Vierzig Jahre Wüste sind genug

Humanae vitae und die Königsteiner Erklärung – Ein Kongress der Europäischen Ärzteaktion

Königstein (DT) „Es begann mit Humanae vitae“: So Johannes Paul II. zu Alterzbischof Georg Eder, als dieser ihm über die nahezu unüberwindlichen Schwierigkeiten in der Kirche von heute berichtete. Vierzig Jahre sind seit dem Erscheinen der Enzyklika Pauls VI. Humanae vitae (Über die rechte Weitergabe des menschlichen Lebens) vergangen, man könnte ein Jubiläum feiern und dann zur Tagesordnung übergehen. Aber so einfach ist es nicht. Humanae vitae ist kein kirchliches Dokument unter anderen, es ist nach wie vor das Lehrschreiben, welches Zeichen des Widerspruchs ist. Wurde das päpstliche Dokument seinerzeit als „Pillenenzyklika“ geschmäht, so versucht man ihm heutzutage zu Leibe zu rücken, indem man es marginalisiert oder gleich ad acta legt. Aber merkwürdig, allen Diskreditierungsversuchen zum Trotz, ist der Glanz der Wahrheit, der von Humanae vitae ausgeht, eben weil er Glanz der Wahrheit ist, unauslöschlich.

Benedikt XVI. hat in seiner Ansprache vom Mai diesen Jahres anlässlich des 40. Jahrestages der Enzyklika, diesen bleibenden Wert in die Worte gefasst: „Was gestern wahr gewesen ist, bleibt auch heute wahr. Die Wahrheit, die in der Enzyklika Humanae vitae zum Ausdruck gebracht wird, ändert sich nicht. Im Gegenteil, gerade im Licht der neuen wissenschaftlichen Errungenschaften wird ihre Lehre immer aktueller und fordert dazu heraus, über den ihr innewohnenden Wert nachzudenken.“

Was hat das alles mit Königstein zu tun? Hier, in einem kleinen Ort im Taunus, versammelten sich 1968 die westdeutschen Bischöfe, um den Schock, den Humanae vitae in modernen Kreisen auslöste, episkopal aufzufangen. Paul VI. hatte es in seiner Enzyklika tatsächlich gewagt, die Kontrazeption als sittlich verwerflich zu verurteilen. Ein Aufschrei der Entrüstung, der zu großen Teilen ein medial gesteuerter Protest war, versuchte, das Kirchenvolk zu spalten und gegen den Papst zu mobilisieren. Die deutschen Bischöfe reagierten darauf mit der sogenannten Königsteiner Erklärung, die eine traurige Berühmtheit erlangte. Denn statt der lehramtlichen Verkündigung ohne Wenn und Aber zuzustimmen, versuchte der westdeutsche Episkopat (im Gegensatz übrigens zu den ostdeutschen Bischöfen, die unter Kardinal Bengsch Humanae vitae vollkommen guthießen) den unmöglichen Spagat des Ja – Aber: dem päpstlichen Dokument wurde zugleich zugestimmt und nicht zugestimmt. Neben die lehramtliche Wahrheit trat nun plötzlich eine pastorale Wahrheit, die in Wirklichkeit die eine, unteilbare Wahrheit verdunkelte und somit dem Relativismus Vorschub leistete. Kardinal Scheffczyk betonte 2004, „dass die ,Königsteiner Erklärung‘ für gläubige Christen nie Geltung beanspruchen konnte, weil sie, gegen den Großteil des Weltepiskopats und gegen das Lehramt gerichtet, keine Authentizität besitzt“.

