlieferten katholischen Glauben verpflichtetes Kompendium von Heiligenviten vermuten. Blättert er in dem großformatigen Werk, ist er darüber hinaus angenehm überrascht von der Fülle der ansprechenden farbigen Illustrationen, die jedem einzelnen Heiligen zugedacht sind, wobei sich Text und Bild die Waage halten. Und er vermeint, ein den modernen Sehgewohnheiten geschuldetes, professionell aufgemachtes Buch in Händen zu halten, dessen Anschaffung den stolzen Preis von 39,95 Euro lohnt. Verlässt er sich dann auch noch auf die durchweg begeisterten Leserrezensionen des Onlinebuchhandels, kann ihn kaum noch etwas vom Kauf abhalten.

Eine kritische Prüfung wird indes zu einem nicht uneingeschränkt positiven Resümee gelangen und einige Mängel feststellen.

Chronologisch nach Monaten geordnet wird an jedem Tag des Jahres ein Heiliger mit seiner Biografie, zuweilen auch mit Zitaten oder Anekdoten vorgestellt, manchmal sind es auch mehrere Namenspatrone. Weitere bedeutende Heilige und Selige finden in zusätzlichen Rubriken am unteren Rand der Seite Erwähnung. Exkurse über vielfältige Themen wie Christenverfolgungen, das morgenländische Schisma, Kreuzformen, die Katharer, den Arianismus und vieles mehr. sind eine wertvolle Bereicherung. Die sorgfältig ausgewählten Abbildungen unter anderem zu Szenen aus dem Leben der Heiligen sowie einzelne Wappenillustrationen samt Bedeutungserklärung garantieren für jeden Tag des Jahres neben den reinen Textinformationen überdies einen visuell-ästhetischen Genuss. Was das Nachschlagewerk zu einem Begleiter für die ganze Familie werden lässt.

Sehr nützlich sind die Glossare am Ende des Buches. So gibt es neben einem Glossar der Embleme, Symbole und Attribute auch ein Glossar der Zuständigkeiten: Dass der heilige Antonius angerufen wird bei Schlüsselverlust, Verliebte den heiligen Valentin um seine Fürsprache bitten, weiß man ja, doch dass es einen Schutzpatron für das Internet (Isidor von Sevilla) und sogar gleich zwei für die Journalisten (Franz von Sales, Maximilian Kolbe) gibt, ist dem Leser nicht so geläufig.

Leider ist die vorliegende Ausgabe eine Übersetzung einer amerikanischen Publikation, ohne dass man sich die Mühe gemacht hätte, wichtige Anpassungen an den deutschen Sprachraum vorzunehmen. Das betrifft vor allem manche Namen. Karl Borromäus wird man auch im Register vergeblich suchen, man findet ihn unter dem Stichwort Carlo Borromeo, und der erst kürzlich heiliggesprochene Arzt der Leprakranken Damian Deveuster dürfte unter dem hier angegebenen Damian von Molokai unbekannt sein. Kamillus von Lellis wird unter dem 18. Juli verzeichnet, wo er in jenem katholischen Regionalkalender aufgeführt wird, der für die Vereinigten Staaten erstellt wurde. Im römischen Generalkalender, und dieser ist für Deutschland entscheidend, hat sein Gedenktag allerdings am 14. Juli seinen Ort.

Weitaus unerfreulicher ist die Tatsache, dass sich eine Vielzahl von Fehlern in das Werk eingeschlichen hat. Da findet der Kreuzzug der Albigenser hundert Jahre später als tatsächlich statt, beim Eintrag über Johanna von Orléans ist statt von Karl VII. ständig von Karl IV. die Rede und dergleichen mehr. Zudem scheint man nicht auf dem neuesten Stand zu sein: Dass Katharina von Alexandrien 1969 aus dem Allgemeinen Römischen Kalender gestrichen wurde wird zwar erwähnt – nicht aber, dass sie bereits 2002 wieder eingefügt wurde.

