„Viel gegenseitiges Misstrauen“

Israels neuer Vatikan-Botschafter über seine Erfahrungen im interreligiösen Dialog

Der neue Israelische Botschafter beim Heiligen Stuhl, Mordechay Lewy (59), ist diese Woche in Jerusalem von seinem bisherigen Posten als „Berater des Bürgermeisters für religiöse Gemeinschaften“ verabschiedet worden und nach Rom abgeflogen. Lewy, bekannt unter dem Spitznamen „Motti“, hat eine abwechslungsreiche Karriere hinter sich: Etwa 15 Jahre seines Lebens verbrachte der fließend Deutsch sprechende Diplomat in Berlin und Bonn, drei Jahre war er Botschafter in Bangkok. Gabi Fröhlich hat er von seinen Erfahrungen mit der multireligiösen Stadt Jerusalem und seiner Vorfreude auf Rom berichtet:

Was waren Ihre konkreten Aufgaben im Jerusalemer Rathaus?

Ich war nicht nur zuständig für die Kontakte zu den rund sechzig verschiedenen christlichen Konfessionen in der Stadt, sondern auch zu den Muslimen. Dazu kamen ein paar hundert Zigeuner. Offiziell hatte ich zwar nur Beraterstatus, aber da der amtierende Bürgermeister Uri Lupolianski als religiöser Jude keine Kirche betritt, habe ich ihn bei vielen protokollarischen Terminen vertreten – etwa während der Osterfeiern in der Grabeskirche. Gab es Probleme zwischen religiösen Institutionen und der Stadt, wurde ich eingeschaltet. Ich habe versucht, den Kirchen eine Art „schützende Hand“ bei dem manchmal mühseligen Weg durch die Stadtverwaltung zu sein.

Wo lagen die größten Schwierigkeiten?

Es gibt verschiedene Kreise von Schwierigkeiten: Zum einen die inneren Schwierigkeiten zwischen den einzelnen Kirchen, aus denen wir uns möglichst rausgehalten haben. Zweitens kommt es immer wieder vor, dass israelische Beamte nicht wissen, wie man mit kirchlichen Würdenträgern umgeht – die müssen entsprechend instruiert werden. Sodann gibt es eine gewisse Grundspannung in der Stadt, weil jede religiöse Gemeinschaft sich behaupten will – da müssen wir darauf achten, dass das nicht auf Kosten anderer geht. Eine Stadt, die allen drei monotheistischen Religionen heilig ist, ist ja schon eine Herausforderung an sich. Ein Grundproblem ist zudem, dass rund ein Drittel der Bewohner, nämlich die des arabischen Ostjerusalem, die Wahlen zum Stadtparlament boykottiert und somit am politischen Leben nicht teilnimmt. Einerseits wollen sie nicht mit einer israelischen Stadtverwaltung identifiziert werden, andererseits nehmen sie jedoch die Dienstleistungen in Anspruch. Bei Budgetentscheidungen gibt es aber niemanden, der für sie spricht. So habe ich versucht, diesen Widerspruch etwas auszugleichen, indem ich eine Art „ex cathedra“-Fürsprecher für sie war – aber ganz war das natürlich nicht möglich.

Gab es in irgendeinem Bereich Fortschritte im Miteinander der Religionen?

Nach meiner Beobachtung hat das Attentat vom 11. September bei den Führern aller drei Religionen wie ein Ruck gewirkt: Dass im Namen Gottes gemordet wurde, erforderte einfach eine Antwort. So war das Attentat Auslöser für zahlreiche Dialoge über Gewaltanwendung, die Heiligkeit des Lebens und so weiter. Bis heute gibt es da viele Zusammenkünfte. Eine weitere gemeinsame Plattform für religiöse Juden, Christen und Muslime war der gemeinsame Widerstand gegen die Homosexuellen-Paraden in der Stadt. Ich hatte ein wenig gehofft, dass sich daraus noch weitere Plattformen entwickeln würden, aber darin habe ich mich getäuscht.

Bei Ihrer Verabschiedung haben Sie davor gewarnt, dass die anhaltende Abwanderung der einheimischen Christen aus Jerusalem eine Art „Trauma in der christlichen Welt“ auslösen könne. Sehen Sie eine reale Gefahr, dass die christliche Bevölkerung völlig aus der Heiligen Stadt verschwindet?

