„Verschiedenheit hat nichts mit Benachteiligung zu tun“

Die deutschen Bischöfe beraten bei ihrer Frühjahrsvollversammlung über die Förderung von Frauen – Pia Sommer, Leiterin der Hauptabteilung „Jugend, Berufung, Evangelisierung“ im Bistum Eichstätt plädiert für mehr selbstlose mütterliche Liebe in der Kirche. Von Regina Einig

Mutter und Tochter
Die Wertschätzung der Frauen hängt nicht von Quoten ab. Mütter, die sich ihrer Familie als Vollzeitarbeit widmen wollen, verdienen mehr Respekt. Foto: Symbolbild: KNA
Mutter und Tochter
Die Wertschätzung der Frauen hängt nicht von Quoten ab. Mütter, die sich ihrer Familie als Vollzeitarbeit widmen wollen,... Foto: Symbolbild: KNA

Frau Sommer, die Bischofskonferenz beschäftigt sich bei ihrer Frühjahrsvollversammlung mit der Förderung von Frauen für Führungspositionen. Warum ist das notwendig?

Eine Frau in einer Führungsposition und noch dazu in der Kirche scheint – nicht zuletzt in den Köpfen der Menschen – immer noch eine Seltenheit zu sein. Dabei ist gerade in diesem Bereich in den letzten Jahren viel geschehen. Allein im Ordinariat der Diözese Eichstätt werden beispielsweise von den acht Hauptabteilungen drei von Frauen geleitet. Hier gilt es die öffentliche Wahrnehmung zu schärfen. Auch ist zu prüfen, welche weiteren Aufgaben in der Kirche von entsprechend qualifizierten Laien übernommen werden können. Ganz grundsätzlich ist zu überlegen, worin das spezifische Charisma der Frau im Unterschied zum Mann besteht und wie dieses am besten eingebracht und gefördert werden kann. Schon Johannes Paul II. hat die Notwendigkeit einer vermehrten Beschäftigung mit diesem Thema angeregt, was sich bis zu Papst Franziskus fortsetzt.

Oft hört man in diesen Tagen, die Kirche solle weiblicher werden. Wie sehen Sie das?

Ich frage mich bei solchen Aussagen immer, was man damit eigentlich genau meint. Schaut man sich bei Gottesdiensten oder kirchlichen Veranstaltungen um, so ist die überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden weiblich. In diesem Sinne wäre es meines Erachtens dringlich zu überlegen, wie wir als Kirche wieder vermehrt Männer für die kirchlichen Angebote gewinnen können. Natürlich stimmt es auch, dass die fraulichen Qualitäten in der Kirche ein Potenzial darstellen, das noch nicht genügend entdeckt und fruchtbar gemacht worden ist. Den Frauen ist sicherlich in besonderer Weise die Gabe des Mutter-Seins geschenkt – sei es leiblich oder geistlich. Und diese mütterlich liebende Sorge für die Menschen in der Familie, am Arbeitsplatz, in allen Bereichen und Ebenen der Gesellschaft und Kirche ist eine Eigenschaft, die der heutigen säkularisierten Gesellschaft abgeht und die zu wenig geschätzt wird. Nur wenn es uns gelingt, die selbstlose mütterliche Liebe vermehrt in der Kirche präsent zu machen, kann die Kirche dann auch selber als „Mater Ecclesia“ wahrgenommen werden und den Menschen Heimat schenken.

Manche Katholiken erhoffen sich von der Einführung des Diakonats der Frau eine Lösung in der Kirchenkrise, Bischof Feige fordert die Priesterweihe für Frauen. Was halten Sie von dieser Debatte?

