Vom Sündersein des Gerechten

Paulus ökumenisch: Kein Grund zu naivem Heilsoptimismus

Sind Sie getauft? Sind Sie deshalb auch ganz ohne jede Sünde? Wenn Sie die erste Frage mit „ja“ beantworten, die zweite hingegen mit „nein“, dann sieht es so aus, dass Sie ein guter evangelischer Christ sind, obgleich Sie vielleicht katholisch getauft sein mögen. „Simul iustus et peccator“ – auf diese Formel brachte Martin Luther und mit ihm die protestantische Tradition diese Erfahrung: „Zugleich Gerechter und Sünder“ bin ich als getaufter Christ.

Über das genaue Verständnis des Sünderseins des Christen wurden im 16. Jahrhundert mit Leidenschaft heftige Auseinandersetzungen geführt. Das Verständnis einer Passage im Römerbrief stand dabei im Mittelpunkt der Debatte. „Ich begreife mein Handeln nicht: Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse. ... Das Wollen ist in mir vorhanden, aber ich vermag das Gute nicht zu verwirklichen. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, dann bin nicht mehr ich es, der so handelt, sondern die in mir wohnende Sünde.“ (Röm 7, 15.17–20). Diese Sünde bewirkt eine Form von Begierde (Röm 7, 8), die den Menschen zu persönlicher Sünde verführt. Die spannende und ökumenisch relevante Frage lautet: Von welchem Ich ist in Röm 7 die Rede: vom Ich des Menschen, der von Adam – der von den wie auch immer näher zu fassenden Anfängen der Menschheit herkommt und daher belastet ist mit der Sünde des Anfangs, die die christliche Tradition „Ursünde“ nennt und sich für den Einzelnen als „Erbsünde“ darstellt? Oder ist vom Ich des bereits getauften, aber stets noch sündigenden Christen die Rede?

„Wer aber getauft ist, kommt von Christus, dem neuen Adam, her und ist von diesem

Widerspruch zwischen Wollen und Können

befreit“

Die zuletzt genannte Deutung scheint die lutherische These von der Simultanexistenz des Christen, der Gerechter und Sünder zugleich ist, zu begründen. Katholiken bevorzugten die erste Variante: Paulus schildert nicht ohne autobiografische Bezüge den heillosen von Adam herkommenden Menschen. Wer aber getauft ist, kommt von Christus, dem neuen Adam, her und ist von diesem Widerspruch zwischen Wollen und Können befreit. Die Neuausrichtung auf Christus durch die Taufe bestreitet die evangelische Tradition natürlich nicht; aber die permanente Erfahrung des Sünderseins belegt die Notwendigkeit, je jetzt neu diese Ausrichtung geschehen zu lassen. Die katholische Position fokussiert die heilende Wirkung der Taufe. Das Dekret über die Ursünde des Trienter Konzils (17.6.1546) lehrt: In denjenigen, die die Taufe empfangen haben, bleibt nichts zurück, das Gott verdammen müsste; sie haben, formuliert man mit Paulus, den neuen Menschen angezogen; sie sind rein, unschuldig, unbefleckt (immculati) (Röm 8, 1; Gal 3, 27; Eph 4, 22–24; Kol 3, 9f); nichts hindert sie daran, in die himmlische Herrlichkeit einzugehen.

Andererseits vergessen die Konzilsväter nicht die bleibende Gefährdung des Getauften durch seine heilsgeschichtliche Vergangenheit. Trient sagt mit dem Bild vom Zündstoff (fomes), dass die „concupiscen-tia“ im Getauften zurückbleibt, die Konkupiszenz, meist übersetzt mit Begehrlichkeit oder – negativer – Begierlichkeit. Diese Begierlichkeit stamme aus der Ursünde des Adam und verführe zur persönlichen Sünde. Mit dieser Rahmung der Konkupiszenz durch das Stichwort „Sünde“ beanspruchen die Konzilsväter, wiederum Paulus zu interpretieren, jene Verse in Röm 7, 14–20.

