Vergessene Wahrheiten Europas wieder ins Gedächtnis rufen

Die böhmischen Länder und ihre Heiligen – Johannes Paul II. hat gegen die blinden Flecken im europäischen Bewusstsein gekämpft

Vom 26. bis 28. September wird Papst Benedikt XVI. die Tschechische Republik besuchen, und zwar Prag, Brünn und am Fest des heiligen Wenzel Altbunzlau (Stara Boleslav), wo der böhmische Landespatron ermordet worden war. Der Vorgänger des Papstes hatte dreimal das Land besucht. 1990 galt der erste Besuch des polnischen Papstes nach der Wende im Ostblock nicht seiner Heimat Polen, sondern der damaligen Tschechoslowakei. Er kam am Fest des heiligen Adalbert von Prag am 23. April und kündigte auf der Weiterfahrt in die Slowakei im mährischen Velehrad, wo nach der Überlieferung die Slawenapostel und Europapatrone Cyrill und Method gewirkt hatten, die Europäische Bischofssynode für Ende 1991 an. 1995 nahm er in Olmütz die Heiligsprechung der seligen Zdislava und des seligen Johannes Sarkander vor. Als sich am 23. April 1997 zum 1 000. Mal der Todestag des heiligen Adalbert jährte, war das der Anlass für den Papst, zum dritten Mal innerhalb von sieben Jahren in die Tschechische Republik zu kommen.

Während in Deutschland seit Jahrzehnten immer mehr kirchliche Feiertage als staatliche und arbeitsfreie Feiertage aus Kostengründen abgeschafft wurden, leistete sich die Tschechische Republik, die als eines der am meisten säkularisierten und entchristlichten Länder Europas gilt, nach der Wende den Luxus, Heiligenfeste als staatliche Feiertage einzuführen: Am 5. Juli wird das Fest der heiligen Cyrill und Method gefeiert, am 28. September das Fest des hl. Wenzel, und da die Tradition des Reformators Jan Hus nicht nur in der nach 1920 entstandenen neohussitischen Kirche gepflegt wird, ist sein Todestag am 6. Juli ebenfalls ein staatlicher Feiertag.

Welche Bedeutung die nationalen Heiligen in Tschechien haben, zeigte sich schon nach dem Einmarsch der Warschauerpakt-Staaten am 21 August 1968. Damals wurde das Wenzelsdenkmal auf dem Prager Wenzelsplatz zum Sammelpunkt der Proteste gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings. Hier verbrannte sich Jan Palach. Um die Reiterstatue des heiligen Wenzel, die dem alten Rossmarkt den heutigen Namen gab, stehen die Heiligen Prokop und Adalbert sowie die heilige Ludmilla, die Großmutter Wenzels und die erst 1989 heiliggesprochene Königstochter Agnes von Böhmen. An diesem Denkmal kamen täglich Tausende von Tschechen aller Konfessionen zusammen und sangen den Wenzelschoral, das älteste tschechische Kirchenlied, ein altböhmischer Choral aus dem 13. oder 14. Jahrhundert. Es wurde bis zum Zweiten Weltkrieg auch von vielen 1945/46 vertriebenen Sudetendeutschen gesungen, denn im „Manna“, dem alten deutschen Gesangbuch der vier böhmischen Diözesen Prag, Leitmeritz, Königgrätz und Budweis, war der deutsche Text auch in einer mehrstrophigen Fassung zu finden:

„Heiliger Herzog Wenzel,/ Schutzpatron unsrer Lande/ unser Fürst, bitt für uns Arme,/ dass Gott sich erbarme,/ Christe eleison!/ Du bist Schutzherr unsrer Gaue,/ auf dein Erbteil gnädig schaue./ Lass uns nicht verderben,/ hilf uns Heil erwerben,/ heiliger Herzog Wenzel!/ Christe eleison!“

Im Tschechischen „Kancional“, dem Gebet- und Gesangbuch der beiden Kirchenprovinzen Prag und Olmütz gibt es auch eine erweiterte Fassung, die in weiteren Strophen alle böhmischen und mährischen Heiligen als Landespatrone anruft:

„Alle Heil'gen, helft uns flehen,/ lasset uns nicht untergehen,/ heiliger Vitus, heiliger Norbert, heiliger Sigismund! Christe eleison!/ Heiliger Prokop, heiliger Adalbert, heilger Johannes (Nepomuk)! Christe eleison!/ Heilige Ludmilla, heilige Agnes, heiliger König Wenzel! Christe eleison!“

Noch in der Zeit der kommunistischen Kirchenverfolgung in der Tschechoslowakei hat 1987 der damals bereits 88 Jahre alte Erzbischof von Prag, Kardinal František Tomašek, für die katholische Kirche in Böhmen und Mähren eine Novene von neun Jahren beziehungsweise ein Zehnjahresprogramm der moralischen Erneuerung vorgelegt. Während dieser Zeit, die 1997 mit dem Gedenken an den tausendsten Todestag des heiligen Adalbert von Prag, des ersten Prager Bischofs böhmischer Herkunft, enden sollte, wollte sich die katholische Kirche in Böhmen und Mähren mit ihrer Erneuerung und mit Fragen der Gerechtigkeit und der gesellschaftlichen Verantwortung beschäftigen. Der Kardinal schrieb: „...Die ganze tschechische Geschichte ist begleitet vom Streben nach Autorität und nach der Möglichkeit, eine Autorität anerkennen zu können, die sich auf eine ideale Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit stützt. Es ist sicher auf die besondere Eigenart der Tschechen zurückzuführen, dass es niemandem gelungen ist, ihr Land intellektuell und geistig zu beherrschen. Gleichzeitig hat dieses Land immer von neuem die Schwierigkeit, eine Autorität aus den eigenen Reihen anzunehmen. Zu diesen Spannungen gehört, dass die Gestalt des hl. Adalbert, der die außerordentliche Autorität des Prager Bischofsstuhls begründete, in ihrem moralischen Anspruch unbeachtet blieb. Die zehn Jahre, die bis zum tausendsten Jahrestag des Todes des Heiligen bleiben, sollen ausgefüllt werden mit dem Bestreben, diese Schuld abzutragen, einen Ausgleich zu finden und damit nach dem Beispiel Christi, der jede Krankheit im Volke heilte, Wege der Überwindung aller Wunden und allen Hasses aus der Vergangenheit zu suchen.“

Der vom Kardinal bestimmte Zeitablauf des Adalbert-Jahrzehnts war folgender: 1988 Jahr der seligen Agnes von Böhmen: Fragen der Ehre und des Dienstes am Leben. 1989 Jahr des heiligen Klemens Maria Hofbauer und des heiligen Nepomuk Neumann: Fragen des Glaubens in der modernen Welt. 1990 Jahr des heiligen Norbert und des seligen Johann Sarkander: Fragen der Weihe des Lebens, der Sakramente und der Liturgie. 1991 Jahr der seligen Zdislava: Fragen des Ehe- und Familienlebens. 1992 Jahr der heiligen Ludmilla: Fragen der Kulturtradition und der Bildung. 1993 Jahr des heiligen Johannes Nepomuk: Fragen der Gerechtigkeit und deren Verteidigung in der jetzigen Welt. 1994 Jahr des heiligen Wenzel: Fragen der Arbeitsmoral und der gesellschaftlichen Verantwortung. 1995 Jahr des heiligen Prokop: Fragen der Kultur, der Persönlichkeit und der Gesellschaft. 1996 Jahr des heiligen Cyrill und des heiligen Method: Fragen der Verkündigung des Evangeliums heute. 1997 Jahr des heiligen Adalbert von Prag: Christus der Herr – Erlöser und König des künftigen Zeitalters.