Mich verwundert die Zähheit, mit der auf dieser Forderung bestanden wird. Papst Johannes Paul II. hat 1994 eine definitive Lehrentscheidung über die Priesterweihe der Frau getroffen. Da das Zweite Vatikanische Konzil die Einheit des Weiheamtes in seinen drei Stufen lehrt, scheint mir auch die Einführung des Diakonats der Frau theologisch nicht möglich zu sein. Zudem würde damit die derzeitige Kirchenkrise sicher nicht gelöst. Der eigentliche Knackpunkt scheint mir in diesem Zusammenhang überhaupt das Verständnis des Weiheamtes zu sein, auf das ja niemand, auch kein Mann, ein Recht hat, sondern das als eine von Gott gegebene Berufung verstanden wird, und das in erster Linie, wie auch jede Leitungsfunktion, ein Dienst ist und kein Instrument, um irgendeine „Macht“ auszuüben. Für die Behebung der Kirchenkrise scheint mir persönlich die Frage dringlich zu sein, wie wir die Menschen unserer Zeit zu einer persönlichen Begegnung mit Jesus Christus hinführen können. Das wird nur möglich sein, wenn es uns gelingt, viele Getaufte zu bewegen, ihre ganz eigene, von Gott geschenkte Berufung neu zu entdecken und sie mit Begeisterung, ganzem Einsatz und Kreativität zu leben, um damit andere Menschen anzustecken.

Was ist dran an dem landläufigen Vorwurf, katholische Frauen seien in der Kirche benachteiligt?

Aus meiner eigenen Erfahrung heraus kann ich nur sagen, dass ich mich in der Kirche als Frau noch nie benachteiligt gefühlt habe. Wie jeder Mann hat auch jede Frau das Recht und die Verantwortung, am kirchlichen Leben teilzunehmen und sich mit ihren Fähigkeiten entsprechend ihrer Berufung einzubringen. Ich finde in diesem Zusammenhang das paulinische Bild des Leibes Christi wunderschön: Der mystische Leib Christi, die Kirche, hat eben verschiedene Glieder, die jeweils eine andere Aufgabe erfüllen.

Mit Benachteiligung hat diese Verschiedenheit aber nichts zu tun, weil es ja der eine Leib ist, in dem wir in Christus verbunden sind. Das Bewusstsein und die Freude über die Schönheit der eigenen Berufung, die gemeinsam mit den Berufungen der anderen ein harmonisches Ganzes darstellt, ist wohl der Schlüssel, um dieses Benachteiligungsdenken zu überwinden.

Kritische Stimmen werfen den Frauen vor, zu oft zu kneifen, wenn es darum geht, Führungsrollen zu besetzen. Manche Schule sucht eine Schulleiterin und erhält von den qualifizierten Frauen Absagen. Wie kommen wir aus dieser Zwickmühle heraus?

Leitungsaufgaben sind oft von Bürokratie und Verwaltung bestimmt, so verstehe ich es, wenn Frauen ihren beruflichen Schwerpunkt weiterhin in dem persönlichen und direkten Kontakt mit den Menschen legen möchten und deshalb bewusst auf eine Leitungsfunktion verzichten. Viele Frauen befürchten auch, Beruf und Familie nicht miteinander vereinbaren zu können. Gerade in kirchlichen Einrichtungen sollte deshalb bei den Arbeitsbedingungen ein besonderer Schwerpunkt auf Familienfreundlichkeit gesetzt sein. Ich halte es jedoch für den falschen Weg, verbohrt auf Quoten herumzureiten. Wenn Frauen ihre Familie der Karriere vorziehen, sollten wir dies mit Hochachtung respektieren.

Nach wir vor zieht es die Frauen in die Bereiche Pädagogik, Medizin, Kunstgeschichte. Wie sinnvoll ist es, gegenzusteuern durch Girls Days, et cetera? Oder sollte man unterschiedliche Interessenlagen akzeptieren?

Soweit ich das aus meiner Erfahrung als Lehrerin beurteilen kann, empfinden die Jugendlichen keinen gesellschaftlichen Druck mehr, aufgrund dessen Mädchen beziehungsweise Jungen in bestimmte Berufe gedrängt würden. Warum sollte man dann unterschiedliche Interessenslagen nicht akzeptieren, solange gleichzeitig die Möglichkeit besteht, sein zukünftiges Berufsfeld frei zu wählen?

Was raten Sie den Bischöfen? Wie kann die Kirche Frauen am sinnvollsten fördern?

Ich glaube, es gilt vor allem, eine weitere bewusste Vertiefung der eigentlichen Berufung der Frau zu fördern und zu schätzen, indem man ihr Frausein in den verschiedenen Berufungen und Berufen in Kirche und Welt und das Charisma, das damit verbunden ist, fruchtbar werden lässt – und das gilt natürlich auch für das besondere Charisma des Mannes.