Man räumt ein, Paulus würde in diesen Versen der Sache nach Begierlichkeit und Sünde gleichsetzen. Wenn man aber diese Verse mit Luther als Charakterisierung des Getauften deuten will, dann nur in der Weise, dass man dabei das Wort „Sünde“ auf den Ursprung der Konkupiszenz und auf deren mögliches Ziel, die persönliche Sünde, bezieht, nicht aber auf die Konkupiszenz selbst, was Luther jedoch tut. Er identifiziert Erbsünde und Konkupiszenz. Während nach der Vorstellung des Konzils durch die Taufe die Sünde abgewaschen wird, aber ihre Folge, die Konkupiszenz, bleibt, versteht Luther die Wirkung der Taufe als Konstituierung einer neuen Gottesbeziehung, in der die Sünde zwar bleibt, aber nicht angerecht wird, jedoch die Gnade (Röm 4, 24). Die Konkupiszenz ist nach dem Tridentinum „ad agonem“, „zum Kampf“ zurückgelassen, das heißt, der Getaufte soll ein tatkräftiges Ja zur geschenkten Gnade sprechen und die Folge der Ursünde überwinden. Nicht übersehen werden darf aber die evangelische Vorstellung, nach der Gottes Liebe die bleibende Sünde zudeckt (1 Petr 4, 8) – „nur“ zudeckt, hört man heraus. Aber mit dieser Vorstellung verbindet sich sehr wohl die von einer Wirkung im Getauften. Luther zufolge wird die Sünde im Gerechten von Christus beherrscht, „regiert“; als peccatum regnatum ist sie entmachtet und dadurch in anderer Weise als im Ungetauften gegenwärtig – dort herrscht sie nämlich (peccatum regnans). In der bedeutsamen Gemeinsamen Erklärung des Lutherischen Weltbundes und des Einheitssekretariates des Vatikans vom 31.10.1999 sieht man einen differenzierten Konsens im Verständnis des Sünderseins des Getauften dadurch erreicht, dass man evangelischerseits gerade dieses Beherrschtwerden der Sünde durch Christus im Getauften als Pendant zur Konkupiszenz nach katholischer Auffassung begreift, die man zwar nicht Sünde nennt, aber als Resultat der Sünde begreift. Deshalb wird die Konkupiszenz auch von katholischer Seite als „Gottwidrigkeit“ bezeichnet, die „dem ursprünglichen Plan Gottes vom Menschen“ nicht entspricht. Dass Trient dennoch sagt, es sei im Getauften nichts Verdammungswürdiges anzutreffen, versteht man dahingehend, dass nach katholischem Verständnis „Sünde“ vor allem Tatsünde besagt; von diesem Verständnis aus stellt man das Nichtsündesein der Konkupiszenz fest, die keine Tatsünde darstellt, aber eine Verwundung.

Kommen wir aber endlich zu Paulus selber zurück. Wie stellt sich aus seiner Perspektive die Diskussion über das Sündersein des Getauften und Gerechtfertigten dar? Evangelische und katholische Exegeten bestreiten heute, dass sich mit Rückgriff auf Röm 7 ein simul iustus et peccator des Getauften begründen lasse (z.B. Ulrich Wilckens, Thomas Söding). Die in der Gemeinsamen Erklärung getroffene Charakterisierung der lutherischen Position, nach welcher der Christ im Blick auf sich selbst weiß, „dass er zugleich ganz Sünder bleibt“, wird also mit Verweis auf Paulus bestritten (Wilckens). Evangelische und katholische Exegeten betonen, dass der Gerechtfertigte nicht nur in Bezug auf Gott zum Gerechten erklärt (Gerechtsprechung), sondern auch in Bezug auf sich selbst effektiv gerecht gemacht wird (Hans Hübner, Söding). Diese Einsichten kommen der Position der katholischen Gnadenlehre entgegen. Die evangelischen Autoren Helmut Umbach und Udo Schnelle weisen nach, dass Paulus und Paulusschüler die Kirche als sündenfreien Raum betrachten; sie ist in der Tat immakulate Kirche (Eph 5, 27), Versammlung der Heiligen, wie es das Augsburger Bekenntnis von 1530 formuliert. Aber weder mit Paulus noch anderen Texten des Neuen Testaments lässt sich ein naiver Heilsoptimismus begründen. Die Gemeinsame Erklärung zitiert 1 Joh 1, 8.9: Die johanneische Gemeinde kennt die unausrottbaren Sünden der Christen, die es zu bekennen gilt. Ähnliches belegt die Vaterunser-Bitte um Vergebung. Paulus bedenkt die Gefährdung der Christen in Gal 5, 16f und Röm 6, 12–13: Er rechnet mit dem Begehren und den Werken des Fleisches, mit dem Versagen der Nächstenliebe.