Der Moraltheologe und Ratzingerschüler Vincent Twomey resümiert: „Die westdeutsche Bischofskonferenz veröffentlichte ihre etwas zweideutige Antwort auf Humanae vitae in der ,Königsteiner Erklärung‘, mit der sie zugleich die Lehre des Papstes annahm und die Menschen ermutigte, ,ihrem Gewissen zu folgen‘, worunter zu jener Zeit eine in Widerspruch zur traditionellen, von Papst Paul VI. bestätigten Lehre stehende Handlungsweise verstanden wurde – falls diese jemand für richtig hielt. Indem sie über die Sprünge hinwegschrieben, mögen die Bischöfe die Kirche in Westdeutschland zusammengehalten haben, aber die Sprünge waren Spalten im Felsen, auf dem die Kirche erbaut ist. Und die Spalten reichten fast bis zum Abgrund.“ Der Abgrund, den niemand wollte, ist heute weithin sichtbar: verhütete Kinder, abgetriebene Kinder, ein Europa, das stirbt. Vierzig Jahre Wüste. Das Psalmwort kommt einem in den Sinn: „Vierzig Jahre war mir dies Geschlecht zuwider, und ich sagte: Sie sind ein Volk, dessen Herz in die Irre geht“ (Ps 95, 10). Quo vadis, Europa?

Bei einem Kongress der Europäischen Ärzteaktion in Königstein wurde kürzlich Bilanz gezogen. Sämtliche Referenten waren sich einig, dass die damalige Königsteiner Erklärung dringend der Rücknahme bedarf. Hochschulprofessor em. Erik M. Mörstad, zur katholischen Kirche konvertierter lutherischer Theologe, zeigte, dass dann, wenn das Petrusamt theologisch beleuchtet wird, die Ablehnung von Humanae vitae zugleich Widerspruch gegen den Urheber dieses Amtes ist. Der Protest wird mit üblicher Berufung auf das Zweite Vatikanum vorzugsweise damit legitimiert, dass, wie es in moderner Rede heißt, die Bischofskonferenz neuerdings paritätisch an die Seite des Petrusamtes getreten sei. Gerade die sorgfältige Lesung der Vatikanumstexte demonstriert jedoch augenfällig, dass die Texte selbst die unangefochtene singuläre Stellung des Petrusamtes im Einklang mit der Tradition weiterschreiben: „Der Papst bleibt uneingeschränkt der Jesus-Überlieferer. Jesus bleibt seinem Petrus treu. Nichts war durch das Zweite Vatikanische Konzil von dem vollwertigen ,ex sese‘ des Ersten Vatikanums zurückgenommen worden. Wenn jemand so denken und als geheimen Ansatz propagieren sollte, war diese häretische Idee vom Konzil durch die Nota explicativa abgewehrt worden.“

Vorurteile, so weiß man, sind hartnäckig. Die Wahrheit ist unpopulär und verlangt unsere Änderung, Vorurteile dagegen bestätigen unsere kleinliche Weltsicht, und mehr: sie geben vor, unser minimales Denken sei maximale Weisheit. Humanae vitae sei leibfeindlich, die Botschaft der Kirche sei Verbot und Drohung – wer kennt nicht diesen Dauerslogan?

Domherr Christoph Casetti (Chur) wies darauf hin, dass sich die Kirche früh dem Thema der weiblichen Fruchtbarkeit und der Zyklusbeobachtung stellte und nach seinsgemäßen Lösungen suchte, die christlich zu verantworten sind. Casettis Ergebnisse zeigen das wahre moderne Antlitz der Kirche im 20. Jahrhundert: Zum einen belegen sie, dass die Kirche Protagonist in der Natürlichen Empfängnisregelung (NER) war, zum anderen machen sie ersichtlich, dass gerade die Laien, anders als es eine kirchenkritische Position vermitteln will, früh in die Kirche ihre Vorschläge, Gedanken, Überlegungen zu ehelicher Sexualität und Hingabe einbrachten und derart die kirchliche Sexuallehre wesentlich mitprägten.