Der Kardinal betonte, das verkündete Pastoralprogramm richte sich an die katholischen Gläubigen, öffne sich aber auch in breiter Form Kreisen außerhalb der Kirche: „Der oben genannte umfassende Blick auf die Probleme der Menschen in der gegenwärtigen Welt mit ihren Veränderungen in der Zivilisation eröffnet auch den Dialog mit den Nichtglaubenden und spricht die ganze Gesellschaft an.“

Es war das Zehnjahresprogramm eines 88-Jährigen, aber der greise Kardinal erlebte noch das Ende der kommunistischen Herrschaft in seiner Heimat. Nachdem im ersten Jahr des Jahrzehnt der geistlichen Erneuerung der seligen Agnes von Prag (im Tschechischen auch Agnes von Böhmen genannt) gedacht wurde, nahm am 12. November 1989 Papst Johannes Paul II. in Rom die Heiligsprechung der seligen Agnes vor. Am 17. November erfolgte die Samtene Revolution in Prag.

Dass der erste Besuch des Papstes nach der Wende am Feste des heiligen Adalbert war, wurde im Westen in seiner Bedeutung zu wenig gewürdigt. Adalbert war der zweite Bischof und der erste Slawe als Bischof der im Jahre 973 gegründeten Diözese Prag. Der slawische Papst wollte die europäische Bedeutung des heiligen Adalbert betonen, wie das Kardinal Tomašek mit dem „Jahrzehnt des geistlichen Erneuerung“ angeordnet hatte. Der Bedeutung dieses Heiligen für die Ausgestaltung Europas waren sich damals leider viele Christen in Mitteleuropa zu wenig bewusst, da die Slawen im Bewusstsein Europas nur als Randerscheinung präsent sind wie die sprichwörtlichen böhmischen Dörfer. Wenn Leopold von Ranke Europa definierte als Synthese von Antike, Christentum und Germanentum, so fehlten dabei die Slawen ebenso wie bei Theodor Heuß, der Europa auf drei Hügeln erbaut sah: auf Golgotha, dem Areopag und dem Kapitol.

Dagegen hatte Johannes Paul II. schon 1979 in Gnesen bei seinem ersten Besuch als Papst in seiner polnischen Heimat den auch bei Tschechen, Slowaken und Ungarn verehrten heiligen Adalbert als großen Europäer gewürdigt. Ein Jahr später hatte er die mährischen Landespatrone, die Slawenapostel Cyrill und Method zu Konpatronen Europas erhoben und sie dem heiligen Benedikt als Vater des Abendlandes zur Seite gestellt. Er sprach 1985 beim 1 100. Todestag des heiligen Methodius von zwei Flügeln einer Lunge, durch die Europa in Ost und West atmen müsse, um als gesundes Gesamteuropa zu leben. Seit 1989 hat die politische Entwicklung in Ostmitteleuropa zwar dem Papst Recht gegeben, aber Adalbert blieb aber als ein Wegbereiter Europas weiterhin für viele ein unbekannter Heiliger.

Als der polnische Papst anregte, dass sich die Kirche in den Jahren des ausgehenden zweiten Jahrtausends intensiv auf das Jahr 2000 vorbereite, hatte er auch den heiligen Adalbert genannt, denn das Millennium des ersten Jahrtausends war auch eine Sternstunde der Entwicklung zur Einheit Europas. Das gilt vor allem für die letzten Lebensjahre des heiligen Adalbert 996 und 997. Damals war der erst 16jährige Otto III. deutscher König und römischer Kaiser. Er war der Sohn des aus dem sächsischen Hause entstammenden Kaisers Otto II. und der byzantinischen Prinzessin Theophanu. In Rom und Mainz traf Otto mit zwei Männern zusammen, die ihn entscheidend prägten: In Rom begegnete er dem gelehrten Franzosen (oder besser Westfranken) Gerbert von Aurillac, der später Papst Sylvester II. wurde, und in Mainz dem damaligen Bischof von Prag Adalbert.

In vielen Gesprächen mit beiden Kirchenmännern reifte in dem jungen Kaiser seine Idee der Erneuerung des Reiches und der Einigung Europas. Obwohl der heilige Adalbert bereits am 23. April des Jahres 997 bei den heidnischen Pruzzen ums Leben kam, war er von entscheidender Bedeutung für den Kaiser. Dieser ließ ihn bereits zwei Jahre nach seinem Märtyrertod durch den inzwischen zum Papst gewordenen Sylvester II. heiligsprechen. Im Jahre 1000 pilgerte dann Kaiser Otto III. nach Gnesen an das Grab Adalberts und gründete dort nicht nur eine Kirchenprovinz, der er ebenso die Selbstständigkeit zuerkannte wie dem jungen polnischen Staat. Ähnliches geschah kurz darauf in Ungarn, wo die Kirchenprovinz Gran gegründet wurde und der junge Fürst Stephan die Königskrone erhielt. Als Stephanskrone blieb sie über 900 Jahre Garant der Einheit des Ungarischen Staates bis 1918.

