Verteidigung mit den Mitteln des Gegners

Publizistik der katholischen Aufklärung: Jochen Krenz über die süddeutsche katholische Presse im späten achtzehnten Jahrhundert. Von Harm Klueting

Die Frage nach der „Vernunft des Glaubens“ und nach dem Verhältnis von Glaube und Vernunft durchzieht das Werk Joseph Ratzingers, der die Aufgabe der Theologie darin sah, „mit der Vernunft nach Gott zu fragen und es im Zusammenhang des christlichen Glaubens zu tun“. Die „Vernunft des Glaubens“ spielte auch eine große Rolle während des Pontifikats Benedikt XVI. – in der Regensburger Vorlesung von 2006, in der Vorlesung im College des Bernardins in Paris 2008, in der Rede in der Westminster Hall in London 2010. Die „Begegnung zwischen Glaube und Vernunft“ kommt bei Benedikt XVI. der Begegnung „zwischen rechter Aufklärung und Religion“ gleich, doch gibt es für ihn auch „Pathologien der Religion und der Vernunft“.

Joseph Ratzinger, ein theologischer Denker des 20. und 21. Jahrhunderts, ist kein „Gegenaufklärer“ wie die Exjesuiten von St. Salvator in Augsburg mit ihrer seit 1787 erschienenen Zeitschrift „Kritik über gewisse Kritiker, Rezensenten und Broschürenmacher“ oder wie der Mainzer Exjesuit – als Exjesuiten bezeichnet man die Jesuiten nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 – Hermann Goldhagen, der seit 1776 als „gegenaufklärerisches Sprachrohr im theologischen Bereich“ das Mainzer „Religionsjournal“ herausgab.

Man wird den emeritierten Papst aber auch keinen späten Vertreter der katholischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts nennen wollen, nicht nur wegen der anderen zeitlichen und zeitgeistigen Umstände, auch wenn im Zweiten Vatikanischen Konzil, an dem er als junger Professor und Peritus keinen geringen Anteil hatte, vieles von dem realisiert wurde, was die katholische Aufklärung angestrebt oder diskutiert hatte. Katholische Aufklärung war nicht kirchen- oder religionsfeindlich wie die radikale französische Aufklärung, sondern eine Religion und Kirche gegenüber moderate Variante der Aufklärung – alles andere war nicht „Katholische Aufklärung“, sondern allenfalls „Aufklärung im katholischen Deutschland“, eine von mir 1988 und 1993 vorgenommene Unterscheidung, mit der der Autor des hier vorzustellenden Buches nicht zurecht zu kommen scheint, der darin nur einen Ausweis der „Sperrigkeit des Themas“ sieht.

Der katholischen Aufklärung, soweit sie diesen Namen verdient, ging es um Verteidigung von Kirche und Glauben gegen den Angriff der Aufklärung mit den Mitteln der Aufklärung. So erklärt sich ihre Ablehnung aller Formen der Barockfrömmigkeit, der Wallfahrten und Prozessionen, der Heiligenverehrung und des Reliquienkultes und der Vielzahl der kirchlichen Feiertage, aber auch des kontemplativen Ordenswesens, ebenso wie ihr Eintreten für liturgische Reformen – Stichworte: Laienbeteiligung und Verwendung der Landessprache statt des Lateinischen –, womit sie vieles von dem vorwegnahm, was die Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil verwirklichte.

Zu den Mitteln der Aufklärung, derer sich die katholische Aufklärung – und, wie Krenz zeigt, auch ihre „gegenaufklärerischen“ Gegner – bedienten, gehörten die Zeitschriften. Das ist das Thema seiner Würzburger Doktorarbeit, in der es speziell um Rezensionszeitschriften geht. Untersucht werden der katholischen Aufklärung zuzuordnende Periodika wie die seit 1787 erscheinende Salzburger „Oberdeutsche Allgemeine Litteraturzeitung“ des Exjesuiten Lorenz Hübner, die „Würzburger Gelehrten Anzeigen“, die „Mainzer Monatsschrift von geistlichen Sachen“, die auf den „Fränkischen Zuschauer“ von 1772 bzw. die „Litteratur des katholischen Deutschlands“ von 1775 zurückgehende „Auserlesene Litteratur des katholischen Deutschland“ der Benediktiner von Kloster Banz von 1788, aber auch die „Wiener Kirchenzeitung“ Marx Anton Wittolas, die von 1784 bis 1789 erschien.

Für die „Publizistik gegenaufklärerischer Ausrichtung“ stehen die Zeitschriften Goldhagens und der Augsburger Exjesuiten. Einbezogen werden auch protestantische theologische Rezensionszeitschriften wie die Rintelner „Annalen der neuesten Theologischen Litteratur und Kirchengeschichte“.