Eine stark geraffte zweiseitige Einleitung – gemessen am Umfang des Buches – zu Beginn führt in wenigen Sätzen in die Verfahren von Selig- und Heiligsprechung ein und erklärt den Begriff des „Heiligen“. Als besonders kühnes Unternehmen muss jedoch der Versuch gewertet werden, hierbei auch solche Personen kurzerhand – sozusagen seitens der Autoren – zu kanonisieren, die bisher noch nicht in einem solchen Register aufgetaucht sind und dort auch nicht hineingehören. Die Rede ist von „Persönlichkeiten“, die „Eingang in dieses Buch“ gefunden haben, „die bislang nicht heiliggesprochen wurden, die jedoch außergewöhnliche Leistungen vollbracht haben“. (Wozu die Aussage der Autoren passt, Allerheiligen sei ein „bedeutendes ökumenisches Fest“.) So etwa der Baptistenprediger Martin Luther King und der evangelische Reformator Martin Luther. 1537 erschien dessen Spottschrift „Die Lügende vom heiligen Chrysostomos“, die sich gegen das volkssprachliche, im Mittelalter weit verbreitete Legendar „Der Heiligen Leben“ wendet.

In dieser Polemik gegen Papsttum und katholische Kirche macht Luther Legenden über Heilige zu „Lügenden“ und bezeichnet sie als „erstunkene, teuflische Lügen und eitel verführerische Abgötterei“, jedenfalls dort, wo sie Papst, Bischöfe, die Institution der Kirche und die Heiligen als fürsprechende Mittler stützen. „Darum will Gott nicht, dass wir auf ihr Exempel, sondern auf seine Schrift sehen sollen“, lässt er sich an anderer Stelle über das – seiner Vorstellung nach – nur vermeintlich vorbildliche Verhalten der Heiligen vernehmen. Ihn daher als einen unter vielen anderen Heiligen einzureihen, dessen Beispiel es zu folgen gilt, ist daher nicht nur kurios, sondern geradezu paradox. Damit sei nicht gesagt, dass Protestanten nicht auch besonders verehrungswürdiger Personen gedenken, deren Gedächtnis sie bewahrt wissen möchten. Nur fallen diese eben nicht unter den Begriff des „Heiligen“. Gleichwohl ist anzuerkennen, dass auch Nicht-Katholiken mithilfe einer solchen Publikation die Heiligen der katholischen Kirche kennen und schätzen lernen sollen – Johannes Paul II. betont ja in seinem Apostolischen Schreiben Tertio millennio adveniente auch die ökumenische Dimension des Martyriums.

Was ist ein Heiliger nach katholischem Verständnis? Weshalb empfiehlt die Kirche die „Verehrung“ der Heiligen? Die vor allem im Mittelalter äußerst populären Sammlungen von Heiligenlegenden, wie die Legenda Aurea und das volkssprachliche Passional oder das Väterbuch, präsentieren das Leben ihrer Protagonisten, das oftmals nach einem vorgegebenem Muster ablief: auf ein sündiges Leben in der „Welt“ folgten Bekehrung, Martyrium und Wunder nach dem Tod. Die Gläubigen, die dem Vorbild des Heiligen folgen sollen, können ihn zudem um seine Fürsprache bittend anrufen.

Das bisher Gesagte muss daher zu einem zwiespältigen Fazit führen. Als reich bebilderter Heiligenkalender erfüllt das von National Geographic herausgegebene Buch durchaus seinen Zweck und bietet eine Fülle lehrreicher Informationen, doch leider findet die prächtige Aufmachung nicht immer ihre Entsprechung in der inhaltlichen Korrektheit. Abgesehen davon, dass sich ein katholischer Leser getäuscht sehen könnte, in einem Buch über Schutzpatrone Namen von Personen vorzufinden, die keine Heiligen der katholischen Kirche sind und in deren Glaubensvorstellungen die Existenz von Heiligen auch gar nicht vorgesehen ist.

Das Buch der Heiligen – Ein Schutzpatron für jeden Tag. National Geographic. Hamburg, 2011. 336 Seiten, EUR 39,95