Durch die Beschäftigung mit Adalbert führte uns der Papst zurück zur Geburtsstunde Europas. Kaiser Otto III. wollte die Renovatio Imperii und die Christianisierung Europas. Modern übersetzt, war sein Programm die Einigung Europas nicht in einem Zentralstaat, sondern in einem Staatenbund. Deshalb gab der Kaiser Polen und Ungarn die Selbstständigkeit.

Kardinal Tomašek hatte zu Beginn des Jahrzehnts der geistlichen Erneuerung auch die mit dem heiligen Adalbert verbundenen Diözesen aufgerufen, dieses Dezennium ebenfalls zu begehen. Diesem Aufruf ist leider im übrigen Europa kaum Folge geleistet worden, und zwar ebenso wenig wie dem Aufruf des Papstes, Cyrill und Method als Konpatronen Europas einen gebührenden Platz zuzuweisen.

Wenn am 23. April 1997 zum Millennium seines Todes eine Briefmarke zu Ehren des heiligen Adalbert gleichzeitig in Deutschland, in der Tschechischen Republik, in der Slowakei, in Polen und Ungarn und bei der Vatikan-Post erschien, so war dies ein europäisches Ereignis wie die Teilnahme von acht Staatspräsidenten an den Adalbertfeiern 1997 in Gnesen. 1000 Jahre nach seinem Tode sagt uns der heilige Adalbert eine Reihe vergessener europäischer Wahrheiten. Er gibt uns eine Antwort, wer Europa gebaut hat: Es waren nicht Heerführer und Politiker, sondern heilige Glaubensboten: Patrick, Bonifatius, Cyrill und Method, Ansgar und Adalbert. Sie schufen kein zentralistisches Europa, sondern ein Europa der Einheit in der Vielfalt, ein Europa des Föderalismus und der Subsidiarität, was es heute zu bedenken gilt, wenn die Gefahr eines Brüsseler Zentralismus viele Bürger europamüde macht. Nicht die Zugehörigkeit zu einem Imperium, ob Ost- oder Westrom, sondern die Annahme des Christentums schuf dieses Europa. Das gilt für die Slawen ebenso wie für die Ungarn, die Skandinavier und die Balten. Das hat Johannes Paul II. nicht nur bei seinen drei Besuchen in Tschechien betont, sondern auch 1999 bei der Erhebung dreier weiblicher Heiliger zu Europapatroninnen.

Die Rolle der Heiligen im Dienste der Völkerversöhnung hat Karol Wojtyla aber schon als Bischof 1965 hervorgehoben, als die polnischen Bischöfe in ihrem Brief an die deutschen Mitbrüder nicht nur schrieben: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“, sondern auch die gemeinsamen Heiligen Europas als Brückenbauer nannten. „Brücken bauen zwischen Völkern können nur heilige Menschen, nur solche, die eine lautere Meinung und reine Hände haben. Sie wollen dem Brudervolk nichts wegnehmen, weder Sprache, noch Gebräuche, noch Land, noch materielle Güter. Im Gegenteil: Sie bringen ihm höchst wertvolle Kulturgüter, und sie geben ihm gewöhnlich das Wertvollste, was sie besitzen: sich selbst.“ Das gilt auch von den Heiligen Tschechiens, unter denen Slawen und Deutsche sind. Dass Heilige die Völker verbinden, hat Papst Benedikt XVI. aber auch schon als Erzbischof von München und Freising betont. In einem heute vergriffenen kleinen Predigtband, die Erzbischof Ratzinger in München, Freising und Krakau hielt, würdigte er den hl. Johannes Nepomuk ebenso wie die Heilige Hedwig von Schlesien, Maximilian Kolbe und andere Heilige.