Krenz hebt hervor, dass „die protestantischen Aufklärer genau wussten, was sie an der katholischen Aufklärung hatten und welche Leistungen diese erbrachte, sodass sie sich generell bereit zeigten, den interkonfessionellen Verbündeten publizistische Schützenhilfe gegen die Gegenaufklärung (der Nachbarkonfession!) zu geben“. Interessant ist, dass die „medientechnischen Errungenschaften der Epoche“ auch in den theologischen Rezensionszeitschriften aufgenommen und weiterentwickelt wurden, auch wenn nicht ganz klar wird, worin speziell im Rezensionswesen die Neuerungen bestanden. „Insbesondere die Gegenaufklärer wussten mit fortschreitender Zeit ihre publizistischen Produkte in einem sehr eingängigen Stil zu formulieren und für eine breite Masse zu konzipieren.

Krenz legt ein für die Erforschung der katholischen Aufklärung wichtiges und ertragreiches Buch vor, das darüber hinaus dem am Katholizismus des Aufklärungsjahrhunderts interessierten Leser viele interessante Einblicke bietet.

Zwei Einwendungen bleiben: Die eine betrifft die Herausstellung einer „spezifisch ,reichskirchlichen Aufklärung‘“ in den „Territorien der Reichskirche“ – also in den Erz- und Hochstiften oder geistlichen Fürstentümern –, die er als „eigenständigen Teilbereich des Gesamtphänomens ,katholische Aufklärung‘“ von der „josephinisch geprägten“ katholischen Aufklärung abgrenzt: „Die ,katholische Aufklärung‘ in den Territorien der Reichskirche könnte vermutlich auch ohne die Betonung eines Phasenwechsels im Jahre 1780“ – dem Jahr des Herrschaftsantritt Kaiser Josephs II. in der österreichischen Monarchie – „geschildert werden“.

Dem ist zu widersprechen, weil – abgesehen davon, dass das katholische Kurbayern nicht zu den Territorien der Reichskirche gehörte – damit engste Zusammenhänge auseinandergerissen werden und weil die Verstärkung der staatskirchlichen Reformen in Österreich unter Joseph II. im außerösterreichischen Teil des katholischen Deutschland in vieler Hinsicht innovativ wirkte. Deutlich ist das zum Beispiel an der neuen Welle der antimonastischen Publizistik seit 1780 auch im „Reich“.

Die andere Einwendung: Auch wenn Krenz einräumt, dass „auch der Gegenaufklärung das Geschick ihrer Kirche, gleich den Aufklärern, am Herzen“ lag, so fällt doch seine durchgängig abfällige Ausdrucksweise auf. So „feuerten die Gegenaufklärer aus allen Rohren“, fanden in der Radikalisierung der Französischen Revolution „ein gefundenes Fressen“, streuten „gegenaufklärerische ,Tretminen‘“ aus und strebten nicht „sachliche Auseinandersetzung, sondern die moralische Vernichtung der Andersdenkenden“ an. Krenz’ Sympathie gilt den Aufklärern. Doch fragt sich, ob die Klassifikation derer, die „der (katholischen) Aufklärung und dann auch der Revolution gegenüber kritische Töne anschlugen“ – für die sich seiner Meinung nach „die Bezeichnung ,gegenaufklärerisch‘“ aufdrängt – als „Gegenaufklärer“ angemessen ist, wenn wir hören, dass das diejenigen waren, die „zeitgenössische theologische Reformen wie zum Beispiel die Verwendung deutschsprachiger liturgischer Texte und ähnliche ,katholisch-aufklärerische‘ Bestrebungen ablehnten“. Waren sie nicht eher – statt „gegen“ etwas zu sein – „für“ etwas, nämlich für Glauben und Kirche in tridentinisch-barocker Gestalt?

Zu warnen ist auch vor einer Unterschätzung der Traumatisierung der katholischen Gläubigen durch die Revolution nicht erst seit den Priestermorden vom September 1792. Diesen war im November/Dezember 1789 die Säkularisation und „Nationalisierung“ des gesamten Kirchengutes einschließlich der Pfarrgüter, im Februar 1790 das Verbot der Ordensgelübde und im Juli 1790 die zivilrechtliche Konstitution des Klerus vorausgegangen, die Pius VI. 1791 verurteilte und die die eidverweigernden Priester und Ordensleute in großer Zahl in die Emigration zwang.

Daher ist es sicher falsch, den „Gegenaufklärern“ vorzuwerfen, die Revolution als „von Anfang an kirchenfeindlich“ betrachtet zu haben. Die Französische Revolution war schon 1789 dem katholischen Glauben und der katholischen Kirche feindlich gesonnen.

Jochen Krenz: Konturen einer oberdeutschen kirchlichen Kommunikationslandschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts. (Presse und Geschichte. Neue Beiträge 66) Bremen, edition lumiere 2013, XXVIII und 365 Seiten,

ISBN 978-3-934686-99-0, EUR 44,80