Referate von Josef Wieneke, Historiker und Leiter des Theobald-Beer-Institutes für Lutherforschung an der Gustav-Siewerth-Akademie, sowie von Gabriele Marx, Gynäkologin, beleuchteten Humanae vitae aus der kirchengeschichtlichen Perspektive wie aus der Sicht der ärztlichen Praxis. Für Wieneke ist das Schreiben Pauls VI. von prophetischer Bedeutung auch noch heute nach vierzig Jahren. Leider haben sich nicht wenige der Befürchtungen, die Paul VI. mit der Trennung von Sexualität und Fruchtbarkeit verband, erfüllt. Noch heute beeindruckend in seiner Klarheit und seinem pastoralen Ton sei der Brief, den Kardinal Bengsch anstelle der Königsteiner Erklärung damals veröffentlichte. Bei den vielen Rückblicken auf das Jahr 1968 falle auf, dass der tiefe Einschnitt, der damals im deutschen Katholizismus sich ereignete, kaum thematisiert werde. Marx, die keine Kontrazeptiva verschreibt, sieht sich in ihrer Haltung durch die auch gynäkologisch nachweisbaren multiplen verheerenden Nebenwirkungen bestätigt (thrombo-embolische Prozesse, Depression, Krebsrisiko, ganz zu schweigen von frühabtreibenden Wirkmechanismen).

Kontrazeption richtet sich gegen die Liebe selbst

Weihbischof Andres Laun (Salzburg) fasste in seinem Festvortrag am Sonntag die Situation zusammen. Die Königsteiner Erklärung beruhigte die angespannte Lage, „die Frage ist freilich, ob der erreichte Friede nicht doch ein fauler Friede ist“. Die Konsequenz einer zweideutigen Interpretation des päpstlichen Lehrschreibens mitsamt einer jahrzehntelangen Verdrängung des eigentlichen Sinngehaltes von Humanae vitae führte schließlich dazu, dass heute „viele denken: Ob der Papst recht hat oder nicht, kann man beruhigt auf sich beruhen lassen. Bei moralischen Geboten kommt es nicht auf die Wahrheit an, sondern nur auf die Überzeugung dessen, der handelt“. Dringend erforderlich wäre, klar zu machen, dass Kontrazeption sich nicht nur gegen das Kind richtet, sondern gegen die Liebe selbst, denn „Liebe vereint, Verhütung trennt“. Das technische Mittel macht aus der Frau eine andere, „der Mann denkt an seine Frau, aber er umarmt eine ,Andere‘, seine eigentlich fruchtbare Frau ist jetzt eine sterile“.

Ein Weiteres wäre notwendig: die Argumentation zu bündeln und zu sondieren. Einerseits die Argumente darzulegen, welche die Natur der sexuellen Vereinigung im Blick haben und damit den Kern der Enzyklika betreffen; andererseits Konvergenzargumente herauszuarbeiten, die verdeutlichen, dass die in Humanae vitae dargelegte Norm der anthropologischen ganzheitlichen Sicht entspricht; und schließlich die Argumente „von außen“ zu benennen, die zwar Humanae vitae bestätigen, aber die Grundaussage der Enzyklika nicht angehen (so wäre etwa eine Antibabypille ohne Nebenwirkungen gleichwohl sittlich verwerflich).

1964 hatte der Gründer der Europäischen Ärzteaktion, Siegfried Ernst, gemeinsam mit 400 anderen Fachärzten, die sogenannte Ulmer Denkschrift Paul VI. zukommen lassen, in der aus medizinethischer Sicht der Kontrazeption eine klare Absage erteilt wurde. In bewusster Kontinuität zu dieser Denkschrift verabschiedete die Europäische Ärzteaktion am Sonntag einen Antrag, der den deutschen Bischöfen sowie den entsprechenden vatikanischen Stellen zugeschickt wird. Der Antrag, der entschieden zur Revision der Königsteiner Erklärung aufruft, hat eine einfache, klare Zielsetzung: Die Treue zur Kirche, die Liebe zum Leben, die Verteidigung der menschlichen Würde in all ihren Dimensionen. In den Worten Benedikts XVI.: „Die Achtung gegenüber dem menschlichen Leben und die Wahrung der Würde der Person machen es notwendig, dass wir nichts unversucht lassen, um alle an der echten Wahrheit der verantwortlichen ehelichen Liebe teilhaben zu lassen, in vollkommener Treue gegenüber dem Gesetz, das in das Herz jedes Menschen eingeschrieben ist.“