Nein, das nicht – aber ihre Zahl schrumpft. Wenn man hier nicht größer wird, wird man kleiner. Tatsächlich sprechen die Statistiken für sich: Juden und Muslime haben dieses Problem nicht, die Christen hingegen schon. Meiner Meinung nach sollte diese Entwicklung uns nicht gleichgültig sein, wir müssen da etwas erfinderischer sein. Die Kirchen versuchen dem Trend zum Teil aktiv entgegenzuwirken, etwa durch Bauprojekte, mit denen sie jungen christlichen Familien eine würdige Unterkunft bieten. Meiner Meinung nach sollten wir das christliche Abwanderungsproblem auch entpolitisieren: Es hat mehr wirtschaftliche als politische Gründe. Die Christen sind überdurchschnittlich gut ausgebildet und finden kaum Arbeitsplätze, die ihrer Qualifikation entsprechen. Jerusalem ist für diese aufwärtsstrebende Bildungsschicht einfach zu klein.

Unterscheidet sich das jüdisch-christliche Verhältnis irgendwie vom jüdisch-muslimischen Verhältnis?

Sicher, und zwar sowohl aus theologischen als auch aus historischen Gründen. Das Christentum beinhaltet für Juden eine viel größere theologische Problematik – einmal weil Jesus selbst Jude war, und dann wegen der Rolle, die im Neuen Testament den Juden zugeschrieben wird. Solch ein theologisch überbautes Spannungsfeld gibt es in den jüdischen Beziehungen mit dem Islam nicht. Selbst die besondere Vorliebe mancher christlicher Kreise für das Judentum hat aus unserer Sicht Haken, da sie die Erwartung der Bekehrung aller Juden zu Christus einschließt. Hinzu kommt, dass die Geschichte der Juden in der europäischen Diaspora viel blutiger war als jene im muslimischen Umfeld. All das ist im Judentum noch sehr präsent, und so gibt es viel gegenseitiges Misstrauen. Allerdings sind nach dem Holocaust und der Staatsgründung Israels die Karten neu gemischt worden: Der politische Konflikt überschattet jetzt das vorher relativ konfliktfreie Verhältnis zwischen Juden und Muslimen – aber das hat eigentlich keinen religiösen Ursprung.

Kommen wir von der komplexen Heiligen Stadt zu Ihrem neuen Posten in der Ewigen Stadt: Sie haben schon als junger Diplomat davon geträumt, israelischer Botschafter beim Heiligen Stuhl zu werden. Warum?

Wie ich persönlich als Jude niemals Berührungsängste mit den Deutschen hatte, so auch nicht mit dem Christentum. Ich bin sehr gespannt auf das, was mich in Rom erwartet – nicht zuletzt auch weil die Stadt wirklich wunderschön ist. Hinzu kommt, dass schon meine akademische Ausbildung mir dieses Arbeitsfeld sehr vertraut gemacht hat. (Lewy schrieb seine Abschlussarbeit an der Hebräischen Universität über „die aufstrebenden christlichen Orden im Mittelalter“ – Anm. d. Red.).

Die Stimmung zwischen Israel und der katholischen Kirche ist nicht gerade auf dem Höchststand – da sind die Verhandlungen über den Rechtsstatus und die Besteuerung der kirchlichen Einrichtungen in Israel, die seit Jahren zu keinem Ergebnis kommen. Und es häufen sich die Klagen über eine restriktive Visa-Vergabe für den arabischen Klerus im Heiligen Land. Hoffen Sie auf Bewegung?

Der zweite Punkt ist schwieriger als der erste. Tatsächlich sehe ich die Entwicklung der Verhandlungen nicht so negativ: Beide Seiten wollen ernsthaft zu einer Lösung kommen, und so bin ich zuversichtlich, dass wir die – objektiv existierenden – Schwierigkeiten überwinden können. Die Visafrage hingegen rührt an das Sicherheitsproblem. Für Israel ist auch der Klerus aus arabischen Ländern nicht unproblematisch, da steht einfach die Gefahr des Missbrauchs im Raum. Wir verstehen andererseits, dass die restriktive Visavergabe gerade für die kleineren Kirchen schwerwiegende Folgen hat. Es gibt auch da Bemühungen um eine gute Lösung, aber gefunden ist sie noch nicht.