Die Sünde kann neu aufleben; sie kann durch eine erneute Selbstrechtfertigung mittels des dafür missbrauchten Gesetzes von Christus scheiden (Gal 5, 4). Der Christ verfällt dem Begehren, wenn er das 9. und 10. Gebot nicht lebt (Röm 13, 9). Der Rückfall in Begierde, Sünde und innere Zerrissenheit im Sinn von Röm 7, 7–24 sind daher nicht ausgeschlossen. Nur in dieser ganz spezifischen Hinsicht – im Hinblick auf persönliches Fehlverhalten und dessen Folgen, nicht im Hinblick auf die Erbsünde – kann die strittige Römerbriefstelle auf die Sünde des Gerechtfertigten bezogen werden. Die Gemeinde von Korinth liefert bestürzenden Anschauungsunterricht für derartiges Fehlverhalten (1 Kor 5, 1–13). Die Gemeinsame Erklärung formuliert in gedanklicher Übereinstimmung mit dem Völkerapostel, dass der Getaufte „der immer noch andrängenden Macht und dem Zugriff der Sünde nicht entzogen“ ist.

„Mit Paulus

unterstreichen beide Konfessionen die

Notwendigkeit des ,Kampfes‘ gegen

die andrängende

Sündenmacht (Konkupiszenz). Dieser ,Kampf‘ gehört zu dem Glauben, der, wie es die katholische Tradition mit Paulus

unterstreicht, in der Liebe tätig wird“

Festzuhalten bleibt, dass für Paulus die Gefährdung des Christen nicht auf gleicher Höhe mit der Rechtfertigung liegt; es dominiert eine Asymmetrie zugunsten der übermächtig gewordenen Gnade. Dem entspricht die Rede vom peccatum regnatum, von der Konkupiszenz, die zu bewältigen ist. Dass die Sünde im Getauften über das von Paulus bedachte Maß hinaus neu zum bestimmenden Thema werden konnte, hängt nach Einschätzung evangelischer Autoren mit dem Paulus noch unbekannten Phänomen einer Völker und Nationen umfassenden Christenheit zusammen, in deren Reihen die von Paulus beschriebenen Gefährdungen in großem Umfang traurige Wirklichkeit wurden. Dies führte zur Entwicklung einer auf Tauferneuerung abzielenden Bußtheologie, die Paulus allenfalls in Ansätzen kannte. In ihrem Kontext stellte sich verschärft die anthropologische Frage nach dem Sündersein und der Konkupiszenz im Gerechtfertigten. Das geschah und geschieht konfessionell unterschiedlich im Rückgriff auf Röm 7, obgleich dort die Begierlichkeit (epithymía) des Nichtgetauften beschrieben wird, die terminologisch von der concupiscentia im Getauften abgehoben werden muss.

Zu Recht gibt schon Trient eine Interpretationshilfe für Röm 7 und lässt den Text in einer neuen Situation etwas Neues sagen. Analoges gilt für die lutherische Position. Die Bezugnahme auf den „historischen Paulus“ macht den Unterschied zu beiden Auslegungen deutlich, aber auch ihre Möglichkeit. Mit Paulus unterstreichen beide Konfessionen die Notwendigkeit des „Kampfes“ gegen die andrängende Sündenmacht (Konkupiszenz). Dieser „Kampf“ gehört zu dem Glauben, der, wie es die katholische Tradition mit Paulus unterstreicht, in der Liebe tätig wird (Gal 5, 6: fides caritate formata). Gleichzeitig kann dieses Tun eben auch nur durch Glaube und Gnade in heilsrelevanter Weise mit Gott verbinden, was die evangelische Tradition ebenso mit Paulus (Röm 3, 28) hervorgehoben und höchst ökumenisch P. Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ unter Nr. 7 hinsichtlich der Agape erläutert: Diese sei „Ausdruck für die im Glauben gründende und von ihm geformte Liebe“ (caritas fide formata). Während es das Charisma des Katholischen ist, mit Paulus die seinshafte Erneuerung des Sünders durch die sakramental vermittelte Gnade Christi zu erfassen, die jenen „Kampf“ als Agape erst ermöglicht, stellt die evangelische Tradition die Notwendigkeit dieses Kampfes heraus, indem sie die Schwere der Verwundungen durch die Sünde benennt. Erst die eschatologische Entmachtung der Sünde verhindert es endgültig, dass die Sündenmacht den menschlichen Leib mit seiner an sich gut geschaffenen Triebstruktur für ihre Zwecke instrumentalisiert (1 Kor 15, 24–28.56). Kurzum, die unterschiedlichen Aussagenreihen katholischer und lutherischer Tradition zum Sündersein des Gerechtfertigten können von Paulus aus als komplementär und kirchliche Neuaneignung seiner entscheidenden Einsichten betrachtet werden. Paulus empfiehlt sich mithin als Ökumeniker und als Fürsprecher für die universelle Form der kirchlichen Einheit.