Versöhnung durch Gesang

Die Regensburger Domspatzen setzen starke Zeichen in Israel und Palästina und singen für Frieden und Versöhnung. Von Benedikt Winkler

Regensburger Domspatzen: Auf den Lebensstationen Jesu unterwegs
Auf den Lebensstationen Jesu unterwegs: Die Domspatzen besuchten die Jordanquellen am Fuß des Berges Hermon. Foto: Michael Vogl

Marion Giladi ist mit ihrer roten Plüschblume in den engen Gassen von Nazareth nicht zu übersehen, als sie zur modernen Verkündigungsbasilika läuft. 87 junge Sänger des weltberühmten Knabenchores zwischen elf und achtzehn Jahren hängen ihr an den Lippen. Die Reiseleiterin aus Düsseldorf erzählt von den historischen Orten des biblischen Geschehens, von der Geschichte der Kirche, der konstantinischen Ära, der Kreuzfahrerzeit, der jüngeren Geschichte Israels und der Problematik, der nicht wirklich gelösten Frage des Miteinanders der angestammten palästinensischen Bevölkerung und der jüdischen Bevölkerung.

Nahezu überall auf der ganzen Welt sind die Regensburger Domspatzen schon gewesen – in Italien, Spanien, Ungarn, den Philippinen, China, Südafrika, den Vereinigten Staaten von Amerika – aber noch nie im Heiligen Land. Zum ersten Mal in seiner eintausendjährigen Geschichte singt der weltberühmte Knabenchor an den Originalschauplätzen des Wirkens Jesu – genau dort, wo vor 2 000 Jahren der galiläische Wanderprediger Jesus von Nazareth auftrat und vom Anbruch des Reiches Gottes sprach. Das Jerusalemer Wallfahrtslied des Königs David in Psalm 122 gibt das Motto der achttägigen Reise vor: „Zum Haus des Herrn wollen wir gehen“. „Den Wunsch habe ich schon über zwanzig Jahre, dass ich mal mit den Domspatzen ins Heilige Land fahre“, meint Domkapellmeister Roland Büchner. „Dass sich das jetzt verwirklichen lässt, lag auch an unserem Bischof Rudolf Voderholzer, der dahintersteht und der es den Buben ermöglicht hat, so authentisch an den Stätten singen zu können.“

Begleitet von Domvikar Andreas Albert, Domkapellmeister Roland Büchner und Chortheologe Christian Hambsch und von knapp 200 Angehörigen und Freunden aus dem Bistum Regensburg, geht die Pilgertour mit zwei Schiffen zunächst auf das Wasser des Sees Genezareth. Vierstimmig singen sie die Motette von Melchior Vulpius „Da traten die Jünger zu Jesu“, welche die biblische Geschichte vom Seesturm musikalisch untermalt, auch wenn der See ruhig daliegt.

Für ein paar Stunden scheint es, als hätten sich die Vereinnahmungen des Knabenchores vom Nationalsozialismus, die Skandale von körperlicher Gewalt und sexuellem Missbrauch der letzten Jahrzehnte in den sanften Wogen des Sees Genezareth aufgelöst. „Natürlich wurden die Domspatzen auch okkupiert und für Propagandazwecke missbraucht“, meint Büchner über die Jahre 1933 bis 1938, als der Chor beim Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg sang und auf persönlichen Wunsch von Adolf Hitler zu Gast auf dem Obersalzberg war. Dem Chor und seinen damaligen Verantwortlichen Schrems und Miederer räumt Büchner eine gewisse Mitschuld ein. „Die Domspatzen haben da eine gewisse Mitschuld. Man muss sich ja auch in Besitz nehmen lassen“, so Büchner. Vom See Genezareth geht es weiter nach Tabgha, dem Ort der wunderbaren Brotvermehrung, wo Bischof Voderholzer eine Heilige Messe feiert.

Das Programm der nächsten Tage ist dicht gefüllt. Nach dem Besuch in Kafarnaum fahren die fünf Reisebusse am Nordufer des See Genezareth entlang über die Golanhöhen, am Berg Hermon vorbei zum Berg der Seligpreisungen, wo Jesus der Überlieferung nach die Bergpredigt hielt. Einen Einblick in das Leben der Essener vermittelte der Besuch in Qumran, dem Fundort der geheimnisvollen Schriftrollen aus dem 2. Jahrhundert vor Christi. Ein Bad im Toten Meer gibt nicht nur Auftrieb, sondern brennt auch in den Augen, das musste schmerzlich erfahren werden.

Hat der Messias Jesus Bedeutung für Israel? Ganz im Zeichen der Passion Christi steht jedenfalls der Aufenthalt in Jerusalem, das Rosenkranzgebet an der Via Dolorosa, der Besuch an der Klagemauer und in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. Yad Vashem sei ein Ort des Gedenkens, der Trauer und des beglommenen Schweigens, so Bischof Voderholzer in seiner Ansprache im sogenannten „Valley of the Community“, einem Gedenkort mit Tafeln, die Namen von jüdischen Gemeinden zeigen, die von den Nazis ausgelöscht wurden. In die drückende Atmosphäre hinein stimmt der Domkapellmeister das „Miserere mei“ von Gregorio Allegri an. Die Domspatzen stehen im Halbkreis an der Mauer. Danach minutenlange Stille. Büchner ringt sichtlich ergriffen nach Worten: „Im Grunde ist jedes Wort zu viel, was man hier spricht, weil es einfach so dicht ist. Deswegen auch das lange Schweigen am Schluss, dass jeder das einfach nochmal nach innen bringt, damit es wieder von innen nach außen kommen kann, dass so etwas nie wieder passieren darf.“

Mit den dunklen Kapiteln der jüngeren Vergangenheit abschließen zu können, Frieden und Versöhnung zu finden, das ist wohl der größte Wunsch der Pilgergruppe. Immer wieder bricht sich die Auferstehungsfreude Bahn – sei es bei Konzerten und heiligen Messen in der Salvatorianerinnen-Schule in Nazareth, in der Geburtsbasilika in Bethlehem, in der Dormitio-Abtei in Jerusalem oder zwischendurch bei ganz profanem Fußballspiel auf dem Parkplatz. Gleich wo die Domspatzen auftreten, beeindrucken sie mit ihrem engelsgleichen Gesang – besonders hervorzuheben sind die Gesänge „In monte Oliveti“ von Orlando di Lasso, das „Dixit Maria“ von Hans Leo Hassler oder das „Ave Maria“ von Anton Bruckner.

Am letzten Abend vor dem Heimflug riecht es nach Apfel-Minze, Wassermelone und Blaubeere in der Shishabar „Alfukhara“ in Jerusalem. Es wird getanzt, gesungen und gelacht. Domspatzen können feiern und sind überhaupt nicht verklemmt – und sie kommen viel rum in der Welt. Israel hat der 17-jährige Philip als ein „wahnsinnig vielfältiges Land“ und Jerusalem als „wahnsinnig pulsierende Stadt“ erlebt. Louis ist seit drei Jahren Domspatz, „einmal Domspatz, immer Domspatz“, sagt er strahlend. „Singen mögen, richtig dafür brennen“, das zeichnet einen Domspatz aus. Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft im „Kaff“ (einer inoffiziellen Abkürzung für „Kafarnaum“) sei besonders wichtig, sagen sie.